Deutsch-polnischer Bahngipfel in Potsdam Görlitzer OB fordert Anbindung ans elektrische Bahnnetz

Seit mehr als 15 Jahren ringen Politiker, Verkehrsverbünde und Initiativen um die Elektrifizierung der Bahnverbindung von Dresden bis zur polnischen Grenze in Görlitz. Inzwischen steht das Vorhaben im aktuellen Bundesverkehrswegeplan, genießt dort aber keine Priorität. Derzeit baut Polen sein Bahnnetz bis zur polnisch-deutschen Grenze in Zgorzelec zügig elektrisch aus. Auf deutscher Seite? Fehlanzeige. Das werden die polnischen Nachbarn den Sachsen auf dem deutsch-polnischen Bahngipfel am Montag in Potsdam klarmachen.

Eine Regionalbahn aus Wroclaw (Polen) rollt nach umfangreichen Sanierungsarbeiten über den 475 Meter langen und 35 Meter hohen Neiße-Viadukt zum Bahnhof der ostsächsischen Stadt Görlitz (Sachsen).
Bis zur Grenze auf der Neißebrücke in Görlitz-Zgorzelec will Polen im nächsten Jahr sein Schienennetz elektrisch ausbauen. Bildrechte: dpa

Die Strecke zwischen dem Bahnhof Zgorzelec und dem Bahnhof Görlitz ist nur einen Kilometer lang. Und doch scheint diese kurze Distanz seit Jahren ein schier unüberwindbares Hindernis für den Freistaat Sachsen zu sein. Er bekommt es einfach nicht hin, diese 1.000 Schienenmeter inklusive dem Görlitzer Bahnhof zu elektrifizieren.

Polen schließt elektrische Lücke bis Zgorzelec

Spätestens im nächsten Jahr wird diese Verkehrspolitik dem Land schwer auf die Füße fallen. Die Strecke von Wroclaw nach Görlitz ist zurzeit bis Wegliniec (Kohlfurt) elektrifiziert. Bis zum Sommer 2019 wollen die Polen den gut 26 Kilometer langen Abschnitt bis zum Bahnhof Zgorzelec elektrisch ausbauen, eventuell sogar bis auf die Neißebrücke.

Der Geschäftsführer des Oberlausitzer Verkehrsverbundes ZVON, Hans-Joachim Pfeiffer, weist schon seit Jahren auf die Folgen hin. "Das bedeutet für die Deutsche Bahn einen sehr großen politischen Druck, auf deutscher Seite zu handeln. Denn vereinbart ist, diesen polnischen Fahrstrom dann in den Bahnhof Görlitz hineinzuführen. Deutschland ist gefordert, dort Schritt zu halten." Denn mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2019 endet der grenzüberschreitende Dresden-Wroclaw-Express an der Grenze. Die Fahrgäste müssen dann in Zgorzelec umsteigen.

Fachleute schätzen Kosten auf 20 Millionen Euro

Siegfried Deinege Oberbürgermeister von Görlitz
Der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege fordert die schnelle Elektrifizierung des Bahnabschnitts Görlitz - Zgorzelec. Bildrechte: dpa

In einer gemeinsamen Erklärung haben deshalb Verkehrsexperten und Politiker beider Länder jetzt den Bund aufgefordert, grünes Licht für eine schnelle Anbindung der Region Ostsachsen an das elektrische Bahnnetz zu geben. Die Elektrifizierung der Strecken von Görlitz nach Dresden und Cottbus müsse in den Bundesverkehrswegeplan als vordringliches Projekt aufgenommen werden, heißt es in der Erklärung. Vorgezogen werden muss nach Ansicht des Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege die Elektrifizierung des Teilstücks von Zgorzelec nach Görlitz. "Beide Städte haben als künftiges Schienendrehkreuz besonderes Interesse am elektrifizierten und grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr - auch unter Aspekten von Tourismus bis Fachkräftegewinnung. Dieses Verfahren muss beschleunigt werden", sagte er beim Expertengespräch in Görlitz. 

Fachleute schätzen die Kosten dafür auf rund 20 Millionen Euro. Es wäre auf deutscher Seite zwar nur ein Kilometer, der vorerst elektrifiziert werden müsste, aber die Umgestaltung des Görlitzer Bahnhofes und die Signal- und Sicherheitstechnik würden den Preis in die Höhe treiben, erklärt der ZVON-Geschäftsführer. Deshalb kommt das Vorhaben nicht voran.

Bahnhofsumbau frühestens ab 2026

Nach Ansicht des Projektverantwortlichen bei der Deutschen Bahn, Ulrich Mölke, könnte die Modernisierung des Bahnhofs frühestens 2026 beginnen. Er rechnet mit anderthalb Jahren Bauzeit. "Der Bahnhof Görlitz ist nicht auf den Gleichstrom aus Polen vorbereitet. Wir brauchen zudem Lösungen, die Zugverkehre in alle Richtung ermöglichen", sagte er.

Auf polnischer Seite wird es in zwei Jahren nur noch elektrische Züge statt Dieselloks geben. Jakub Kapturzak vom polnischen Infrastruktur-Ministerium stellt zudem in Aussicht, dass nach der Elektrifizierung mindestens ein IC-Zugpaar täglich zwischen Warschau und Görlitz pendeln wird. "Auch das Zugangebot im Regionalverkehr Wroclaw - Görlitz und Jelenia Góra - Görlitz kann verbessert werden. Der Realisierungsrahmen von zehn Jahren auf deutscher Seite entspricht nicht der Wichtigkeit dieses Projektes", sagte er.

Hoffnung setzen die Zuständigen vor Ort deshalb auf den deutsch-polnischen Bahngipfel am Montag in Potsdam. „Dass die Schließung der Elektrifizierungslücke zwischen Zgorzelec und Görlitz noch etwa zehn Jahre dauern soll, ist weder den polnischen Partnern noch der Bevölkerung der Region zu vermitteln“, urteilt die Sprecherin der Initiative Deutsch-polnischer Schienenpersonenverkehr Anja Schmotz. Hier müssten Lösungen gefunden werden, wie Planungsprozesse beschleunigt werden könnten, so Schmotz.

Quelle: MDR/ris/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 11.06.2018 | ab 5:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2018, 21:48 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

10 Kommentare

13.06.2018 08:53 Railfriend 10

@9, Ihre Hinweise bestätigen die Aussagen in @4, 6 und 7: Grenzüberschreitender Bahnverkehr zwischen unterschiedlichen Stromsystemen ist ohne Oberleitung kostengünstiger, einfacher und grundsätzlich gefahrloser. Die in @5 angesprochene "Dieselbelastung" ist durch zeitgemäße Hybridantriebe und synthetische Kraftstoffe vermeidbar.
Zutreffend ist auch Kommentar 2, zumal die Fahrpreise nach steuerfinanzierten Elektrifizierungen bekanntlich nicht sinken.

12.06.2018 23:11 Enrico Pelocke 9

@8: Das trifft vielleicht auf die Bahnsteige zu, aber nicht auf die Sicherungstechnik und die Gleise. Denn die wurden zur Jahrtausendwende erneuert. Ein neues elektonisches Stellwerk wurde gebaut und die Gleisanlagen modernisiert. Weil Stellwerke mehrere Jahrzehnte halten, ist das der erste Grund, der Veränderungen hindert. Denn die normative Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht. Da will keiner ein komplett neues Stellwerk bauen. Dann braucht ein Stellwerk eine Zulassung vom Eisenbahnbundesamt. Weil die Polen anderen Traktionsstrom haben, als wir, ist das ein Problem. Nach meiner Kenntnis gibt es sowas nicht in D, daß ein ESTW 3000 kV = vertragen muß. An der belgischen Grenze, bei Schöna und zwischen Horka Gbf und Wegliniec finden die Stromwechsel an der Grenze statt. Und der Bahnnhof Oderbrücke bei Frankfurt hat noch kein ESTW. Also muß das erst konstruiert, geprüft und zugelassen werden. Das Bauen ist dann das geringere Problem.

12.06.2018 17:39 Terkenheim 8

Polen zeigt uns Deutschen, wie moderner Bahnverkehr aussieht.

Es ist echt traurig. Von polnischer Seite wird die Oberleitung bis an die Grenze gebaut. Aber auf deutscher Seite beginnt dahinter dann das Mittelalter ...

Man muss sich doch nur mal den Bahnhof und die Gleisanlagen auf deutscher Seite in Görlitz anschauen. Da ist soch seit Jahrzehnten nichts mehr investiert worden. Görlitz kann als Kulisse für den Bahnverkehr von vor 80 Jahren herhalten. Die Bahnsteige und das Umfeld sehen aus wie im Museum. Aber ungepflegt!

12.06.2018 15:34 lausbub 7

Hoffentlich bedenken die Oberlausitzer, was die Elektrifizierung der Strecke von Dresden nach Görlitz für Folgen haben wird: Die teilweise Stilllegung der Strecke nach Zittau. Die Staatsregierung möchte für die Elektrifizierungskosten in Vorleistung gehen. Später müssen diese Kosten im sächsischen Haushalt ausgeglichen werden. Für den Erhalt beider Strecken wird es dann nicht mehr reichen. Für die Zittauer wird das bedeuten: Keine Direktverbindung mehr nach Dresden. Umsteigen in Löbau und Stilllegung des Streckenabschnittes Ebersbach - Bischofswerda. Ohne Bestandsgarantie für die KBS 235 wird es wohl darauf hinauslaufen.

11.06.2018 17:54 Railfriend 6

Oberleitungsfreie Züge fahren problemlos und ohne Mehrinvestitionen ins Bahnnetz über Stromsystemgrenzen hinweg. Dass es dabei auch keine Stromunfälle gibt, interessiert jedoch weder Politik noch Medien. Sie begründen ganz im Interesse der Bahnstromlobby weitere Elektrifizierungen lieber mit mehr Tempo und weniger Umweltbelastung als auf saubere Antriebe ohne Oberleitung hinzuweisen.

11.06.2018 10:25 Na so was 5

"Fachleute schätzen Kosten auf 20 Millionen Euro, Bahnhofsumbau in Görlitz erst ab 2026, 2019 ist der 26 km lange Abschnitt in Polen fertig, in Sachsen ist der Abschnitt rund einen km lang, kann sicherlich erst mit Bahnhofsumbau 2026 beginnen."
Das muß man mindestens dreimal in aller Ruhe lesen, um dann zu sagen, ist das wirklich wahr ? Da haben die sächs. Verkehrsexperten in den letzten Jahren aber ganz schön geschuftet. Der sächs. Ministerpräsident, der Herr Kretschmer (CDU), hat doch bei seinem Amtsantritt davon gesprochen, dass wir mehr miteinander reden müßten. Hier bei diesem Projekt hat anscheinend noch keiner mit jemanden geredet, na geredet, vielleicht schon, aber nicht über dieses Eisenbahnprojekt. Wenn unsere Vorfahren auch so gearbeitet hätten, wir würden noch in der "Pferdekutschenzeit" leben. Obwohl, auch nicht schlecht, eine Dieselbelastung gäbe es da nicht, es würden höchstens überall "Pferdeäppel" rumliegen. Die Kostenexplosion kommt noch dazu, wann dann fertig ?

11.06.2018 09:23 Railfriend 4

Weitere Elektrifizierungen sollten erst dann zugelassen werden, wenn sichergestellt ist, dass die Stromschlagsicherheit drastisch verbessert wird. Allein in Bayern passierten jetzt innerhalb weniger Tage 5 schwere Personen-Bahnstromunfälle. Die Mehrheit der betroffenen Personen waren sogar Bahnmitarbeiter. Alle diese Unfälle wären durch zeitgemäße Sicherheitsmaßnahmen vermeidbar. Es ist höchste Zeit, dass der Gesetzgeber die Bahn zu entsprechenden Nachrüstungen verpflichtet. Anderenfalls besteht hier der Verdacht, dass eine Bahnstromlobby gedeckt wird, die den Schutz von Menschen- und Tierleben ihren Profitinteressen opfert. Ernste Hinweise dazu findet man z.B. im SZ-Magazin vom 12.07.2014: "Der Tod kommt von oben".

11.06.2018 07:53 Zeitgeist 3

10 Jahre sind mir auch unklar, die angeblichen Kosten von 20 Millionen auch. Etwas spitz gesagt, wird der restliche deutsche Teil von Schlesien gleich an Polen angegliedert, da geht es dann bestimmt etwas schneller !
An die Herrschaften in Berlin! Man sollte nicht immer das Bautempo vom Berliner Großflughafen ( BER) neuer deutscher Bauqualität sich als Vorbild nehmen.

11.06.2018 07:07 Bahnfahrer 2

Jetzt ist die Elektifizierung schon für die Fachkräftegewinnung wichtig. So ein Quatsch! Nicht die Elektrifizierung ist wichtig, sondern daß ausreichend Platzangebot in den Zügen herrscht. Besonders zu den Pendlerzeiten.

10.06.2018 22:45 Resenterke 1

Schlimm, dass uns jetzt sogar schon die Polen in Sachen moderner Bahninfrastruktur voraus sind.

Der Bahnverkehr wird in Deutschland offenbar poilitisch ausgebremst. Nennenswerte Weiterentwicklungen sind anscheinend nicht gewollt. Wollen sich die Verkehrspolitiker damit bei der Automobil-Industrie einschmeicheln?

Es gibt da schon sehr merkwürdige Karrieren. Beispiel: Der ehemalige Bundesverkehrsminister Wissmann ist jetzt internationaler "Chef-Lobbyist" des Verbands der Autohersteller. Kein Scherz!

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau