Mit Poolnudeln auf dem Gepäckträger gingen am Sonnabendvormittag rund 20 Radfahrer auf Tour durch Bautzen.
Mit Poolnudeln auf dem Gepäckträger gingen am Sonnabendvormittag rund 20 Radfahrer auf Tour durch Bautzen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

16.06.2019 | 11:56 Uhr Fahrradfahrer - Mit der Poolnudel für ausreichend Sicherheitsabstand

Zum Tag der Verkehrssicherheit gingen am Sonnabend Radfahrer in Bautzen mit Abstandshaltern auf Tour. Ihr Ziel: für mehr Rücksichtnahme im Straßenverkehr sensibilisieren.

Mit Poolnudeln auf dem Gepäckträger gingen am Sonnabendvormittag rund 20 Radfahrer auf Tour durch Bautzen.
Mit Poolnudeln auf dem Gepäckträger gingen am Sonnabendvormittag rund 20 Radfahrer auf Tour durch Bautzen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Joachim Schneider hat eine lange gelbe Poolnudel auf seinem Fahrrad-Gepäckträger befestigt. "Abstand halten ist gut für die Beziehung", ist darauf geschrieben. Das eine Ende klemmt am Fahrrad. Das andere ragt rund 1,50 Meter nach links. Diesen Mindestabstand sollten Autofahrer beim Überholen einhalten. Das haben Gerichte empfohlen. Schneiders Erfahrung aber ist, dass dieser Abstand oft nicht eingehalten wird. "Viele Autofahrer unterschätzen das mit den anderthalb Metern und fahren manchmal bis zu 60 Zentimeter ran. Wenn ich dann als Fahrradfahrer an den Bordstein komme und stürze, werde ich Opfer des Autos. Ich werde gnadenlos überfahren", kritisiert der 70-Jährige.

Deshalb beteiligt er sich am Sonnabendvormittag an einer Radtour des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs durch Bautzen. Am Tag der Verkehrssicherheit hat die ADFC-Ortsgruppe dazu eingeladen, mit der Poolnudel am Fahrrad für mehr Rücksicht im Straßenverkehr einzutreten. "Das ist keine Bautzener Idee", erklärt ADFC-Ortsgruppensprecher Martin Ritscher. Sie kommt aus Toronto. Im Rahmen der Kampagne "Mehr Platz für’s Rad" hat der ADFC die Aktion der Kanadier zur Nachahmung empfohlen.

Irritation bei den Autofahrern, Lob von Fußgängern

Joachim Schneider besitzt kein Auto, dafür aber zwei Fahrräder. Damit ist er in den letzten vier Jahren rund 10.000 km gefahren. Nicht selten erlebte er dabei brenzlige Situationen.
Joachim Schneider besitzt kein Auto, dafür aber zwei Fahrräder. Damit ist er in den letzten vier Jahren rund 10.000 km gefahren. Nicht selten erlebte er dabei brenzlige Situationen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

"Die Aktion braucht es nicht nur in Bautzen. Die braucht es überall", sagt Martin Ritscher. "In Bautzen aber gibt es enge Straßen. Und als Radfahrer erlebt man regelmäßig, dass die Abstände nicht eingehalten werden, dass man Herzattacken kriegt, wenn man dicht geschnitten wird. Darauf wollen wir aufmerksam machen." Knapp 20 Radfahrerinnen und Radfahrer haben sich dazu am Reichenturm in der Innenstadt eingefunden. Unter ihnen sind Jugendliche, Familien und Senioren. Einige tragen neongelbe Warnwesten. "Ich denke es wird etwas chaotisch werden. Der Verkehr ist recht dicht. Ich hoffe, dass wir zum Nachdenken anregen und als Radfahrer ein wenig Spaß dran haben", blickt Ritscher voraus.

Dann treten die Radler in die Pedale. In langer Reihe fahren sie die Straße am Kornmarkt hinab. Hier ist für Radfahrer ein Schutzstreifen auf die Straße gemalt. Fußgänger recken der Gruppe den Daumen entgegen. Autofahrer schauen irritiert. Einer ruft verärgert: "Habt ihr nichts Besseres zu tun?" Auf der Friedensbrücke wechseln die Radfahrer auf den geteilten Fußweg. Dann müssen sie ein Postauto umkurven, dass auf dem Radfahrstreifen parkt. Am Ende der Dresdener Straße wendet die Gruppe im Kreisverkehr und nimmt dieselbe Strecke zurück, befährt zum Abschluss Stein- und Wallstraße. Nach rund einer halben Stunde sind die Tourteilnehmer zurück auf dem Kornmarkt.

Erstaunliche Verhaltensänderung

"Ich habe gestaunt, wie die Autofahrer plötzlich Rücksicht nehmen können. Gerade an den Verkehrsinseln, wo man sonst oft das Gefühl hat, die Autofahrer sitzen einem gleich auf dem Gepäckträger drauf. Heute haben sie gewartet", hat Sybille Urban beobachtet. Auch an Einmündungen und Ausfahrten vermisst sie oft die Rücksichtnahme der Autofahrer. "Da hab ich manchmal ganz schön Probleme. Da werde ich einfach unsicher", sagt Urban. Die 65-Jährige hat kein Auto. Sie ist deshalb oft mit dem Rad unterwegs und stellt fest, dass es besonders dort, wo Radwege auf die Straße übergehen, zu Problemen kommt. Dort werden Radfahrer leicht übersehen. "Auf der Muskauer Straße draußen, da hört der Radweg plötzlich auf und geht einfach in die Straße über, noch dazu im Kreuzungsbereich. Das ist für mich ein Unding", brüskiert sich die Frau.

ADFC-Sprecher Martin Ritscher (mit Warnweste in der Bildmitte) erklärt den Teilnehmern vor dem Start der Tour die Route.
ADFC-Sprecher Martin Ritscher (mit Warnweste in der Bildmitte) erklärt den Teilnehmern vor dem Start der Tour die Route. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Wie Sybille Urban geht es vielen Bautznern, weiß Martin Ritscher vom ADFC. Er hat den letzten Fahrradklima-Test ausgewertet, bei dem die Bautzener bewerten konnten, wie sie sich beim Radfahren fühlen. Die Benotung fiel "mittelprächtig" aus, so bezeichnet es Ritscher. "Es ist erschreckend, dass die Radfahrer Ängste haben, sich im Verkehr mit Kraftfahrzeugen zu bewegen." Radfahrer würden am liebsten auf vom Straßenverkehr getrennten Radwegen fahren, berichtet der ADFC-Sprecher.

Das ließe sich aber in einer Stadt wie Bautzen nicht einrichten. Da müssten Straßen für Autos gesperrt werden. "Rein statistisch sind die Radwege, die auf Fußwegen verlaufen, mit einem höheren Unfallrisiko behaftet. Dort fährt man eigentlich nicht sicher", erklärt er. Viele Radfahrer führen aber dennoch lieber dort entlang, weil sie so von den Autos weg sind.

Die Raumaufteilung neu verhandeln

Ob auf einem geteilten Fußweg wie auf dem Radfahrstreifen entlang der Straße – brenzlige Situationen gebe es hier wie da, ist die Erfahrung von Birgit Kieschnick. Auch sie war bei der Poolnudel-Radtour dabei. In ihrem Alltag gewann sie den Eindruck, dass die Fahrt auf dem Fußweg tatsächlich unsicherer ist. "Man kommt auf die Straße oder in einen Kreuzungsbereich und wird nicht gesehen. Da gab’s schon sehr brenzlige Situationen", erzählt Kieschnick.

Die 48-Jährige engagiert sich im Stadtfamilienrat und nimmt dafür besonders die Schulwege in den Blick. "Es wird immer Reibungspunkte geben. Wir teilen uns nunmal die Flächen. Die Aufgabe ist, das zu moderieren", betont Kieschnick. "Man muss sich die Flächen in Ruhe anschauen und überlegen: wie können wir was sicherer gestalten."

Dafür plädiert auch Martin Ritscher. "Der Raum ist begrenzt. Er muss neu verhandelt werden", fordert der ADFC-Sprecher. "Jahrelang war die Prämisse, dass Autos auf der Straße fahren und alle anderen auf dem Fußweg. Aber das funktioniert so nicht mehr." E-Scooter und Pedelecs verschärften das Problem. In den 90er Jahren seien in Bautzen etliche Straßen neu gebaut worden. Dabei seien die Planer voll aufs Auto fixiert gewesen. Das räche sich nun.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN – Das Sachsenradio | 17.06.2019 | ab 6:00 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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17 Kommentare

18.06.2019 12:08 Sylter 17

@17.06.2019 16:52 UweZi
Ich zitiere mal 240 I StGB:"Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt,"
Das Verhalten des Radfahrers, der in der Fahrbahnmitte fährt ist zwar falsch, aber keine Nötigung. Es ist wohl kaum Gewalt oder die Drohung mit einem empfindlichen Übel.
Eventuell käme StGB 315b I Punkt 2. in Frage, wobei dadurch eine konkrete Gefahr herbeigeführt werden müsste. Ansonsten bleibt nur ein Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot, wobei ein Meter vom rechten Fahrbahnrand durchaus noch diesem Gebot entspechen würde. Bei schmalen Straßen sind Sie da schon mal in der Mitte der Strasse.

17.06.2019 21:51 Micha 16

@UweZi (15): Mein Gesundheit und mein Leben sind mir Einiges wert. Und da wiegt die Gefahr, von uneinsichtigen Kraftfahrern, wie Sie es offenbar zu sein scheinen, angezeigt zu werden, wesentlich geringer. Außerdem haben Sie offenbar zwei wichtige Details überlesen: erstens mache ich das nur, wenn ein gefahrloses Überholen absolut unmöglich ist. Und zweitens (siehe letzter Satz im Kommentar 11) nutze ich die nächste gefahrlose Gelegenheit, um die Autos vorbei zu lassen. Sie sollten vielleicht einmal Ihr Verhältnis zu anderen Verkehrsteilnehmern überdenken. Es gibt nämlich keinen Vorrang von Kraftfahrzeugen gegenüber langsameren Fahrzeugen. - Ach, übrigens: Auch das Gefährden anderer Verkehrsteilnehmer durch rücksichtloses Überholen kann eine Straftat sein!

17.06.2019 16:52 UweZi 15

@11Micha, genau solche Menschen meinte ich mit Egoisten. Was sie da vorschlagen erfüllt den Tatbestand der Nötigung und ist somit eine Straftat. Wenn Sie Pech haben und an jemanden kommen der Sie anzeigt kann das teuer werden. In diesem Zusammenhang und nach dem Grundsatz "gleiches Recht für alle" sollte darüber nachgedacht werden, alle Fahrzeuge Kennzeichenpflichtig zu machen. Es ist nicht nachvollziehbar, daß die neuen E-Roller und auch Mopeds, die z. T. nicht schneller als 20/25 kmh fahren eine Pflichtversicherung + entsprechendes Kennzeichen haben müssen, schneller fahrende Fahrräder aber nicht. Damit würde sich manches Problem von allein lösen und manche Diskussion überflüssig werden. Solange aber Fahrräder Narrenfreiheit genießen wird es immer wieder Probleme geben.

17.06.2019 13:35 Janes 14

@na so was 9: Es wurden auch Abermillionen für Polizei ausgegeben, um die Allgemeinheit vor einer Gruppe zu schützen, die andere Menschen absaufen lassen will.

Gesellschaftliches Zusammenleben kostet nun mal Geld!

Und die von ihnen völlig ohne Bezug zum Artikel angesprochenen Unterkünfte werden nicht abgerissen, sondern abgebaut und verkauft!

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) nicht freigegeben.
Ihre MDR.de-Redaktion]

17.06.2019 08:38 Sylter 13

@16.06.2019 12:23 na so was
Ohne diese Aktion jetzt zu befürworten: Wenn die Autofahrer den Sicherheitsabstand nicht einhalten können, dürfen Sie nicht überholen. Ganz einfache Sache.
Wenn ALLE (!) sich mal an die StVO, besonders §1 halten würden, und nicht jeder von sich denken würde, er sei der Messias der Verkehrsteilnehmer und seine Fahrt sei jetzt ganz besonders wichtig, würde vieles viel reibungsloser laufen.

16.06.2019 23:59 Ekki 12

der Abstand würde in unserer Stadt mit engen Straßen zu Stau und Unbehagen führen - irgendwie weltfremd

16.06.2019 23:37 Micha 11

Vornweg: Ich bin sowohl Auto- als auch Fahrradfahrer. Mir stößt hier in den Kommentaren schon wieder auf, dass man das eigene Fehlverhalten damit entschuldigen will, dass sich die anderen auch nicht an alle Regeln halten. Das ist aber überhaupt kein Argument! Zum Thema seitlicher Abstand: Wenn ich den nicht einhalten kann, ohne in den Gegenverkehr zu geraten, dann muss ich eben mit dem Überholen warten bis ich genügend Platz habe! Wenn ich einen langsam fahrenden Traktor überholen will, muss ich das auch tun, warum soll das bei Fahrrädern anders sein? Meine persönliche "Gegenwehr" bei zu engen Fahrbahnen: Ich benutze die Fahrbahnmitte und verhindere damit ein Überholen mit zu geringem Abstand. Bei der nächsten Ausweichmöglichkeit lasse ich dann die Autos vorbei.

16.06.2019 23:06 aus Dresden 10

Die Idee ist nicht neu:
Ausklappbare Abstandshalter mit Reflektor gab es früher (1980er) an Fahrrädern.

16.06.2019 22:12 na so was 9

4@Janes, wenn Sie wirklich nicht wissen, dass unser Steuergeld ab 2015 ohne nachzufragen "in den Schornstein gejagt wurde", da kann ich Ihnen nicht helfen. In Sachsens Landeshauptstadt wurden z.B. Unterkünfte für Tausende von Menschen mitten in der Stadt gebaut, dann wurden diese die ganzen Jahre durch einen Wachdienst beschützt, und dann wurden diese Unterkünfte, ohne dass jemals ein Bewohner darin gewohnt hat, wieder abgerissen. Kostenpunkt: acht Millionen Euro, die Abrisskosten kommen noch dazu. Wie würden Sie das umschreiben, "na ja, machen wir ja gerne", oder ähnlich ? Also für rund 10 Millionen Euro kann man schon ein paar Kilometer Radwege bauen, oder ? (Das Beispiel ist übrigens aus der Sächsischen Zeitung) 16.06.2019, 22:12

16.06.2019 19:38 Manfred 8

Anzumerken wäre noch, wieviel Abstand wäre denn sinnvoll, wenn Radfahrer rechts überholen, zum Beispiel an einer roten Ampel, hier sind es allzu oft nur weinige Zentimeter, wenn nicht sogar Millimeter. Also nichts gegen den Artikel und seine Aktualität, aber man sollte immer beide Seite analysieren.

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