27.03.2020 | 10:30 Uhr Schnapsbrennereien in der Oberlausitz im Corona-Modus

Deutsche und polnische Oberlausitzer im kreativen Corona-Krisenmodus: Statt Hochprozentiges für Seele, Genuss und Geschmack, produzieren sie jetzt auch Alkohol für die Desinfektion.

Schnapsbrennkessel in einer Brennerei
Bildrechte: IMAGO

Im Kampf gegen das Coronavirus sind die Desinfektionsmittel knapp geworden. Deshalb produzieren jetzt Schnapsbrennereien in der Oberlausitz hochprozentigen Alkohol und geben ihn als Corona-Killer an Apotheken und Kliniken in der Region ab.

Gewaltige Nachfrage nach Desinfektionsmittel

Die Nachfrage nach Hände- und Flächendesinfektionsmittel ist riesig, sagt Cordula Grüber, Inhaberin der Sonnenapotheke in Bischofswerda.

Firmen brauchen Desinfektionsmittel, Arztpraxen brauchen das, vermehrt Pflegedienste, Feuerwehr, Stadtverwaltung. Das sind ja alles Kundenkreise, die wir bislang nicht in der Apotheke hatten.

Cordula Grüber Sonnenapotheke Bischofswerda

Der Jahresbedarf von 15 Jahren ging in den vergangenen Tagen über die Ladentheke in Bischofswerda. Auch deshalb können die Lieferanten die Apotheken kaum noch mit Desinfektionsmittel beliefern.

Als die Apotheken dann vergangene Woche die Freigabe bekamen, Desinfektionsmittel selbst herstellen zu dürfen, handelte die Pharmazeutin aus Bischofswerda. Cordula Grüber beschaffte sich Rohstoffe und Gefäße zum Abfüllen. Doch auch die Ausgangsstoffe dafür werden immer knapper.

Das Apotheken-A hängt an einer Apotheke.
Apotheken aus der Oberlausitz haben bis zu 10.000 Liter Naturalkohol geordert, um daraus Desinfektionsmittel herstellen zu können. Bildrechte: dpa

Da erinnerte sich die Oberlausitzerin an den Weinbrand aus Wilthen. Sie hatte die Wilthener Weinbrennerei im Rahmen einer Weihnachtsfeier besichtigt: "Die könnten Alkohol in großen Mengen haben."

1.000 Liter Hochprozentiger aus Wilthen

In der Schnapsbrennerei rannte die rührige Apothekerin offene Tore ein. Bereits drei, vier Tage später konnte sie ihre erste Fuhre hochprozentigen Alkohols in Wilthen abholen. Lutz Schürer, der Geschäftsführer der Weinbrennerei sagt, sein Unternehmen habe bislang rund 1.000 Liter Neutralalkohol an Apotheken in der Region abgegeben. Und die Nachfrage nach hochprozentigem Alkohol wächst.

Bislang haben wir nur 70-prozentigen Alkohol in Drei-Liter-Flaschen ausgeliefert. Wir wollen aber auch 80-prozentigen Neutralalkohol ausliefern.

Lutz Schürer Geschäftsführer Wilthener Weinbrand

Dafür müssen in Wilthen aber noch die technischen Voraussetzungen geschaffen werden.

Nachschub an Hochprozentigem ist gesichert

Trotzdem wollen die Schnapsbrenner den noch stärker konzentrierten Alkohol ab nächster Woche in 1.000 Liter-Containern abfüllen. Dann können auch chemische Betriebe mit Neutralalkohol beliefern werden.
Die Produktion von Schnaps muss dafür nicht gedrosselt werden. Der Nachschub an "hochgeistigen" Getränken wie Goldbrand ist weiter gesichert.

Ähnlich sieht es bei Jägermeister in Kamenz aus. Der Kräuterlikör-Hersteller beliefert nach eigenen Angaben ebenfalls Apotheken und Kliniken mit Neutralalkohol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln.

Regal mit Flaschen voller Desinfektionsmittel
Ein Regal voller Desinfektionsmittel, herstellt aus dem Alkohol einer Schnapsbrennerei. Bildrechte: Sonnenapotheke Bischofswerda

Hochprozentiger auch in Polen heiß begehrt

Auch in Polen ist Desinfektionsmittel mittlerweile knapp. Deshalb hat der Chemiehersteller PCC Rokita aus Brzeg Dolny - Dyhernfurth- bei Breslau seine Produktion in der vergangenen Woche auf Alkohol umgestellt. Rund 7.000 Liter stellte das deutsche Tochterunternehmen kostenlos der Universitätsklinik in Breslau zur Verfügung.

Streit um Spiritus an der Tanke

Ein privater Tankstellenkonzern in Polen hat das Monopol auf trinkbaren Spiritus. Dieser wird gerne genutzt, um Liköre anzusetzen. In der DDR verfuhr man einst ähnlich mit dem Bergmannsfusel. Doch seit dem Auftreten von Corona wird der Spiritus als hochprozentiger Alkohol nicht nur für die innere Desinfektion genutzt. Der Absatz wuchs daraufhin gewaltig. Deshalb wollte der polnische Staat über eine Steuer mitverdienen. Der Preis pro Liter, bislang etwas über zwei Euro, vervierfachte sich. Das löste einen Sturm der Entrüstung vor allen in den Städten aus, der bislang noch nicht abgeklungen ist.

Landschaft mit Dorf und Isergebirge
Ein Dorf im polnischen Niederschlesien. Hier brennen viele selbst ihr "Desinfektionsmittel". Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Private Vorsorge durch Selbstgebrannten

Unweit von Zgorzelec lebt Darek Moravska in einem kleinen Dorf in der polnischen Oberlausitz. Der kräftige Mann sieht den landesweiten Streit um dem Alkohol gelassen, denn sein privates "Desinfektionslager" im Hängeboden über der Garage ist noch immer gut gefüllt.

Seit Jahren steht der Schlosser mit seinen Nachbarn im Wettstreit um den besten Selbstgebrannten und er ist stolz auf seinen Hochprozentigen. Normalerweise wird der "Dreifachgebrannte" oder, wie Darek sagt der "Dreifachveredelte", für Kirsch- oder Pflaumenschnaps, dem legendären "Sliwowica", verwendet. Jetzt dient der 60- bis 70-prozentige Alkohol zu Hause auch zur Desinfektion der Hände und der Gerätschaften. Und wenn seine Frau nicht hinschaut, gönnt sich der Schlosser am Feierabend auch mal einen kräftigen Schluck aus der "Desinfektions"-Flasche. "Da hat das Coronavirus keine Chance anzudocken, weder innen noch außen," lacht verschmitzt der Pole.

Selbstgebrannter vor einem Einkochtopf
Selbstgebrannter Hochprozentiger (Kirsch und Pflaume) in einer Scheune in einem polnischen Dorf. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Quelle: MDR/mk/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.03.2020 | ab 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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