31.3.2020 | 17:35 Uhr Gefangenenaufstand in Bautzen vor 70 Jahren

Heute, am 31. März, vor 70 Jahren hat in Bautzen der erste und größte Gefängnisaufstand in der DDR stattgefunden. 6.000 Häftlinge protestierten gegen die unmenschlichen Haftbedingungen in der Strafvollzuganstalt in Bautzen, die auch als "Gelbes Elend" bezeichnet wurde. An diesen Jahrestag sollte eigentlich mit einer großen Gedenkveranstaltung erinnert werden. Diese wurde wegen der Corona-Krise jetzt auf November verschoben.

Gefangenenproteste, einige Tage vor der Amnestie im Bautzener Gefängnis, 1989 - Transparente hängen an Gefängnisfenstern
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Vor 70 Jahren haben sich mehrere tausend Gefangene gegen die unmenschlichen Haftbedingungen im Bautzner "Gelben Elend" erhoben. Dieser erste und größte Gefangenenaufstand in der DDR wurde damals brutal niedergeschlagen und die Häftlinge schwer misshandelt.

Zeitzeuge Jochen Stern erinnert an Revolte

Der Schauspieler Jochen Stern ist ein Zeitzeuge der Revolte. Stern saß von 1947 bis 1954 wegen angeblicher Spionagetätigkeit in Bautzen und war an dem Aufstand beteiligt. Nach dessen Niederschlagung musste er zwischen den Polizisten Spießruten laufen. "Die Polizisten kamen in die Gefängnissäle", erinnert er sich: "Im Mittelgang haben sie junge Leute verprügelt, es war eine blutige Schlacht."

Erst wenige Wochen zuvor, im Februar 1950, hatten Volkspolizisten das ehemalige Speziallager von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen. Etwa drei Viertel der Insassen waren zuvor von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden - die meisten wegen "Spionage" und "antisowjetischer Propaganda". Nach der Übernahme hatten viele geglaubt, dass die Urteile aufgehoben werden. Doch es wurde nur das Personal ausgewechselt. Und es kam noch schlimmer: Die Verpflegung wurde schlechter, die Tuberkulose-Fälle stiegen an. Mit weit mehr als 6.000 Menschen war das Gefängnis zudem völlig überbelegt.

Hungerstreik zwei Wochen vor dem Aufstand

Angebahnt hatte sich der große Aufstand bereits einige Wochen zuvor, als Gefangene Anfang März in den Hungerstreik traten. Als die Lage sich nicht verbesserte, gingen viele Häftlinge am 31. März erneut lautstark auf die Barrikaden.

Geschmuggelte Briefe machten Bautzen bekannt

"Nach dem Aufstand ist Bautzen als Unrechtsort bekanntgeworden", sagt die Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, Silke Klewin. Denn zwei aus dem Gefängnis geschmuggelte Briefe wurden öffentlich durch den SPD-Chef in der Bundesrepublik, Herbert Wehner, verlesen. Sogar britische und holländische Zeitungen berichteten über die Stadt und ihr Gefängnis.

Zum 70. Jahrestag in diesem Jahr waren mehrere Veranstaltungen geplant, darunter ein Gottesdienst im Bautzener Dom. Doch wegen der Corona-Krise wurde das Programm abgesagt. Wenn möglich, sollen die Gedenkveranstaltungen im November nachgeholt werden.

Quelle: MDR/kb/epd

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN | 31.03.2020 | 15:10 Uhr

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