Interview Bea Nielsen: "Die Vorurteile werden oft von außen verstärkt"

Die mobile Kunstausstellung "Kein schöner _ in dieser Zeit" startet am 22. September in Hoyerswerda. Die Künstler zeigen Installationen, Fotos, geben Workshops - und wollen vor allem mit den Menschen ins Gespräch kommen. Katrin Tominski hat mit Beate Müller gesprochen, die als Künstlerin Bea Nielsen auch selbst Bilder ausstellt.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Frieder Bickhardt, Rafael Brix, Paul Altmann, Bea Nielsen, Sophie Stephan, Isaak Broder und Julia Peters.(v.l.) Bildrechte: Sophie Stephan

Sie fahren mit ihrem Künstlerkollektiv nach Hoyerswerda. Waren Sie schon einmal da?

Im Rahmen des Projekts und der künstlerischen Arbeit haben wir in Hoyerswerda Vorgespräche geführt und die Stadt mehrere Male besucht. Wir haben hier Begegnungsstätten und auch Orte der Zusammenkunft gesucht. Privat sind wir vorher noch nie an diesem Ort gewesen.

Was ist Ihnen an Hoyerswerda aufgefallen?

Die Klischees, die über Hoyerswerda existieren, haben wir in keiner Weise bestätigt gefunden. Natürlich waren wir vorher im Gespräch mit der Kufa und sind auch mit der Kamera in der Hand durch die Stadt gelaufen - insofern weiß ich nicht, ob wir neutral wahrgenommen wurden. Doch wir haben keine Horden Rechtsextremer gesehen, eigentlich überhaupt keine politischen Menschen. Im Gegenteil, uns sind viele ältere Menschen aufgefallen – einer hat sogar auf dem Marktplatz gesungen. Ein Sinnbild des Alltags.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Mitten im Zentrum möchten die Künstler mit Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch kommen. Bildrechte: Sophie Stephan

Welche Klischees über Hoyerswerda hatten Sie denn im Kopf?

Mir ist Hoyerswerda hauptsächlich als der bekannte Ort im Gedächtnis, in dem es in den 1990er-Jahren große rechtsradikale Ausschreitungen gegeben hat. Ich selbst bin in Rostock-Groß Klein aufgewachsen. Der Stadtteil liegt genau gegenüber vom Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, dort wo es 1992 die großen rassistischen Ausschreitungen gegeben hat. Ich habe dort nicht mehr gelebt, als das passiert ist. Doch das Sonnenblumenhaus ist zum großen Beispiel für stigmatisierte Orte geworden, es ist ja schon fast ein ikonischer Ort. Hoyerswerda ist mir immer in diesem Zusammenhang im Gedächtnis. Viele Jahre habe ich mich dann nicht mit solchen Themen beschäftigt, habe woanders gelebt. Ich bin erst durch das Projekt sensibilisiert worden für diese Fragen und natürlich die politische Situation in Sachsen.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Manche Dinge sind überall gleich - und beeindruckend normal. Das Bild hat Bea Nielsen für die Ausstellung fotografiert. Bildrechte: Bea Nielsen

Das Sonnenblumenhaus ist ein stigmatisierter Ort, Hoyerswerda ist ein stigmatisierter Ort, Stigmatisierung ist auch ein Thema in der Ausstellung…

Ja, die Fotografen Rafael Brix und Frieder Bickhardt beschäftigen sich intensiv mit dem Thema. Sie nehmen als Beispiel die Leipziger Eisenbahnstraße, ihre Darstellung in der Öffentlichkeit und auch die Rolle der Medien. Sie zeigen Fotos und auch Filmaufnahmen. Mit einer Bodycam haben sie auf der Straße die Menschen gefilmt und danach verpixelt. Sie spielen dabei mit den Klischees und den stereotypen Darstellungsweisen, mit denen Orte immer wieder skizziert werden - bis sie ein festes Stigma auf ihrer Wahrnehmung kleben haben. Das betrifft auch Hoyerswerda. Die Fotografen laden die Bewohnerinnen und Bewohner von Hoyerswerda ein, über vorgefertigte Bilder von Orten zu sprechen und nach den Ursprüngen zu forschen. Auf einer Fototour geht es  mit einer geschärften Wahrnehmung zu möglicherweise "stigmatisierten Orten" in Hoyerswerda, wobei ein neuer fotografischer Blick, der mit stereotypen Darstellungsweisen bricht, erkundet und eingeübt werden soll.

Sie präsentieren eine Kunst und wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen?

Ja. Über künstlerische Strategien möchten wir mit den Menschen ins Gespräch kommen. Die Angebote sind sehr niedrigschwellig. Die Kunst im öffentlichen Raum soll auch die Räume für Interpretationen öffnen. Es ist nicht alles starr und unverrückbar, wir wollen einen Austausch.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Endlich mal Zeit zu reden: Im Erzählcafé kann alles auf den Tisch - Erfahrungen, Erinnerungen, Ängste, Erwartungen und überhaupt - alles, was so in den Sinn kommt. Bildrechte: Sophie Stephan

Wie ist dieses Gesamtkonzept entstanden?

Das "Sachsen-Bashing" und auch der Rechtsruck spielten eine Rolle. Wir wollten nicht plakativ oder mit Demonstrationen an das Thema herangehen, sondern dialogische Formen anbieten. Wir wollten den Menschen in Orten abseits der Metropolen begegnen, mit ihnen auf Augenhöhe ins Gespräch kommen - und auch Sachsen Wertschätzung gegenüberbringen. Die Vorurteile werden oft von außen, auch von den Medien verstärkt. Natürlich passiert das, doch es gibt auch die vielen anderen. Diese Begegnungen haben auch uns verändert

Wie haben die Begegnungen verändert?

In Döbeln kam auch die Bürgerwehr vorbei und hat NPD-Flyer hingelegt. Wir wussten voneinander, aber es gab keine direkte Konfrontation. Selbst da war es so, als ob man sich kurz als Menschen begegnet, nicht nur als rein politisches Wesen. Viele von uns sind davon ausgegangen, dass es bei der Tour von den Rechten mehr Protest geben wird. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil. Wir sind mit sehr vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Egal, mit wem man spricht, man erfährt ja immer etwas Neues. Argumente, stellen die eigene Sichtweise in Frage. Das kann man in sein Gedankengerüst mit einbringen.

Konkret?

Ein Mann aus Weißwasser hat sich zu uns gesetzt und viel erzählt. Er ist sensibler für den Umgang mit migrantischen Menschen geworden. Wir haben gelernt, dass bei der Frage der Tagebaue auch die Menschen berücksichtigt werden müssen. Sie leben hier, es ist ihre Heimat. Der Mann hat nicht verstanden, warum die Politik nicht nach den Menschen fragt. Es ist die sogenannte Blase, aus der man herausfällt. Manchmal haben die Bewohner einfach etwas von ihrem Leben erzählt, auch da haben wir interessante Einblicke in die Biographien bekommen.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Viele Perspektiven können gleich ein ganz anderes Licht auf alles werfen. Bildrechte: Julia Peters

Hoyerswerda ist die letzte Station der Wanderausstellung. Wie geht es weiter?

Vielleicht wird es eine Fortsetzung geben. Nur weil die Landtagswahl vorbei ist, heißt es nicht, dass dieser Dialog vorbei sein muss. Wir werden reflektieren, schauen, bilanzieren. Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns neu auf die Förderung bewerben. Es stand schon einmal im Raum, dass wir das alle zwei Jahre machen.

Was können die Menschen in Hoyerswerda erwarten?

Wir sind immer vor Ort - alle Menschen können kommen und mit uns in Gespräch kommen. Es gibt viele interessante Bilder, Fotografien und auch Installationen. Wir laden zum Zeitzeugengespräch über "Zwangsadoptionen in der DDR", die Bewohnerinnen und Bewohner sind auch zu Workshops und einem Fotorundgang geladen. Zum Abschluss gibt es ein Erzählcafé. Wir freuen uns auf Erfahrungen und Perspektiven aus Hoyerswerda.

Kunst und Dialog in Hoyerwerda
Bildrechte: Julia Peters

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.09.2019 | ab 06:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 19:20 Uhr

1 Kommentar

Sachse44 vor 3 Wochen

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