Braunkehlchen am Ast
Bildrechte: Winfried Nachtigall

10.05.2019 | 12:51 Uhr Wenn in Sachsen Braunkehlchen nicht mehr singen

Hat das zarte Braunkehlchen in Sachsen keine Zukunft mehr? Flächen werden versiegelt, Wiesen intensiv bewirtschaftet, Pestizide und Gülle vergiften den Lebensraum. Trotzdem versuchen Oberlausitzer, das Braunkehlchen zu retten!

von Uwe Walter

Braunkehlchen am Ast
Bildrechte: Winfried Nachtigall

"Das tut weh, sehr weh", sagt Uwe Leipert und zeigt auf eine grüne Fläche zwischen Laußnitz, Höckendorf und Gräfenhain. "Kein einziges Braunkehlchen singt mehr über der grünen Wiese. "Noch vor 20 Jahren gab es allein hier 30 Brutpaare, die saßen dort auf den Büschen, dort auf den Holzmasten oder hielten da drüben Ausschau." Uwe Leipert späht vergeblich durch das Fernglas. Ausgestorben und still wirkt die Landschaft.

Grüne Wiesen sind tot

Die Braunkehlchen lieben mehr oder weniger feuchte Wiesen mit Sträuchern. Als Insektenfresser mögen sie auch Spinnen, Würmer und Schnecken, schätzen Beeren als Rohkostbeilage. Doch die grüne saftige Wiese vor den Füßen kann davon nicht mehr viel bieten, denn sie wird als Grünfutter intensiv bewirtschaftet. Gülle und Pestizide schränken massiv die Tier- und Pflanzenvielfalt ein.

Wiese ohne Braunkehlchen
Eine Wiese ohne Braunkehlchen. Weil drei Mal im Jahr gemäht wird, haben die Bodenbrüter keine Chance. Früher waren hier 30 Brutpaare beheimatet. Bildrechte: Uwe Walter

Wiesen müssen bewirtschaftet werden

Nach dem trockenen Sommer und Frühjahr mangelt es an Rauhfutter. Die Scheunen und Silos sind vielerorts leer. Deshalb wurden das Vieh oder die Pferde bereits früher als sonst auf die Weide getrieben. Sehnsüchtig erwarten die Tierhalter den ersten Schnitt, um Futter machen zu können. "Da zählt jede kleine Wiesenecke. Deshalb können wir auf Braunkehlchen und andere Wiesenvögel keine Rücksicht nehmen", sagt ein Landwirt, der nicht genannt werden will. "Dazu kommt, dass sich auf den sogenannten Naturwiesen hochgiftige Pflanzen vermehren. Darüber spricht nur keiner", sagt Ludwig Ebermann, Pferdezüchter aus Dittersbach.

In wenig bewirtschafteten Wiesen gedeihen Schimmelpilze und das Jakobs-Kreuzkraut vermehrt sich prächtig. Jakobs-Kreuzkraut ist für Pferde tödlich.

Ludwig Ebermann Pferdezüchter aus Dittersbach

Einfach weg und spurlos verschwunden

In diesen Tagen beginnen die Bauern mit dem ersten Schnitt. Wenn die Braunkehlchen aus ihrem afrikanischen Winterquartier zurückkommen, werden Wiesen bald oder sind bereits gemäht. Damit haben die Bodenbrüter schlechte Karten.
"Zuerst kommen die Männchen, besetzen das Revier", erzählt Hobby-Ornithologe Uwe Leipert. "Später kommen die Weibchen und dann entsteht das verborgene Nest inmitten der Wiese."

Mann mit Fernglas: Ornithologe Uwe Leipert hält nach Braunkehlchen Ausschau
Der Oberlausitzer Hobby-Ornithologe Uwe Leipert hält nach Braunkehlchen Ausschau. Bildrechte: Uwe Walter

Wenn das Braunkehlchen kein Weibchen anlocken kann, dann verschwindet es spurlos. Das Männchen ist einfach weg und keiner weiß wohin!

Uwe Leipert Ornithologe

Das Wunder bei Gräfenhain

Ein paar Kilometer von der mit Gülle-Stickstoff gemästeten Wiese entfernt, beginnt Uwe Leipert zu strahlen. Gemeinsam mit den zuständigen Ämtern hat er eine Wiese zum Leidwesen der Agrargenossenschaft sperren lassen. Auf einem Pfosten hockt ein Braunkehlchen und gleich daneben zwischert ein Weibchen. Uwe Leipert kennt das Männchen. Durch das Fernglas ist deutlich erkennbar: Das Braunkehlchen trägt zwei Ringe. Einen silbernen am linken und einen roten am rechten Bein! Der rote Ring zeigt, dass der Vogel an einem europäischen Pilotprojekt teilnimmt: Er trägt einen winzigen Rucksack!

Zusammen mit der Vogelwarte Sempach haben wir neun Braunkehlchen in der Oberlausitz mit einem Rucksack ausgestattet. Darin befindet sich ein elektronischer Chip, so groß wie ein halber Fingernagel.

Uwe Leipert Ornithologe

Der winzige Chip speichert die Lichtverhältnisse, in denen sich das Braunkehlchen bewegt. In den nächsten Tagen muss das Braunkehlchen gefangen werden, um den Chip am Computer auszulesen. Dann können die Wissenschaftler bis auf 200 Kilometer genau bestimmen, wo sich der Vogel herumgetrieben hat. Im Leben der Braunkehlchen ist vieles noch nicht erforscht.

Hoffen auf Verständnis

Ornithologe Uwe Leipert im Braunkehlchenrevier
Ornithologe Uwe Leipert ist glücklich. Er hat gerade eine beringtes Braunkehlchen entdeckt. Die Wiese ist als Brutrevier vom Naturschutz für die Bewirtschaftung gesperrt worden. Manchmal dauert es mehr als drei Jahre, bis die Braunkehlchen ein einstiges Revier "wieder entdecken" . Bildrechte: Uwe Walter

In Sachsen ist seit der politischen Wende der Bestand an Braunkehlchen dramatisch eingebrochen: Im Erzgebirge nach Ansicht von Experten um 70 Prozent, in der Oberlausitz sogar um 90 Prozent. In der Sächsischen Schweiz, im Tief- und Hügelland bei Delitzsch werden nur noch vereinzelt Brutpaare gesichtet.

"Nur wenn Landwirte bis zum Abschluss der Brut - im August - eine Wiese in Ruhe lassen, könnte der Bestand zumindest gesichert werden", meint Uwe Leipert. "Die Agrarbetriebe in der Lausitz mit Flächen von mehr als 300 Hektar können doch mal auf eine Wiese von zwei Hektar zugunsten der Braunkehlchen verzichten." Der Hobby-Ornithologe hofft auf mehr Verständnis. Er möchte staatlich verordnete Sperrungen wie bei Gräfenhain möglichst vermeiden.

Falsche Politik in Brüssel, Berlin und Dresden

"In Brüssel müssen die Weichen bei der Agrar-Förderung neu gestellt werden, um die Artenvielfalt zu erhalten", sagt Uwe Leipert. Auch in Berlin und Dresden werde zu wenig getan, um in Sachsen eine Landwirtschaft zu unterstützen, die mit der Natur in Einklang steht, klagt ein Oberlausitzer Landwirt. Trotzdem will er in Zusammenhang mit Arten- und Naturschutz nicht namentlich genannt werden.

Selten geworden: Braunkehlchen in der Oberlausitz

Braunkehlchen auf Wiesenkraut
Der Bestand an Braunkehlchen ist in der Oberlausitz seit der politischen Wende um 90 Prozent geschrumpft. Bildrechte: Winfried Nachtigall
Braunkehlchen auf Wiesenkraut
Der Bestand an Braunkehlchen ist in der Oberlausitz seit der politischen Wende um 90 Prozent geschrumpft. Bildrechte: Winfried Nachtigall
Wiese ohne Braunkehlchen
Eine "fette" Wiese, bewirtschaftet. Hier findet das Braunkehlchen weder Nistmöglichkeiten noch Nahrung. Bildrechte: Uwe Walter
Wiese voller Blumen - Lebensraum Braunkehlchen
Eine Wiese voller Blumen und Insekten. Erst im August wird gemäht, wenn die Bodenbrüter ihre But beendet haben und der Nachwuchs aus dem Nest ist. Ein Paradies nicht nur für Braunkehlchen. Bildrechte: Winfried Nachtigall
Braunkehlen Männchen und Weibchen auf der Warte
Ein selten gewordener Anblick: Männchen und Weibchen auf der Warte! Bildrechte: Winfried Nachtigall
Junge Braunkehlchen sperren ihre Schnäbel auf - Gelege - Nest
Gut versteckt ist das Nest im hohen Gras. Der Nachwuchs bettelt um Futter! Bildrechte: Winfried Nachtigall
Braunkehlchen in der Hand mit gespreiztem Flügel
Ein gemeinsames Pilotprojekt mit der Schweiz ist in der Oberlausitz gestartet. Braunkehlchen werden nicht nur beringt, sondern bekommen einen winzigen elektronischen Chip "umgeschnallt". Mit seiner Hilfe wollen Wissenschaftler die Aufenthaltsorte der Braunkehlchen erforschen. Bildrechte: Winfried Nachtigall
Vogelbein mit roten und silbernen Ringen
Ein beringtes Braunkehlchen. Es ist ein "Rucksackträger". Auf den elektronischen Chip deuten die roten Ringe hin. Bildrechte: Winfried Nachtigall
Braunkehlchen auf einer Hand
Die Ornithologen sind gespannt, was ihnen die Chips beim Auslesen verraten werden. Neun Braunkehlchen wurden "gechipt". Eines ist bislang aus seinem afrikanischen Winterquartier wieder in sein Heimatrevier bei Gräfenhain zurück gekehrt. Bildrechte: Winfried Nachtigall
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Die Bauern könnten einen finanziellen Ausgleich erhalten, wenn sie ihre Wiesen beispielsweise zugunsten des Braunkehlchens nicht bewirtschaften.

Uwe Leipert Ornithologe

Wie schnell die Landwirte auf Subventionen reagieren, hat der Energiewandel gezeigt. Seit der Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen gefördert wird, bestimmen Mais und Raps das Landschaftsbild nicht nur in der Oberlausitz.
Würde es ökonomische Anreize für die Rettung von Tier- und Pflanzenarten geben, kämen bald wieder die bunten Wiesen voller Blumen zurück, über denen die Schmetterlinge tanzen, Lerchen tirillieren und Braunkehlchen auf die Jagd nach Insekten gehen. Davon ist auch Uwe Leipert überzeugt.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.05.2019 | 19:00 Uhr

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2 Kommentare

12.05.2019 16:05 SingSang 2

Was glauben sie, wieviel braune Kehlchen es in Sachsen gibt.
Chemnitz, Dresden, Plauen, Freital, Heidenau usw.

10.05.2019 19:26 Paule 1

Die Rotkehlchen haben die Braunkehlchen verdrängt. Ist doch schön.

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