Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I.
Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

10.07.2019 | 11:59 Uhr Der Kummerkasten: Hoyerswerdas letzter DDR-Kiosk

Sie nennen ihn den "Kummerkasten von WK I" - den gelben Zeitungskiosk aus DDR-Zeiten an der Bautzner Allee in Hoyerswerda. Er ist weit und breit der letzte seiner Art. Darum steht er unter Denkmalschutz. Doch die Kunden suchen hier alles andere als ein Stück Nostalgie.

Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I.
Immer gute Laune und einen kecken Spruch auf den Lippen: so mögen die Kunden Bärbel Rosenberg, die Zeitungsverkäuferin aus WK I. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Norbert Kelch kommt extra aus dem Garten am Knappensee an den gelben Kiosk im Zentrum der Neustadt. "In Groß Särchen ist die Post zu", erzählt Kelch. Da gebe es keine Zeitungen mehr. Bei Bärbel Rosenberg aber bekommt er alles, was er will: ein paar bunte Zeitschriften für die Frau, die Fernsehzeitung für ihn. Wenn Norbert Kelch vor der Luke auftaucht, greift Bärbel Rosenberg nur kurz neben sich und reicht ihm das Übliche. "Die Kunden suchen nichts, die kriegen von mir", sagt die Kioskbesitzerin in schönstem Sächsisch. "Weil ich weiß von jedem Einzelnen, was er kriegt. Von Zeitungen reden wir so gut wie gar nicht. Wir quatschen bloß so." Es quietscht, als sie einen Zeitungsständer neben sich aufklappt. "Ich hab hier alles parat. Ich weiß bei jedem, wenn der da hinten kommt: Jetzt kommt Super Illu. Auf einen Blick. 23 Jahre, das merkt man sich."

50 bis 60 Stammkunden schauen regelmäßig am Kiosk vorbei. Dazu kommt Laufkundschaft vom Frisör und der Physiotherapie gegenüber. Ihren Kiosk sieht Bärbel Rosenberg als Hobby. Denn der Zeitungsverkauf decke lediglich die Nebenkosten, die der Kiosk verursacht. Strom, Telefongebühren und die Pacht für den Stellplatz hat sie zu zahlen. "Ich mach das bloß noch, weil ich Langeweile hab. Der Mann muss bis nächstes Jahr noch arbeiten. Und was soll ich allein zu Hause? Hier erfahr' ich was." Durch den Kiosk komme sie unter Leute. Dafür steht sie von Montag bis Samstag um vier auf. Halb sieben öffnet sie die Luke am Kiosk. Um elf schließt sie wieder. Denn dann sei die Tageskundschaft durch.

Freundlich, lustig, gut gelaunt - eine Verkäuferin, wie Kunden sie mögen

"Bei Frau Rosenberg, das ist noch persönlicher. Sie geht auf die Kunden ein, man hält auch mal ein Schwätzchen mit ihr, was man im Supermarkt nicht hat. Da ist das alles so anonym. Das mag ich nicht so", begründet Ilona Mikowski, warum sie ihre Zeitschriften am gelben Kiosk und nicht im gelben Supermarkt auf der anderen Straßenseite holt. Rosenberg sei freundlich, lustig und habe immer gute Laune. Auch deshalb kaufe Mikowski gern bei ihr.

Auch Karin Schulze lässt sich am Kiosk einen Stapel bunter Zeitschriften durch die Luke reichen. "Ich habe vor ein paar Jahren meinen Mann verloren", erzählt sie. "Da kann man mal drüber reden. Es passt alles rein, was man mal loswerden will an Sorgen, an Freude, an Trauer. Das find ich gut, dass man so eine Stelle hat. Denn heute gibt es nur noch selten Menschen, die zuhören können." Bei der Kioskbesitzerin aber findet Karin Schulze immer ein offenes Ohr. "Wir reden über Gott und die Welt. Manche haben Kummer, manche haben Sorgen", berichtet Bärbel Rosenberg. "Aber das sind so Sachen, die dann nicht weitergetratscht werden. Das bleibt hier drinnen."

Der Traum: Allein was aufziehen

Rosenberg steckt sich eine Zigarette an. Hinter ihr dudelt das Radio. Von den Magazinen und Zeitungen, die rings um sie ausliegen, rührt Bärbel Rosenberg keine an: "Ich lese nichts hier drinnen. Ich habe keine Lust zum Lesen. Früher, wo ich keine Zeit hatte, da hab ich 'geschwartet'. Jetzt, wo ich könnte: Nicht eine Zeitung guck ich an. Die Informationen, die drinnen stehen, na da guck ich 'Exklusiv' und 'Explosiv'. Dasselbe steht hier drin. Ansonsten: Was geht mich die Hertel an? Flori und die Helene? Um Gottes Willen!"

Bärbel Rosenberg stammt aus dem Vogtland. Die Eltern seien der Arbeit wegen nach Hoyerwerda gekommen. Rosenberg lernt Maschinistin, arbeitet im Schichtbetrieb in der Brikettfabrik Schwarze Pumpe, später dann nur noch in der Frühschicht bei den Elektrikern. 1992 ist Schluss. Ihr Betrieb wird übernommen, nicht aber alle Mitarbeiter. Da denkt Bärbel Rosenberg daran, sich selbstständig zu machen. "Ich habe immer schon mit dem Gedanken gespielt, mal was alleine aufzuziehen. Eigentlich wollte ich einen Imbiss aufmachen", erzählt die 67-Jährige. Heute ist sie froh, dass daraus nichts wurde. "Da wär‘ ich ja nicht mehr froh geworden. Da kannst du einen Haufen wegwerfen, wenn sie nichts kaufen. Hier, bei Zeitungen, passiert nichts. Das rechnen die zurück und da ist gut."

Der letzte DDR-Kiosk in Hoyerswerda

Er ist eine Rarität: Der Kiosk von Bärbel Rosenberg an der Bautzener Allee hat nicht nur wegen seiner Geschichte seinen Charme.

Immer Zeit für einen Schwatz: Bärbel Rosenberg (Mitte) mit ihren Kunden Ilona Mikowski und Norbert Kelch.
Immer Zeit für einen Schwatz: Bärbel Rosenberg (Mitte) mit ihren Kunden Ilona Mikowski und Norbert Kelch. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Immer Zeit für einen Schwatz: Bärbel Rosenberg (Mitte) mit ihren Kunden Ilona Mikowski und Norbert Kelch.
Immer Zeit für einen Schwatz: Bärbel Rosenberg (Mitte) mit ihren Kunden Ilona Mikowski und Norbert Kelch. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Die Kunden schätzen Bärbel Rosenbergs aufgeschlossene Art. Sie vertrauen ihr Freuden und Sorgen an.
Die Kunden schätzen Bärbel Rosenbergs aufgeschlossene Art. Sie vertrauen ihr Freuden und Sorgen an. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Zwischen den Wohnblöcken des Wohnkomplexes I in Hoyerswerda hat Bärbel Rosenbergs Kiosk seinen Platz. In ihrem Wohnkomplex kennt Rosenberg alle Nachbarn. Ihre Kunden nennt sie eine Familie. Kommt einer aus dem Wohnkomplex gegenüber bei ihr einkaufen, raunt sie: "Das ist ein 'Auswärtiger'" und lacht.
Zwischen den Wohnblöcken des Wohnkomplexes I in Hoyerswerda hat Bärbel Rosenbergs Kiosk seinen Platz. In ihrem Wohnkomplex kennt Rosenberg alle Nachbarn. Ihre Kunden nennt sie eine Familie. Kommt einer aus dem Wohnkomplex gegenüber bei ihr einkaufen, raunt sie: "Das ist ein 'Auswärtiger'" und lacht. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Ob Hitze im Sommer oder Eiseskälte im Winter: Bärbel Rosenberg hält es zu jeder Jahreszeit im Kiosk aus. In den letzten Tagen kletterte das Thermometer im Kiosk schonmal bis an die 50. "Da war dir Mittag aber schlecht. Das ist so eine drückende Wärme hier. Und dann die Zeitung, die stinkt wie die Pest. Dann wird dir flau im Magen", schildert Rosenberg.
Ob Hitze im Sommer oder Eiseskälte im Winter: Bärbel Rosenberg hält es zu jeder Jahreszeit im Kiosk aus. In den letzten Tagen kletterte das Thermometer im Kiosk schonmal bis an die 50. "Da war dir Mittag aber schlecht. Das ist so eine drückende Wärme hier. Und dann die Zeitung, die stinkt wie die Pest. Dann wird dir flau im Magen", schildert Rosenberg. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Die Aufkleber rings um die Verkaufsöffnung hat Bärbel Rosenberg draußen von ihrem Kiosk abgeklaubt oder aus den Zeitungen, die sie verkauft. Einmal stand Rosenberg morgens im Kiosk und wunderte sich, warum es innen so dunkel war. Der Kiosk war ringsum mit Grafitti besprüht worden. Rosenberg hat das Zeug noch herunterwaschen können. Doch seitdem sind ihre Plexiglasscheiben trübe.
Die Aufkleber rings um die Verkaufsöffnung hat Bärbel Rosenberg draußen von ihrem Kiosk abgeklaubt oder aus den Zeitungen, die sie verkauft. Einmal stand Rosenberg morgens im Kiosk und wunderte sich, warum es innen so dunkel war. Der Kiosk war ringsum mit Grafitti besprüht worden. Rosenberg hat das Zeug noch herunterwaschen können. Doch seitdem sind ihre Plexiglasscheiben trübe. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Von Montag bis Samstag öffnet Bärbel Rosenberg täglich um 6:30 Uhr die Luke zu ihrem Zeitungskiosk. Bis 11 Uhr sind die Stammkunden durch. Dann schließt sie wieder.
Von Montag bis Samstag öffnet Bärbel Rosenberg täglich um 6:30 Uhr die Luke zu ihrem Zeitungskiosk. Bis 11 Uhr sind die Stammkunden durch. Dann schließt sie wieder. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
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Die Kundschaft: Nachbarn und Freunde

Der gelbe DDR-Kiosk habe damals einer Bekannten gehört. 1966/67 muss das Häuschen errichtet worden sein, erinnert sich Bärbel Rosenberg. "Ich bin immer zum Quatschen hergekommen. Es war lustig und vergnügt hier", erinnert sie sich. Der Bekannten wollte Rosenberg zunächst einen Garten abkaufen. "Aber dann hab ich gesagt: 'Weißt du was Milla? Den Garten kannst du behalten. Verkauf mir das Ding! Und seitdem sitz‘ ich hier drin.'"

Fast ein Vierteljahrhundert gehört Rosenberg der Kiosk nun schon. In all den Jahren blieb er nicht ein Mal wegen Krankheit verschlossen. Auch für einen Urlaub sperrte Rosenberg nie zu. "Der Kiosk ist mir ans Herz gewachsen. Ich hänge dran. Hier kommt immer jemand zum Erzählen", begründet Bärbel Rosenberg. Der Zeitungsverkauf gibt ihr Zufriedenheit. Woher die kommt, kann sie auf Anhieb gar nicht sagen. Doch dann platzt es aus ihr heraus: "Mensch, ich hab nur nette Kunden. Da ist keiner, der mir irgendwie dumm und dämlich kommt. Das harmoniert, wird sind eine Familie."

Haustürservice inklusive

Wenn die Kunden krank sind oder wegen Glatteis nicht vor die Tür können, bringt ihnen Bärbel Rosenberg die Zeitung nach Hause. Manchmal erledigt sie ihnen auch den Einkauf. Dann schwingt sie sich auf ihr Minifahrrad, das draußen am Kiosk lehnt und flitzt zum Supermarkt hinüber. "Das ist Service", sagt Rosenberg dazu nur. Schließlich habe sie etwas zurückzugeben. Wenn ihre Kunden am Kiosk vorbeikämen, fragen die auch: "Bärbel, brauchst du was? Sollen wir was mitbringen?"

Zu schaffen macht Bärbel Rosenberg dagegen, dass ein Kunde nach dem anderen wegstirbt. "Da hat der Mann schon gesagt: 'Bärbel, wenn du dich nicht langsam zusammenreißt und das ein bisschen von dir weghältst, gehst du zugrunde.'" Bärbel aber denkt nicht ans Aufhören. "Ich darf gar nicht an nächstes Jahr denken, wenn der Mann zu Hause ist. Weil der immer schon sagt: Wie lange willst du denn noch da drin hocken?" Sie erwidert ihm dann: "Ich weiß auch nicht so genau. Stell dir mal vor, wenn wir beide zusammenhocken zu Hause. Einer guckt den andern blöd an. Mir reicht schon immer der Sonntag." Bärbel Rosenberg starrt aus ihrer Luke und schüttelt energisch mit dem Kopf. "Nee", sagt sie. "Da würde mir was fehlen."

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.07.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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3 Kommentare

11.07.2019 16:33 Gerald 3

Dort habe ich schon in den 70-er Jahre meine Sportecho und meine Fuwo geholt! Da war noch in Hoywoy was los!
Lang, lang ist es her!

11.07.2019 15:13 kein Otto 2

Der Kiosk selber ist doch aber noch keine 50 Jahre alt? Diese Bauform dürfte doch eher aus den 80er Jahren stammen. In den 70er Jahren gab es noch diese schräge Bauform, ich kann mich erinnern, daß bei uns in den 80er Jahren mal die Zeitungskioske erneuert und durch die im Bild zusehende gerade Form ersetzt wurden. Gibts noch irgendwo eines der alten Exemplare, vielleicht auch in einem Museum?

10.07.2019 18:58 Thomas Gohlke 1

Ich kenne den Zeitungskiosk schon ca.50 Jahre,habe dort meine Atze,Frösi etc.Gekauft,da wir in der nähe gewohnt haben,(WK 2)Röntgenstrasse.Seit 2 Jahren war ich nicht mehr bei Bärbel.Wohne jetzt am Anderen Ende der Stadt.Wäre trotzdem Schade wenn es diese einzige institution in Sachsen Nicht mehr geben würde.

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