Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
Bildrechte: Colourbox.de

25.06.2019 | 14:00 Uhr Wie Menschen mit Handicap eine neue Heimat bei Familien finden

Was tun, wenn Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nicht mehr allein wohnen können, aber trotzdem nicht in ein Wohnheim ziehen wollen? Für sie gibt es in der Oberlausitz ein ganz besonderes Angebot: Sie werden von einer Gastfamilie aufgenommen, mit der sie so eigenständig wie möglich zusammen leben.

Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
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Seit fast fünf Jahren wohnt Heiko bei den Schmidts. Vorher hatte er in einem Wohnheim und einer offenen Wohngruppe gelebt, aber dort hat es ihm nicht gefallen, erzählt der 47jährige. Bei den Schmidts fühlt er sich jetzt wohl, sagt er. Am besten sei der Familienanschluss und natürlich die Pferde. Denn Familie Schmidt hat einen Reiterhof in der Nähe von Bernstadt, auf dem Heiko mithelfen kann.

Freude auf neuen Gast

Inzwischen ist er schon fast so etwas ein Familienmitglied, erzählt seine Gastmutter Eva-Maria. Sie hatte in der Zeitung vom Projekt "Betreutes Wohnen in Gastfamilien" gelesen und fand die Idee toll. Als Verwaltungsmitarbeiterin in der Brüdergemeine Herrnhut war für sie der Umgang mit Gästen Alltag. Nachdem sie dort aufgehört hatte, fehlte ihr das, meint Eva-Maria Schmidt. Also wandte sie sich an den Psychosozialen Trägerverein in Zittau, der für das Projekt "Betreutes Wohnen in Gastfamilien" in der Oberlausitz zuständig ist. Finanziert wird es über den Kommunalen Sozialverband Sachsen. Die Vereinsmitarbeiter bringen beide Seiten, also Familien und künftige Bewohner zusammen.

Familiäre Geborgenheit gesucht

Damit das Zusammenleben später klappt, werden die Gastfamilien vorher geprüft und auf ihre Aufgabe vorbereitet. Seit 2011 gibt es diese Alternative zum Wohnheim im Landkreis Görlitz, sagt Kai-Uwe Süß vom Psychosozialen Trägerverein.

Hilfe bräuchten alle Bewohner, aber es sei sehr unterschiedlich, in welchem Ausmaß sie nötig ist. Manche könnten ihren Alltag gut alleine meistern. Dafür würden sie Einsamkeit nicht ertragen und bräuchten deshalb jeden Tag jemanden zum Reden. Für sie sei der zwischenmenschliche, familiäre Kontakt ganz wichtig. Andere wiederum sind auf Unterstützung bei Arztbesuchen oder bei Behördengängen angewiesen.

Es sind Menschen darunter, die schon viele Jahrzehnte keine Familie mehr hatten. Sie wünschen sich wieder ein Stück familiäre Geborgenheit und Nähe zu anderen Menschen.

Kai-Uwe Süß Pychosozialer Trägerverein Sachsen

Zusammenleben ist immer ein Miteinander

Auch Heiko braucht Hilfe im Alltag, da er mehrmals in der Woche zum Arzt muss. Aber auch der Kontakt zur Familie und den Pferden tut ihm gut. Außerdem fühlt er sich gebraucht, weil er im Haus und auf dem Reiterhof mithelfen kann. Das sei ganz wichtig, sagt seine Gastmutter Eva-Maria. Für die Schmidts ist ihr neues Familienmitglied eine Bereicherung, denn durch Heiko würden sie jetzt mehr unternehmen als früher: "Er reist gerne. Deshalb waren wir auch schon mit ihm auf einer Pferdemesse oder bei einem Konzert. So ist unser Zusammenleben auch immer ein Miteinander."

Betreutes Wohnen in Gastfamilien Das Angebot für Menschen mit Behinderung ist eine Alternative zum Wohnheim und läuft seit 2006 in Sachsen über den Kommunalen Sozialverband Sachsen.

Die Gastfamilie erhält ein monatliches Betreuungsgeld, Unterkunfts- und Lebenshaltungskosten für den Bewohner.

Wer sich in der Oberlausitz als Gastfamilie bewerben möchte, kann sich an den Psychosozialen Trägerverein in Zittau wenden, Tel. 03583/540 9830.

Intensive Betreuung durch Trägerverein

Damit das Miteinander gut klappt, begleiten die Mitarbeiter des Psychosozialen Trägervereins die Gastfamilien. Sie besuchen sie einmal im Monat, um zu sehen, ob und wo es Probleme gibt. Meist seien es eher die kleinen Alltagsdinge, wie Sauberkeit oder lärmende Kinder, die zu Konflikten führen, meint Kai-Uwe Süß. Darüber müsse man offen reden, meist finde sich dann eine Lösung.

In den meisten Fällen erleben die Bewohner aber ihr neues Zuhause als sehr positiv. Vor allem Menschen mit geistiger Behinderung würden durch das familiäre Umfeld Fortschritte machen, gerade bei der Bewältigung des Alltags, so Kai-Uwe Süß: "Durch die Geborgenheit und den Schutzraum der Familie und die immer gleichen Ansprechpartner können sie sich weiterentwickeln. Diese Menschen wollen da auch nicht mehr weg. Sie sind dort wirklich zu Hause."

Quelle: MDR/vis

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.06.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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