31.03.2020 | 17:35 Uhr Jochen Stern über den Gefangenenaufstand im "Gelben Elend" in Bautzen

Der Schauspieler Jochen Stern ist bekannt aus "Good Bye, Lenin" und "Ein Herz und eine Seele". Er war damals Insasse im "Gelben Elend" und hat den Aufstand vor 70 Jahren miterlebt. MDR SACHSEN hat mit ihm über seine Erlebnisse gesprochen.

Der Schauspieler Jochen Stern
Bildrechte: dpa

Warum haben Sie damals in Bautzen gesessen?

Ich wurde aufgrund des berühmt-berüchtigten sowjetischen Paragraphen 58 wegen Spionage und illegalem Widerstandes und Opposition verhaftet und verurteilt. Ich habe angeblich von Stettin aus angefangen, dann bis runter nach Görlitz. Ich habe angeblich viele Spionageorte besucht und habe versucht Spione zu werben. Und das mit 17, 18 Jahren. Das können Sie sich ja wohl vorstellen, dass das vollkommen blödsinnig war. Lächerlich!

Was wollten Sie damals erreichen mit dem Aufstand?

Dass sich unsere augenblickliche Lage verändert. Und zwar zum Positiven. Man hatte am 1. März 1950, also nur ungefähr einen Monat vorher, die Rationen ein wenig verbessert. Und nun setzten die Volkspolizisten im Operativ die Rationen wieder ab. Und nun gab es die Hoffnung: "Jetzt übernehmen uns die Deutschen und die überprüfen auch noch einmal alle unsere Fälle". In beiden Fällen war das ein Irrtum.

Da gab es ja vor dem Aufstand schon einen Hungerstreik, der Vorbote sozusagen?

Ja, der 31. März ist ohne den 13. März gar nicht zu denken. Aus dem einfachen Grund, weil schon am 13. das erste Mal geschrien wurde. Und sie können sich vorstellen, dass die Volkspolizisten da sagten "Macht das nie wieder". Denn das waren Chöre, die brüllten "Wir verrecken, wir rufen das deutsche rote Kreuz". Die mussten das natürlich abwehren. Denn es kam an den Eingängen in Bautzen schon die Bevölkerung, die fragte, was da los sei.

Und dann kam der große Aufstand. War die Polizei da umso brutaler?

Ja, das war so eine Art Revanche, denke ich. Das war äußerst schlimm. Die Polizei kam mit ihren Hundertschaften in die Säle rein. So ein Saal ist 35 Meter lang, ungefähr 13 bis 14 Meter breit und eingeteilt in sechs Blöcke mit Pritschen. An den Rändern zum Mittelgang standen Volkspolizisten mit Gummiknüppeln und prügelten auf die Jungen, die da durch mussten. Und "Hunde-Schulze", der sogenannte Polizeirat Gustav Schulze, stand bei uns im Saal 7 und brüllte immer "Haut auf die Köpfe" oder "Schlagt die Hunde tot". Mir ist das wahnsinnig angegangen. Als dann diese sogenannte Saalschlacht zu Ende war, jagte er von oben den Schäferhund runter. Der ging vor und zurück. Und Herr Schulze hat ihn gestreichelt, als wollte er sagen "Siehste, das sind diese Sauverbrecher! Und du bist der liebe, liebe Hund. Du hast die Parade abgenommen." Diese Situation werde ich in meinem Leben nie vergessen.

Haben Sie daran geglaubt, dass Sie dort je wieder rauskommen?

Als uns bewusst wurde, dass die deutsche Volkspolizei uns mindestens genauso schlimm behandelte, wie es die Sowjets gemacht hatten, da hatten wir keine Vorstellung darüber, wann wir herauskommen werden. Der einzige Faktor, der dazwischen kam, war der Tod von Stalin. Ich bin dann 1954 entlassen worden. Und zwar durch die Amnestie, welche die Nachfolger von Stalin erlassen hatten.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn die Linken-Chefin nicht sagen kann, dass die DDR ein Unrechtsstaat war?

Es ist ein Zeugnis davon, dass diese Herrschaften nichts, aber auch gar nichts, gelernt haben. Und dass das eine ungeheuerliche Provokation gegen alle ehemaligen politischen Häftlinge ist. Und ich sage immer: "Wenn diese Herrschaften mit uns auf den Britischen Inseln gesessen hätten, die würden heute alle anders denken und sprechen". Denn wir haben auch mit ehemaligen Kommunisten zusammengesessen.

Herr Stern, ich danke Ihnen für das Gespräch und für die Einblicke. Bleiben Sie gesund.

Danke vielmals, bleiben sie auch gesund.

Das Interview führte Maik Teschner.

Quelle: MDR/leo

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN | 31.03.2020 | 15:10 Uhr

Mehr aus Bautzen, Hoyerswerda und Kamenz

Zwei Frauen sitzen auf einer Couch und schauen in die Kamera 2 min
Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Das Leben in der Corona-Zeit ist für viele Menschen eine große Herausforderung. Vivien Vieth war beim Verein Lebendiger Leben in Kamenz, der Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen unterstützt.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 26.05.2020 16:54Uhr 01:51 min

https://www.mdr.de/sachsen/bautzen/bautzen-hoyerswerda-kamenz/audio-1415100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Eröffnung der Kampagne für die sorbische Sprache "Sorbisch?Na klar." in Bautzen 2 min
Bildrechte: Lydia Matschie

Zur Vielfalt in der Lausitz gehört die sorbische Sprache. Das zeigen auch die Plakate der Imagekampagne "Sorbisch? Na klar." Doch wie steht es eigentlich um dieses "Image"? Milan Greulich hat nachgefragt.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 26.05.2020 16:30Uhr 02:19 min

https://www.mdr.de/sachsen/bautzen/bautzen-hoyerswerda-kamenz/vielfalt-sorbische-sprache-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Mehr aus Sachsen