Corona-Lage Lausitz Medizinischer Kollaps droht im Landkreis Görlitz - Hilferuf des Landrats

Der Landkreis Görlitz hat angesichts der steigenden Infektionszahlen in Ostsachsen am Donnerstag mehrere Hilferufe ausgesandt: an die Landesregierung, die Polizei und die Bundeswehr.

Klinik
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Nach Analyse des Landkreises machen Corona-Hotspots in Pflegeheimen und Krankenhäusern 40 Prozent aller Fälle aus. "Wir müssen davon ausgehen, dass die anderen 60 Prozent der Ansteckungen in der Fläche passieren", sagte Landrat Bernd Lange (CDU). Der Inzidenzwert lag am Dienstagabend bei 324 für den Landkreis Görlitz, 816 Menschen hatten sich in den vergangenen sieben Tagen nachweislich mit Covid-19 infiziert. Der Landrat erklärte das weitere Vorgehen.

Amtshilfeersuchen bei Polizei für mehr Kontrollen

So habe er ein Amtshilfeersuchen an die Landespolizei geschickt. Polizisten sollen künftig bei Corona-Kontrollen helfen. "Wir werden die Kontrollen in der Fläche verstärken", kündigte Lange an. Denn:

Der Landrat des Landkreises Görlitz Bernd Lange
Landrat Bernd Lange (CDU) appellierte an alle Bürger des Landkreises Görlitz, die Corona-Schutzmaßnahmen einzuhalten. Bildrechte: Landkreis Görlitz

Wir wären ein ganzes Stück weiter, wenn wir die jetzt schon bestehenden Hygieneschutzmaßnahmen alle einhalten und kontrollieren würden.

Bernd Lange Landrat Kreis Görlitz

Kontrollen seien vor allem in Einkaufs-Centern, vor Geschäften, auf Plätzen und Parkplätzen notwendig. Dabei müsse in erster Linie nicht gleich ein Bußgeld ausgegeben werden. "Aber wir müssen auf die Maskenpflicht hinweisen und sensibilisieren. Wenn jemand aber zum dritten Mal gegen Maßnahmen verstößt, dann gibt es eben doch Bußgelder", meinte Lange.

Wir befinden uns in einer Krisensituation, wie sie so seit den 1950-er Jahren nicht mehr in unserer Region da war.

Bernd Lange Landrat Kreis Görlitz

Hilferuf für Kliniken

Aktuell hat der Landkreis Görlitz in Krankenhäusern 29 Intensivplätze im Kreisgebiet zur Verfügung, die bis auf einen, alle mit Covid-19-Patienten belegt sind. Das Altersspektrum der Patienten liege bei 48 bis 87 Jahren. Für andere Patienten stünden 195 Betten zur Verfügung. Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte seien gebeten worden, verschiebbare Operationen aufzuschieben und Patienten nicht stationär zu behandeln. Jedoch: Die Lage in den Krankenhäusern im Landkreis Görlitz und in Ostsachsen hat sich nach Worten der Beigeordneten Martina Weber trotzdem verschärft "und ist an der Belastungsgrenze". In den vergangenen Wochen seien rund 40 Covid-19-Patienten pro Woche im Landkreis behandelt worden. "Das kann durch die Kliniken der Region alleine nicht mehr gewährleistet werden", urteilte Weber.

Planerisches Manko bei Klinikkapazitäten

Daher habe der Landkreis Görlitz einen Brief ans sächsische Sozialministerium geschickt mit einem dringenden Appell, die Auslastung und Organisation der Krankenhausaufnahmen zu steuern. "Häuser müssen Kapazitäten zur Verfügung stellen, wo wir als Landkreis keinen Zugriff haben", sagte Landrat Bernd Lange. Kein Klinik-Träger verschiebe gern Patienten oder Operationen, weil das für ihn wirtschaftliche Nachteile bringe. Aber zur Versorgung der Menschen brauche es mehr Kapazitäten und politische Zusagen, dass die Kliniken ihre Einbußen bezahlt bekommen. Zudem brauche der Landkreis Fahrzeuge und Personal vom Freistaat Sachsen für das Verlegen von Covid-19-Patienten in andere Krankenhäuser Richtung Leipzig, Dresden und Cottbus.

Der Landkreis habe nur die Möglichkeit, Kliniken zu bitten, Personal und Betten für Corona-Infizierte freizuräumen. "Strategisch müssen solche Maßnahmen vom Land verfolgt werden", sagte der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landratsamt Jens Schiffner. Dass das vor der zweiten Welle in Sachsen nicht geschehen ist, bezeichnete er als "planerisches Manko".

Katastrophenschutz hinzuziehen?

Für die anstehenden Feiertage hat der Kreis Görlitz die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV) dazu aufgefordert, zusätzliche Bereitschaftsdienste zu organisieren, damit die Rettungsdienste in Ostsachsen entlastet würden. Derzeit plane man auch, Kräfte des Katastrophenschutzes zusätzlich in Dienst zu stellen, um die Patiententransporte abzusichern, sagte Schiffner.

Rettungsdienst Weißwasser in Not

In Weißwasser beispielsweise sind derzeit 40 Prozent des Personals des Rettungsdienstes wegen Coronainfektionen und Quarantänen ausgefallen. Dazu sagte der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Jens Schiffner: "In der vergangenen Woche sind zwei Fahrzeuge ausgefallen. Nur aufgrund des hohen Engagements der Mitarbeiter können derzeit weitere Ausfälle kompensiert werden. Ich hoffe, dass das Personal den hohen Belastungen standhält." Das Klinikum Weißwasser behandelt laut Landratsamt "derzeit ausschließlich Covid-19-Patienten". Rettungsdienste würden das Krankenhaus momentan nicht anfahren. Patienten aus der Region würden auf andere Kliniken Richtung Cottbus und Dresden verteilt.

Mehr und längere Hilfe von der Bundeswehr gefordert

Zudem habe der Landkreis die Bundeswehr gebeten, ihre Einsätze im Landkreis bis Ende Januar 2021 zu verlängern. Zu den bisher schon 120 Soldatinnen und Soldaten, die in Gesundheitsämtern, Kliniken und Pflegeeinrichtungen arbeiten, sollen weitere 24 hinzukommen.

Wir schaffen den Klinikalltag nur noch mit Hilfe der Bundeswehr aufrechtzuerhalten.

Martina Weber Beigeordnete des Landkreises Görlitz

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachswenradio | 26.11.2020 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Regionalstudio Bautzen
MDR SACHSENSPIGEL | 26.11.2020 | 19:00 Uhr

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