28.01.2020 | 12:35 Uhr Das große Fressen: Borkenkäfer verändern den Landkreis Görlitz

Borkenkäfer verändern das Landschaftsbild im Landkreis Görlitz. Das Kreisforstamt registriert die schlimmste Waldschadenssituation seit 1946/47. Mehr als 1.300 Hektar sind betroffen, am Kottmar, in den Königshainer Bergen, im Zittauer Gebirge. Eine Katatstrophe bahnt sich an, doch Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht.

von Uwe Walter

Ein Borkenkäfer kriecht über eine befallene Fichte
Bildrechte: dpa

In Görlitz hat die Chefin vom Görlitzer Kreisforstamt, Sylvia Knote, Sorgenfalten auf der Stirn, wenn sie auf ihre Wetter-App schaut. Wieder kaum oder keine Niederschläge in Sicht, weder Regen noch Schnee in ausreichender Menge. Der Boden ist ausgetrocknet, die Bäume in den Wäldern leiden. Die Niederschlagsarmut in den vergangenen drei Jahren hat sogar Grundwasserleiter in der Oberlausitz austrocknen lassen. In Langburkersdorf sind beim Forellenzüchter Günther Ermisch fünf von sieben Quellen versiegt.

Das große Fressen hat schon begonnen

Die Borkenkäfer in den Wäldern des Landkreises Görlitz bereiten sich derzeit auf das große Fressen vor. Unter der Rinde hocken sie in den Startlöchern. Aufgrund der günstigen Wetterlage konnten sich drei Käfergenerationen vollständig entwickeln. Wenn nunmehr die Temperaturen 16,5 Grad erreichen und das Tageslicht zwölf Stunden anhält, surren die Käfer los und das große Fressen beginnt erneut.

Das ist die schlimmste Waldsituation seit 1946/47. Selbst das Waldsterben in den 1970er-Jahren ist damit nicht vergleichbar.

Sylvia Knote Leiterin Kreisforstamt Görlitz

Die Försterin rechnet damit, dass sich bis zum nächsten Jahr die Schadholzmenge im Kreis verdreifacht und rechnet mit mehr als einer Million Festmeter.

Schaden im Landkreis Görlitz durch Stürme seit Herbst 2017
Sturm Datum Menge
Sturmtief "Xavier" 05.10.2017 2.000 Festmeter
Sturmtief "Herwart" 29.10.2017 30.000 Festmeter
Orkantief "Friederike" 18.01.2018 50.000 Festmeter

Seit 2017 haben zahlreiche Stürme für Schlagzeilen gesorgt, denn sie hatten kräftig in den Wäldern gewütet. Die Bilanz: 82.000 Festmeter Schadholz - wesentlich mehr als der legendäre Orkan "Kyrill" vor 13 Jahren.

Forstarbeiter beseitigen mit einem Harvester die Sturmschäden.
Waldschäden durch das Orkantief "Friederike" im Januar 2018. Bildrechte: dpa

Das viele Wurf- und Bruchholz konnte nicht rechtzeitig geborgen werden. Perfekte Bedingungen für die Entwicklung des Borkenkäfers. Sie wurde durch die nachfolgende Dürre und Hitze noch begünstigt. Jetzt hat der waldreiche Landkreis Görlitz die höchste Schadholzmenge im Freistaat.

Eine Situation in dieser Größenordnung mit einer solchen Brisanz hatten wir hier noch nie. Wir haben hier ein Fünftel der gesamten Schadholzmenge in Sachsen.

Sylvia Knote Leiterin Kreisforstamt Görlitz

Holzpreise im Keller und kaum Kapazitäten

Für die rund 10.000 Waldbesitzer im Landkreis Görlitz ist das Bergen von Schadholz derzeit ein Zuschussgeschäft, denn die Holzpreise sind aufgrund des Überangebots im Keller. Zudem fehlen Waldarbeiter und Fachbetriebe, die diese Aufgaben übernehmen können. Die Kapazitäten in der Forstwirtschaft sind erschöpft. "Ein Teufelskreis, aus dem wir ausbrechen müssen", sagt Sylvia Knote vom vom Görlitzer Kreisforstamt. Deshalb stimmen sich die Behörden ab, suchen mit dem Staatsbetrieb Sachsenforst und Waldbesitzern gemeinsam nach Lösungen. Doch vielfach fehlt den Waldbesitzern das finanzielle Polster, denn 90 Prozent von ihnen sind Kleinst- oder Kleinbesitzer mit Flächen unter einem Hektar oder bis fünf Hektar. Selbst die Erfassung von Waldschäden oder der Ausbreitung des Borkenkäfers wird damit zum Problem.

Neue Jobs im Landkreis Görlitz: Borkenkäfer-Erfasser

Normalerweise übernehmen die Revierförster die Begutachtung der Wälder, registrieren Schädlingsbefall und Zustand der Bäume. Doch die Revierförster kommen bei der Erfassung nicht hinterher, denn mittlerweile sollen im Landkreis Görlitz mehr als 1.300 Hektar befallen sein.

Ein Borkenkäfer sitzt auf zerfressener Baumrinde.
Zwei Borkenkäfer-Erfasser sollen im Landkreis Görlitz ab April Brutstellen und Waldschäden registrieren. Bildrechte: dpa
Durch Borkenkäfer geschädigte Fichtenbestände im Landkreis Görlitz
Jahr Schadensmenge
2017/2018 5.000 Festmeter
2018/2019 96.000 Festmeter
2019/2020 (Stand Januar) 317.000 Festmeter
2020/2021 (Prognose) 1 Mio. Festmeter

Um einen genauen Überblick und die weiteren Maßnahmen planen zu können, ist ein genauer Überblick über den Zustand der Wälder im Landkreis Görlitz erforderlich. Deshalb sorgt der Borkenkäfer dafür, dass im Landratsamt in Görlitz zwei neue Arbeitsplätze entstehen: für Borkenkäfer-Erfasser.

Borkenkäfer-Erfasser sind Personen, die an Bäumen die Ein- und Ausbohrlöcher der Borkenkäfer erkennen, mögliche Brutbäume markieren und anschließend mit den Eigentümern des Waldes und den Behörden die weiteren Maßnahmen abstimmen.

Sylvia Knote Leiterin Kreisforstamt Görlitz

Schon Mitte April sollen die beiden Borkenkäfer-Erfasser loslegen. Der Borkenkäfer sorgt nicht nur für neue Arbeitsplätze im Landratsamt, sondern auch für ein verändertes Landschaftsbild im Landkreis Görlitz.

Die Fichte hat keine Zukunft

Das Problem Borkenkäfer kann nicht gelöst, sondern nur "begleitet" werden. "Deshalb wird die Fichte in den niedrigen Lagen nicht mehr das Landschaftsbild bestimmen", meint die Chefin des Kreisforstamtes Görlitz Sylvia Knote. Kottmar, Königshainer Berge, insbesondere der Kämpferberg und das Zittauer Gebirge bekommen ein neues Erscheinungsbild.

Die Reste von Festung und Kloster Oybin im gleichnamigen Kurort an der Grenze zu Tschechien und Polen
Der Borkenkäfer wird auch das Erscheinungsbild von Zittauer Gebirge verändern. Statt Nadelwälder werden künftig Mischwälder dominieren. Bildrechte: dpa

Statt dunkler Nadelwälder wird ein Mischwald entstehen, mit Traum-, Rot- und Stieleichen, mit Tannen oder möglicherweise auch mit Douglasien. Doch das wird dauern, denn die Baumschulen können die Nachfrage nach Setzlingen kaum befriedigen. Doch selbst wenn sie vorhanden sind, fehlen Hände, um sie zu pflanzen.

Planting for Future - Pflanzen für die Zukunft

In diesem Zusammenhang macht der Görlitzer Landrat Bernd Lange den Klimaschützern von "Fridays for Future" einen Vorschlag. Lange findet es es gut, dass sich junge Leute für das Klima und die Zukunft einsetzen. Doch aus seiner Sicht muss es nicht unbedingt der Schulstreik am Freitag sein. "Wie wäre es, wenn die jungen Klimaaktivisten aktiv beitragen, das Klima und die Umwelt zu verbessern?", fragt der Kommunalpolitiker und lächelt dabei verschmitzt.

Ein junger Baum wird ein eingepflanzt
Setzlinge sind derzeit Mangelware. Auch die Hände, die sie pflanzen, sind rar! Bildrechte: imago/blickwinkel

So könnten die Schüler zum Beispiel helfen, den Wald wieder aufzuforsten und junge Setzlinge in den Boden pflanzen. "Die Forstbehörden könnten solche Aktionen von 'Fridays for Future' organisieren und würden sie fachlich begleiten." Möglicherweise hat der Görlitzer Landrat mit seiner Idee eine neue Bewegung gestartet: Planting for Future - Pflanzen für die Zukunft.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.01.2020 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2020, 12:34 Uhr

6 Kommentare

Dr. Norman Pohl vor 9 Wochen

Sehr geehrter Eulenspiegel,
Gewerbegebiete, Flächen zur Errichtung von Windparks, Bauland für verschiedene Zwecke (Einfamilienhaussiedlungen, Ferienhaussiedlungen etc.),
Trassen für ansonsten nicht genehmigungsfähige Ortsumfahrungen... Warum müssen in Brandenburg für ein Werk des Konzerns Tesla noch Kiefern gefällt werden, wenn es hier bereits massenhaft freie Flächen gibt? Vielleicht ist sogar Platz für den von Deutschland herbeigesehnten Weltraumbahnhof? Oder einen Freizeitpark? Oder entlang existierender Autobahnen für mehr Rastanlagen für LKW-Fahrer? Welche Erklärung sollte es sonst dafür geben, dass neben Fichten auch Habitatbäume gefällt werden, die Waldvögel oder Fledermäuse als Brutplätze benötigen? Die stehen nicht nur allein im Hambacher Forst. Zu Ihrem Literaturtipp: "Dieses Buch bringt Klarheit in eine erhitzte Debatte. „Spaßfaktor: Löst mit leichter Hand einige Nebelbänke im Kopf auf und verschafft klarere Sicht“ (deutschlandfunk.de)." Haben Sie es denn gelesen?

Eulenspiegel vor 9 Wochen

ch grüße sie Herr Dr. Pohl.
Ich zitiere sie:
„Dienen die derzeitigen Kahlschläge alle der Borkenkäferbekämpfung und nicht auch anderen Zwecken?“
Hätten sie vielleicht die Güte uns allen hier zu verraten an welche andere Zwecken sie da gedacht haben?
Ich denke derart plumpe Andeutungen ohne geistigen Inhalt sind doch eines Akademikers nicht würdig.
Sie werden entschuldigen. Aber ich habe den Eindruck das in den letzten Jahren einiges an ihnen vorbei gegangen ist. Darum möchte ich ihnen ein Buch empfehlen.
Von der Klimaforscherin:
FRIEDERIKE OTTO
Wütendes WETTER

Dr. Norman Pohl vor 9 Wochen

Vor sieben Jahren, 2013, konnte der Sachsenforst vor lauter Kraft kaum laufen - 300 Jahre sylvicultura oeconomica ... von Hannß Carl von Carlowitz. "Sie finden Nachhaltigkeit modern? Wir auch - seit 300 Jahren", so die Werbebanner. Der Baum der in diesem Buch propagierten, aber in Sachsen durchaus nicht erfundenen Nachhaltigkeit ist die Fichte. Steht in Reih und Glied, schnelles Wachstum, usw. Doch der Borkenkäfer war schon oft zu Besuch. Und: Dienen die derzeitigen Kahlschläge alle der Borkenkäferbekämpfung und nicht auch anderen Zwecken? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein kurzes Innehalten wäre angebracht - um zumindest die weiteren Konsequenzen hinsichtlich des Wasserhaushaltes zu überdenken und auch, welche Form der Nachhaltigkeit sich denn zukünftig im Wald finden soll. Der erfolgte Wechsel im Amt des Umweltministeriums könnte dies vielleicht befördern - die Hoffnung stirbt ja zuletzt.

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen