Vertriebene Sachsen Nachkriegsschicksale aus dem Zittauer Zipfel

Mehr als zwölf Millionen Deutsche wurden mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben. Auch Sachsen waren betroffen. In der Zittauer Region, östlich der Neiße, mussten etwa 24.000 Deutsche von einem Tag auf den anderen ihre Häuser verlassen. Das Land wurde Polen zugeschlagen. Zwei Historiker haben sich jüngst mit der Vertreibung befasst.

Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Am 22. Juni 1945 mussten die Deutschen den sogenannten Zittauer Zipfel verlassen. Wer dem Befehl zuwiderhandelte, dem drohte die Todesstrafe. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Der maschinenbeschriebene Zettel ist über die Jahre zerknittert und vergilbt. Die sieben aufgeführten Punkte bleiben aber bis heute unmissverständlich: Für den 22. Juni 1945 von 6 bis 12 Uhr wird die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung angeordnet. Jeder darf nehmen, was er tragen kann. Transportwagen, Pferde oder Ochsen sind verboten. Der übrige Hausrat und sämtliche Tiere werden zum Eigentum der polnischen Regierung. Die Missachtung des Befehls wird mit dem Tode bestraft.

Zeitzeugen hatten das Wort

Von der Westverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg war auch ein Teil von Sachsen betroffen. Es handelte sich um 22 Dörfer im sogenannten Zittauer Zipfel - ein etwa 145 Quadratkilometer großes Gebiet östlich der Neiße in der Höhe von Ostritz und Zittau. Im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojektes haben sich Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath mit den Vertreibungsschicksalen dieser Oberlausitzer befasst.

Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Lars-Arne Dannenberg zeigt auf die Zittauer Region, die polnisch wurde. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Weit über 100 Biografien haben die beiden Historiker ausgewertet und zusätzlich um die 70 noch lebende Zeitzeugen interviewt. Dannenberg hatte es bei den Gesprächen sehr berührt, wenn bei den Vertriebenen die Erinnerungen hochgekommen sind. "Es sind regelmäßig Tränen geflossen", berichtet der 46-Jährige. Auch einige Wut war dabei. "Rausgeschmissen sind wir worden", dieser Satz fiel häufig.

Jedes Schicksal ist berührend. Die, die alles verloren haben, haben das nie verwunden.

Lars-Arne Dannenberg Historiker

Die dokumentierten Einzelschicksale belegen unter anderem, wie die Kommunen westlich der Neiße durch die Flüchtlingswelle überrollt wurden. "Zittau war völlig überfordert. Plötzlich hatte sich die Einwohnerzahl von 22.000 auf 55.000 mehr als verdoppelt", berichtet Dannenberg. Krankheiten brachen aus, weil Zimmer hoffnungslos überbelegt waren. Dazu war Hunger ein ständiger Begleiter. Denn für die Vertriebenen sei es nicht einfach gewesen, an eine Aufenthaltsgenehmigung und damit an Lebensmittelkarten im neuen Ort zu kommen.

Ausstellung im Zittauer Museum geplant

Sogar in der eigenen Familiengeschichte des Historikers findet sich ein solches Schicksal. Der Großvater von Dannenbergs Frau, Erwin Ebermann, war von Rusdorf (polnisch: Posada) nach Ostritz vertrieben worden. "Vom Hutberg aus konnte er tagein und tagaus seinen Hof sehen und sogar seine Kuh hören", erzählt Dannenberg.

An diesem Mittwoch um 17 Uhr laden die Städtischen Museen Zittau zu einem Vortrag über die Umsiedlung, Flucht und Vertreibung im Zittauer Zipfel ins Kulturhistorische Museum Franziskanerkloster ein. Für das Jahr 2020 ist eine Ausstellung zu dem Thema geplant.

Als aus Sachsen Polen wurde Zeugnisse der Vertreibung

Zwei Jahre lang haben sich Historiker mit der Zwangsumsiedlung des Zittauer Zipfels befasst und sind dabei auf interessante Dokumente gestoßen.

Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Der alte Landkreis von Zittau vor dem Zweiten Weltkrieg: Die rote Linie trennt den Zittauer Zipfel ab, der jetzt zu Polen gehört. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Der alte Landkreis von Zittau vor dem Zweiten Weltkrieg: Die rote Linie trennt den Zittauer Zipfel ab, der jetzt zu Polen gehört. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Ein Sonderbefehl des polnischen Garnisionskommandanten Oberstleutnant Zinkowski kündigte die Umsiedlung und die damit verknüpften Bedingungen an. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Für die Vertriebenen war die Aufenthalts-Genehmigung im neuen Ort existenziell. Denn nur mit ihr gab es auch Lebensmittelkarten. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Der Aufenthaltsausweis einer Familie, die von Marienthal rechts der Neiße nach Ostritz flüchten musste. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Forschungsprojekt Vertreibung Zittauer Zipfel
Lars-Arne Dannenberg hat gemeinsam mit seinem Forscherkollegen ein mehrere hundert Seiten dickes Manuskript über die Flucht und Vertreibung der Sachsen bei Zittau erstellt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Alle (5) Bilder anzeigen

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.03.2018 | ab 11:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 12:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

2 Kommentare

06.03.2018 20:45 Für was? 2

War da nicht etwas mit Reparationsforderungen an Deutschland?

06.03.2018 20:44 mare nostrum 1

Menschen sind überall auf der Welt nur Spielbälle in den Händen der Mächtigen.

Wir sollten das nie vergessen und mitmenschlich bleiben.