Interview Annalena Schmidt wünscht Bautzen mehr Leute, die den Mund aufmachen

"Ich wollte in Bautzen nie alt werden. Ich habe hier einige graue Haare bekommen, aber liegt das an Bautzen?", fragt die Lokalpolitikerin und Noch-Bautznerin Annalena Schmidt auf Twitter. Jetzt zieht sie um, aber nicht wegen all der Anfeidungen, denen sie in Bautzen ausgesetzt war, sagt Schmidt. Ihre Beiträge und Einsätze für Demokratie und gegen Rassismus stießen oft auf Zustimmung und zugleich heftige Abwehr Einheimischer. Im Interview mit MDR SACHSEN blickt sie zurück.

Eine junge Frau mit schwarzen, nach hinten zusammengebundenen Haaren sitzt auf einer Parkbank vor einer Kirche. es sit die Historikerin und Bautzner Stadträtin Annalena Schmidt.
Annalena Schmidt vor der Maria-und-Martha-Kirche in Bautzen. Bleiben wollte sie nur bis 2018, dann kam viel dazwischen. Bildrechte: Steffen Unger

Frage: Frau Schmidt, Sie haben in Ihrem Blog angekündigt, nicht mehr in Bautzen zu wohnen. Was planen Sie?

Annalena Schmidt: Ich werde näher an meine Arbeitsstelle ziehen. Freunde und Stadtratskollegen wussten Bescheid. Es stand auch schon länger fest. Meine befristete Stelle in Bautzen war im Sommer 2018 ausgelaufen, wurde dann noch verlängert. Das lief parallel zur Stadtratswahl voriges Jahr. Dann wurde ich als Parteilose für die Grünen gewählt und blieb in Bautzen. Ich hatte schon befürchtet, dass es schwierig werden würde, einen neuen Job in Bautzen zu finden. Seit Jahresanfang arbeite ich in der politischen Bildung für die Diakonie in Radebeul. Dahin pendele ich mit der Bahn. Pro Strecke sind das eine Stunde und vierzig Minuten Fahrtzeit – wenn es gut läuft. Drei, vier Stunden Pendeln am Tag bringt es auf Dauer nicht. Am Ende habe ich meine Freizeit im Zug verbracht und hatte kaum noch Zeit für den Stadtrat. Es ist ein guter Zeitpunkt zu gehen.


Was meinen Sie damit, es sei "gesünder", nicht mehr in der Spreestadt zu wohnen"?

Ich freue mich darauf, nicht mehr so weit pendeln zu müssen und in etwas größerer Anonymität leben zu können. In den vergangenen Jahren habe ich in Bautzen alles erlebt - von persönlichen Anfeindungen bis zu Morddrohungen. Es war unangenehm, jeden Tag am Briefkasten nachzusehen, welche Nazi-Aufkleber wieder darauf klebten. Es wird sicherlich Gruppen geben, die sich freuen und sagen, ‚wie gut, dass die weg ist‘. Ich bleibe mit vielen Menschen in Bautzen befreundet und werde mich auch weiterhin nicht erschüttern lassen. Zehn Jahre lang habe ich zur Shoa und zu nationalsozialistischen Gewaltverbrechen geforscht. Ich möchte nicht, dass so etwas jemals wieder passiert. Deshalb habe ich mich in Bautzen engagiert. Auch weil wir mittlerweile eine Partei im Bundestag sitzen haben, deren Strukturen und Sprache denen der NSDAP ähneln, die extrem rechtsextreme Ansichten vertritt.


Was wünschen Sie Bautzen für die Zukunft – auch mit Blick auf die Verschwörungs- und Reichsbürgerszene, die Sie immer wieder kritisiert hatten?

Markt und Rathaus von Bautzen
Marktplatz und Rathaus von Bautzen. Bildrechte: IMAGO/Rainer Weisflog

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mund aufmachen, wenn es um politische Themen geht. Die Stadtgesellschaft ist sehr engagiert, aber wenn es darum geht, klar Stellung zu beziehen, sind es plötzlich sehr wenige Menschen. In der Verschwörungs- und Reichsbürgerszene sind einflussreiche Menschen der Stadt aktiv. Sehr lange konnte hier eine Szene gedeihen und sich das Gedankengut ausbreiten. Gerade, da in der Corona-Krise Verschwörungsideologien überall verbreitet werden und dies entsprechend medial thematisiert wird, hoffe ich, dass auch in Bautzen mehr Menschen erkennen und ansprechen, dass das ein wirkliches Problem ist. 


Welche Haupterkenntnis Ihrer politischen Arbeit in Bautzen packen Sie in Ihre Umzugskisten ein?

Sich für Vielfalt und Demokratie und gegen Rassismus in der Provinz einzusetzen, ist etwas deutlich anderes als in einer multikulturellen Uni-Großstadt. Man muss den Menschen unbedingt den Rücken stärken, die sich dafür einsetzen. Ich wollte immer auch Mut machen, dass sich Menschen äußern, die bislang leise waren oder sich nicht gleich trauen, etwas zu sagen, aber nicht mit Extremismus, Rassismus und Ausgrenzung einverstanden sind.


Werden Sie künftig wieder als Stadträtin kommunalpolitisch antreten?

Jonas Löschau trägt die Blumenzwiebeln zum Rasen vor der Bibliothek.
Jonas Löschau rückt als grüner Stadtrat fü Annalena Schmidt nach. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wir hatten ja erst die Kommunalwahlen. Insofern ist bis zur nächsten Wahl in Sachsen noch etwas Zeit. In den vergangen Jahren war ich in Dresden aktiv bei der Initiative "Dresden nazifrei". Das werde ich in jedem Fall fortsetzen. Ich werde sicher zu dem einen oder anderen Thema in Dresden meinen Mund aufmachen. Als Nachrücker für den Bautzner Stadtrat steht Jonas Löschau fest. Er sitzt für die Grünen auch im Kreistag, was durchaus zu Synergien zwischen Stadt und Landkreis führen kann. Er muss noch offiziell ernannt und ich entpflichtet werden.

Quelle: MDR/kk

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