Silbermond melden sich 2019 zurück auf der Bühne.
Bildrechte: Harald Hoffmann

10.05.2019 | 13:55 Uhr Silbermond über den Osten: Hemmungen sinken, Wut schlägt in Hass um

Die Band Silbermond warnt vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft vor allem im Osten Deutschlands. In ihrem neuen Song "Mein Osten" werfen sie einen kritischen Blick auf ihre Heimat. Es würden inzwischen Risse durch ganze Familien gehen, sagen die Musiker. Im Interview sprechen Stefanie Kloß (34), Johannes Stolle (36), Thomas Stolle (35) und Andreas Nowak (36) über die Stimmung in ihrer Heimat und Gründe für die Schieflage.

Silbermond melden sich 2019 zurück auf der Bühne.
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Wie habt Ihr die Entwicklungen im Osten wahrgenommen?

Alle: Wir haben schon wahrgenommen, dass Schieflagen dazu geführt haben, dass Menschen auseinanderdriften. Dass sich da eine Menge Frust und Angst angestaut hat. Dass Hemmungen am rechten Rand gleichzeitig gesunken sind und Wut in Hass umschlägt. Absolut schlimm. Gleichzeitig hat sich das Gefühl bei vielen ausgebreitet, mit den eigenen Sorgen und Nöten nicht gehört zu werden. Oder sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Echter Dialog ist schwierig. Wir kennen Familien, da wird am Mittagstisch das Thema Politik bewusst ausgeklammert. Es haben sich Lager gebildet und Fronten verhärtet. Wir alle sollten zusehen, dass wir das wieder aufknacken. Wir glauben daran, denn bei all den Problemen, bei aller Komplexität, merken wir auch jeden Tag, dass in diesem Land tolle Menschen leben. Sortiert, reflektiert, hoffnungsvoll.

Eure Heimatstadt Bautzen stand wegen ausländerfeindlicher Ausschreitungen in den Schlagzeilen. Wie seid Ihr damit umgegangen?

Ja, es gab da leider zwei sehr prominente Beispiele. Wenn Bautzen im Lauftext über deinen Fernseher wandert, ist man natürlich erstmal geschockt. Ruft zu Hause an, was da los ist. Als das Husarenhof-Dach brannte, haben wir wenige Tage später in Bautzen gespielt. Irgendwie ist man zerrissen. Zum einen sind der Hass und die Gewaltbereitschaft höchst beunruhigend, zum anderen ist es bitter, dass durch solche Vorfälle deine Heimatstadt als "braunes Nest" stigmatisiert wird. Das ist bitter für all die Anderen.

Ihr seid schon früher gegen Rechtsextremismus aufgetreten. Gehört das zur DNA von Silbermond?

Stefanie Kloß: Ja, das würde ich schon sagen. In Bautzen gab es schon früher leider ab und zu NPD-Aufmärsche. Da haben wir schon 2002 bei "Bautzen ist bunt" gespielt. Es war gut zu sehen, dass da 100 Hardcore-NPD'lern mehr als 1000 Bürger gegenüberstanden, die bunt und friedlich Flagge gezeigt haben. Ich kann einfach nicht kapieren, wie man diese Ideologie derart verharmlosen oder glorifizieren kann, die so unmoralisch, so unendlich falsch war. Es ist doch so viel dokumentiert. Jeder, der ein Herz hat, muss das doch verurteilen.

Welche Beziehungen habt Ihr noch zu Bautzen?

Johannes Stolle: Wir sind sehr viel auf Achse und unser Lebensmittelpunkt ist im Moment Berlin, aber wahrscheinlich haben wir zu keiner anderen Stadt der Welt eine so enge Beziehung wie zu unserer Heimatstadt. Wir sind noch sehr oft in Bautzen. Nach wie vor leben unsere Familien dort und Menschen, die uns schon als Kinder kannten und irgendwie Zeugen unsrer eigenen Biografie sind.

Sozialforscher glaubten lange, dass Ost-West-Unterschiede im Laufe der Zeit verschwinden. Doch selbst Jugendliche berufen sich heute auf ihre ostdeutsche Identität. Was läuft da schief?

Andreas Nowak: Manche Ecke hat doch ihren eigenen Vibe, ihre eigene Mentalität. Ein Jugendlicher sollte sich doch als Ostdeutscher fühlen können, wenn er es mag, warum nicht?

Thomas Stolle: Vielleicht wurde sich sogar zu wenig mit der Ostdeutschen Identität auseinandergesetzt. In der Generation über uns spürt man schon hin und wieder ein gewisses Gefühl einer "Invasion" in den 90er Jahren. So nach dem Motto: Ihr habt da im Sozialismus gelebt, das war ja nix, jetzt werdet mal so wie wir. Eine Biografie so abzubügeln ist falsch. Menschen haben auch in der DDR ihre Lebensrealität gehabt und die war nicht per se schlecht.

Ist das nicht eine bedenkliche Entwicklung?

Thomas Stolle: Wenn Identität in übertriebenen Heimatstolz kippt, wird es natürlich schwierig. Ich persönlich mag das vereinte Deutschland sehr, mag den europäischen Gedanken und seh mich auch irgendwie als "Ossi", so wie sich vielleicht ein Schwabe als Schwabe sieht. Wir sind die letzte Generation, die einerseits vielleicht "klassisch ostdeutsch" groß geworden ist und gleichzeitig aber in den vollen Genuss der Freiheit kam, die die Wende mit sich brachte. Ich meine, in der DDR wurde Musik zensiert. Unvorstellbar. Nur durch die Wiedervereinigung können wir die Band sein, die wir heute sind. Dennoch merkt man manchmal unsichtbare Drähte zwischen Leuten, die aus dem gleichen Background kommen. So zwischenmenschlich eben, schwer zu beschreiben.

Viele Ostdeutsche fühlen sich als Menschen zweiter Klasse. Könnt Ihr dieses Ost-Gefühl dennoch nachvollziehen?

Alle: Wir haben dieses Gefühl nicht, aber wir sind natürlich auch irgendwie privilegiert. Für uns ist es ja ganz gut gelaufen, aber das ist es ja nun wirklich nicht für alle aus dem Osten. Deswegen: Nachvollziehen können wir das Gefühl schon. Das Gefühl, von Entwicklungen überrollt worden zu sein, abgehängt worden zu sein. Ob das objektiv gesehen immer so stimmt, ist vielleicht sogar manchmal gar nicht der Punkt. Aber das Gefühl ist auf jeden Fall real, es ist die Realität in einem Menschen, der eben fühlt, was er fühlt. Und das darf nicht einfach abgetan werden!

Wo seht Ihr dabei Defizite?

Alle: Da ist doch die Frage: Hat sich der eine Teil Deutschlands wirklich empathisch in den jeweils anderen eingefühlt? Ist das wirklich so gelaufen? Vieles deutet doch darauf, dass das eben nicht geschehen ist. Und da sind an Stelle der Mauer plötzlich Risse entstanden. Vielleicht erst ganz winzige, fast unsichtbare, die keiner bemerkt hat, aber es reißt immer weiter auf und plötzlich gehen Risse durch Familien.

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im MDR-Programm MDR JUMP am Abend | 10. Mai 2019 | 20:10 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

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31 Kommentare

12.05.2019 10:18 mare nostrum 31

@ 27

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung und es braucht keine Mehrtagesreisen mit der Postkutsche mehr, um nach Sachsen oder Berlin zu gelangen.

Dass in Sachsen mehr als ein Rad im Dreck schleift/mehr als ein Sachse mit braunem Dreck schmeißt, ist weit über Europa hinaus bekannt!

Und überall ist die Reaktion auf sächsisches Gebaren Kopfschütteln - und zwar unabhängig von der Einkommenshöhe des Einzelnen.

Verpeilt bleibt verpeilt, auch wenn viele Sachsen versuchen, sich selbst in den Kult-Status (horhor!) zu erheben!

12.05.2019 09:33 Mediator an Mikro (26) 30

Das bei einem feigen im Schutz der Nacht begangenen Verbrechen bisher noch kein Täter gefunden wurde liegt wohl an der Art der Tatbegehung. Der BRand des Husarenhofs hat sich aber nahtlos in eine Serie von Brandstiftungen in Sachsen eingefügt, bei denen geplante Asylbewerberunterkünfte das Ziel waren. Von ca. 200 Brandstiftungen in diesem Themenkomplex bundesweit fanden 65 in Sachsen statt. (Quelle: Zeit online - Es brennt in Deutschland). Sachsen hat sich in Folge auch als Zentrum des Rechtsextremismus und Rechtsterrorismuses in Deutschland herauskristalisiert. (Siehe Urteile gegen ostdeeutsche Rechtsterroristen).

Sich als Band mit Reichweite und somit als gesellschaftlicher Multiplikator für ein freidliches Miteinander und gegen rechte Straftäter einzusätzen stand Silbermond gut an!

Sind sie ein Freund von Rechtsextremisten? Ein klares Ja oder Nein reicht mir. Können sie sich dazu durchringen? Wohl kaum wenn man dem MDR Archiv glaubt.

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11.05.2019 22:01 Mediator an NN(27) 29

Das was sie betreiben ist etwas was man bei Populisten häufig findet. Es nennt sich "Elitenschelte" und soll sugerieren, dass <die da oben> - hier Silbermond - keine Ahnung von denen da unten - hier die Bevölkerung von Bautzen haben.

Silbermond behauptet jedoch gar nicht Sprachrohr der Bautzener zu sein sondern gibt eine persönliche Meinung und Einschätzung wieder.

Fakt ist, dass es <die Bautzener> nicht gibt und in dieser stadt sicher hunderte unterschiedliche Meinungen zu ein und dem selben Thema zu finden sind.

Wenn man Silbermond schon nicht mit dem Kampfbegriff <Wessi> diskreditieren kann, dann versucht man es halt anders. Neiden sie ihnen den Erfolg? Ansonsten wird doch immer mangelnder Erfolg und fehlende Kohle für die Menschen aus dem Osten beklagt.

11.05.2019 19:10 Risse durch Familien 28

Wie gut, dass ich in keiner Familie lebe, in der es Sympathien für Ideen von 1933 gibt. Bei uns wird sich nicht angegiftet, wenn wir zusammen beim Essen sitzen. Mein Beileid allen Leuten, wo es anders abläuft.

11.05.2019 17:41 NN 27

Ich stimme ausdrücklich Zeitgeist (24) zu: Warum sollten die in Berlin lebenden Künstler, mit sehr gutem Einkommen, representativere Aussagen zu den Befindlichkeiten der hiesigen Bevölkerung machen können, als die Bevölkerung selbst. Sie trauen aus der Ferne, ja nicht einmal den Medien: "...ist man natürlich erstmal geschockt. Ruft zu Hause an, was da los ist....". Die beklagte Zerrissenheit heizt man genau mit solchen Interviews an. - Zukünftig Interviews zur Musik geben, sich nicht vor einen politischen Karren spannen lassen und weiterhin gute Musik machen! Viel Erfolg dabei! -

11.05.2019 17:34 Mikro 26

Mich würde interessieren ob die Leute von Silbermond neue Informationen zu dem Brand des Husarenhofes haben?Sie haben dann Tage später dort gespielt.Da ja keine Täter gefasst wurden war das Konzert gegen Hass und Gewaltbereitschaft der Linken oder Rechten?

11.05.2019 17:03 Simone 25

Phrasenhasser 21: Ihr Rechten scheint schon ein komische Völkchen. Ohne Verschwörungstheorie geht ihr wahrscheinlich nicht mal auf Klo! Wenn du in die Texte von Freiwild reinhören willst, dann musst du da nichts weiter machen als Youtube zu öffnen oder direkt auf die Homepage der Band zu gehen. Da Freiwild nicht wirklich Mainstream Musik macht wirst du die kaum in den üblichen Radiodudelsendungen hören. Das hat aber mehr etwas mit dem Durchschnittsgeschmack und nicht mit Politik zu tun. Die DDR war eine richtige Diktatur mit allem was dazu gehört. So zu tun als wäre unser Land auf dem Weg dorthin, ist dumm und macht sie nicht überzeugender.

11.05.2019 15:49 Zeitgeist 24

Liebe Stefanie... wie war das so im Jahre 2002, liebe süsse Sängerin findet leider leider keinen Freund, so die Medien?
Tipp... Musik machen und bitte Politik und anderen Schwachsinn ganz weit hinten lassen !

11.05.2019 15:15 Mediator an Egon (11) 23

Lieber Egon, das was sie erzählen kann man ja fast schon als Lüge bezeichnen!
Was soll denn bitte "linientreue" in Bezug auf ein Happening der Deutsche Phono-Akademie sein? Dass die Frei.Wild nicht in der Kategorie "Rock Alternative National" nominiert wurde lag wohl eher daran, dass sonst andere Künstler nicht teilgenommen hätten und die Preisverleihung in dieser Kategorie zu einer Farce geworden wäre. Frei.Wild erhielt übrigens einen Sonderpreis bei dieser Echo Verleihung. Staatliche Unterdrückung sieht da doch anders aus. Die Band ist in den Charts, verkauft tausende von CDs und hat Konzerte im gesamten deutschsprachigen Raum. Also heulen sie bitte nicht so herum wie böse diese Band unterdrückt wird. Ich denke Frei.Wild hat keinerlei Ambitionen sich vor irgendeinen rechten Karren spannen zu lassen und das drücken sie in Interviewes auch sehr deutlich aus!

11.05.2019 14:34 Mediator 22

Komisch was man Silbermond hier ankreidet. Muss man darüber diskutieren, dass Rechtsextremismus, Gewalt gegen Minderheiten, Fremdenfeindlichkeit und Hass nichts Positives sind? Bei einigen Usern scheint dies der Fall zu sein.

Wenn man schon innerhalb einer "Ossi-Familie" keine sachorientierte Diskussion über gewisse Themen mehr pflegen kann ohne sich an die Gurgel zu gehen, dann wird schnell klar, dass dies nichts mit irgendwelchen Ost / West Gefühlen zu tun hat, sondern mit einer verloren gegangenen Diskussionskultur die Menschen in Lager zwingt.

Gegen Gefühle von Menschen, die nicht der Realität entsprechen kann man wenig tun. Man sollte sich einmal klar machen, dass es DEN abgehängten Ostler oder Wendeverlierer nicht gibt. Es ist ja nicht so, dass es im Osten keine Hausbesitzer, Gutverdiener und beruflich gut etablierten Menschen gibt. Wenn man nicht zu diesen Gruppen gehört, dann liegt das sicher nicht daran, dass man im Osten Deutschlands lebt.

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