Tanz dich gesund Christel Ulbrich - eine Freidenkerin aus Bautzen

Ein Weihnachtslied von ihr ist weit bekannt. Doch Christel Ulbrich hat nicht nur in den Musikbüchern der DDR ihren Spuren hinterlassen. Die charismatische Tanzpädagogin hielt ganze Generationen in Bewegung.

Christel Ulbrich
Christel Ulbrich Bildrechte: privat

"Oh es riecht gut, oh es riecht fein. Heut rühr'n wir Teig für Plätzchen ein" - dieses Weihnachtslied ist vielen bekannt. Erdacht hat es die Bautzenerin Christel Ulbrich, als sie 1949 mit ihren Kindern in der Küche stand und backte. Das Lied fand über die Jahre seinen Weg von der privaten Backstube in die Musikbücher der DDR-Schulen. Doch Christel Ulbrich, die in diesem Monat 110 Jahre alt geworden wäre, hat der Nachwelt mehr hinterlassen. Die Reformpädagogin, Puppenspielerin und Tanztherapeutin hat mit neuen Methoden die pädagogische Arbeit mit Kindern, Senioren und behinderten Menschen beeinflusst. Im Mittelpunkt stand dabei immer der Tanz und seine gesundheitsfördernde Wirkung.

Tanzen gegen den Schmerz

Erika Suschke
Erika Suschke hat Christel Ulbrich über viele Jahre begleitet. Heute gibt die Bautzenerin die Methoden der Tanzpädagogin weiter. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bereits als Jugendliche war Christel Ulbrich an Rheuma erkrankt, erzählt die Bautzenerin Erika Suschke. "Sie sagte immer: 'Wenn ich tanze, geht das Rheuma weg.' Und das Tanzen hat sie ihr ganzes Leben durchgezogen", erinnert sich die ehemalige Lehrerin, die über viele Jahre mit der Ausnahmepädagogin eine wertvolle Mentorin hatte.

Christel Ulbrich hatte sich in vielen Bereichen engagiert: Sie arbeitete in der Vorschulerziehung, machte Jugendtanzkreise im Steinhaus, organisierte Gesellschaftstänze, leitete Tanzgruppen an und arbeitete mit Senioren und Behinderten.

Niemanden ausschließen

Vor allem Kreistänze nutzte Christel Ulbrich in der Gruppenbewegungstherapie. Denn bei dieser Form wurde niemand ausgeschlossen. Die Pädagogin brachte Leute in der Bewegung zusammen und ließ sie mit Hilfe ihrer Bewegungen und den dadurch zum Ausdruck gebrachten Emotionen kommunizieren.

Tanzgruppe mit Christel Ulbrich
Christel Ulbrich mochte Kreistänze. Ihr wurde der Spitzname "Tanzchristel" verpasst. Bildrechte: privat

Erika Suschke hatte es beispielsweise anfangs verblüfft, als sie erlebte, welche positiven Effekte das Tanzen auf geistig Behinderte hatte. "Man kann sie darüber gut erreichen, man merkt, dass da innerlich etwas wach wird", sagt die 73-Jährige, die sich von den Methoden ihrer Mentorin in ihrer beruflichen Laufbahn und ihrem Leben nachhaltig beeinflusst sieht.

Auch heute versucht die Bautzenerin, ein Teil des Erbes von Christel Ulbrich fortzuführen, bietet unter anderem verschiedene Tanzkreise in und um Bautzen an.

Bewegte Biographie

Christel Ulbrich wurde am 15. Oktober 1908 bei Tharandt geboren und wuchs als ältestes von drei Kindern in einer Försterfamilie auf. Sie machte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin an der Henriette-Goldschmidt-Schule in Leipzig, der damals ersten deutschen Hochschule für Frauen. Danach zog die junge Frau 1932 nach Bautzen und übernahm dort einen Privatkindergarten, den sie um einen Hort erweiterte und mit dem sie 1935 in das Nebengebäude der Villa Weigang einzog. Sie begann, öffentliche Laien-, Märchen- und Puppenspiele anzuleiten. 1938 heiratete die Pädagogin den Bühnenbildner Walter Ulbrich und wurde später Mutter von drei Kindern.

Als der Kindergarten auf dem Gelände des heutigen Zuseums an der Weigangstraße nach Kriegsende beschlagnahmt wurde, gründete Christel Ulbrich eine Handarbeitsschule. Später bot die Freidenkerin Musikunterricht sowie musikalische Früherziehung an und ging in die Volksbildung für Lehrer und Erzieher.

Dort eckte sie jedoch mit ihrer Art an: Als die Pädagogin mit ihrer Studentenvolkstanzgruppe eine Einladung in den Westen bekam und die Reise nicht genehmigt wurde, kam es zum Streit und Christel Ulbrich musste ins weniger politische Gesundheitswesen wechseln.

Ich habe Seile gespannt von Turm zu Turm und Girlanden von Fenster zu Fenster und goldene Ketten von Stern zu Stern, und ich tanze.

Ein Zitat von Arthur Rimbaud, das Christel Ulbrich verwendete.

Doch die Bautzenerin blieb umtriebig, veranstaltete Lehrgänge, arbeitete an einem Buch mit dem Titel "Tanz dich gesund". Sie hat viel bewirkt und viele Menschen begeistert, sagt Erika Suschke, die das Buch heute noch für ihre Tanzabende verwendet. Selbst in den letzten Lebenswochen, als die 88-Jährige bettlägerig war, behielt sie ihren Witz. Bei der Faschingsveranstaltung im Februar 1996 schickte "die Tanzchristel", wie man sie auch nannte, eine gebastelte Puppe als Vertretung. Am 24. März 1996 starb dann Christel Ulbrich an den Folgen einer schweren Krankheit.

Neuer Frauenort in Sachsen

Gleichstellungsbeauftragte von Bautzen Andrea Spee-Keller
Gleichstellungsbeauftragte Andrea Spee-Keller Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Sie hat sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Das finde ich genial", spricht Bautzens Gleichstellungsbeauftragte Andrea Spee-Keller anerkennend über die Tanzpädagogin. Dabei habe sie in einer Zeit gelebt, die mit ihren klaren Rollenbildern für Frauen nicht einfach war. Christel Ulbrich habe aber Widerstände überwunden, sich nicht einengen lassen und es geschafft, sich treu zu bleiben und ihre Ideen und Ideale weiterzugeben.

Aus diesen Gründen würdigt die Stadt mit einer Gedenktafel das Leben von Christel Ulbrich. Gemeinsam mit dem sächsischen Landesfrauenrat wurde im Rahmen des Projektes "Frauenorte Sachsen" am Dienstagabend am Steinhaus eine Tafel angebracht. Durch sie soll das Leben und Wirken der starken und geistreichen Bautzenerin in Erinnerung behalten werden.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.10.2018 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 09:54 Uhr

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