10.05.2020 | 21:48 Uhr Gegner von Corona-Einschränkungen demonstrieren in Sachsen

Sachsen unternimmt weitere Lockerungsübungen in der Corona-Krise. Manchen Menschen geht das jedoch nicht weit genug. Am Wochenende gab es mehrere Protestaktionen, teils angemeldet, teils nicht. In Schwarzenberg kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Entlang der B96 versammelten sich am Sonntag hunderte Menschen. Die neuen Einkaufsfreiheiten wurden nur zaghaft genutzt.

Menschen stehen am Straßenrand entlang der B96 und protestieren gegen Corona-Maßnahmen
Entlang der B96 soll jetzt immer sonntags gegen die Corona-Maßnahmen protestiert werden. In dieser Woche gab es Reportern zufolge bereits einen erheblichen Zulauf. Bildrechte: xcitePRESS

Trotz der Ankündigung weiterer Lockerungen in der Corona-Krise haben am Wochenende in ganz Sachsen Menschen gegen die Restriktionen zur Eindämmung der Pandemie demonstriert. Hunderte Menschen gingen auf die Straße, der Großteil der Versammlungen war genehmigt. Kundgebungen gab es am Sonnabend unter anderem Meerane und Crimmitschau (Landkreis Zwickau), Plauen (Vogtlandkreis), Dresden und Bautzen. Die Versammlungen sind laut Polizei weitestgehend störungsfrei verlaufen.

Rechte Parolen auf dem Schwarzenberger Markt

In Schwarzenberg kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Nach Behördenangaben waren statt der 50 genehmigten insgesamt rund 300 Menschen zu der Kundgebung unter dem Motto "Corona-Wahnsinn stoppen! Freiheit jetzt!" gekommen. Als 200 von ihnen die Bundesstraße 101 blockierten, kam der Verkehr zum Erliegen. Polizisten drängten mehrere Menschen ab, die trotz Aufforderung nicht freiwillig von der Straße gehen wollten.

Gegen einen 18-Jährigen, der Pyrotechnik gezündet hatte, wurde Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und Beleidigung erstattet. 270 Beamte waren den Angaben zufolge im Einsatz. Rund eine Stunde später versammelten sich 100 Personen am Markt. Zehn von ihnen grölten rechte Parolen. Die Polizei nahm ihre Personalien auf.

Immer mehr Demonstranten entlang der B96

Menschen stehen am Straßenrand entlang der B96 und protestieren gegen Corona-Maßnahmen
Protest in Oppach. Bildrechte: xcitePRESS

Am Sonntag versammelten sich entlang der Bundesstraße 96 in verschiedenen Orten mehrere hundert Menschen. Reporterangaben zufolge hat sich ihre Zahl im Vergleich zu den beiden Wochen zuvor deutlich erhöht und könnte insgesamt bei rund 1.000 gelegen haben. So seien es in Ebersbach rund 150 Personen gewesen und auch in Oppach habe es eine "extrem hohe" Beteiligung gegeben. Auch in Neusalza-Spremberg versammelten sich Menschen am Straßenrand.

Wie ein Sprecher der Polizeidirektion Görlitz auf Anfrage von MDR SACHSEN mitteilte, seien mehrere Anrufe eingegangen, wonach die Ansammlungen gemeldet wurden. Zu Verkehrseinschränkungen sei es nicht gekommen. Auch seien keine Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung festgestellt worden. Dort wo die Polizei eingetroffen sei, hätten sich die Menschen schnell verstreut oder den Mindestabstand eingehalten. Zur Einhaltung der eigentlich vorgeschriebenen Maskenpflicht bei nicht angemeldeten Versammlungen konnte der Sprecher nichts sagen. Und auch nicht zur Gesamtzahl der Demonstranten.

Menschen stehen am Straßenrand entlang der B96 und protestieren gegen Corona-Maßnahmen
Auf Plakaten ist von "Pseudo-Demokratie" und Impfzwang die Rede. Im Internet kursieren Verschwörungstheorien, wonach Bill Gates etwas mit der angeblichen Erschaffung des Sars-CoV-2-Virus in einem Labor zu tun habe oder Menschen Mikrochips zur Überwachungen von Covid-19 unter die Haut setzen wolle. Bildrechte: xcitePRESS

Neue Lockerungen sollen am Dienstag beschlossen werden 

Das Kabinett in Dresden will am Dienstag über die neuen Verordnungen für weitere Lockerungen abstimmen. Ab dem 18. Mai sollen die Kinder in Sachsen wieder Kitas und Grundschulen besuchen können, am gleichen Tag sollen alle Geschäfte ohne Auflagen öffnen dürfen. Die bisherige Öffnungsbeschränkung auf eine Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern fällt weg. Ab 15. Mai sollen Biergärten, Restaurants, Hotels und Pensionen wieder öffnen dürfen.

Kaum Einkaufstourismus in der Leipziger Innenstadt

Unterdessen nutzen die Sachsen bereits gewährte Lockerungen wie neue Einkaufsfreiheiten nur verhalten. Am Sonnabend seien zwar mehr Besucher in die Leipziger Innenstadt gekommen als in den Tagen zuvor, aber von einem Ansturm könne nicht die Rede sein, sagte Heike Melzer, Geschäftsführerin des City Leipzig Marketing. "Die Menschen haben sich gefreut, sind durch die Stadt gebummelt, haben geschaut, aber große Schlangen vor den Geschäften sind weitgehend ausgeblieben", sagte Melzer. Für gewöhnlich stürmen an vielen Samstagen die Leipziger und Touristen in die City, um zu shoppen.

Lage in Dresdner Shopping-Meile überschaubar

09.05.2020, Sachsen, Dresden: Besucher gehen im Einkaufszentrum Elbepark an den Geschäften vorbei. Sitzflächen sind dabei noch mit Flatterband abgesperrt.
Bildrechte: dpa

Auch im Elbepark in Dresden war die Lage überschaubar. Schlangen bildeten sich lediglichan den Eingängen der Geschäfte und Märkte, weil sie nur immer von einer bestimmten Zahl von Kunden betreten werden durften, berichtete ein Fotograf der Deutschen Presse-Agentur.

09.05.2020, Sachsen, Dresden: Besucher warten in dem Einkaufszentrum Elbepark hinter einer Absperrung auf den Einlass.
Vor einigen Läden bildeten sich Schlangen, weil nur eine bestimmte Anzahl von Kunden eingelassen werden darf. Bildrechte: dpa

Feindbild Bill Gates: Was in Sachen Corona über ihn behauptet wird

Seit Jahren kämpft die Bill & Melinda Gates Stiftung für eine bessere Gesundheitsversorgung weltweit. Über den Multimilliardär Gates kursieren viele Behauptungen. Eine Auswahl: BEHAUPTUNG I: Gates will im Kampf gegen den Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen lassen - und so die totale Kontrolle erlangen.

BEWERTUNG: Falsche Zusammenhänge.

FAKTEN: Gates schrieb im März, dass irgendwann "digitale Zertifikate" Auskunft darüber geben könnten, wer eine Infektion mit dem Coronavirus bereits durchgestanden hat oder - sobald das möglich ist - dagegen geimpft ist. Diese Aussage wurde mit vollkommen anderen Projekten verrührt, die von der Gates-Stiftung unterstützt werden - etwa Forschungen zur digitalen Identifizierung, zu einer Technik, die Impfungen im Infrarotlicht auf der Haut anzeigt, sowie zu Verhütungsmethoden via Mikrochips. Mit dem Coronavirus haben sie nichts zu tun.

BEHAUPTUNG II: Gates finanziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

BEWERTUNG: Das ist übertrieben. Doch gehört die Gates-Stiftung tatsächlich zu den größten Geldgebern der WHO.

FAKTEN: Im Budgetzeitraum 2018/2019 flossen Spenden der Gates-Stiftung in Höhe von 367,7 Millionen Dollar in WHO-Projekte.
Damit war sie als zweitwichtigster Zahler nach den USA (553 Mio.) gelistet, die jüngst ihre finanzielle Unterstützung an die UN-Behörde
einfroren. Die Gates-Stiftung beteiligte sich damit zu 9,8 Prozent an den zweckgebundenen Spenden, die wiederum 77 Prozent des gesamten WHO-Budgets ausmachen. Kritiker bemängeln, Gates dürfe die Ziele seiner Spenden bestimmen und könne so der WHO eine Richtung vorgeben.

BEHAUPTUNG III: Die Gates-Stiftung soll die Entwicklung des neuen Coronavirus finanziert haben - inklusive Patent.

BEWERTUNG: Entbehrt jeder Grundlage.

FAKTEN: Der vermeintliche Beweis: das Patent eines von der Stiftung unterstützten Instituts von 2015 mit dem Titel "Coronavirus". Dabei geht es aber nicht um Sars-CoV-2, sondern um die Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus aus der Gruppe der Coronaviren. In der Immunologie ist es üblich, dass Forscher das Erbgut von Erregern verändern, um sie weniger gefährlich zu machen. Diese eignen sich dann zur Herstellung von Impfstoffen. Zudem halten Wissenschaftler eine Entwicklung des neuen Coronavirus im Labor für nicht plausibel.

BEHAUPTUNG IV: Gates hat seine eigenen Kinder nicht impfen lassen.

BEWERTUNG: Abstruse Quelle.

FAKTEN: Gates vermeintlicher früherer Arzt soll das in den 1990ern auf einem Symposium in Seattle erzählt haben. Es werden weder der Name des Symposiums noch der des Arztes genannt. Wer diese unbelegte These zuerst in die Welt brachte, ist nicht mehr nachvollziehbar. Der Faktencheck stammt von der Nachrichtenagentur dpa

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm MDR Aktuell | 10.05.2020 | 19:30 Uhr

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Das Leben in der Corona-Zeit ist für viele Menschen eine große Herausforderung. Vivien Vieth war beim Verein Lebendiger Leben in Kamenz, der Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen unterstützt.

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