28.01.2020 | 19:30 Uhr Friedenspreis für Daniele Ganser - Protest in Bautzen

Der umstrittene Verein "Bautzner Frieden" vergibt am Mittwoch im Deutsch-Sorbischen Volkstheater von Bautzen dem ebenfalls umstrittenen Wissenschaftler Daniele Ganser einen Friedenspreis. Einige Stadträte sehen damit das Ansehen ihrer Stadt beschädigt und fordern eine Namensänderung.

Daniele Ganser
Daniele Ganser bei einem Vortrag im April 2019 in Nürnberg. Bildrechte: imago images / Schreyer

Am Mittwoch soll Daniele Ganser den Bautzner Friedenspreis erhalten. Der Schweizer Historiker steht für seine Verschwörungstheorien - etwa über den Anschlag auf das World Trade Center - in der Kritik. Die Auszeichnung verleiht der nicht eingetragene Verein "Bautzner Frieden", in dem sich auch Personen aus der Oberlausitz zusammengefunden haben, denen ein mehr und weniger großer Hang zu Verschwörungsideologien zugeschrieben wird. Das alles sorgt für Unmut und wird am Tag der Preisverleihung sogar Thema im Stadtrat.

Stadträte fordern Namensänderung

Auf Initiative der Grünen-Stadträtin Annalena Schmidt haben die Stadtratsfraktionen der Grünen, Linken und SPD einen Antrag eingereicht. Darin verlangen sie, dass sich der Stadtrat von der Verleihung des sogenannten Bautzener Friedenspreises distanziert. Außerdem soll der Verein aufgefordert werden, den Namen des Preises so zu ändern, dass in Zukunft nicht mehr der Eindruck entsteht, die gesamte Stadt Bautzen würde dahinter stehen. Ziel sei es, weiteren Schaden von der Stadt abzuwenden, steht in dem Antrag.

Stadtrat Roland Fleischer
Kritisiert die Aktivitäten des Vereins "Bautzner Frieden": SPD-Politiker Roland Fleischer fürchtet um den Ruf der Stadt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt


"Weil viele Menschen nicht d'accord gehen mit der Verleihung dieses Friedenspreises, wollen wir nicht, dass sie mit dem Namen der Stadt assoziiert wird. Zudem halten wir wenig von Verschwörungstheoretikern", erklärte SPD-Stadtrat Roland Fleischer. Er selbst habe einige Mails von Bürgern bekommen, die dieser Verleihung im Namen der Stadt widersprechen. Den Stadträten sei es deshalb wichtig, dass hier ein Signal gesetzt werde.

Oberbürgermeister kritisierte bereits früheren Preisträger

Zu einer Namensänderung zwingen kann die Stadt den nicht eingetragenen Verein nicht. "Es ist schwierig, da eine rechtliche Grundlage zu finden", sagte Stadtsprecher André Wucht. "Es gibt keine Möglichkeit, Städtenamen zu schützen." Bezüglich der Preisverleihung im Theater von Bautzen hält sich die Verwaltung laut Wucht als "politisch neutrales Instrument" heraus. Öffentliche Vertreter der Stadt werde es dort keine geben.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Preisträger des Vereins in der Spreestadt zu Diskussionen führt. 2019 ging der sogenannte Bautzner Friedenspreis an den Politiker Willy Wimmer, der seit einiger Zeit dem Millieu der Verschwörungstheoretiker zugerechnet wird. Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) richtete damals deutliche Worte an den Verein und bat, den Preisträger wieder auszuladen. Wimmers Theorien gingen eher in Richtung Volksverhetzung und hätten mit dem Thema Frieden nichts zu tun, so Ahrens damals. Auch wurden keine öffentliche Vertreter der Stadt zur Preisverleihung entsandt.

Verein soll den "Goldenen Chemtrail" erhalten

In diesem Jahr gibt es im Vorfeld der Preisverleihung am Mittwochabend eine Aktion von Kritikern. Auf dem Theaterplatz können gegen 18 Uhr zunächst an drei Stationen Ideen für neue Verschwörungstheorien gegeben und Aluhüte - ein Symbol für Verschwörungstheoretiker - gebastelt werden. Dann soll der "Goldene Chemtrail" an den Verein "Bautzner Frieden" überreicht werden.

Marcel Fischer hält den Antipreis "Goldener Chemtrail" in der Hand.
Nimmt die Sache auf die Schippe: Marcel Fischer verleiht dem Verein "Bautzner Frieden" den "Goldenen Chemtrail". Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Mehrere Preisträger des Vereins leugneten die deutsche Kriegsschuld, sagte der Organisator Marcel Fischer. Sie sähen die Verantwortung für Weltkriege bei jüdischen Interessen oder der amerikanischen Notenbank. Der aktuelle Preisträger impliziere Verschwörungen zum World Trade Center in New York, begründete Fischer die Qualifikation des Vereins "Bautzner Frieden" für den Antipreis. "Der Verein erhält den Preis auch für die Kooperation mit dem Lokalmedium 'Denkste Mit?!' Darin wurde unter anderem über Chemtrails geschrieben und für die Reichsbürgerorganisation 'Bundesstaat Sachsen' Werbung gemacht", so Fischer.

Landrat von Bautzen hält das Grußwort

"Der Verein ist nicht unumstritten, aber in der Region anerkannt", sagte der Bautzner Landrat Michael Harig (CDU), der am Mittwoch zur Preisverleihung ein Grußwort halten will. Das Wirken und die Werke von Daniele Ganser kenne er nicht, aber da vertraue er auf das Urteil des Vereins. "Ich will signalisieren, dass ich alles unterstütze, was zu Frieden führt. Und ich glaube, dass die Menschen, die sich dort zu diesem Verein gefunden haben, so auch breit in der Gesellschaft aufgestellt sind, dass ich diese Stigmatisierung, die teilweise formuliert wird, so nicht mittrage." Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass Entwicklungen sehr komplex sind und es da auch unterschiedliche Ansichten gibt, erklärte der Landrat weiter. Man sollte deshalb miteinander sprechen und sich nicht gegenseitig ausschließen.

Keine Begründung für Auswahl des Preisträgers

Der Verein "Bautzner Frieden" sprach mit dem MDR nicht. Man habe zu viel mit den Vorbereitungen für die Verleihung zu tun, hieß es. Dafür schickte man per E-Mail eine allgemeine Pressemitteilung über die Absichten und Ziele des Vereins. Man arbeite am friedlichen Miteinander zwischen den Bürgern und setze sich gegen die Spaltung der Gesellschaft ein, heißt es darin. Militäraktionen und Rüstungswahn lehne man ab. Eine Begründung für die Auswahl des diesjährigen Friedenspreisträgers gab es nicht.

Hinter Daniele Ganser und den Verein "Bautzner Frieden" stellt sich im Übrigen Bautzens einflussreichster Unternehmer Jörg Drews von Hentschke Bau. Er wüsste nicht, was an Ganser und seinen Publikationen falsch sein solle, so Drews, der seine Bücher gelesen habe. Auch seien die Anschuldigen an den Verein falsch. Schuld seien hier die Medien, die "undifferenzierten Müll" verbreiten würden.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 29.01.2020 | ab 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 29.01.2020 | im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

53 Kommentare

DER Beobachter vor 38 Wochen

Naja, ich würde Gansers Aufgreifen von widerlegten oder zumindest nicht verifizierbaren Thesen zum 9.11. von seinem Engagement gegen die amerikanische Ölkriegspolitik trennen. Wobei es schon putzig ist, wie ihm ausgerechnet Thunbergfeinde und Freunde von FridaysForHubraum hinterherhecheln. Mich würde mal interessieren, was Ganser zu den unübersehbaren weit intensiveren russischen Maßnahmen, Manövern und Technikentwicklungen als denen der USA für einen Ölkrieg unter Nordmeer- und Eisbedingungen denkt... Womit ich keinesfalls die US-Politik billige. Nur dass eben Putin und Trump sich in nichts unterscheiden...

DER Beobachter vor 38 Wochen

Ich halte gerade die Kommentarspalte für einen hervorragenden Beleg, wie wissensresistente Nachplapperer Verschwörungstheorien aufsitzen. Aber dafür kann Ganser in der Tat nichts...

DER Beobachter vor 38 Wochen

In dem Monitor-Artikel wie in seinen Bezugsquellen ist un keiner Weise belegt, dass es einen US-Auftrag gab. Es ist lediglich noch einmal die bekannte Beziehung Saudi-Arabiens zur Al Quaida herausgestellt worden wie die zu Amerika. Im Grunde bestätigt es, dass der Freund meines Freundes nicht unbedingt mein Freund sein muss...

Mehr aus Bautzen, Hoyerswerda und Kamenz

Mehr aus Sachsen