21.09.2019 | 20:51 Uhr HoyWoy zwischen Stigma und unbekannter Schönheit

Die mobile Wanderausstellung "Kein schöner ____ in dieser Zeit" macht ab Sonntag für eine Woche in der Kulturfabrik Hoyerswerda Station. Dabei soll es auch ums "Sachsenbashing", Stigmata und stereotype Bilder gehen. In den vergangenen Wochen kamen die Künstler bereits mit den Menschen in Döbeln, Weißwasser und Annaberg-Buchholz ins Gespräch.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Hoyerswerda ist mehr als Braunkohle, rechter Mob und Plattenbauten. Die Künstler wollen zeigen, wie stereotype Darstellungsweisen entstehen. Zu den anderen, ganz alltäglichen Seiten zählt dieses Foto, das Bea Nielsen in Hoyerswerda gemacht hat. Bildrechte: Bea Nielsen

Viel Aufregung, Wut und hitzige Diskussionen haben in den vergangenen Jahren die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen geprägt. Doch wollen wir weiter so aufeinander losgehen? Ist es nicht Zeit, auch einmal innezuhalten? "Wie wollen wir in Sachsen zusammen leben?" Diese Frage stellt sich ein Künstlerkollektiv und brach auf, um in vier sächsischen Kleinstädten ins Gespräch zu kommen. Am Sonntag eröffnet es seine Wanderausstellung "Kein schöner ____ in dieser Zeit" auf dem Freigelände der Kulturfabrik Hoyerswerda. Es ist die vorerst letzte Station dieses besonderen Projekts.

Gespräche vor dem Hintergrund des "Sachsenbashing"

Fassade eines Plattenbauts in Hoyerswerda
Fassade eines Plattenbaus in Hoyerswerda: Bilder dieser Art werden oft für die Darstellung von Hoyerswerda verwendet. Bildrechte: dpa

Bewohner aus Hoyerswerda können für eine gesamte Woche nicht nur Fotografien und Bilder ansehen, sondern auch über Installationen aktiv neue Blickwinkel gewinnen. Sie haben die Möglichkeit, sich an Workshops zu beteiligen, etwas über stigmatisierte Orte zu erfahren und ihre Stadt selbst aus einem völlig neuen Blickwinkel zu erleben. "Auf einem öffentlichen Platz im Zentrum der Städte wollen wir mit unseren künstlerischen Arbeiten zu einer differenzierten Beschäftigung mit Sachsen anregen", erklären die Künstler. Ziel seien kreative Teilhabe und Gespräche vor dem Hintergrund des "Sachsenbashing". Doch auch die Konstruktion medialer Bilder über Hoyerswerda soll das Thema sein. "Wir konfrontieren die Besucher und Besucherinnen spielerisch mit sich selbst und ihrer Sichtweise auf ihren Wohnort", erklären die Künstler.

Neben Foto- und Konzeptarbeiten zeigen die Künstler eine Video-Raumarbeit in einem Kleinbus, laden zum Erzählcafé und zu einem Zeitzeugengespräch über Zwangsadoptionen in der DDR ein und begleiten zum Fotorundgang "Stigmatisierte Orte".

Fotostrecke Bilder einer Stadt - das lebendige Hoyerswerda

Hoyerswerda - eine Stadt im Herzen der Lausitz, die mit der Braunkohle stark gewachsen ist und inzwischen wieder zehntausende Einwohner verloren hat. Und eine Stadt mit Stigma. Aber auch mit vielen schönen Seiten.

Der Platz vor dem Rathaus in Hoyerswerda
Hoyerswerda wird durch die Schwarze Elster quasi zweigeteilt. Im Herzen der historisch gewachsenen Altstadt steht das Rathaus, das 1449 errichtet wurde. Bildrechte: MDR/Andre Seifert
Der Platz vor dem Rathaus in Hoyerswerda
Hoyerswerda wird durch die Schwarze Elster quasi zweigeteilt. Im Herzen der historisch gewachsenen Altstadt steht das Rathaus, das 1449 errichtet wurde. Bildrechte: MDR/Andre Seifert
Zoo
Stolz sind die Hoyerswerdaer auf ihren Zoo. Er wurde 1959 für die damals junge und aufstrebende Braunkohlestadt errichtet. Viele Einwohner haben am Aufbau mitgewirkt. Bildrechte: Zoo Hoyerswerda
Erdmännchenanlage
Bis heute ist der Zoo ein großer Publikumsmagnet. Neben den Erdmännchen gehören auch ... Bildrechte: Zookultur Hoyerswerda
Drei Pinguine
... die Pinguine und ... Bildrechte: Zoo Hoyerswerda/S.Knobus
Nachwuchs bei den Kubakrokodilen im Zoo Hoyerswerda
... Kubakrokodile zu den Attraktionen. Bildrechte: Zoo Hoyerswerda
Ein großer Holzblock wird von einem knienden Mann mit einem Winkelschleifer bearbeitet
Zu DDR-Zeiten gehörten die Bildhauersymposien unter Leitung von Jürgen von Woyski zu den bedeutendsten Kunstevents im Land. In der gesamten Stadt finden sich Spuren der Symposium. 2014 wurde die Tradition wiederbelebt. Bildrechte: Stadtmuseum Hoyerswerda/Kerstin Noack
Gerhard Gundermann
Musikalisch hat der Liedermacher Gerhard Gundermann Hoyerswerda ein Denkmal gesetzt. Bildrechte: imago/Robert Michael
Skulptur Hoyschrecke
Als im Jahr 1997 das erste Mal die "Hoyschrecke" vergeben wurde, ist er noch selbst aufgetreten. Inzwischen geht das Lieder(macher)fest in seinen 23. Jahrgang. Bildrechte: Kulturfabrik Hoyerswerda e.V.
 21. Liederfest "Hoyschrecke" in Hoyerswerda
Immer Ende November kommen Liedermacher aus ganz Deutschland nach Hoyerswerda, um sich für den beliebten Preis in einem Wettstreit zu messen. Termin in diesem Jahr ist der 22. bis 24. November. Bildrechte: MDR/Viola Simank
Glasverspiegelte Außenansicht des neuen Computermuseums in Hoyerswerda
Einem anderen berühmten Sohn der Stadt ist ein ganzes Museum gewidmet: Konrad Zuse. Er war quasi der Vater des Computers. Er baute 1941 den Z3, den ersten funktionstüchtigen Digitalrechner. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Zwei Männer und eine Frau stehen vor einem schrankgroßen Computer.
2017 zog das Museum in einen modernen Neubau. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Der Zuse-Computer Z 23.
Anhand zahlreicher Exponate wird die Geschichte der Digitalisierung gezeigt. Bildrechte: Konrad-Zuse-Forum-Hoyerswerda e.V.
Erst verhalten, jetzt umso kraftvoller: die Sängerinnen und Sänger des Hoyerswerdaer Bürgerchores mussten sich erst mit der unverblümten Sprache Gerhard Gundermanns anfreunden, bevor sie dessen Lieder auf die Bühne bringen konnten.
In Hoyerswerda gibt es viele Projekte, in denen die Bürger einbezogen werden. Hier zum Beispiel der Bürgerchor. Bildrechte: Kulturfabrik Hoyerswerda/Gernot Menzel
Vor einer raumhohen Fensterreihe stehen tanzende Figuren.
Unter dem Motto "Eine Stadt tanzt" gibt es auch immer wieder Tanzprojekte, die hauptsächlich von Bürgern mit Leben gefüllt werden. Bildrechte: Kulturfabrik Hoyerswerda
Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I.
Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Die Kunden schätzen Bärbel Rosenbergs aufgeschlossene Art. Sie vertrauen ihr Freuden und Sorgen an.
Die Kunden schätzen Bärbel Rosenbergs aufgeschlossene Art. Sie vertrauen ihr Freuden und Sorgen an. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
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Fotostrecke Bilder einer Stadt - das triste Hoyerswerda

Hoyerswerda - Stadt im Herzen der Lausitz, Heimat für viele Kohlearbeiter. Nach der Wende dann massiver Einwohnerschwund. Zurück bleibt eine schrumpfende Stadt und Tristess.

Platte für Platte wird ein in Großblockbauweise errichtetes Haus aus DDR-Zeiten am Freitag (11.06.97) im ostsächsischen Hoyerswerda abgetragen.
Platte für Platte wird ein in Großblockbauweise errichtetes Haus aus DDR-Zeiten im Juni 1997 abgetragen. Die Wohnungen werden nicht mehr gebraucht. Bildrechte: dpa
Platte für Platte wird ein in Großblockbauweise errichtetes Haus aus DDR-Zeiten am Freitag (11.06.97) im ostsächsischen Hoyerswerda abgetragen.
Platte für Platte wird ein in Großblockbauweise errichtetes Haus aus DDR-Zeiten im Juni 1997 abgetragen. Die Wohnungen werden nicht mehr gebraucht. Bildrechte: dpa
Leerstehender Plattenbau in Hoyerswerda
Der sogenannte Wohnkomplex X war der letzte, der in Hoyerswerda gebaut wurde. Und der erste, der inzwischen wieder komplett verschwunden ist. Bildrechte: MDR/Diana Köhler
Hoyerswerda
Die Hoyerswerdaer Neustadt war in zehn Wohnkomplexe eingeteilt, der jeder für sich mit Schulen, Kindergärten, Einzelhandel und Ärzten ausgestattet war. Während in einigen Stadtteilen die Infrastruktur erhalten blieb, fristen anderen wie hier der WK IX ein trauriges verlassenes Dasein. Bildrechte: MDR/Diana Köhler
Hoyerswerda
Die Natur holt sich die Stadt zurück. Verwilderte Grünflächen dort, wo früher große Wohnblöcke standen. Bildrechte: MDR/Diana Köhler
Fassade eines Plattenbauts in Hoyerswerda
In Hoyerswerda musste schnell Wohnraum geschaffen werden, um die Kohlearbeiter des Lausitzer Reviers unterzubringen. Dazu wurden auch zahlreiche Hochhäuser errichtet. Bildrechte: dpa
Der alte Plattenbau in Hoyerswerda. Davor Autos auf einem Parkplatz.
Haben früher alle Berufsgruppen in den Häusern gewohnt, sind die Besserverdiener nach der Wende weggezogen. Bildrechte: MDR/Viola Simank
Ein überdachter Abschnitt vor einem Platz mit Lebensmittelladen.
Vieles ist saniert, doch Hoyerswerda fehlen vor allem junge Menschen. Tausende sind weggezogen und so wirkt die Stadt oft wie ausgestorben. Bildrechte: MDR/Viola Simank
Polizeikräfte blockieren am 23.09.1991 Straߟen in Hoyerswerda. Hoyerswerda war am 17. September 1991 der erste Ort in Deutschland, in dem nach der Wiedervereinigung Gewalt gegen Ausländer eskalierte.
Herbst 1991: Hoyerswerda wird von ausländerfeindlichen Krawallen erschüttert. Polizeikräfte blockieren am 23. September Straߟen in Hoyerswerda, um die mehrtägigen Ausschreitungen unter Kontrolle zu bringen. Bildrechte: dpa
Das Archivbild vom 23.09.1991 zeigt einen Arbeiter aus Mosambik, der verängstigt durch eine eingeworfene Fensterscheibe aus einem Wohnheim in Hoyerswerda schaut.
Das Archivbild vom 23. September 1991 zeigt einen Arbeiter aus Mosambik, der verängstigt durch eine eingeworfene Fensterscheibe aus einem Wohnheim in Hoyerswerda schaut. Bildrechte: dpa
Eine Gedenkstele, die an rassistisch motivierte Übergriffe in Hoyerswerda im Jahr 1991 erinnert, ist am 25.07.2016 in Hoyerswerda (Sachsen) vor einer farbigen Häuserfassade in der Neustadt zu sehen.
Im Juli 2016 wurde eine Gedenkstele eingeweiht. Bildrechte: dpa
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Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.09.2019 | ab 06:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 20:51 Uhr

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