28.02.2020 | 18:30 Uhr | Update Corona-Verdachtsfall in Görlitz - Hausarzt fühlt sich im Stich gelassen

Quarantäne Corona-Virus
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Ein Corona-Verdachtsfall aus Görlitz wird derzeit im Labor untersucht. Wie der behandelnde Arzt am Freitag mitteilte, hatte sich eine Patientin mit entsprechenden Symptomen am Freitag in seiner Praxis gemeldet. Sie arbeite in einer Firma, deren Chef Italiener sei. Er war ihr zufolge vergangene Woche auf Besuch in seinem Heimatland. Auch er soll grippeähnliche Symptome haben. Mit einem Ergebnis des Tests im Labor rechnet der Arzt Freitagabend oder Sonnabend. In Sachsen ist bisher noch keine Infektion mit dem Corvid-19-Erreger nachgewiesen. Es gab nur einzelne Verdachtsfälle unter anderem aus dem Landkreis Meißen.

Arzt vermisst Konzept im Umgang mit Erkrankten

Die Arztpraxis im Görlitzer Ortsteil Biesnitz ist vorsichtshalber geschlossen worden. Nach Angaben des Arztes hatte die Patientin mit einem Mann und drei weiteren Frauen etwa eine Stunde lang im Wartezimmer gesessen, ohne ihre Symptome dem Personal zu melden oder vorher anzurufen, wie es bundesweit amtliche Empfehlungen vorsehen. Der Arzt behielt andere Patienten, die zur selben Zeit in der Praxis warteten, vorübergehend da. Erst am Mittag haben sie die Praxis verlassen.

Die Frau im Alter von Ende 40 habe nach eigenem Bekunden schon drei Tage mit hohem Fieber, Muskelschmerzen und Beschwerden im Hals zu Hause verbracht und sich mit Tabletten über Wasser gehalten, berichtete der Arzt. Er zeigte sich über die Kooperation mit den Behörden unzufrieden. Das Gesundheitsamt Görlitz sei trotz mehrmaliger Anrufe nicht erreichbar gewesen, die Rettungsleitstelle in Hoyerswerda habe einen bereits zugesagten Rettungswagen dann doch nicht geschickt.

Rettungsdienst: Patientin soll zu Hause bleiben

Der Arzt erklärte: "Ich fühle mich im Stich gelassen. Das ist völlig inakzeptabel. Ich sehe hier kein Konzept, wie man mit der Erkrankung umgehen will." Es sei unverständlich, dass die Rettungsleitstelle so entschieden habe, ohne die Patientin gesehen zu haben. Der Görlitzer Kreisbrandmeister Björn Mierisch äußerte Verständnis für den Unmut, stellte aber auch klar, dass Rettungsfahrzeuge für lebensbedrohliche Situationen und akute Notfälle wie Patienten mit Herzinfarkt gebraucht werden. Deshalb bitte man Patienten mit Corona-Verdacht, erst einmal zu Hause zu bleiben und zunächst den Befund abzuwarten.

Weitere Corona-Verdachtsfälle wurden im Görlitzer Klinikum als Influenza diagnostiziert. Im benachbarten polnischen Zgorzelec gab es ähnliche Fälle, die von den Behörden bislang weder bestätigt noch dementiert wurden.

Schutzbekleidung für Hausärzte fehlt

Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske.
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MDR SACHSEN bekam per Facebook Hinweise darauf, dass Schutzbekleidungen für Ärzte in Hausarztpraxen Mangelware seien. Das konnte der Präsident der Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), Martin Scherer, auf Anfrage in Teilen bestätigen. "Man muss sagen, dass die Schutzmaterialien wie Mundschutz, Schutzkittel, Schutzbrille sehr knapp sind und dass da viele Praxen momentan nicht ausreichend ausgerüstet sind. Das ist etwas, das wir lösen müssen." In der Pflicht sei das Bundesgesundheitsministerium. Nach der EHEC-Epidemie 2011 habe man diesbezüglich eine Empfehlung an das Ministerium rausgegeben. Auch die Kommunikation zwischen Ärzteverbänden und den öffentlichen Stellen sei verbesserungswürdig, so Scherer.

Im Grunde genommen müssten die Praxen von öffentlicher Seite ausgestattet sein. Zwischen drohenden Epidemien müssten die Praxen beliefert werden. Es kann nicht sein, dass Ärzte zu Obi fahren müssen, um sich dort mit Atemmasken einzudecken.

Martin Scherer, Präsident DEGAM

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärte indessen, Schutzmasken im Zweifel beschlagnahmen lassen zu wollen. Er sagte im ZDF: "Wir müssen uns auf eine Knappheit in dem Bereich einstellen." Man werde im Krisenstab beraten, was Deutschland an Lagerbeständen habe und was vorgehalten werden müsse - "notfalls auch durch Beschlagnahmung oder Exportverbote".

In Deutschland gibt es derzeit 53 Infektionen - mit ersten Fällen auch in Hamburg und Hessen. Die WHO warnte, der Erreger könne ohne richtige Gegenmaßnahmen "außer Kontrolle geraten". Das Robert-Koch-Institut bezeichnete das Infektionsrisiko in Deutschland aber nach wie vor als "gering bis mäßig". Von Mundschutz wurde abgeraten.

Quelle: MDR/dpa/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.02.2020 | 17:00 Uhr

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