Geplanter Stellenabbau bei Siemens Görlitzer Turbinenwerker wollen nicht klein beigeben

Gespannt schauen die Görlitzer Turbinenwerker nach München. Dort kommt am Donnerstag der Wirtschaftsausschuss des Gesamtbetriebsrates von Siemens zusammen und soll von der Geschäftsführung über den geplanten Umbau der Kraftwerkssparte informiert werden. Das Görlitzer Werk gehört dazu. Von massivem Stellenabbau bis zur Schließung des Betriebes ist die Rede.

Feuerwache Siemens Görlitz
Mit einer Mahnwache demonstrieren am Donnerstagabend die Görlitzer Siemens-Mitarbeiter gegen die Pläne der Geschäftsführung. Bildrechte: MDR/Rica Sturm

Mit einer Feuerwache am Mittwoch- und Donnerstagabend machen die Mitarbeiter des Görlitzer Turbinenwerkes ihrem Unmut Luft. Siemens will die Kraftwerkssparte innerhalb des Konzerns radikal umbauen. Den Görlitzern schwant dabei nichts Gutes. Ein 37-jähriger Entwicklungsingenieur, der seit zehn Jahren im Turbinenwerk arbeitet, sagt, dass es noch nie so schlimm wie jetzt gewesen sei. "Wir haben ja schon diverse Abbauprogramme über uns ergehen lassen, aber dass der Konzern so drastische Maßnahmen ankündigt, haben wir noch nie erlebt." In seiner Abteilung musste bisher noch niemand gehen. Betroffen waren eher die Kollegen in der Produktion. "Aber jetzt geht es ans Ganze", sagt er. Deshalb hielten auch die Mitarbeiter fest zusammen.

Sebastian Rahm kam vor gut anderthalb Jahren ins Turbinenwerk nach Görlitz, nachdem Siemens sein Werk in Freiberg geschlossen hatte. Zurzeit erlebt der 35-jährige Ingenieur ein Dejà vu: "Jetzt nach zwei Jahren sind die ganzen Ängste wieder da." Rahm wohnt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Dresden, hat dort erst ein Haus gebaut und pendelt täglich nach Görlitz. Wie fühlt er sich? "Das ist richtig schlimm. Ich habe große Angst um die Familie und das Haus." Seine Lebenspartnerin ist noch in der Transfergesellschaft, die mit der Schließung des Freiberger Siemens-Werkes gegründet wurde.

Görlitzer Siemens-Mitarbeiter rätseln über Pläne

Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Rund 2.000 Menschen sind vergangene Woche in Görlitz gegen die Schließung des Turbinenwerkes auf die Straße gegangen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Vor fast einem Monat wurde bekannt, dass Siemens seine Kraftwerkssparte, zu der das Görlitzer Werk gehört, verkleinern will. Und genauso lange rätseln die Turbinenwerker, was das wohl für ihren Standort bedeutet. Tilo Haber ist Fertigungskontrolleur für die Rotorfertigung und für Qualitätssicherung im Werk zuständig. Jeden Abend, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, spricht er über die Stimmung im Betrieb. "Man versucht es, vom Tisch wegzuhalten, weil man es den Kindern auch anmerkt, dass sie bedrückt sind. Es hängt ja die ganze Familie dran, das ganze Finanzielle." Er und seine Kollegen wollen erst einmal abwarten, was beim Wirtschaftsausschuss am Donnerstag rauskommt und bereiten sich schon auf die nächste große Aktion vor. In einer Woche  wollen 300 Görlitzer zu einer großen Kundgebung nach Berlin fahren. Dort werden die Siemens-Betriebsräte tagen.

Unsicherheit macht Motivation zunichte

Ein Mann mit Pelzmütze und organgefarbener Signalwest steht hinter einem Holzhaufen, an dem ein Plakat mit dem Bild einer Familie hängt.
Am Mittwochabend folgten etwa 30 Mitarbeiter dem Aufruf der Gewerkschaft und kamen zur Feuerwache. Bildrechte: MDR/Rica Sturm

Auch Marion März will dabei sein. Sie ist seit 32 Jahren im Turbinenwerk, hat dort ihre Lehre als Technische Zeichnerin absolviert und arbeitet in der technischen Entwicklung. Die 49-Jährige hat in den vergangenen Jahren einige Auf und Abs im Betrieb erlebt. "Aber so schlimm war's noch nie. Einer schnappt was auf, einer liest was. Es wird darüber diskutiert. Man debattiert, man mutmaßt. Das macht dann auch die Motivation zunichte." Marion März erwartet, dass die Geschäftsführung sich vor Ort ein Bild macht, was in Görlitz produziert wird, bevor etwas entschieden wird. "Man kann uns nicht mit anderen Turbinen über einen Kamm scheren, weder mit der Gasturbine noch mit der großen Dampfturbine. Wir sind ein separater Sektor mit den kleinen Industrieturbinen."

Betriebsrat setzt auf Beschäftigungspakt

Tatsächlich sind nur etwa zehn Prozent der Produktion für die Kohlewirtschaft bestimmt. Der Rest der Produktion geht ins industrielle Geschäft, mit dem Siemens gute Gewinne macht. Deshalb können die Görlitzer nicht verstehen, warum sogar von einer Schließung des Werkes gemunkelt wird. Betriebsrat Ronny Zieschank will gemeinsam mit der Gewerkschaft IG Metall für den Erhalt des Werkes kämpfen. Er verweist auf das Radolfzell 2-Abkommen, einen Beschäftigungspakt, den IG Metall und Gesamtbetriebsrat mit Siemens 2010 geschlossen haben. Danach darf der Konzern in Deutschland nur dann Mitarbeiter betriebsbedingt entlassen, wenn der Betriebsrat zustimmt. Ob das die Geschäftsführung von ihren Plänen abhält, darüber sollen die Görlitzer Siemens-Mitarbeiter am Freitag informiert werden.

Quelle: MDR/ris

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.11.2017 | Regionalnachrichten ab 5:30 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 16.11.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2017, 08:46 Uhr

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1 Kommentar

16.11.2017 13:16 Was soll das werden? 1

(Tatsächlich sind nur etwa zehn Prozent der Produktion für die Kohlewirtschaft bestimmt. Der Rest der Produktion geht ins industrielle Geschäft, mit dem Siemens gute Gewinne macht.)

Mit dem Siemens NOCH gute Gewinne macht.

Im übrigen gilt als ständiger Kontext: Seit 2004 müsste jedem Beschäftigten in Deutschland ganz klar sein, wohin die Reise geht und wer die Reisespesen bezahlen soll - wer dazu Fragen hat, wende sich an die SPD oder eine andere Lobbyistengruppierung. Die ihr ja alle gewählt habt - so oder so. Mit Mahnwachen ist es nicht getan.
Zumal, wenn ich mich recht erinnere, soeben erst die IG Metall dem Einsatz von Leiharbeitern tariflich zugestimmt hat. Mitleid wird doch wohl nun niemand verlangen? Auch wenn der MDR-Bericht im Duktus einer Seifenoper verfasst ist.