15.07.2019 | 11:45 Uhr Radtour in die Bronzezeit von Bautzen

Die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der bedeutendsten Funde menschlichen Lebens aus Mitteldeutschlands Bronzezeit. Auch bei Bautzen gab es vor mehr als 4.000 Jahren Siedler, die ihre Spuren hinterließen. Bautzens Museumsleiter Jürgen Vollbrecht hat zu einer Radtour in die Bronzezeit eingeladen. Die Route erstreckt sich über 40 Kilometer. MDR SACHSEN-Reporterin Madeleine Arndt trat mit in die Pedale.

Archäologische Radtour Bautzen 2019
Bildrechte: ADFC Ortsgruppe Bautzen

"Guten Morgen!", ruft Jürgen Vollbrecht in die Runde. Es ist Sonnabendmorgen und 30 Leute warten mit ihren Rädern vor dem Eingang des Bautzener Museums - mehr oder weniger sportlich hochgerüstet mit Fahrradhelm oder Sonnenhut. Schließlich geht es um eine Strecke von 40 Kilometern. Museumsleiter Jürgen Vollbrecht dagegen hält es leger mit kariertem Hemd, Jeans und Sonnenbrille. Auch ich habe mich in die Gruppe eingereiht und will wissen, welche Jahrtausende alte Relikte die Oberlausitz zu bieten hat. Denn der Archäologe hat zu einer ungewöhnlichen Radtour geladen - auf den Spuren bronzezeitlicher und schnurkeramischen Kulturen und slawischer Burgwälle.

Schon rollt der Pulk – schützend flankiert von drei Mitgliedern des ADFC - durch die Altstadt zur Spree hinunter. Erster Stopp ist am Kupferhammer. Gleich geht es in die Vorgeschichte … Ah, doch nicht. Zum Warmwerden gibt Vollbrecht einen kleinen Exkurs ins Mittelalter.

60 Jahre Weinbau in Bautzen

"Diese Geländeerhebung ist auf alten Karten als Weinberg verzeichnet", Vollbrecht zeigt auf einen Hang mit Schrebergärten. Seit dem ausgehenden Mittelalter habe es in der Spreestadt an sechs Stellen Weinbau gegeben, doziert er. "Seltsamerweise ab einer Zeit, in der das Klima schlechter wurde, nämlich ab dem 14. Jahrhundert", schiebt der Archäologe nach. Es war ein Barett- und Strumpfmachermeister aus Ungarn, dem es so um 1740 einfiel, rheinische Reben in Oberlausitzer Boden zu pflanzen. Das Resultat: „Relativ erfolglos.“ Zwei Jahrzehnte später kaufte der Betreiber des Bautzener Ratskellers den Hang und dehnte die Weinbauversuche sogar aus. Auch ließ er "Die Moritzburg" errichten, die schnell zur beliebten Ausflugsgaststätte wurde. Der Weinbau allerdings blieb ein Flop und wurde um 1800 aufgegeben.

Nächster Halt: Bronzezeit

Weiter geht es über die Spree durch Seidau in Richtung Teichnitz. Dann führen uns Feldwege zwischen Weizen und Raps hindurch, vorbei am kleinen Dorf Lubachau nach Cölln. Und endlich: Vor den Augen der haltenden Fahrradgruppe breitet sich die erste bronzezeitliche Siedlung dieser Tagestour aus. Also, hätte sich vor rund 3.000 Jahren vor uns ausgebreitet. Jetzt gucken wir auf ein Maisfeld und den Zubringer zur A4. Von bronzezeitlichen Spuren dagegen nichts zu sehen.

"Bodendenkmale erfordern immer eine gewisse Vorstellungskraft", wirft Vollbrecht ein. Deswegen würde Archäologen oft Fantasterei und Spinnertum unterstellt. "Aber in Wirklichkeit haben wir ja hier öfter mal in den Boden reingeguckt und auch etwas gefunden." Gerade bei Cölln entdeckte man Erstaunliches, berichtet Vollbrecht und macht eine ausladende Armbewegung über das Feld. Vor dem Baubeginn der Staatsstraße 106 gruben sie auf 6.000 Quadratmetern das Gelände um und entdeckten 3.000 Jahre alte Keramiken und Pfostenlöcher einer Pallisadenbegrenzung. Der Beweis, dass hier 1.000 vor Christus Menschen lebten. Nur eines habe man im Rahmen der Ausgrabungen nicht gefunden, sagt der Museumschef und macht eine Kunstpause – "den Friedhof für die Verstorbenen".

Friedhöfe wohin das Auge schaut

Radtour in die Bronzezeit von Bautzen
Hinter dem 'Archäologen Jürgen Vollbrecht war vor 3.000 Jahren ein bronzezeitliches Urnenfeld. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Dafür müssen wir uns noch eine Weile abstrampeln. Die Route führt über Milkwitz, Großbrösern, Nieder- und Oberuhna an den Rand des Dorfes Bolbritz. Dort stoppen wir an der Landstraße neben einem eingezäunten, zugewachsenen Hügel - der Perleberg. Vollbrecht berichtet, dass Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Perleberg Schnurkeramik gefunden wurde. "Haben Sie das schon mal gehört? Schnurkeramik?" Gleichzeitiges Nicken und Kopfschütteln in der Runde. Es handle sich um die späte Jungsteinzeit zwischen 2.400 und 2.000 vor Christus und die erste Phase der Besiedlung, die in der Oberlausitz greifbar werde, löst Vollbrecht das Rätsel. Der Begriff Schnurkeramik für diese Zeit leite sich aus der Art der Gefäßherstellung ab. Denn die Leute drückten damals zur Verzierung mit Schnüren Muster in den noch weichen Ton.

Solche Gefäße haben die Archäologen auf dem Perleberg gefunden. Jungsteinzeitliche Ackerbauern und Viehzüchter gaben sie ihren Toten mit ins Grab. Vollbrecht beschreibt, wie die Verstorbenen auf dem Perleberg bestattet wurden: "In tiefen Gruben in seitlicher Hockstellung und mit spärlichen Beigaben - wie Gefäßen, einem Steinbeil oder Pfeilspitzen." Nun sollen wir uns zur anderen Seite der Straße wenden und sehen auf ein Stoppelfeld.

"Wir haben es an dieser Stelle mit Friedhöfen aus verschiedenen Zeiten zu tun. Dieser Hang ist auch ein Friedhof", stellt uns Vollbrecht das Feld vor. Der Friedhof unter dem Feld gehöre in die späte Bronzezeit, frühe Eisenzeit zwischen 1.000 und 500 vor Christus. "Da gab es die Sitte, die Körper der Verstorbenen zu verbrennen und in Urnen beizusetzen." Daraus leite sich der Begriff Urnenfelderkultur ab, sagt der Archäologe.

Beim Spielen Bronzezeitvase gefunden

Eine lächelnde Frau in der Natur
Der Sohn von Freia Schimke hatte einmal durch Zufall ein bronzezeitliches Gefäß gefunden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Es ist Mittag und Zeit für eine Pause. Wir Radfahrer rasten am Dorfteich von Bolbritz und packen die Brote aus. Ihr Sohn habe einmal etwas aus der Bronzezeit gefunden, erzählt mir eine Frau. Die Kinder hatten am Sandberg bei Boblitz gespielt, dann sei was ins Rutschen gekommen und eine Art Vase tauchte auf. "Wir haben sie sauber gemacht und hatten das Gefühl, das muss doch alt sein. Da haben wir dem Museum Bescheid gegeben", sagt die 62-Jährige. Jetzt sei das Fundstück dort, aber wahrscheinlich nur im Depot, bedauert sie.

Nach den unsichtbaren Sehenswürdigkeiten der Bronzezeit wird uns in Bolbritz zur Abwechslung etwas Greifbares präsentiert. "Adlige hatten die Angewohnheit, kleine Wasserburgen zu bauen. Und hier ist so eine", zeigt Vollbrecht nahe am Dorfteich auf ein kleines Gebäude mit alten Mauern. Darunter befinde sich noch ein Gewölbe aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. "Es ist eines der ältesten erhaltenen Relikte einer Wasserburg in der Oberlausitz." Das macht Eindruck.

Radtour in die Bronzezeit von Bautzen
Die Wasserburg von Bolbritz ist eines der ältesten erhaltenen Relikte in der Oberlausitz. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Dann verlassen wir das Dorf, fahren unter der Autobahn durch ins Gewerbegebiet Salzenforst. Das sollte historisch unerheblich sein, so mein Glaube. Doch schon holt Jürgen Vollbrecht Skizzen und ein Ausgrabungsfoto aus seiner Tasche. Denn auf dem Areal des Gewerbegebietes befand sich einst ein bronzezeitliches Langhaus. Man habe in dem Gebiet Erstaunliches gefunden, sagt Vollbrecht. Hier haben vor 3.000 Jahren Leute in mehreren Häusern gelebt. Eines davon war ein Langhaus, wie man es eigentlich bisher nur aus Funden in Norddeutschland kennt. "Fast 30 Meter lang und acht Meter breit", nennt der Museumschef die Maße. "Die innere Struktur weist darauf hin, dass hier Leute gewohnt haben, aber auch Tiere im selben Haus untergebracht waren."

Von gewaltigen Mauern

Der Tour geht weiter über die Dorfstraßen. An den Steigungen spaltet sich die Gruppe leicht. Während die einen im kleinen Gang den Berg hochhecheln, ziehen – och nö - mit surrendem Motor die E-Biker vorbei. Wir erreichen nun ein Waldstück bei Kleinseitschen. Vollbrecht stellt sein Fahrrad zur Seite und nimmt seine Tasche: "Wir wandern hier hoch." Treppen führen uns an einer Steilwand hinauf zu einem grünen Plateau. Das ist von einem Hügel halbkreisförmig umschlossen. Wie schön: Ein archäologisches Denkmal, das sich sehen lässt. "Wir stehen jetzt im mittelalterlichen Burgwall von Seitschen", zeigt Vollbrecht auf die kreisförmige mit Bäumen und Sträuchern zugewucherte Erhebung. Davon gebe es in der Oberlausitz 60 Stück. Bei Seitschen habe einst eine riesige Mauer das Gelände zum Steilhang abriegelt. Der Archäologe schätzt, dass die Mauer von Seitschen wohl an die neun Meter breit und neun Meter hoch gewesen sein muss. "Nur fragt man sich, was gibt es in so einem Areal zu verteidigen?"

Ein freundlich schauender Mann steht mit Rucksack im Wald.
Michael Förster hat sein Rad in den Kofferraum gepackt und ist für die archäologische Radtour extra aus Niesky angereist. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Diese Frage sorgt vor allem bei den anwesenden Männern für Gesprächsstoff. Michael Förster aus Niesky hatte extra sein Rad in den Kofferraum gepackt und war mit dem Auto nach Bautzen gereist, um hier dabeizusein. Die slawischen Burgwälle, auch Schanzen genannt, haben es ihm angetan. Im vergangenen Jahr war eine ähnliche Museumstour vor allem solchen Burgwällen gewidmet gewesen, leider habe er damals nicht teilnehmen können. Umso mehr freut es ihn nun, dass auch unser nächster Halt an so einer Schanze ist.

Geplündertes Denkmal

Die befindet sich an der Spree bei Doberschau. Dass sich hier vor Jahrtausenden eine Mauer halbkreisförmig entlangzog, davon zeugt heute ein halbkreisförmiger Erdhügel. 1870 hatte an seinem Fuß ein Mann großflächig ungeheure Mengen an Asche und Scherben ausgegraben.

Radtour in die Bronzezeit von Bautzen
Museumschef Jürgen Vollbrecht lässt sich nicht auf Spekulationen ein, alles, was er berichtet, ist auch wissenschaftlich belegt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Der Verbleib der Funde steht in den Sternen, zum großen Bedauern der Archäologen. Das Beste sei wohl verkauft worden, vermutet Vollbrecht. Später fand man nur noch am Rand des Burgwalls einige spärliche Belege menschlicher Lebenskultur. Ergo: Man weiß auch über diese Schanze herzlich wenig. Dass auf den touristischen Tafeln zu solchen stummen Zeitzeugen oft mehr Details stehen, sei mit Vorsicht zu genießen, warnt der Museumschef. Viele Überlieferungen seien ohne wissenschaftliche Grundlage.

Die ersten Bautzener?

Nach fünf Stunden Pedale treten, geht uns so langsam die Puste aus. Eine kleine Gruppe verabschiedet sich ins nächste Gasthaus, während der Rest auf die letzte Etappe zusteuert. Ganz dicht am Steilufer der Spree im Humboldthain von Bautzen liegt der alte Wall. Auch dieses Erbe aus der frühzeitlichen Geschichte ist zugewuchert. Wir lassen die Fahrräder stehen und treten in seinen Kreis.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten hier Archäologen einige Schnitte in den Wall gemacht, um mehr über dessen Konstruktion zu erfahren. Die Grabungen gipfelten in einem echten Sensationsfund, berichtet Vollbrecht. Entdeckt wurde ein Backofen aus dem 9./10. Jahrhundert - mit Lehmkuppel, Brennkammer und Unterkonstruktion aus Belüftungskanälen. Dazu hatten sich auch noch einige Holzbohlen von einem Haus erhalten. Der Beweis, dass im Schutz der Schanze damals Menschen lebten. Waren das vielleicht die ersten Bautzener?

Auf den Spuren der Bronzezeit

Vor 3.000 Jahren haben bereits Menschen in der Oberlausitz gelebt. Reste der Siedlungen formen bis heute die Landschaft bei Bautzen.

Sommerliche hügelige Landschaft mit Feldern, blauem Himmel und weißen Wolken.
Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Sommerliche hügelige Landschaft mit Feldern, blauem Himmel und weißen Wolken.
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Radtour in die Bronzezeit von Bautzen
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Laubwald
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Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.07.2019 | 07:30 Uhr in den Veranstaltungstipps aus dem Studio Bautzen

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