Verbrannte Orte Schenck
Fotoshooting auf dem Dekra-Parkplatz an der Löbauer Straße. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bücherverbrennung der Nationalsozialisten Fotograf dokumentiert "verbrannte Orte" in Bautzen

In Sachsen werden Fotos für den Online-Atlas "Verbrannte Orte" gemacht. Fotograf Jan Schenck dokumentiert Stellen, an denen Nationalsozialisten 1933 öffentlich Bücher verbrannten. Am Sonnabend war er in Bautzen.

Verbrannte Orte Schenck
Fotoshooting auf dem Dekra-Parkplatz an der Löbauer Straße. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Man sollte meinen, es gibt bessere Motive als grauen Beton auf einem Parkplatz der Dekra. Jan Schenck, freier Fotograf aus Niedersachsen, ist genau dafür nach Bautzen gekommen. Er hat den Parkplatz an der Löbauer Straße mit seinen Kameras festgehalten, zusätzlich eine 360-Grad-Panorama-Aufnahme gemacht. Es ist die Geschichte, die für den 37-Jährigen das Motiv so spannend macht. Denn in den 1930er-Jahren gab es an der Löbauer Straße zwischen der heutigen Dekra und dem Berufsbildungszentrum einen Steinbruch. Am 9. August 1933 fand dort eine Bücherverbrennung der Nationalsozialisten statt.

Festzug vom Kornmarkt zum Steinbruch

Bautzen Bücherverbrennung
Auszug aus dem Bautzener Tageblatt vom 10. August 1933. Bildrechte: Stadtarchiv Bautzen

Vernichtet wurden von der damaligen Landeskriminalstelle beschlagnahmte Bücher, Flugblätter, Fahnen - sogenanntes "marxistisches Zersetzungsmaterial". Das haben Schencks Recherchen im Bautzener Stadtarchiv ergeben. Im Rahmen eines Festzuges wurden die Schriften vom Kornmarkt aus durch die Stadt zum Steinbruch transportiert, wo sie auf einen Haufen geworfen und angezündet wurden.

Welche Werke damals genau verbrannt wurden, lässt sich anhand der Quellenlage - in diesem Fall ein Zeitungsartikel vom 10. August 1933 aus dem Bautzener Tageblatt - nicht mehr benennen. Der Fotograf geht davon aus, dass sie aus Gewerkschaftshäusern sowie sozialistischen und kommunistischen Buchhandlungen stammten.

Auszug aus dem Bautzener Tageblatt, 10. August 1933 "Mit der gestrigen Verbrennung marxistischen Zersetzungsmaterials wurde auch äußerlich der letzte Rest marxistischer Betätigung in Bautzen zu Grabe getragen. [...] Die gesamte SA stellte gestern abend auf dem Kornmarkt mit der Standartenkapelle und den Amtswaltern, um nach dem Steinbruch am Proviantamt zu marschieren. Die Teilnahme der Bevölkerung war außerordentlich groß. Tausende zogen die Löbauer Straße hinaus, um dem symbolischen Akt beizuwohnen, der den Schlußstrich unter die Vergangenheit setzte. [...]"

Durch Erich Kästner auf das Thema gestoßen

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Schenck mit der NS-Bücherverbrennung. Durch Erich Kästner ist er auf das Thema gebracht worden. Der Fotograf hatte sehr viel von dem Dresdner Schriftsteller gelesen und erfuhr dabei auch, dass Kästner die Vernichtung seiner eigenen, plötzlich als undeutsch stigmatisierten Werke miterleben musste. Der 37-Jährige fing an, nachzuforschen, wo überall in Deutschland während der Machtübernahme der Nazis Bücher angezündet wurden. Mehr als 100 Stellen habe er bisher dokumentieren können, eine Menge, die ihn schon überraschte.

Bildergalerie Verbrannte Orte

Betrachten wir die Umgebung anders, wenn wir um ihre Geschichte wissen? Das fragte sich Jan Schenck und fing an, nachzuforschen.

Verbrannte Orte Schenck
Zwischen dem Dekra-Gelände und dem Berufsbildungszentrum in Bautzen war früher an der Löbauer Straße ein Steinbruch. Hier wurden am 9. August 1933 öffentlich Bücher verbrannt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Verbrannte Orte Schenck
Zwischen dem Dekra-Gelände und dem Berufsbildungszentrum in Bautzen war früher an der Löbauer Straße ein Steinbruch. Hier wurden am 9. August 1933 öffentlich Bücher verbrannt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Verbrannte Orte Schenck
Am 7. März 1933 brannten in Dresden an der Großen Meißner Straße unweit des Goldenen Reiters Bücher. Bildrechte: Jan Schenck
Verbrannte Orte Schenck
Ein Plattenbau an der Ludwig-Renn-Allee in Dresden. Gegenüber von dem Neubau fand an der Bismarcksäule am 10. Mai 1933 eine Bücherverbrennung statt. Bildrechte: Jan Schenck
Verbrannte Orte Schenck
Am 8. März 1933 war der Wettiner Platz in Dresden Schauplatz einer Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten. Bildrechte: Jan Schenck
Verbrannte Orte Schenck
In Hamburg wurden an der Ifflandstraße am 30. Mai 1933 Bücher verbrannt. Heute steht hier eine Schwimmhalle. Bildrechte: Jan Schenck
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In Sachsen zählt Schenck neben Bautzen die Städte Dresden, Leipzig, Pirna und Zwickau auf: "In Dresden gab es drei Stellen, wo Nationalsozialisten Bücher verbrannten: am Wettiner Platz, vor einer Buchhandlung an der Großen Meißner Straße und an der Bismarcksäule. In Leipzig fand vor dem Volkshaus und am kleinen Meßplatz, beim heutigen Sportforum, eine Verbrennung statt."

Interaktiver Atlas im Netz

Deutschlandweit hat Schenck inzwischen 30 dieser geografischen Zeitzeugen fotografiert. Um sein Projekt möglichst vielen zugänglich zu machen, hat er unter dem Titel "Verbrannte Orte" einen interaktiven Online-Atlas erstellt. Klickt man dort auf die markierten Stellen, erfährt man die historischen Eckdaten sowie deren Quellen. Dazu pflegt der Fotograf nach und nach seine Aufnahmen ein, die zeigen, wie es heute hier aussieht.

Ich möchte die Leute dazu anregen, Orte mit dem Wissen um ihre historischen Ereignisse zu betrachten.

Jan Schenck Fotograf
Verbrannte Orte Schenck
Fotograf Jan Schenck Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Arbeit hat Schencks Wahrnehmung verändert. Zum Beispiel von Hamburg, der Stadt, wo der Mann aufgewachsen ist. "Dort gab es fünf Bücherverbrennungen, zum Beispiel bei einer Schwimmhalle, wo ich als Kind immer schwimmen gewesen bin. Das habe ich erst im Laufe dieses Projekts festgestellt. Und natürlich ändert sich dadurch meine Sichtweise, weil ich weiß, was an diesem Ort passiert ist."

Das Fotoprojekt wird noch einige Zeit laufen. Material- und Reisekosten werden mit Spenden finanziert. Ziel ist, 2023 zum 90. Jahrestag der NS-Bücherverbrennung dann alle Orte zusammengestellt zu haben.

Am Sonntag will Schenck in Zwickau, am Montag in Leipzig fotografieren.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.02.2019 | ab 9 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2019, 07:41 Uhr

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