Großer Rummel bei der Fertigung des 50-millionsten Klimakompressor bei TDDK. Einige Mitarbeiter sahen ihren Beitrag zu dem Erfolg aber nicht genug gewürdigt.
Großer Rummel bei der Fertigung des 50-millionsten Klimakompressor bei TDDK. Einige Mitarbeiter sahen ihren Beitrag zu dem Erfolg aber nicht genug gewürdigt. Bildrechte: MDR/Viola Simank

23.10.2019 | 13:50 Uhr Gewerkschafter bei Oberlausitzer Automobilzulieferer wollen Betriebsrat

In mehreren Großbetrieben der Oberlausitz haben Mitarbeiter in letzter Zeit Betriebsräte gegründet. Über dieses Gremium haben sie bessere Arbeitsbedingungen und Löhne nach Tarif erstritten. Auch beim Klimakompressorenbauer TDDK in Straßgräbchen bewegt sich jetzt etwas.

Großer Rummel bei der Fertigung des 50-millionsten Klimakompressor bei TDDK. Einige Mitarbeiter sahen ihren Beitrag zu dem Erfolg aber nicht genug gewürdigt.
Großer Rummel bei der Fertigung des 50-millionsten Klimakompressor bei TDDK. Einige Mitarbeiter sahen ihren Beitrag zu dem Erfolg aber nicht genug gewürdigt. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Als in Straßgräbchen der 50-millionste Klimakompressor vom Band lief, platzte Florian* der Kragen. Der Ministerpräsident, der Landrat, der Bürgermeister waren gekommen. Zahlreiche Medien waren da, um über diesen Meilenstein zu berichten. "Die großen Chefs ließen sich vorne feiern und die Mitarbeiter mussten hinten weiterarbeiten", erzählt Florian von diesem Tag im August vergangenen Jahres. Bei einer Betriebsversammlung habe der Werkschef zu den Mitarbeitern gesagt: Sie hätten im April erst eine Gehaltserhöhung um sechs Prozent erhalten. Da könnten sie nun nicht verlangen, dass das Unternehmen auch noch eine Prämie auszahlt. "Da hat’s bei mir geknallt", berichtet Florian. "Da haben wir uns mit vier, fünf Leuten zusammengeschlossen und sagten uns: Jetzt müssen wir was bewegen."

Florians Arbeitgeber stellt Klimakompressoren für zahlreiche Automarken her. In rund 40 Prozent der Autos weltweit soll ein Kompressor des Unternehmens stecken. Florian hört und liest in den Medien, dass die Autohersteller "ordentliche Prämien" an ihre Mitarbeiter zahlen. Er versteht nicht, warum das bei seinem Arbeitgeber nicht auch geht. In der Vergangenheit habe es bei solchen Meilensteinen Einmalzahlungen gegeben. Jetzt aber sieht er die Leistung der Mitarbeiter nicht mehr ausreichend gewürdigt.

Rasante wirtschaftliche Entwicklung führt zu Arbeitszeitverdichtung

1998 war die Toyota Denso Deutsche Klimakompressor GmbH (TDDK) von zwei japanischen Automobilzulieferern gegründet worden. Heute beschäftigt das Unternehmen knapp 1.000 Mitarbeiter. Rund 100 Millionen Euro sind in fünf Ausbaustufen in das Werk investiert worden. Doch die Arbeitsbedingungen hätten unter der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung gelitten. So empfinden es zumindest Florian und einige seiner Kollegen.

"Ich bin dorthin, weil ich dort eine Zukunft gesehen habe", erzählt Florians Kollege Steffen*, warum er vor mehr als zehn Jahren bei TDDK angefangen hat. "Ich habe gedacht, ich kann dort alt werden. Aber es macht mir keine Freude mehr, auf die Arbeit zu kommen." Mit Sparmaßnahmen habe alles angefangen. Pausen würden nicht bezahlt. Dazu kämen kurzfristig angekündigte Sonderschichten am Samstag. "Es wurde optimiert ohne Ende. Es wurde härter - mehr Arbeit." Mitarbeiter seien unter Druck gesetzt worden. Wenn die das vorgegebene Pensum nicht schafften, hätten sie gehen müssen. An sich mache Steffen seine Arbeit Spaß. "Aber nicht mehr unter diesen Konditionen. Ich will mein Geld auf vernünftige Art und Weise verdienen", betont er.

Mitarbeiter suchen Unterstützung bei der IG Metall

Dabei gehe es Steffen nicht um mehr Geld. Er wünscht sich, dass er seinen Job besser mit dem Familienleben vereinbaren kann. Dass die Schicht nicht früher beginnt, als der Kindergarten öffnet. Er möchte mehr Freizeit, die 37-Stunden-Woche. "Man ist so ausgelaugt. Das Wichtigste ist für mich nicht die Arbeit. Ich arbeite, um Geld zu verdienen. Ich lebe aber nicht für die Arbeit. Das Wichtigste ist die Familie. Und dafür hat man gar keine Kraft mehr."

Mann sortiert Kompressoren.
Das Unternehmen hat sich rasant entwickelt. Inzwischen hat TDDK in Straßgräbchen fast 1.000 Mitarbeiter. Sie fertigen Klimakompressoren für Automarken wie Mercedes-Benz, BMW, Audi, VW und Opel. Bildrechte: dpa

Florian hat sich im November an die IG Metall gewandt und ist der Gewerkschaft beigetreten. "Dann ging das Schlag auf Schlag. Das ist wie ein Lauffeuer durchs Unternehmen gegangen", erzählt Florian. Nach und nach seien immer mehr Kollegen der Gewerkschaft beigetreten. Jetzt sieht Florian den Zeitpunkt gekommen, einen Schritt weiter zu gehen. Er setzt sich dafür ein, dass im Werk in Straßgräbchen ein Betriebsrat gegründet wird. "Wir wollen eine faire Entlohnung und faire Arbeitsbedingungen", sagt er. "Wir sind 30 Jahre nach der Wende. Es kann nicht sein, dass du hier immer noch einen Bruchteil von dem verdienst, was die im Westen haben."

Das Committee - eine Belegschaftsvertretung auf Japanisch

Dabei hat TDDK seit dem Jahr 2000 eine Mitarbeitervertretung. "Wir haben unser eigenes Modell der Mitbestimmung und Interessenvertretung, wo wir die Verschmelzung deutscher und japanischer Kultur leben", erklärt TDDK-Vizegeschäftsführer Ronald Juhnke. Typisch japanisch sei dabei das Bottom-up-Prinzip: bei der Entscheidungsfindung werde versucht, alle ins Boot zu holen und einen Konsens herzustellen. "Unser Interesse ist es, die Leute mit ihren Unzufriedenheiten zu uns an den Tisch zurückzubekommen. Da sind die Chancen gerade gut. Wir hatten gerade eine Neuwahl unserer Mitarbeitervertretung."

Die bis zu 40 Mitglieder werden für eine Amtszeit von drei Jahren in das sogenannte Committee gewählt. Jede Abteilung entsendet Vertreter in das Gremium. Damit ist diese Mitarbeitervertretung breiter aufgestellt als es das Betriebsverfassungsgesetz vorschreibt. Fast 90 Prozent der Mitarbeiter hätten sich an der vergangenen Wahl des Committees beteiligt. Für Ronald Juhnke ist das ein Beleg für die Akzeptanz des Modells im Unternehmen.

Mitbestimmung im Konsens

Zweimal pro Woche treffen sich Personal- und Werksleitung mit den Committee-Sprechern, um nötige Veränderungen zu besprechen. Dort würden auch die Wünsche aus den wöchentlichen Treffen der Mitarbeitervertreter diskutiert. Die besprochenen Themen reichten von Arbeitszeitverkürzungen über die Entlohnung bis hin zur Gestaltung der Arbeitsatmosphäre, erzählt Ronald Juhnke. In den vergangenen Jahren sei auf Anregung der Mitarbeiter so auch einiges verändert oder neu eingeführt worden. Seit 2014 können festangestellte TDDK-Mitarbeiter ein Lebensarbeitszeitkonto nutzen. Es gibt Nachtschichtzuschläge, Essenzuschüsse, die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten und Dienstfahrräder zu nutzen.

Dass es trotz solchen Fortschritten insbesondere in den Bereichen Produktion und Logistik unzufriedene Mitarbeiter gibt, ist den Committee-Sprechern und der Geschäftsführung bekannt. Die Kritik der Gewerkschafter, die Arbeit der Produktionsmitarbeiter werde nicht genug gewürdigt, kann Juhnke allerdings nicht nachvollziehen. Aller 12 Monate gebe es eine Lohnerhöhung. Dazu kämen Leistungsboni.

Sonderschichten als Ergebnis von Produktionszwängen

Zu den Beschwerden über kurzfristige Sonderschichten zeigt sich Ronald Juhnke gesprächsbereit. Er wirbt aber auch um Verständnis für Zwänge aus den Produktionsabläufen. "Es ist unsere Existenzgrundlage in Schichten zu arbeiten. Die Autobauer warten nicht. Die wollen ihre Produkte pünktlich haben." Da könne es vorkommen, dass Aufträge über Sonderschichten abgearbeitet werden müssten. Das sorge immer wieder für Konflikte. Dazu gebe es dann aber auch Abstimmungen über die Mitarbeitervertretung, wie die Schichten organisiert werden. "Ich würde nicht sagen, dass das immer mehr wird. Aber ich will auch nicht sagen, dass wir keine Probleme haben, die wir nicht anpacken könnten."

Juhnke macht deutlich, dass das Schichtsystem auch auf der Agenda des aktuellen Committees steht und dort nach Lösungen gesucht werde. Neu gewählte Committee-Mitglieder melden dem Vize-Geschäftsführer aber auch zurück, dass die Arbeit des Gremiums besser erklärt und transparenter gestaltet werden müsse. Daran will Juhnke arbeiten: "Die Wenigen, die sich dort nicht vertreten fühlen, müssen merken, dass sie ihre Interessen dort auch durchsetzen können."

Ein Gremium ohne Durchsetzungsrechte?

Florian und Steffen bezweifeln, über das Committee viel bewegen zu können. Dem Gremium fehle es an Durchsetzungsrechten. Manche Initiative der Mitarbeiter scheitere so am Veto der Geschäftsführung. "Ein vernünftiger Tarifvertrag, das geht nur mit einer Gewerkschaft", sagt Florian frustriert. "Das Commitee hat da keine Handhabe. Da sitzen nur Vorgesetzte drin und die drehen sich nach dem Wind. Den Bezug zum kleinen Arbeiter haben die verloren."

Bei TDDK stehen die Gewerkschafter mit ihrem Engagement noch am Anfang. Doch was sich in den vergangenen Monaten bei anderen Großbetrieben der Oberlausitz getan hat, ermutigt sie. Bei Accumotive in Kamenz, bei den Maja Möbelwerken in Wittichenau, bei Birkenstock in Görlitz sind Betriebsräte gegründet worden. "Die Kollegen spüren: Die Industrie boomt. Der Leistungsdruck wird immer größer. Die spüren den Fachkräftemangel", sagt Uwe Garbe, Gewerkschaftssekretär der IG Metall-Ostsachsen. "Die spüren, dass sich ihre Position verändert, dass es jetzt 30 Jahre nach der deutschen Einheit Zeit ist, dass wir das Image als Billigheimer Deutschlands endlich ablegen."

Fachkräftemangel ermutigt Mitarbeiter für ihre Rechte aufzustehen

Dazu käme, dass viele junge Menschen in der Region bleiben möchten. "Die wollen nicht nach Dresden, nicht nach Leipzig, nicht in den Westen der Bundesrepublik ziehen. Die wollen hier gute Arbeit haben", kommentiert Garbe. Deshalb müssten die Gewerkschaftsvertreter in den Betrieben kaum noch aktiv werben. "Es ist umgekehrt: die Kollegen kommen zu uns."

So seien bei der Versammlung der TDDK-Gewerkschaftsmitglieder am Wochenende schon wieder neue Gesichter dabei gewesen. Auch zwei Abteilungsleiter hätten dort die Beitrittserklärung unterschrieben. Deshalb sind die Gewerkschafter zuversichtlich, bald eine Initiative zur Betriebsratsgründung starten zu können.

* Namen geändert. Die Gewerkschaftsmitglieder bei TDDK wollen anonym bleiben. Sie fürchten Repressalien aufgrund ihres Engagements.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.10.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2019, 13:51 Uhr

2 Kommentare

RI306 vor 3 Wochen

Guten Tag
Die Firma TDDK braucht kein Betriebsrat und auch keine IG Metall!
Was verdient den ein Bäcker oder ein ungelernter Angestellter in der Endgeldtabelle der IG Metall ???
Das sollte man mal hinterfragen!!!
Was würde man bekommen für ein Lohn in der freien Marktwirtschaft als Quereinsteiger oder ungelernter ???
Leute macht die Augen auf und lasst Euch nicht blenden.
Ich schreibe es nicht, um TDDK zu unterstützen, sondern den Leuten klar zu machen, dass auch eine IG Metall nichts ändern wird.Oh doch ..es gibt dann nur noch alle 6 Jahre eine Lohnerhöhung, anstatt JEDES JAHR.
Den Rest macht das Committee und durch die Neuwahlen kommt genug Wind aufs Management zu.
In diesem Sinne ....man sieht sich vielleicht bei TDDK oder wenn das Kind im Brunnen gefallen ist, auf dem Arbeitsamt.


Immen weiter verdrehen bis es passt vor 3 Wochen

Vor ein paar Tagen kam die Meldung, das der Gewerkschaft die Mitglieder weglaufen, warum nur?
Wirtschaft hörige und gesättigte Gewerkschaftsbosse ist die Ursache.
Warum gibt es in Deutschland keinen Generalstreik?
Warum sitzen Gewerkschaften im Aufsichtsrat? (nicht um mit zu bestimmen, sondern um Abzusahnen)
Die Arbeiter bezahlen Euch, und Ihr seid Politikern und Wirtschaftshörig, schaut nach Frankreich, das sind Gewerkschaften. Auf der Straße wird der Lohn ausgehandelt und nicht hinter verschlossenen Türen.
Das Geld kann man sich sparen, alles nur Show für ein paar Bosse.

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