Von Holzwürmern zwerfressener Balken im Rathaus Pulsnitz.
Von Holzwürmern zerfressene Balken im Rathaus Pulsnitz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Wenn ein Holzwurm die Verwaltung lahmlegt Unhaltbare Zustände im Rathaus in Pulsnitz

In Pulsnitz ist im Rathaus nur noch die Fassade scheinbar in Ordnung. Dahinter verbirgt sich eine Katastrophe, denn Teile des Gebäudes sind äußerst marode. Doch die geplante Sanierung bietet die Chance, ein sachsenweit einmaliges Vorhaben umzusetzen. Der historische Rats- und Festsaal soll aus dem Ober- ins Erdgeschoss umziehen, um ihn besser für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Von Holzwürmern zwerfressener Balken im Rathaus Pulsnitz.
Von Holzwürmern zerfressene Balken im Rathaus Pulsnitz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Immer wieder stürzen in der Oberlausitz marode Häuser auf die Straße. Erst in dieser Woche war in Bautzen ein Gebäude eingestürzt. In Görlitz sind ebenfalls einige Häuser vom Einsturz bedroht und mussten deshalb notgesichert werden. Doch das ein, nach außen scheinbar intaktes, Rathaus dermaßen marode ist, schockierte selbst die Bürgermeisterin von Pulsnitz Barbara Lüke.

Eine Frau im roten jacket bei der Baumplanzung, im Hintergrund weitere Personen mit Spaten.
Pulsnitzer Bürgermeisterin Barbara Lüke Bildrechte: MDR/Michael Dulig

Man müsste eigentlich diese Bereiche der Öffentlichkeit zugänglich machen, damit sich jeder davon überzeugen kann, wie katastrophal das hier aussieht. Ich konnte es selbst nicht glauben.

Barbara Lüke Pulsnitzer Bürgermeisterin

Die Bürgermeisterin steht im Dachgeschoss ihres Amtssitzes. Unter ihren Fingern zerbröselt ein tragender Dachbalken zu Staub.

Gutachten mit drei Ausrufezeichen

Der Marktplatz von Pulsnitz mit dem Ratskeller (l) und dem Rathaus (r)
Der Marktplatz von Pulsnitz mit dem Ratskeller (l.) und dem Rathaus (r.). Bildrechte: dpa

Nicht nur der Zahn der Zeit, sondern vor allem Holzwürmer haben am Gebälk genagt. An einigen Stellen droht nach Aussage von Fachleuten das Dach sogar einzustürzen, weil Stützelemente marode sind. Dringender Handlungsbedarf heißt es in roter Schrift in einem Gutachten. Die Forderung wird von den Gutachtern mit drei Ausrufezeichen bekräftigt.

Doch nicht nur das Dach ist schwer beschädigt. Auch die vielfach maroden Zwischendecken sind für heutige Lastverhältnisse nicht ausgelegt und dürfen darum nicht mehr betreten werden. Lange Risse im Putz weisen auf Probleme hin. Die Mitarbeiter überdecken die Risse mit Kalendern, Tafeln oder Bildern. Zahlreiche Um- und Anbauten erlebte das Rathaus der Pfefferkuchenstadt in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte. Dieses komplexe Gebilde machte Barrierefreiheit bisher quasi unmöglich.

Menschen können nicht gerettet werden

Treppe im Rathaus Pulsnitz.
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

In den verwinkelten Gängen stolpert der Besucher auf der Suche nach der richtigen Amtsstube immer wieder über Absätze. Nicht nur die Besucher, sondern auch die Mitarbeiter leiden unter den Unzulänglichkeiten. Decken und Türen in den Büros sind viel zu niedrig. Fenster sind zu tief, um ein Hinausfallen zu verhindern. Aus einigen Räumen könnten die Menschen im Katastrophenfall nicht gerettet werden.

Selbst die Treppe (Bild rechts) ist bei Feuer kein sicherer Fluchtweg. Rauch und Feuer können ungehindert bis zur Treppe vordringen.

An dieser Seite ist es so eng, dass die Feuerwehr keine Leiter anstellen kann und andere Fluchtwege sind nicht möglich.

Barbara Lüke Bürgermeisterin

Deshalb hat die Bürgermeisterin bereits einige Büros räumen lassen, um ihre Mitarbeiter nicht in Gefahr zu bringen. Doch nicht nur der Zustand des Gebäudes ist beklagenswert. An der zusammengeflickten Elektroanlage können nicht nur Fachleute die Geschichte der Elektrik nachvollziehen. Einige Schalter und Sicherungskästen sind reif fürs Museum. Auch hier schlägt ein Gutachten Alarm!

Aufgeschnittene Decke mit maroden Balken und alten Elektrokabeln.
Aufgeschnittene Decke mit maroden Balken und Elektrokabeln von einst bis heute! Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Millionenteure Sanierung ist umstritten

Die Mängelliste im Pulsnitzer Rathaus ist lang, auch beim Brandschutz. Deshalb ist eine Sanierung alternativ los, sagt die Bürgermeisterin Barbara Lüke. Bislang wurden dafür 3,2 Millionen Euro veranschlagt. Nicht nur weil diese Summe nicht ausreichen wird, ist das Projekt umstritten. Der Haushalt für das laufende Jahr kann nicht verabschiedet werden, weil die Höhe des Eigenanteils nicht beziffert werden kann. Nur mithilfe von Fördermitteln kann Pulsnitz das Bauvorhaben umsetzen.

Sachsenweit einmalig: Der Ratssaal wird tiefer gelegt

Durch die Sanierung des Rathauses ergeben sich aber auch völlig neue Möglichkeiten. Es soll barrierefrei werden. Die Pulsnitzer planen dabei eine Besonderheit, die in Sachsen ihresgleichen sucht. Der historische Rats- und Festsaal soll aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss verlegt werden.

Die Verwaltungsräume können besser abgegrenzt bzw. abgeschlossen werden werden und der Saal ist besser für die Öffentlichkeit nutzbar.

Barbara Lüke Bürgermeisterin

Damit Hochzeits- oder Festgesellschaften aber auch Vereine oder der Pulsnitzer Lebkuchenmarkt den Festsaal besser nutzen können, soll der Saal um einen weiteren Raum erweitert werden. Zudem wird er eine kleine sogenannte Industrieküche sowie seperate Sanitäranlagen. Das eröffnet den Pulsnitzern völlig neue Möglichkeiten, schwärmt die Bürgermeisterin.

Fest- und Ratssaal im Rathaus Pulsnitz.
Der Fest- und Ratssaal soll ins Erdgeschoss verlegt werden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Noch im Spätherbst sollen erste Vorbereitungsarbeiten beginnen. Die Verwaltung wird dann für die Zeit der Sanierung in eine Villa umziehen, denn das Rathaus wird wahrscheinlich aufgrund seines maroden Zustandes völlig entkernt.

Quelle: MDR/uw

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.01.2019 | 16:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2019, 15:41 Uhr

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4 Kommentare

17.01.2019 13:03 Magno Meier 4

Die Stadt sollte sich selbst an die Nase nehmen, da sollen alle rennen und vor allem zahlen. Andere werden unbehelligt in den Dreck gezogen, weil es ja Privatsache ist. Nach dieser Logik brauchen wir keine Parlamente und können den Versuch wagen, endgültig einen Privatstaat zu gründen. Und bei einem Privatstaat wäre ein Rathaus überflüssig; also weg damit!!!!!!!!! Das Herumgejammere dieser dekadenten Riege kotzt mich an. Warum hat Pulsnitz einen Stadtrat von 27 Mitgliedern. Städte mit ca. 35.000,00EW haben hingegen nur 41 Mitglieder .Welches Verhältnis? Warum diese fetten Beamtenpaläste? Weg damit. Ist alles online regelbar. Warum sollen Menschen hier zahlen , nur damit ein gewisser Freundeskreis , eine warme Bude hat????? Wie krank ist das!!!!!!!!!!!!!!!

17.01.2019 10:05 Christian Soika 3

nun stellen wir mal die Frage: wer hat hier im Rathaus Jahrzehnte das Sagen gehabt? Welche Partei war immer vorne dran? Sollten doch mal die Stadtratsmitglieder dieser Partei hier Stellung beziehen. Was ist mit der " Kante ", auch im Besitz der Stadt? Soll weggerissen werden, natürlich mit Fördermitteln. Und was sind Fördermittel? Steuergelder, jenes Geld, mit dem diese Gebäude vor der erwähnten Partei erhalten wurden!!!

17.01.2019 05:54 Gast1 2

Da gibt es noch ein anderes Gebäude in Pulsnitz. Da sagt sie da ist kein Handlungs Bedarf. Aber das Rathaus ist klar Frau Lücke.

16.01.2019 16:18 Zeitgeist 1

Die Frau ist noch nicht lange im Amt.
Wenn ein Baugutachter / Sachverständiger für Holzschutz bei den Sachsen - Stadt- Behörden anfragt " auf Untersuchung und sprich Holzschutzgutachten " so lautet seit vielen Jahren / Jahrzehnten der Spruch kein Bedarf, kein Geld usw.
Hinweis gemäß Sächsischer Bauordnung SächsBO § 13 Abs. 1 und 2 da steht was / wie.
Zu Görlitz äußere ich mich aus privaten Gründen nicht.
Hoffnungslos !

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