Altenpflege in der Corona-Pandemie Der Kraftakt: Wie das Pflegeheim Crostwitz die Quarantäne meistert

Ein Corona-Ausbruch im Seniorenheim bringt die Einrichtung in einen Ausnahmezustand. Bewohner und Personal müssen in der Zeit viel erdulden und leisten - so auch im Pflegeheim in Crostwitz bei Bautzen. MDR SACHSEN hat die Einrichtung besucht, um zu schauen, wie die Pflegekräfte hier die Situation meistern.

Im Foyer des Seniorenheims liegt auf einem Tisch eine Besucherliste und Schutzkleidung aus.
Durch Infektionen mit dem Coronavirus befindet sich das Seniorenheim in Crostwitz im Ausnahmezustand. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Es ist kurz vor neun Uhr im Caritasheim St. Ludmila im sorbischen Crostwitz bei Bautzen. Eine alte Frau in Strickjacke läuft langsam durchs Foyer zur Eingangstür. "Es ist kalt draußen, Sie brauchen bestimmt Handschuhe", ruft ihr auf Sorbisch noch Heimleiterin Monika Wenzel hinterher. Da ist die Seniorin bereits hinaus an die Morgenluft getreten. Kaum eine Minute später steht die alte Frau wieder am Eingang und Monika Wenzel lässt sie rein. Denn in dieser Richtung ist die automatische Glastür blockiert. Wegen Coronavirus-Infektionen in der Einrichtung dürfen andere Personen außer Bewohner und Pflegekräfte das Haus nicht einfach so betreten.

Es begann mit Fieber

Alles begann am 9. November. Der Hausarzt hatte bei einer Seniorin mit Fieber festgestellt, dass sie sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte. Weil weitere Bewohner Symptome zeigten, folgte der Test aller im Heim, berichtet Monika Wenzel. Der 41-Jährigen, die im Frühjahr selbst Covid-19 hatte, war in dem Augenblick klar, dass die Situation ein großes Loch in die Personaldecke reißen werde. Sie handelte umgehend. Im Internet auf Instagram und Facebook wurde ein Suchaufruf nach Helfern gestartet.

Haus in Quarantäne

Eine Sammlung an Schuhen, Visieren, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel befindet sich vor der Tür in einen Wohnbereich des Seniorenheims.
Eine Sammlung an Schuhen, Visieren, Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln befindet sich vor der Tür eines Wohnbereiches des Seniorenheims. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Inzwischen war das Heim unter Quarantäne gestellt und man wartete angespannt auf die Ergebnisse der Tests. "Wir wurden an einem Donnerstag getestet. Durch mehrere Telefonate ist es mir am Wochenende gelungen, dass ich zumindest die Ergebnisse der Bewohner erfahren habe", berichtet Monika Wenzel.

Die Ergebnisse ihrer Mitarbeiter hätten erst eine Woche später vorgelegen. Die Heimleiterin versteht nicht, warum das so lange dauerte. Dadurch wussten ihre Mitarbeiter lange nicht, ob sie vielleicht mit einer Infektion ihre Angehörigen gefährden oder eben nicht. Auch würden die Testresultate hinfällig, wenn die Tests bereits eine Woche zurückliegen: "In der Zeit hätte sich ja schon wieder jemand anstecken können, findet Monika Wenzel. Letztendlich stand fest: Das Coronavirus hatte sich im Heim ausgebreitet.

Große Solidarität

Unterdessen war der Rücklauf des Internet-Hilferufs unerwartet hoch. "Es haben sich 20 Freiwillige gemeldet. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Ich danke allen, die sich gemeldet haben", sagt Monika Wenzel. Unter den Hilfsangeboten befanden sich auch die zweier Pflegerinnen aus der Region, die eben erst in den Ruhestand gegangen waren. Sie wurden kontaktiert und arbeiten seither zu den Stoßzeiten am Morgen in der Einrichtung. Auch erhielt das Heim Unterstützung von zwei Fachkräften aus Caritaseinrichtungen in Kamenz und Grimma sowie zwei Hauswirtschaftshilfen aus dem Bildungsgut Schmochtitz. 

Wir hatten einen hohen Personalausfall.

Monika Wenzel Heimleiterin

"Die Mitarbeiter hatten eine Korridorquarantäne. Sie durften sich nur zwischen der Arbeitsstätte und der eigenen Häuslichkeit bewegen", erklärt Monika Wenzel. Zudem durften positiv getestete symptomfreie Mitarbeiter positive Bewohner pflegen. Erkranktes Personal fiel aus.

Vier Wochen ohne Besuch

Die infizierten Senioren mussten weitgehend auf ihren Zimmern bleiben. Sie seien aber auch nicht in der Lage gewesen, das Haus zu verlassen, sagt die Heimleiterin. Einige Bewohner liegen derzeit im Krankenhaus, es seien auch welche mit der Corona-Infektion gestorben.

Allein schon wegen des Teil-Lockdowns gilt für das Altenheim seit Anfang November Besuchsverbot. Mit einer Ausnahme: "Wenn sich bei einem Bewohner der Allgemeinzustand verschlechtert und wir merken, er begibt sich auf den letzten Weg, sind Besuche erlaubt", erklärt Monika Wenzel. Das Besuchsverbot bedeutet für die Bewohner eine schwierige Zeit. Seit nunmehr vier Wochen konnten sie ihre Angehörigen nicht sehen. Im Haus wurden Möglichkeiten geschaffen, dass die Senioren mit ihren Verwandten skypen können. Auch Telefonate finden regelmäßig statt. "Aber trotzdem ersetzt es nicht einen persönlichen Kontakt, einfach mal jemanden in den Arm nehmen zu dürfen. Das fehlt schon und das merkt man, dass sie darunter leiden", berichtet die Chefin des Pflegeheims.

Frischer Wind im Haus

Zwei Bundeswehrsoldaten in Schutzkleidung schieben einen Getränkewagen über den Gang.
Oberstabsgefreiter Christopher Kiss schiebt, begleitet von einem seiner Kameraden, einen Getränkewagen über den Flur des Pflegeheims. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Am Montag erlebten die Senioren und Pflegekräfte eine Überraschung: Plötzlich war die Bundeswehr da. Vier Soldaten des Panzergrenadierbataillons 122 aus dem bayrischen Unterviechtach waren nach Crostwitz abkommandiert worden. Monika Wenzel muss schmunzeln, als sie sich daran erinnert, wie die Soldaten in Uniform vor ihr standen. "Sie sind die Leitung? Also hören wir auf ihre Befehle", so das militärische Fazit der Panzergrenadiere.

Seit einer Woche nun helfen die jungen Männer beim Frühstück herrichten, bringen die Bewohner in die Essensräume, putzen, desinfizieren in den Zimmern, verteilen Bettwäsche, beziehen Betten und gehen mit den Alten eine Runde spazieren. "Die Bewohner sind sehr neugierig und gesprächig und nehmen unsere Hilfe gern an", erzählt Oberstabsgefreiter Christopher Kiss, der eigentlich in der Feindaufklärung spezialisiert ist. Der 28-Jährige findet es gut, einen Einblick in die Altenpflege zu bekommen und zu erfahren, was hier geleistet wird.

Mit den Soldaten ist frischer Wind in die Einrichtung gekommen. "Man kann gemeinsam lachen, wird vom Alltag abgelenkt. Das tut wirklich gut", sagt Monika Wenzel. Die neue Situation sei eine Bereicherung für Bewohner und Mitarbeiter.

Besuche ermöglichen

Heimleiterin Monika Wenzel steht vor dem Eingang des Caritasheims St. Ludmila in Crostwitz.
Monika Wenzel vom Caritasheim St. Ludmila in Crostwitz möchte gern Besuche für ihre Senioren ermöglichen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Quarantänebestimmungen sind seit dieser Woche mittlerweile nach und nach gelockert worden. In einem Wohnbereich herrschen noch strenge Schutzvorkehrungen. Dort im Treppenhaus vor der Tür hängen die Visiere der Mitarbeiter, liegen unter anderem Einweghandschuhe und extra Gummilatschen. Monika Wenzel hofft, dass nach dem großen organisatorischen und pflegerischen Kraftakt in den nächsten Tagen wieder Normalität einkehrt.

Außerdem wünscht man sich im Heim dringend eine Einschätzung vom Gesundheitsamt, inwieweit Besuche ermöglicht werden können. Monika Wenzel hat da schon Ideen. Sie würde gern im Foyer kleine Besucherinseln schaffen und auch Spaziergänge mit den Angehörigen ermöglichen wollen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.12.2020 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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