Unterwegs mit der Fernfahrer-Nothilfe Feierabend im Parkplatzchaos an der A4

Fernfahrer-Nothilfe Autobahn Oberlausitz
Bernd Treffkorn verteilt Flyer der Fernfahrer-Nothilfe auf dem Rastplatz Oberlausitz. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

18 Uhr am Rastplatz Oberlausitz an der Autobahn 4: In der Spätsommersonne reiht sich Lkw neben Lkw. Vorhänge sind vor Windschutzscheiben gezogen, für etwas Durchzug stehen Türen der Fahrerkabinen weit offen, aus einigen dringt Musik. Ein paar Männer haben sich Campingstühle auf den Beton des Parkplatzes gestellt. Ein Mann kommt mit drei Getränkedosen vor der Brust aus der Raststätte, eingeklammert zwischen Kinn und Armen. Der Anblick weckt Urlaubsgefühle, ein Kribbeln von Abenteuer, Freiheit und Fernweh.

Parken, wo es irgend geht

Zwischen den Trucks stoppt ein schwarzer Pkw mit orangefarbener Warnleuchte auf dem Dach. Bernd Treffkorn, Gründer des Fernfahrer-Nothilfe-Service in Sachsen, ist unterwegs, um mit Truckern zu sprechen und mit Flyern auf Deutsch und Polnisch für den Nothilfe-Service zu werben. Ein Fernfahrer werde heutzutage behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse, findet der ehemalige Berufskraftfahrer. Treffkorn, der jetzt Rentner ist, will da was ändern. "Die Probleme werden immer mehr, aber keiner kümmert sich", sagt der 67-Jährige. Er will sich kümmern und hat deshalb den Verein Fernfahrer-Nothilfe-Service gegründet. Jetzt am frühen Abend lässt Treffkorn einen kurzen Blick über den Parkplatz schweifen und stellt fest: Es ist bereits alles dicht.

Dabei haben längst nicht alle Fernfahrer Feierabend gemacht. Einige sind immer noch auf der Strecke und auf der Suche nach einer Übernachtungsstelle. Die Parkplätze an den Autobahnen reichen schon lange nicht mehr aus. Laut einer Studie des Bundesverkehrsministeriums fehlten 2013 an Sachsens Autobahnen 232 Lkw-Stellflächen. Im Jahr 2018 waren es durch die boomende Transportwirtschaft schon 1.549 Parkplätze zu wenig. An den großen Raststätten parken die Sattelschlepper in zweiter Reihe oder an den Rändern der Auf- und Abfahrten. Es sind gefährliche Ordnungswidrigkeiten in der Not geworden: So starben 2017 drei Menschen, als auf der A4 bei Hainichen ein Auto in einen Lkw raste, der in einer Parkplatzeinfahrt stand.

Lenkzeiten müssen eingehalten werden

Fernfahrer-Nothilfe Autobahn Oberlausitz
Daniel Rychert macht viele Touren zwischen Polen und Deutschland. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Zwischen sieben und acht Uhr sei es vorbei mit den Parkplätzen an der A4, sagt Daniel Rychert, der am nächsten Tag nach Köln weiterfährt. Und dann? Rychert entfährt ein verdrehtes schrilles Lachen. Seit 18 Jahren fährt der Pole nun seine Touren zwischen Polen und Deutschland: "In ganz Deutschland ist Parken eine Katastrophe." Die Strafzettel, wenn er an falscher Stelle steht, zahle sein Chef, sagt er. Wegen der vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten hat der 45-Jährige oft keine Wahl. "Ich muss ja Pause machen."

Montag ist auf der A4 der große Ritt gen Westen und Donnerstag, Freitag gen Osten.

Gerhard Kobus Fernfahrer-Nohilfe-Service

Im dritten Anlauf hat Thomas Sobius diesmal seinen Platz für seinen Sattelzug gekriegt. Ab der Raststätte Dresdner Tor fing der Fernfahrer gegen 16 Uhr an zu suchen, hatte 50 Kilometer weiter schließlich bei Bautzen auf dem Rastplatz Erfolg. Wer von seinen Berufskollegen zu spät dran ist, müsse dann eben von der Autobahn runterfahren, sich in Industriegebiete oder auf Feldwege stellen. "Wo es halt geht und wo man darf", sagt der Vogtländer.

Fernfahrer-Nothilfe Autobahn Oberlausitz
Thomas Sobius hat diesmal im dritten Anlauf einen Parkplatz für seinen Truck gefunden. Ab 16 Uhr hat er mit der Suche begonnen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Dass so viele Transporte auf den Autobahnen unterwegs sind, liegt laut Sobius auch an der fehlenden Lagerwirtschaft. "Es wird bestellt und gleich ausgeliefert. Keiner hat mehr was auf Lager, dadurch sind so viele auf der Bahn", sagt der 49-Jährige. Sobius fährt Fenster und Türen einer Bielefelder Firma zu verschiedenen Kunden in ganz Deutschland aus. Dass Fernfahrer zunehmend wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, dem kann Sobius zustimmen. Seit 1989 ist er Fernfahrer. Damals habe man noch anders auf den Beruf geblickt. Aber auch unter den Berufskraftfahrern sei der Respekt verloren gegangen. Die Situation sei so schlecht, dass jeder nur noch an sich denke. "Jeder hat seinen Zeitdruck. Es ist alles an Geld gebunden. Ich bin mal für die Autoindustrie gefahren, da hatte man pro Stunde Verspätung 10.000 Euro Strafe." Trotz alledem ist Sobius immer noch gern auf Achse.

Parkplatzmelder im MDR-Verkehrsfunk

Treffkorn hat während des Gesprächs einen Rundruf zu anderen Rastanlagen der A4 gestartet. Er fragt nach freien Parkplätzen. Die aktuelle Lage vor Ort gibt er an das MDR Verkehrszentrum weiter. Erst seit wenigen Wochen läuft dieser Lkw-Parkplatzmelder im Verkehrsfunk des MDR. Es ist ein Versuch, die Lage zu entspannen. Das Problem lösen wird der Service nicht. "Es werden immer mehr Lkw. Hier ist die Politik gefragt, um entsprechend Parkplätze an der Autobahn zu schaffen", so Treffkorn. Aber das werde ja nichts, denn es fehle der Druck von unten. "Die Berufskraftfahrer sollen sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen", wünscht er sich. Bisher gebe es bundesweit verteilt nur kleine Grüppchen, die nicht die notwendige Durchsetzungskraft haben.

Der Berufskraftfahrer hat mehr Respekt und Anerkennung verdient und sollte nicht behandelt werden wie ein Krimineller.

Bernd Treffkorn Fernfahrer-Nothilfe-Service Sachsen

Fernfahrer sind Versorger

Fernfahrer-Nothilfe Autobahn Oberlausitz
Gerhard Kobus war früher Busfahrer. Jetzt hilft der 73-Jährige bei der Fernfahrer-Nothilfe. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Fernfahrer seien unsere Versorger, das sollte man nicht vergessen, egal ob das ein Deutscher ist, ein Franzose oder einer aus Osteuropa, sagt Treffkorn. "Dieser Berufsgruppe gebührt mehr Anerkennung." Das findet auch der Dresdner Gerhard Kobus, der früher als Busfahrer gearbeitet hat. Jetzt macht der 73-Jährige bei der Fernfahrer-Nothilfe mit. Er versuche, etwas zu bewegen, damit es an den Autobahnen mal besser wird, wie Kobus erklärt.

Das fängt im Kleinen an. Bei Problemen können die Fernfahrer rund um die Uhr die Telefonnummer der sächsischen Nothilfe wählen. Das Handy hat Treffkorn immer dabei. Zum Beispiel fahre man einen Trucker mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt. "Der kann ja nicht mit seinem 40-Tonner dorthin", erklärt der 67-Jährige. Im jüngsten Einsatz haben die Nothelfer einen Trucker zur Pension gefahren, weil er wegen technischer Mängel mit seinem Fahrzeug nicht mehr weiter kam. "Der Mann konnte ja nicht bei der Dekra übernachten", so Treffkorn.

Fernfahrer-Nothilfe Autobahn Oberlausitz
Bernd Treffkorn, Berufskraftfahrer im Ruhestand, will die Situation der Lkw-Fahrer verbessern. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bisher sind es eine Handvoll Enthusiasten, die sich um bessere Bedingungen bemühen. Die Fernfahrer-Nothilfe sucht nach Unterstützern, sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite. "Leute, die sich mit reinknien", wie Treffkorn sagt, damit aus den Einzelkämpfern auf den Autobahnen eine Gemeinschaft wird. "Dazu braucht es einen verdammt langen Atem, aber wir lassen uns nicht unterkriegen."

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.09.2020 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

3 Kommentare

Dynamo vor 17 Wochen

Diese Probleme werden schon seit Jahren immer vor sich hergeschoben. Auch die Oberen wissen und machen in dieser Richtung überhaupt nichts. Was sie noch nicht gesagt haben, aber bestimmt gedacht, "warum bist du auch Fernfahrer geworden". Was sollen die Pläne von Autobahnneubau, von Vergrößerung der Spuren ? Die geplanten Bauzeiten und Kosten werden nie eingehalten. Siehe Dresden, "Blaues Wunder", erst kürzlich in der SZ, "Baukosten für das Blaue Wunder verdoppeln sich". Oder kann mir mal einer Beispiele nennen, wo das nicht der Fall ist. Mir fallen nur die "Vorzeigebauten" ein, BER, Leipziger Citytunnel, Stuttgart 21, usw. Und wozu werden eigentlich die Planer gebraucht, wenn die Theorie und Praxis nicht eins ist ? Wenn doppelte Kosten entstehen, fragt man sich schon, wo hat dieser Mensch seine Ausbildung gemacht.

Matthi vor 17 Wochen

Das sind 30 Jahre Fehlpolitik der verantwortlichen Politiker bei der Bahn. Wenn nicht endlich die Güter auf die Schiene kommen brauchen wir nicht nur Parkplätze auf der Autobahn sondern noch mindestens eine Fahrspur mehr damit man als PKW Fahrer durchkommt wenn wieder einige LKWs Mamut Rennen veranstalten. Ich bin früher selber LKW gefahren und weiß das bei 85 abgeregelt wird wenn nicht manipuliert wurde oder man den Lkw Rollen lässt, wenn man dann einige sieht die Kilometer brauchen um vorbei zu kommen kann man nur zweifeln. Die Verantwortlichen der Bahn hätten mal in der DDR ihre Ausbildung machen solln da hat es geklappt mit dem Warentransport war notwendig wegen Dieselkraftstoff mangel.

Harry2Jeske vor 17 Wochen

Man sollte wirklich langsam umdenken und nach neuen Lösungen des Warentransportes auf dem Schienenweg suchen. Jede Woche Lkw Unfälle mit Toten und Schwerverletzten auf der A4 und das nun schon seit Jahren. Hier helfen auch keine 8 Fahrspuren weiter. Eine Schienentrasse neben der A4 muss her!!

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