29.01.2020 | 06:30 Uhr "Wildes" Treiben beiderseits der Neiße

Im Landkreis Görlitz wächst die Angst vor der Afrikanischen Schweinpest, die aus Polen immer näher an die Grenze kommt. Deshalb helfen seit dieser Woche Landwirte beim Bau der Wildschweinbarriere an der Neiße, um ihre 50.000 Ferkel, Sauen, Eber, aber auch Minischweine im Landkreis zu schützen.

von Uwe Walter

Vier erschossene Wildschweine nach einer Treibjagd.
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Dass Wildschweine gerne aus Polen über die Neiße nach Sachsen wechseln, ist nicht ungewöhnlich. So überqueren wilde Borstentiere aus dem polnischen Tagebau Turow bei Drausendorf den Grenzfluss, um sich auf den Feldern bei Radgendorf den Bauch zu füllen. Selbst der Sportplatz von Hirschfelde ist bei Wildschweinen seit Monaten sehr beliebt. Jetzt - in Zeiten der Afrikanischen Schweinepest - soll mit dem wilden Treiben erst mal Schluss sein. Am deutsch-polnischen Grenzfluss Neiße wird durchweg ein Zaun gebaut. Genauer gesagt eine Wildschweinbarriere.

Von Tschechien lernen

Ein Jäger mit seinem Gewehr
Im Landkreis Görlitz ist die Zahl der erlegten Wildschweine nach Einführung einer Abschussprämie stark angestiegen. Bildrechte: dpa

Die Verantwortlichen in Deutschland und Polen schauen dabei auch auf den dritten Partner im Dreiländereck. Vor drei Jahren war in Tschechien die Afrikanische Schweinepest ausgebrochen. Auch in Nordböhmen gab es infizierte Wildschweinkadaver. Doch im Gegensatz zu Polen bekamen die tschechischen Nachbarn die Seuche in Griff, gelten bislang als seuchenfrei.

Unter anderem wurden betroffene Gebiete eingezäunt und die Wildschweine darin intensiv bejagt. "Wie die Tschechen das Problem Schweinepest gelöst haben, haben wir uns genau angesehen", sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange.

Daraufhin beschloss der Kreistag bereits am 20. Januar 2017, den Jägern eine Abschussprämie zu zahlen, wenn sie ein Wildschwein erlegt hatten. Übrigens als erster Landkreis in Deutschland. Die Wildschweinstrecke ist seitdem etwa um ein Drittel gewachsen.

Übersicht Trichinenuntersuchungen 2016-2019
An der Zahl der Trichinenuntersuchungen kann man ablesen, wie erfolgreich die Jäger im Landkreis Görlitz waren. Bildrechte: Dr. R. Schönfelder , Amtstierarzt Landratsamt Görlitz

Erst kürzlich hat der Freistaat Bayern die Görlitzer Idee kopiert und ebenfalls eine Abschussprämie für Wildschweine eingeführt.

"Wildes" Treiben beiderseits der Neiße

Sowohl vor dem deutschen als auch vor dem polnischen Ufer versuchen die Jäger derzeit die Wildschweinbestände weiter zu dezimieren, um die Seuchengefahr zu bannen. Polen flogen kürzlich sogar professionelle Jäger aus Skandinavien ein, zur Unterstützung der einheimischen Waidgenossen.

Mithilfe von Treibjagden sollten und sollen möglichst viele Borstentiere erlegt werden. Und so trieben unlängst polnische Jäger ihre Wildschweine in Richtung Westen und die deutschen Jäger wollten etwas später ihre Schweine in Richtung Osten treiben. "Das konnten wir in letzter Sekunde verhindern", sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange.

Bergung totes Wildschwein in der Neiße
Bildrechte: Dr. R. Schönfelder , Amtstierarzt Landratsamt Görlitz

Ein Unding: Polnische Wildschweine, möglicherweise infiziert, fliehen über die Neiße nach Sachsen. Etwas später flitzen deutsche Wildschweine auf der Flucht ins Polnische. Dort könnten sich die Borstentiere den gefährlichen Virus einfangen und auf der Rückkehr ins sächsische Revier einschleppen. Deshalb mahnt der Görlitzer Landrat an, jede Aktion in der Grenzregion genau zu durchdenken.

Bauern bauen Schutzzäune

In Polen sind nicht nur die Behörden, sondern auch viele Menschen sehr empfindlich. Zäune an der Grenze, auch wenn es Wildzäune sind, haben im Nachbarland ein schlechtes Image. Um die polnischen Nachbarn nicht zu verärgern, haben sich deshalb die deutschen Behörden auf den Begriff "Wildschweinbarriere" geeinigt, obwohl es sich dabei um einen hüfthohen Elektrozaun handelt. 128 Kilometer lang wird die Wildschweinbarriere zwischen Brandenburg und Zittau sein.

Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass die Schweinepest nach Sachsen kommt. Das wäre eine Katastrophe für die Landwirte. Die haben es ohnehin schon schwer genug.

Dieter Liebscher Geschäftsführer des regionalen Bauernverbandes Kamenz-Bautzen
Schweinehalter im Landkreis Görlitz
Das Bild zeigt die Schweinehalter im Landkreis Görlitz. Bildrechte: Dr. R. Schönfelder , Amtstierarzt Landratsamt Görlitz

Der Geschäftsführer des regionalen Bauernverbandes Kamenz-Bautzen, Dieter Liebscher, setzt auf den Zaun an der Neiße und hofft, dass die Polen den Deutschen nacheifern.

Landwirte aus dem Landkreis helfen seit Montag den Behörden beim Aufbau des Elektrozaunes, um ihre mehr als 50.000 Ferkel, Sauen und Zuchteber zu schützen. Aber auch Hängebauch-, Warzen- und Minischweine müssen vor der Seuche geschützt werden.

Der Freistaat stellt bislang 250.000 Euro für das benötigte Material und den Aufbau bereit. Ob das Geld reichen wird, ist unklar. Derzeit befinden sich die Zaunbauer nördlich von Görlitz bei Rothenburg.

Informationsdefizite bei Behörden

Die unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen in Polen und Deutschland erschweren den Informationsaustausch zwischen den Behörden. So ist in Polen für die Afrikanische Schweinepest ein Amt in Warschau zuständig. Diese Zentrale hielt es nicht einmal für nötig, die Landräte im polnischen Niederschlesien von dem Auftreten der Seuche zu informieren. Die polnischen Landräte staunten dann nicht schlecht, als der Görlitzer Landrat Bernd Lange gemeinsame Vorgehensweisen gegen die Schweinepest besprechen wollte. Jetzt arbeiten die Behörden und die Staatsregierung grenzübergreifend zusammen, um die Seuche zu bekämpfen.

ASP-Restriktionszonen  Polen
Polnische Karte mit den ASP-Restriktionszonen an der sächsischen Grenze bei Bad Muskau. Gelb steht für Schutzzone, wo dringend Abwehrmaßnahmen getroffen werden müssen. Rot für das Gebiet, in der die Afrikanische Schweinepest (ASP) nachgewiesen wurde. Bildrechte: Dr. R. Schönfelder , Amtstierarzt Landratsamt Görlitz

Kadaver nicht berühren

Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) betonte kürzlich bei einem Besuch an der "Wildschweinfront" in Bad Muskau, dass nur mithilfe der Menschen die Ausbreitung der Seuche verhindert werden könne. Bei einer Besichtigung der Wildschweinbarriere im Fürst-Pückler-Park betonte die Ministerin: "Wildschweinkadaver" sollten auf keinen Fall berührt werden. Vielmehr seien das Landratsamt, die Polizei oder der zuständige Jagdpächter über den Fund zu informieren. Diese wissen dann genau, was zu tun sei.

Totes Wildschwein auf einem Waldweg
Totes Wildschwein auf einem Waldweg. Auf keinen Fall berühren. Stattdessen sofort Landratsamt, Polizei oder Jagdpächter informieren. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Seuche kommt - nur wann ...

Die Zäune an der Neiße sind nur eine Vorsichtsmaßnahme, bieten keinen 100-prozentigen Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest. Vielmehr sorgt bislang meist der Mensch für die Verbreitung der Tierseuche. Vermutet wird, dass der Schweinepest der Sprung von Ost- nach Westpolen mithilfe von Brummifahrern gelungen ist. Deshalb mahnt Sozialministerin Köpping zur Umsicht.

Dass man sehr achtsam ist und keine Lebensmittel draußen wegwirft. Da kann sich jeder beteiligen, um die Seuche einzudämmen und vielleicht auch für Deutschland zu verhindern.

Petra Köpping Sozialministerin Sachsen

Doch der Görlitzer Landrat zuckt mit den Schultern: "Die Seuche kommt, nur wann ist die Frage." Auf diesen Fall sind die Behörden vorbereitet, auch wenn viele Fragen für Landwirte in den Sperrzonen noch immer ungeklärt sind: Vom Schadenersatz bis zur Futtermad - es fehlen verträgliche Reglungen. Trotzdem sind die Görlitzer Behörden optimistisch, auch die Afrikanische Schweinepest in Griff zu bekommen.

Vor elf Jahren hat das Krisenmanagement im Landkreis Görlitz nahezu reibungslos funktioniert, als unweit von Görlitz in Markersdorf die Geflügelgrippe ausgebrochen war. Auch diese Seuche flattert derzeit bereits durch die Nachbarländer Brandenburg und Polen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.01.2020 | ab 16:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2020, 06:30 Uhr

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen