Matthias Böhm, freiberuflicher Verkehrsplaner und Mitglied des Vereins "Pro Herrnhuter Bahn" erläutert das Potenzial einer wiederbelebten Bahnstrecke Niedercunnersdorf – Oberoderwitz
Matthias Böhm, freiberuflicher Verkehrsplaner und Mitglied des Vereins "Pro Herrnhuter Bahn", erläutert das Potenzial einer wiederbelebten Bahnstrecke Niedercunnersdorf – Oberoderwitz Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

05.05.2019 | 10:15 Uhr Radfahrer für Bahnverkehr statt neuem Radweg auf Herrnhuter Strecke

Aus der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Oberoderwitz und Niedercunnersdorf könnte nach einem Vorschlag des Landkreises Görlitz bald ein Radweg werden. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub zeigte am Sonnabend, dass dieser aber im Grunde genommen gar nicht gebraucht wird.

von Martin Kliemank

Matthias Böhm, freiberuflicher Verkehrsplaner und Mitglied des Vereins "Pro Herrnhuter Bahn" erläutert das Potenzial einer wiederbelebten Bahnstrecke Niedercunnersdorf – Oberoderwitz
Matthias Böhm, freiberuflicher Verkehrsplaner und Mitglied des Vereins "Pro Herrnhuter Bahn", erläutert das Potenzial einer wiederbelebten Bahnstrecke Niedercunnersdorf – Oberoderwitz Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Es regnet unablässig. Die Temperatur liegt knapp über Null Grad. Dennoch macht sich am Oberoderwitzer Bahnhof ein Dutzend Radfahrer startklar zu einer 30 Kilometer-Tour. Einige Radler haben Gummihosen übergezogen. Viele tragen Regencapes. Die Tour soll die Gruppe entlang der stillgelegten Bahnlinie zwischen Oderwitz und Löbau führen. Seit 1998 fahren hier keine Personenzüge mehr. Seit 2003 ist auch der Güterverkehr eingestellt. Nun könnte aus der Bahntrasse ein Radweg werden. Das zumindest erwägt der Landkreis Görlitz.

Die Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) aus Zittau hält einen zusätzlichen Radweg für unnötig. "Für den touristischen Bereich gibt es genug Alternativen", sagt ADFC-Ortsgruppensprecher Dirk Spitzner. Eine dieser Alternativrouten will der Club zeigen. Deshalb hat er zu der Tour eingeladen. Und so führt Spitzner die Gruppe über verkehrsarme Nebenstraßen vorbei an blühenden Rhododendron-Büschen und aufwändig restaurierten Umgebindehäusern hinaus aus dem Ort.

Eine der ältesten Bahnstrecken Sachsens

Zwischen knallgelben Rapsfeldern kreuzen die Radfahrer die Bahnlinie und stoppen. Felix Bührdel, stellvertretender Vorsitzender des Vereins "Pro Herrnhuter Bahn", berichtet aus der Geschichte der Bahnstrecke. 1848 ist die Trasse eröffnet worden. Damit ist sie eine der ältesten Bahnstrecken in Sachsen. Sie war damals als überregionale Verbindung von Berlin über Sachsen und Prag bis nach Wien gedacht. Die Strecke sei deshalb sehr großzügig als Hauptbahn angelegt worden - ohne große Steigungen mit aufwändigen Viadukten. Fünf dieser Brückenbauwerke gibt es auf der Strecke. Das sei deutschlandweit einzigartig, betont Bührdel.

Der Verein "Pro Herrnhuter Bahn" setzt sich für eine Reaktivierung der Bahnstrecke ein. Seit zwei Jahren arbeitet die Initiative für dieses Ziel. Mehrere Vereinsmitglieder sind bei der Radtour dabei. Sie wollen den Radfahrern deutlich machen, welches Potenzial eine Wiederbelebung der Bahnstrecke böte.

Reaktivierung der Bahntrasse findet Sympathien

Über vorhandene Wege lassen sich die imposanten Viadukte an der Herrnhuter Bahn bereits jetzt gut mit dem Fahrrad erreichen.
Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Frank Hollstein hört den Argumenten aufmerksam zu. Er ist mit seiner Frau aus Wittgendorf bei Zittau gekommen. "Wir sind die Strecke schon einmal gefahren - aber nur bis zum Viadukt in Herrnhut. Jetzt wollten wir uns die anderen Viadukte auch mal ansehen", erklärt Hollstein. Er hat von der Tour aus der Zeitung erfahren. Dass die Fahrt mit einem verkehrspolitischen Anliegen verknüpft ist, war ihm nicht bewusst. Die Idee, die Bahntrasse zu reaktivieren, ist neu für ihn. Doch sie gefällt ihm. "Im Prinzip ist die Bahn ja da. Sie musste nur neu belebt werden. Ein Radweg müsste erst neu aufgebaut werden und würde eine Menge Geld kosten." Er befürwortet deshalb die Bahnstrecke.

Im vergangenen halben Jahr ist Frank Hollstein rund 1000 Kilometer mit seinem Elektrorad gefahren. Die Radwege der Region kennt er deshalb gut. "Es gibt zwei Hauptwege, die sind gut ausgeschildert. Die touristischen Ziele sind gut erreichbar. Da braucht kein neuer Radweg her", sagt Frank Hollstein.

Eine Chance für den Pendlerverkehr?

Auch Karin Käding kann der Wiederbelebung des Bahnverkehrs auf der Strecke mehr abgewinnen als der Idee eines neuen Radwegs. Sie wohnt in Ebersbach und pendelt täglich zur Arbeit nach Görlitz. Käding klagt über die schlechte Taktung der Busverbindungen. "Der Bus verpasst den Anschluss an den Zug in Löbau. Da geht es teilweise nur um zwei bis drei Minuten. Das ist sehr ärgerlich", sagt die überzeugte ÖPNV-Nutzerin. Seit zwei Jahren engagiert sie sich dafür, dass sich am Fahrplan etwas ändert - bislang ohne Erfolg. Deshalb setzt sie einige Hoffnung in die Initiative "Pro Herrnhuter Bahn". "Möglicherweise könnte eine Bahnverbindung dann doch eine Erleichterung bringen, wenn man teilweise mit dem Fahrrad unterwegs ist und das mit der Zugverbindung kombinieren kann", erläutert Käding. Sie wollte hören, um was es dem Verein konkret geht und ihre Erfahrungen teilen. Deshalb hat sie sich der Tour angeschlossen.

Radweg mit geringem Nutzen für Alltagsverkehr

"Eine Zugverbindung bringt im Vergleich zu einer Busverbindung wesentlich bessere Möglichkeiten für die Mitnahme von Fahrrädern, Kinderwagen und Rollatoren", bekräftigt Dirk Spitzner vom ADFC. Ein Radweg auf der alten Bahntrasse würde für den Alltagsverkehr hingegen wenig Nutzen bieten. "Die Strecke wäre mit unnötigen Umwegen verbunden. Sie ist aufgrund großer Kurvenradien ausschweifend trassiert, sodass keine Direktverbindung geschaffen wird", erklärt Spitzner.

Am kommenden Donnerstag ist die Herrnhuter Bahn Thema eines Sonderkreistags. Den Kreisräten soll dort eine Machbarkeitsstudie zu einer Reaktivierung der Bahnstrecke vorgestellt werden, die der Landkreis bei einem Planungsbüro in Auftrag gegeben hat. Die Studie soll zur Beschlussgrundlage werden - für die Bahnstrecke oder für einen Radweg. Felix Bührdel wünscht sich, dass die Kreisräte diese Entscheidung nicht überstürzt treffen und sich über die weitreichenden Folgen im Klaren sind: "Aus einer Bahnstrecke, die entwidmet wurde, später wieder eine Bahnstrecke zu machen, ist nach aktueller Gesetzgebung praktisch unmöglich", sagt Bührdel und verweist auf höhere Anforderungen, die dann gelten würden. Deshalb solle man der Bahnstrecke lieber jetzt nochmal eine Chance geben.

Am Nachmittag kehrt die Radfahrergruppe völlig durchnässt im Schokoladencafé in Obercunnersdorf ein, lässt sich heißen Kaffee und Kuchen servieren. Über den zahlreichen Umgebindehäusern des Ortes spannt sich ein weiteres 340 Meter langes Viadukt. "Als Tourist möchte man die Gemeinden auch erleben, die Umgebindehäuser wirklich sehen. Und die sieht man nur, wenn man durch den Ort durchfährt", sagt ADFC-Sprecher Dirk Spitzner. "Auch die Viadukte sind viel imposanter, wenn man darunter hindurch als oben darüber fährt." Auch das spreche gegen einen touristischen Radweg auf der Bahntrasse.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.05.2019 | 7:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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3 Kommentare

06.05.2019 15:34 #bahn 3

wenn die Strecke zum Radweg umgebaut wird geht die ganze Region kaputt. Es funktioniert KEIN Nahverkehr und es gibt fast nur ALTE leute...

05.05.2019 13:56 Christian Arnold 2

Auf jeden Fall muß die Bahnstrecke wiederbelebt werden. Es ist ja auch ein Stück Infrastruktur die dranhängt. Zumal die großzügige Trassenführung ja nur einen Bahn Verkehr Sinnvoll erscheinen lässt. DIE BAHN MUSS WIEDERBELBT WERDEN ❗❗❗❗

05.05.2019 11:11 Wolfgang Liebsch 1

Politik wieder mal gegen gesunden Menschenverstand.Die Natur sollte generell mehr Vorrang bekommen.Gewaehlte Vertreter sind in der Regel nach 5 Jahren weg, vergessen und fuer Schaden nicht haftbar; unverantwortlich.

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