25.02.2020 | 10:14 Uhr Hilfe für die Mangyans: Eine Ärztin aus Hoyerswerda im philippinischen Dschungel

Sechs Wochen lang versorgte eine Ärztin aus Hoyerswerda Ureinwohner im philippinischen Dschungel. In dieser Zeit erlebte sie viel Elend und Schmerz, aber auch eine Welle der Solidarität aus ihrer Heimatstadt.

Ärztin, Kind und Frau
Silke Lindner bei der Sprechstunde in einer Hütte auf den Philippinen. Bildrechte: MDR/Silke Lindner

Die Dramatik der Situation dort könne man eigentlich gar nicht in Worte fassen, sagt Silke Lindner. Sie sitzt am Schreibtisch in ihrer Hausarztpraxis in Hoyerswerda, die sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Vor ihr liegen ein Tabletcomputer mit Fotos und ein Hefter mit Tagebuchaufzeichnungen aus einer ganz anderen Welt. Denn die Ärztin hat ein Vorhaben verwirklicht, das sie bereits in ihrer Jugend umtrieb: Menschen zu heilen, die sich in extremer Not befinden. Mit der ärztlichen Hilfsorganisation German Doctors hat Silke Lindner im Herbst vergangenen Jahres sechs Wochen lang auf der Philippinen-Insel Mindoro gearbeitet und dort die Mangyans behandelt.

Bei den Mangyans handelt es sich um ein indigenes Volk. Durch seine abgeschiedene Lebensweise sei es in weiten Teilen rechtlos, berichtet die Ärztin. "Viele Mangyans sind juristisch nicht existent, haben keine Ausweise und damit auch keinen Anspruch auf soziale oder medizinische Unterstützung." Für German Doctors war Silke Lindner 2019 als eine von insgesamt 19 Medizinern ehrenamtlich auf Mindoro im Einsatz.

German Doctors German Doctors ist eine international tätige Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Bonn. Die Organisation entsendet Ärzte auf die Philippinen, nach Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone. Die Ärzte arbeiten unentgeltlich während ihres Jahresurlaubs oder befinden sich im Ruhestand. Seit 1983 sind über 7.500 Einsätze durchgeführt worden.

Sprechstunde am Klapptisch

Vom sogenannten Doctor's House in der Stadt Mansalay aus war Silke Lindner täglich auf der Südhälfte der Insel unterwegs. "Wir sind mit einer Rolling Clinic – einem Jeep, der bis zum Dach mit Medikamenten vollgepackt war – jeden Tag in ein anderes Dschungeldorf gefahren." Dort wurde dann eine provisorische Sprechstundenhütte eingerichtet, mit einem Klapptisch, zwei Klappstühlen und einigen Tüchern als Sichtschutz. Nummerierte Holzspatel waren das Anmeldesystem. "Ich hatte ein Stetoskop, ein Otoskop, mein Wissen und meine Erfahrungen. Und dann ging es los", erzählt Lindner.

Menschen in einem Auto
Die Rolling Clinic fährt täglich in die Dschungeldörfer. Die Route ist so ausgelegt, dass alle vier Wochen eine Sprechstunde angeboten werden kann. Bildrechte: MDR/Silke Lindner

Bis zu hundert Patienten behandelte die Ärztin an einem Tag. Vor allem Kinder. Es seien viele schwere Fälle darunter gewesen. "Die meisten Kinder waren unterernährt, hatten Pneumonien, Abszesse, Wurmbefall", erinnert sich die 55-Jährige. Es habe viele Wunden, Hautinfektionen wie Krätze gegeben. Dazu kamen schwere Fälle von Tuberkulose. "Weil die Patienten mitunter auch bis zur Sprechstunde weit laufen müssen, sind die Krankheiten meist schon sehr fortgeschritten", so Lindner.

Als Übersetzerin stand der deutschen Ärztin Jessica zur Seite. Die ausgebildete Hebamme, selbst eine Mangyan, gab die englischen Anweisungen vom "Silkdoc" - wie die Mangyans Silke Lindner nannten - übersetzt ins philippinische Tagalog weiter.

Es war eine sehr intensive Zeit, die mich verändert hat.

Silke Lindner Hausärztin aus Hoyerswerda
Frau mit zwei Kindern
Eine Mangyan mit ihren Kindern. Benito (re.) ist inzwischen gestorben. Bildrechte: MDR/Silke Lindner

Jessica gehört zum Schwesternteam, das Silke Linder stets mit der Rolling Clinic begleitete. Wenn sie am Morgen vor der Abfahrt sagte "Silke, today it is a worst place", dann ging es in die Tiefen des Dschungels.

"Wunderschöne Natur, die aber tiefstes Elend verbarg. Die Dörfer im Dschungel bestehen im Prinzip bloß aus Mangrovenhütten. Da geht es nur noch ums Überleben, um das Nichthungern, um Krankheit und Tod", sagt die Ärztin. "Es war traurig zu sehen, wie die Menschen leben müssen." Besonders berührte sie das Schicksal des acht Jahre alten Benito. Als der Junge in ihre Sprechstunde kam, war er extrem unterernährt und wog nur acht Kilo. Wochen später erfuhr die Ärztin von seinem Tod.

Mangyans Als Mangyans werden die indigenen Gruppen auf der Philippinen-Insel Mindoro bezeichnet. Die Sprache der Stämme unterscheidet sich untereinander stark. Ähnlich verhält es sich mit den Lebensweisen: So leben die Stämme im Norden von Mindoro sehr einfach, während die südlichen Stämme von der Kultur der Kolonialzeit geprägt sind. Einst waren die Mangyan Küstenbewohner, wurden aber im Zuge der Kolonialisierung der Philippinen in den Dschungel gedrängt. Schätzungen, wie viele dieser Inselureinwohner heute noch leben, bewegen sich zwischen 100.000 und 280.000 Menschen.

Hilfe aus Hoyerswerda

Silke Lindner
Silke Lindner in ihrer Hausarztpraxis in Hoyerswerda. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Als Silke Lindner ihrem Mann von den katastrophalen Zuständen berichtete, stellte er in der Gemeinschaftspraxis in Hoyerswerda eine Spendendose auf. Rund tausend Euro kamen zusammen. "Es war wirklich Hilfe eins zu eins übersetzt von Hoyerswerda nach Mansalay", sagt die Ärztin. "Wir haben mit dem Geld auf Mindoro Lebensmittel gekauft und sturmgeschädigte Hütten herrichten lassen. Das hat so beflügelt."

Silke Lindner ist mit dem Schwesternteam der Rolling Clinic bis heute in Kontakt. Die Ärztin möchte ihren Einsatz für die German Doctors unbedingt wiederholen, auch um zu sehen, wie sich die Lage dort weiterentwickelt hat. Ihr Herz sei auf Mindoro geblieben, sagt Silke Lindner.

Sprechstunde im Dschungel

Silke Lindner
Silke Lindner vor einer Hütte, die als Praxis diente. Sie war eine der komfortableren Varianten. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Silke Lindner
Silke Lindner vor einer Hütte, die als Praxis diente. Sie war eine der komfortableren Varianten. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Hütte
In manchen Dörfern wurden Unterstände mit Tüchern abgehängt. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Frau mit Kind
Die Mangyan Jessica stand bei den Sprechstunden als Krankenschwester und Übersetzerin der deutschen Ärztin zur Seite. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Frau mit zwei Kindern
Viele Patienten leben in extrem ärmlichen Verhältnissen und hungern. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Hütten
Ein Dorf der Mangyans im Dschungel. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Frauen und Kind putzen Zähne
Silke Lindner zeigt Mangyans, wie man Zähne putzt. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Hütte
"Ich hatte ein Stetoskop, ein Otoskop, mein Wissen und meine Erfahrungen", sagt Silke Lindner. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Krankenhaus
Das Doctor's House in Mansalay auf Mindoro. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
Medikamente in Regalen
Das Medikamentenlager im Doctor's House in Mansalay. Bildrechte: MDR/Silke Lindner
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Quelle: MDR/ma

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2020, 10:14 Uhr

2 Kommentare

Nixi66 vor 4 Wochen

Ich schließe mich den Worten von Conny66 an. Ich war beim Informationsabend am 14.Januar in der Kufa in Hoyerswerda. Frau Dr.Lindner hat beeindruckend erklärt, wie sie ihre Zeit bei den Dschungelbewohnern erlebt hat und wie sie mit wenigen Mitteln helfen konnten. Mich hat dieser Vortrag zu tiefst berührt und lässt mich vieles mit anderen Augen sehen. Selbst jetzt beim schreiben, kommen mir die Tränen.
Frau Dr. verdient meinen größten Respekt, schön das es sie gibt.
Alles Gute für German Doctors.

Conny66 vor 4 Wochen

Ich finde es prima das es solche Ärzte gibt , welche sich um Menschen kümmern und dabei keinen Cent verdienen . Hut ab !!!
Ich wußte garnicht das dort noch so viele Menschen leben bzw. um das Überleben kämpfen ! Es wird soviel gespendet , wo man oft das Gefühl hat , es bleibt in den oberen Etagen hängen , kommt beim den Bedürftigen nie an . Es wehre schön für solche Ärzte eine Spendenaktion zu machen , das davon Medikamente oder Lebensmittel gekauft werden kann. Und diese vor Ort auszugeben . Vielen Dank solchen Ärzten !

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