Covid-19 Kliniken am Limit - Chefärzte aus der Oberlausitz über ihre Intensivstationen

Arzt, Patienten
In Sachsen müssen weit über 300 Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen behandelt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Krankenhäuser in der Oberlausitz haben mit einem rasanten Anstieg an Corona-Fällen zu tun. Die Intensivstationen sind weitgehend ausgelastet. Denn neben den üblichen Notfallpatienten gilt es nun, in strikt isolierten Bereichen etliche schwere Covid-19-Verläufe zu versorgen. Nach Meldungen an das bundesweite Intensivregister liegen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz aktuell 44 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen (Stand 26. November). "Die jetzige Lage ist mit der sogenannten ersten Welle im Frühjahr nicht zu vergleichen. Wir haben viel, viel mehr Patienten", sagt Chefarzt Jörg-Uwe Bleyl vom Städtischen Klinikum in Görlitz.

Matthias Linke, Chefarzt der Intensivklinik der Oberlausitzkliniken in Bautzen.
Matthias Linke, Chefarzt der Intensivklinik der Oberlausitzkliniken in Bautzen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Wir hatten die letzten vier Wochen voll zu tun mit Corona-Patienten", berichtet auch Matthias Linke, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie an den Oberlausitzkliniken in Bautzen. Die zehn für schwer an Covid-19 Erkrankte vorgesehenen ITS-Betten sind in dieser Woche alle belegt. Laut Linke liegen auf der Covid-ITS die Hälfte der Kranken in einem künstlichen Koma und werden invasiv beatmet. Um wieder Kapazitäten zu schaffen – etwa wenn sich der Zustand von Kranken auf den zwei Corona-Infektionsstationen des Hauses verschlechtert – versucht Bautzen Patienten nach Dresden zu verlegen.

Auch das Städtische Klinikum in Görlitz ist an seine "intensivmedizinischen Grenzen gekommen", wie Jörg-Uwe Bleyl schildert. Im Schnitt werden zwischen sechs und acht Patienten intensivmedizinisch versorgt, die meisten von ihnen werden intubiert und beatmet. "Um vor Ort aufnahmefähig zu bleiben, verlegen wir regelmäßig Intensivpatienten auch an das Universitätsklinikum Dresden", so Bleyl.

Mehr Kapazitäten durch Umbau möglich

Heiko Sahre, Chefarzt im Seenlandklinikum Hoyerswerda, steht im Aufwachraum.
Heiko Sahre, Chefarzt im Seenlandklinikum Hoyerswerda. Bildrechte: Gernot Menzel

Das Malteser Krankenhaus in Kamenz hat planmäßig sechs Intensivtherapieplätze. Im Moment werden hier sieben Menschen intensivtherapeutisch versorgt. Unter ihnen befinden sich fünf Covid-19-Patienten, die Sauerstoff benötigen. Ein Patient sei in dieser Woche an die Uniklinik nach Dresden verlegt worden, sagt Franz Eiselt, Chefarzt der Anästhesie und Ärztlicher Direktor der Klinik.

Im Seenlandklinikum in Hoyerswerda befinden sich momentan elf Menschen auf der ITS. Als Schwerpunktkrankenhaus in der Region hält Hoyerswerda geplant 14 Betten vor. Die Kapazitäten ließen sich aber durch kleine Umbaumaßnahmen auf bis zu 18 Intensiv-Betten erhöhen, berichtet Heiko Sahre, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin.

Thrombosen in den Lungengefäßen

Nach Einschätzung von Matthias Linke verlaufen nur fünf Prozent aller Corona-Infektionen schwer und ein Prozent so schwer, dass eine Intensivtherapie notwendig wird. Doch diese Fälle machen den Kliniken zu schaffen. "Wir kämpfen im Wesentlichen mit den Schäden an lebenswichtigen Organen, die durch das Virus ausgelöst werden, können aber im Moment nicht ausreichend gut das Virus selbst bekämpfen. Das schränkt unsere Therapie-Optionen ein", sagt der Mediziner. 

Die Gefahr sei, dass die Viruserkrankung auch zu einer Entzündung in den kleinen Gefäßen, zu Thrombosen, führen könne, erklärt Heiko Sahre. "Das heißt, die kleinen Gefäße in den Lungenarterien gehen dann zu." Die Viruserkrankung führe auch zu Nervenleiden – nichts anderes sei der Ausfall von Geschmacks- und Riechnerv. Die Nieren könnten versagen. Die Patienten hätten also nicht nur mit der Lungenentzündung zu tun, sondern auch mit Begleiterkrankungen. "Das ist das Heimtückische an dieser Krankheit", sagt der Arzt.

Franz Eiselt ist Chefarzt der Anästhesie und Ärztlicher Direktor des Malteser Krankenhauses St. Johannes in Kamenz.
Franz Eiselt ist Chefarzt der Anästhesie und Ärztlicher Direktor des Malteser Krankenhauses St. Johannes in Kamenz. Bildrechte: Malteser Krankenhaus St. Johannes

Dass das Coronavirus nur im Körper eines Menschen mit Vorerkrankungen wütet, kann Franz Eiselt aus seinen praktischen Erfahrungen nicht bestätigen. Es habe auch Patienten ohne Risikofaktoren gegeben, die allein an Covid-19 schwer erkrankt sind. "Die haben einfach Covid bekommen und Pech gehabt." Das Risiko für einen schweren Verlauf sei natürlich höher für Menschen mit Begleiterkrankungen wie hohen Blutdruck, Zucker, Nierenerkrankung oder Immunschwäche, so der Mediziner.

Um jeden Patienten eine optimale Behandlung zu ermöglichen, stehen die Oberlausitzer Ärzte im engen Kontakt mit dem Corona-Netzwerk des Universitätsklinikums in Dresden. Bei Problemen stehen dort Kollegen zur Konsultation zur Verfügung. "Sodass wir, wenn wir Fragen haben, uns mit ihnen zu einzelnen Patienten abstimmen", so Eiselt.

Ein enormer Kraftakt

Die Chefärzte ziehen im Moment ihren Hut vor allen Schwestern, Pflegern und Ärzten, die im Dienst sind. Das Problem seien nicht die Betten, sondern die Pflege, sagen sie. Denn auch beim Klinikpersonal gibt es einen hohen Krankenstand aufgrund von Corona-Infektionen. So können beispielsweise im Kamenzer Krankenhaus auf der normalen Corona-Infektionsstation nicht alle 33 Betten belegt werden, weil keine Pflege da ist, so Eiselt. "Wenn die Schwestern und Ärzte, die noch da sind, nicht so ein hohes Engagement hätten, könnten wir die Bude schon zumachen", sagt der Ärztliche Direktor.

Insbesondere die Patientenpflege in den Covid-Intensivbereichen sei äußerst anstrengend. "Man muss sich das so vorstellen, als wenn man seine Hausarbeit zu Hause im dicken Pullover mit Mantel, Mütze und Handschuhen macht und dann ordentlich ins Schwitzen kommt. So ähnlich geht es den Mitarbeitern hier", beschreibt Heiko Sahre vom Seenlandklinikum.

Die Situation in den Kliniken sei belastend und herausfordernd, so Sahre. Es werde auf freie Tage und zum Teil auf Urlaub verzichtet. Aber irgendwann brauche man auch mal seine eigene Erholungsphase. "Das zu gewährleisten, ist die aktuelle Schwierigkeit. Und das ist das, was die ganze Situation in Ostsachsen so schwierig macht – dass wir viel mehr Betten bereitstellen könnten, aber das Personal dazu gar nicht haben."

Trotz der Engpässe haben die vergangenen Tage sein Behandlungsteam zusammengeschweißt, betont Matthias Linke aus dem Bautzener Krankenhaus. "Alle ziehen mit."

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.11.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

5 Kommentare

Guter Schwabe vor 7 Wochen

Sehr geehrte Beate, wir haben Ende November und Sie sprechen von den nächsten Wochen? Entschuldigung, der Winter kommt noch und die verordnete Einsamkeit wird uns alle einholen. Zuhause mit oder ohne Kinder! Ich möchte gern darauf verzichten. Schönen Abend noch.

Beate vor 7 Wochen


Die Welle brechen in Dresden / Sachsen? So jedenfalls nicht mit halbherzigen Maßnahmen und ohne Schneid. Aber einige Leben werden an der Schwelle zur vollen Intensivstation zerbrechen und in der Folge das Leben von Angehörigen und ggf. Kindern ebenfalls. So geht sächsisch. Wir sind weitgehend im Home-Office. Bei uns wird das Virus durch die Schule über die Kinder eingetragen. Doch spielt es im Falle der Erkrankung eine Rolle von wo nach wo das Virus getragen wurde? Kontakte minimieren bzw. vermeiden und das immer und überall die nächsten Wochen wäre das EInzige, was dem Virus die Möglichkeit zur Verbreitung entzieht.

Beate vor 7 Wochen

Die Zustände sind furchtbar. Das Leiden auch. Nur wer sieht es bei einer Besuchersperre? Nicht der Angehörige, der im Alltag seine Maske unter der Nase trägt, nicht der Freund, der im Alltag Corona mit einer Grippe gleich setzt, nicht der Nachbar, der sich beklagt, dass die Sauna zu hat und so gäbe es viele Beispiele. Wer das Leid sieht, bis zur körperlichen Erschöpfung arbeitet, sind Schwestern, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen.
Während außerhalb des Klinikums weiterhin durch die Aufrechterhaltung des EInkaufs, der Schulen, Musikschulen u. v. m sich die Menschen in den ÖPNV tummeln, während der Leistungskontrollen in d. Schulen die Masken abnehmen dürfen (das Virus weiß, dass eine Klausur geschrieben wird und wartet...), sich die Aerosole am Arbeitsplatz munter miteinander vermischen können und so zu immer steigenden Infektionszahlen mit allen Folgen führen können.

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