12.07.2020 | 08:45 Uhr Nur eine Idee? Bojen für abgebaggerte Dörfer in der Lausitz

Auf der Lausitzer Seenplatte sollen nach dem Willen des sorbischen Dachverbandes Domowina Bojen an Dörfer erinnern, die zugunsten der Braunkohle abgebaggert wurden. Nach Ansicht des Bundes Lausitzer Sorben reicht es nicht, beiläufig darauf hinzuweisen.

Bojen für abgebaggerte Dörfer: Nochten
Bojen für abgebaggerte Dörfer: So wie auf dieser Fotomontage könnte im Lausitzer Seenland auf die verschwundenen Orte hingewiesen werden. Bildrechte: colourbox.de/MDR.DE

Der Bund Lausitzer Sorben (Domowina) hat eine Idee aufgegriffen, die bei einem Treffen in einem sorbischen Dorf erwähnt wurde. Zahlreiche Dörfer mussten der Braunkohle weichen, wurden ganz oder teilweise abgebaggert oder verschwanden unter Abraumhalden. Bis heute knabbern die Bagger meist auf dem Territorium der sorbischen Minderheit und verkleinern noch immer ihr Siedlungsgebiet. Das wird sich erst mit dem Ausstieg aus der Braunkohle in einigen Jahren ändern.

Bergener See
Der Bergener See ist einer der zahlreichen Tagebaurestseen im Lausitzer Seenland. Bildrechte: LMBV/Peter Radke

Dort, wo einst Felder, Sümpfe und Wälder, aber auch Heidelandschaften und mit ihnen sorbischen Dörfern waren, ist mittlerweile die größte künstliche Seenlandschaft in Europa entstanden. Auf die einstigen Dörfer in den Braunkohleabbaugebieten weisen mancherorts Findlinge mit Gedenktafeln hin. Auch in Informationen für Touristen wird vielfach das Schicksal der Gemeinden dargestellt oder zumindest erwähnt. Das reicht dem Bund Lausitzer Sorben nach eigener Aussage aber nicht.

Es sollten die Menschen, die an und auf den Seen unterwegs sind, sehen können, wo einst diese Orte waren. Das könnte etwa mit Bojen, also schwimmenden Markierungen geschehen.

Dawid Statnik Vorsitzender der Domowina
Abschied vom Haus vor der Abbaggerung in Weißagk/Wusoka 1985
Abschied vom Zuhause: Das Dorf Weißagk (Wusoka) in der brandenburgischen Niederlausitz wurde 1985/86 abgebaggert. 321 Einwohner verloren durch den Tagebau Jänschwalde ihr Zuhause. Bildrechte: Jürgen Matschie

Immerhin mussten laut des Domowina-Vorsitzenden Dawid Statnik 137 Orte des sorbischen Siedlungsgebietes den Braunkohletagebauen Platz machen. Ob alle diese Orte überflutet sind, sei bislang nicht geprüft worden. Damit könne auch noch nichts über die Zahl der Seezeichen, Tonnen oder Bojen gesagt werden, die die Erinnerung auf dem Wasser wach halten sollen. Auch bei der Umsetzung der Idee dürfte es einige Schwierigkeiten geben, denn die gefluteten Tagebaue sind schiffbare Gewässer.

Kein freies, sondern schiffbares Gewässer

Auch wenn das Lausitzer Seenland einem freien Gewässer ähnelt. Auf und am Wasser gelten feste Regeln. Die Landesdirektion Sachsen legt genau fest, welche Bereiche wie und von wem genutzt werden können. Das wird in der Erklärung zur Schiffbarkeit festgeschrieben. Ähnlich dem Straßenverkehr regeln Seezeichen sowie Bojen den Betrieb auf dem Wasser. Gewisse Bereiche sind beispielsweise mithilfe von Bojen für Motor- oder Segelboote gesperrt. Wasserstraßen für größere Schiffe werden ebenfalls durch Bojen gekennzeichnet.

Mit Bojen an abgebaggerte Orte zu erinnern, das werde schwierig, sagt ein Sprecher der zuständigen Landesdirektion Sachsen. "Das wäre so, als wenn man irgendwelche Hütchen mitten auf die Straße stellt."

Die Ausbringung von schwimmenden Objekten auf den Lausitzer Seen müsste mindestens von der zuständigen Wasserbehörde (Landkreis), der Schifffahrtsbehörde (Landesdirektion Sachsen) und dem Gewässereigentümer (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH) geprüft und von diesen jeweils Genehmigung erteilt werden. Dabei sind insbesondere die Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs zu berücksichtigen.

Mitteilung der Landesdirektion Sachsen

Idee als künstlerische Installation?

Ein weiteres Problem ist die Verankerung der "Erinnerungsbojen". Sie müssen sturmsicher verankert sein. Die gefluteten Tagebaue sind bis zu 80 Meter tief. Ein 300 Kilogramm schweres Betongewicht ist als Anker für eine normale Boje daher keine Seltenheit. Doch nicht nur die Bojen selbst kosten einiges, auch das Ausbringen der Bojen verursacht kosten. Deshalb sind viele Gemeinden im Lausitzer Seenland froh, dass die sogenannten Austonnung der Wasserflächen derzeit noch vom Freistaat übernommen wird.

Bojen für abgebaggerte Dörfer: Scheibe
Fiktive Boje für das abgebaggerte Dorf Scheibe. Šibojska jama wurde 1986/87 aufgegeben, um die Kohleversorgung im Braunkohleveredler Schwarze Pumpe sicher zu stellen. Jetzt befindet sich hier der Scheibesee. Bildrechte: colourbox.de/MDR.DE

Bislang habe sich der Domowina-Vorsitzende Statnik noch keine Gedanken gemacht, wie die Idee der "Erinnerungsbojen" umzusetzen ist. "Es hat sich auch noch keiner gefunden, der sich die Schuhe für dieses Projekt anzieht", räumt Statnik ein.

Mit dem Kohleausstiegsgesetz, das von Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde, könnten sich vielleicht neue Möglichkeiten für neue Formen der geschichtlichen Aufarbeitung ergeben, meint der Domowina-Vorsitzende in Bautzen. Statnik sieht als Sorbe aber auch die Gesellschaft in der Pflicht: "Eine Minderheit musste hier weichen, um das Wohl der Mehrheit zu ermöglichen."

Vielleicht gibt es aber eine Möglichkeit die Bojen-Idee umzusetzen und zwar als Installation oder Performance eines Künstlers. Ein ähnliches Projekt auf der Elbe hatten die zuständigen Behörden zeitlich gefristet genehmigt.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.07.2020 | ab 05:30 Uhr im Sorbischen Rundfunk aus dem Studio Bautzen

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