Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen

28 Schicksale Gedenkstätte Bautzen: Haft unterm Hakenkreuz

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bautzen ist erweitert. Am Mittwoch hat erstmals der Ausstellungsteil über die Rolle der Bautzener Gefängnisse in der Zeit des Nationalsozialismus eröffnet. Die Schau mit dem Titel "Haft unterm Hakenkreuz" zeigt die Gefängnisse Hitlers als Instrumente des Terrorregimes der Nazis.

Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen

Die neue Dauerausstellung im Erdgeschoss der Gedenkstätte Bautzen dokumentiert jetzt die Geschichte der beiden Bautzener Gefängnisse zwischen 1933 und 1945 als Repressionsorte des NS-Regimes. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Opfer politischer Gewaltherrschaft im Nationalsozialismus: Kommunisten und Sozialdemokraten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Juden und Sorben waren hier eingesperrt. Insgesamt zeigt die Ausstellung die Schicksale von 28 Insassen und Bediensteten.

Völlig unerforschtes Gebiet

Gedenkstätte Bautzen
Silke Klewin, Leiterin der Gedenkstätte Bautzen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Recherchen dafür waren sehr zeitaufwendig gewesen. "Die Geschichte der Gefängnisse im Nationalsozialismus ist ein völlig unerforschtes Gebiet", erklärt Gedenkstättenleiterin Silke Klewin. "In den ganzen Massen an Darstellungen über die Geschichte des Dritten Reiches wird der Strafvollzug ausgespart." Das habe es sehr schwierig gemacht, sich diesem Thema zu nähern.

Auch habe es Zeit gekostet, herauszubekommen, was aus den Inhaftierten und Bediensteten nach ihrer Zeit in den Bautzener Gefängnissen wurde. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte wollten möglichst vollständige Biographien recherchieren, um die verschiedenen Menschenleben für Besucher der Ausstellung nachvollziehbar zu machen. Dabei geht es auch um die NS-Ideologie in den Reihen der Justizbeamten und um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit nach 1945.

Verhörräume der NS-Schlägertruppe

Gedenkstätte Bautzen
Bei den Reichstagswahlen im März 1933 wählte jeder zweite Bautzener die NSDAP, reichsweit waren es durchschnittlich 44 Prozent. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

In Bautzen waren die Nationalsozialisten schon früh gut organisiert. Seit 1925 gab es hier eine NSDAP-Ortsgruppe. Die ehemalige Haftanstalt Bautzen II, in der sich heute die Gedenkstätte befindet, wurde unter anderem für die Schutzhaft der Sturmabteilung SA - eine paramilitärische Kampforganisation der NSDAP - benutzt. "Die NS-Schlägertruppe hatte in Bautzen II Zellen zur Verfügung gestellt bekommen, wo die sogenannten Schutzhäftlinge einsaßen. Zu diesen politischen Gefangene gehörten beispielsweise Sozialdemokraten und Kommunisten", berichtet Sven Riesel, der für die wissenschaftliche Dokumentation in der Gedenkstätte verantwortlich ist. In jenen Räumen seien die Häftlinge von SA-Mitgliedern verhört worden. "Das hieß damals, sie wurden geschlagen, misshandelt, gedemütigt und es wurden Geständnisse abgepresst", so Riesel.

So ein Häftling war unter anderem Ernst Thälmann, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Er saß nach dem Verbot der KPD elf Jahre in Haft, ohne dass ihm ein Prozess gemacht wurde. Eine seiner vielen Stationen hinter Gittern war Bautzen, kurz bevor Thälmann im KZ Buchenwald ermordet wurde.

Schicksale

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Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Anfang 1934 tritt das Gewohnheitsverbrechergesetz in Kraft – auch kleinkriminelle Mehrfachtäter wie der Bautzener Max Wenk können nach Ende ihrer Haftstrafe unbegrenzt in Sicherungsverwahrung festgehalten werden. 1942 wird von der Reichsjustiz die Deportation aller Sicherungsverwahrten in Konzentrationslager beschlossen. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Anfang 1934 tritt das Gewohnheitsverbrechergesetz in Kraft – auch kleinkriminelle Mehrfachtäter wie der Bautzener Max Wenk können nach Ende ihrer Haftstrafe unbegrenzt in Sicherungsverwahrung festgehalten werden. 1942 wird von der Reichsjustiz die Deportation aller Sicherungsverwahrten in Konzentrationslager beschlossen. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Die Bautzener SA nimmt Kurt Mickel 1933 in Schutzhaft und misshandelt ihn schwer. Weil er weiter für die 1933 verbotene Partei KPD aktiv ist, wird er in Bautzen II eingesperrt. Nach dem Krieg arbeitet Kurt Mickel für zwei Jahre als Oberwachtmeister dort, wo er einst gefoltert wurde – im Gefängnis Bautzen II. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Rudolf Plischke setzt ab 1933 als Direktor der Bautzener Gefängnisse nationalsozialistisches Unrecht durch. Seine Vorgesetzten stellen ihm beste Zeugnisse aus. Er leite die Gefängnisse mustergültig und sei politisch zuverlässig. Nach Kriegsende wird Plischke verhaftet, am Folgetag wird er unter ungeklärten Umständen in einer Gefängniszelle in Bautzen tot aufgefunden.  Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Die Autorin und Schauspielerin Marta Husemann schließt sich dem Widerstandsnetzwerk "Rote Kapelle" an und wird wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr Mann wird hingerichtet. Während ihrer Haft muss sie im Bautzener Kupferhammergelände Funkumformer für den Flugzeugbau fertigen. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Die Nationalsozialisten nutzten den Rundfunk zur Verbreitung ihrer Ideologie. Wer jedoch ausländische Sender wie den Londoner BBC oder Radio Moskau empfing, machte sich strafbar. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Bei Alfred Gocht (Mitte) findet die Polizei eine getarnte sozialdemokratische Druckschrift, die sich gegen das NS-Regime richtet. Er muss für ein halbes Jahr ins Gefängnis.  Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Wilhelm Otto war seit 1920 Wachtmeister im Bautzener Strafvollzug. 1933 wird er wegen SPD-Zugehörigkeit entlassen. Um den Nationalsozialisten seine Treue zu bekunden, engagiert er sich in der SA-Reserve, doch die Entlassung bleibt bestehen. 1946 setzt ihn das Justizministerium mit Genehmigung der Sowjets als Leiter der Untersuchungshaftanstalt in der Paulistraße ein. Otto gerät aber in die Kritik, weil er seine SA-Mitgliedschaft verschwiegen hatte. Als 1950 ein Häftling flieht, wird er suspendiert. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Der Offenbacher Lederfabrikant Walter Rosenheim ist jüdisch und geht eine Liebesbeziehung zu einer Nichtjüdin, einer Stenotypisten aus Leipzig, ein. Er wird deswegen 1939 verurteilt, kommt nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe in verschiedene Konzentrationslager und wird 1941 in Bernburg vergast.    Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Seit 1940 war Hildegard Domschke im NS-Strafvollzug tätig. Sie tritt der NSDAP nicht bei und darf 1946 wieder im Justizdienst arbeiten. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst, daß ich irgend etwas getan hätte, daß ich in der heutigen Zeit unwürdig wäre, wieder Aufsichtsdienst zu tun", schreibt sie in ihrer zweiten Bewerbung nach Kriegsende. Nach der Übernahme des Gefängnisdienstes durch die Volkspolizei wird sie 1951 entlassen. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Elf Jahre wurde der Vorsitzende der KPD Ernst Thälmann in Einzelhaft von der Außenwelt isoliert und schließlich im KZ Buchenwald ermordet. Von 1943 bis 44 war Thälmann in Bautzen I inhaftiert. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
Ausstellung Haft unterm Hakenkreuz
Alfred Clar sympathisiert zunächst mit den Nationalsozialisten. 1943 schreibt er einen Brief an einen Bekannten, in dem er den Krieg als Wahnsinn und Verbrechen sowie die Nazipropaganda als Massensuggestion bezeichnet. Er wird zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. 1945 wird er unterernährt und herzkrank entlassen und stirbt wenige Wochen später. Bildrechte: Gedenkstätte Bautzen
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Gedenkstätte Bautzen, Weigangstraße 8a, Mo bis Do 10 - 16 Uhr, Fr 10 - 20 Uhr, Sa, So und an Feiertagen 10 - 18 Uhr

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 19.09.2018 ab 9:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 18:54 Uhr

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7 Kommentare

20.09.2018 08:19 Hercule 7

Mhh mit dem Handy ein Kommentar schreiben ist ja grußelig
Ich wollte in 2 sagen
Wie man an meiner Heimatstadt sieht ist es bitter nötig immer wieder an die dunkle Zeit erinnert zu werden
Danke Mdr
und nochmal Daumen hoch macht weiter so

19.09.2018 23:15 Klaus Pfister 6

Erst waren es die verfluchten Nazis, dann die verdammten Kommunisten und jetzt haben wir ....????

19.09.2018 20:50 Paule 5

Es mußte erst die biologische Lösung abgewartet werden. Danach kam die große Abrechnung in den alten BL. Aber die Ossis sind wieder die Bösen und ewig Gestrigen.
Da kann ich nur Frau Hildebrand mit dem Zitat vom Fuchs zitieren.

19.09.2018 20:11 Ulrich 4

Dankeschön an die "MacherInnen" der NS-Ausstellung und an den Freistaat Sachsen.
Ein dunkles Kapitel - und nicht nur ein 'Vogelschiss' - in der Sächsischen Geschichte liegt jetzt weit aufgeschlagen vor den Augen der BesucherInnen der Gedenkstätte Bautzen.

19.09.2018 19:39 Uwe Bautze 3

"Die Geschichte der Gefängnisse im Nationalsozialismus ist ein völlig unerforschtes Gebiet", erklärt Gedenkstättenleiterin Silke Klewin. So beginnt dieser MDR-Beitrag. Und mir persönlich wird der Eindruck vermittelt, in der Zeit 1933 bis 1945 gab es in Deutschland keinerlei Verbrecher welche zu Haftstrafen verurteilt wurden, es gab ausschließlich politische Gefangene. Sehr geehrte Ausstellungsmacher, wenn Sie tatsächlich die Geschichte dieses Gefängnisses in der Zeit 33 - 45 erzählen wollen, bitte fangen Sie noch einmal komplett von vorn an.

19.09.2018 19:18 hercule 2

Wie man an meiner Heimatstadt sieht ist es bitter. ötig immer wieder an dir dunkle Zeit erinnert zu werden
Danke Mdr
Daumen hoch

19.09.2018 17:39 Sachse43 1

Jeden Tag Naziphobie, ihr macht euch nur noch lächerlich!

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