19.05.2020 | 06:30 Uhr Das Geheimnis um die "Wunderwaffe" aus Zittau ist gelüftet

Die Legende hat sich bis heute gehalten: In Zittau wurde eine von Hitlers "Wunderwaffen" für den Endsieg gebaut. Ein Zittauer Hobbyforscher hat jetzt das Geheimnis gelüftet: Die angebliche "Wunderwaffe" gibt es nicht. Vielmehr wurden im Zittauer Dreiländereck Triebwerke für den ersten Düsenjäger der Welt gebaut. In Großporitsch bei Zittau wurde dafür ein Konzentrationslager geschaffen.

Messerschmitt Me-262 in der Luft
Bildrechte: dpa

"Da sind viele Legenden und viel Unwahres im Umlauf", sagt der Zittau Hobbyhistoriker Hartmut Müller und knallt einen dicken Sammelordner auf den Wohnzimmertisch. Darin befinden die Unterlagen und viele Dokumente zur angeblichen "Wunderwaffe" aus den Zitt-Werken, die der einstige Hochschullehrer für Mathe und Physik zusammen getragen hat.

Der 77-Jährige hat sich intensiv mit der Geschichte der Weimarer Republik und dem Dritten Reich in Zittau auseinandergesetzt. Von der TU Dresden wird er deshalb als einer der Sachverständigen in Sachsen zu dieser Thematik geführt. Sein Hobby verdankt der Oberlausitzer seinem Vater. Dieser hatte Briefmarken und Feldpostbriefe gesammelt. Beim Lesen der Briefe wurde das Interesse des Zittauers an der Geschichte seiner Region geweckt.

Hartmut Müller präsentiert Akten in seinem Wohnzimmer
Hartmut Müller präsentiert seine gesammelten Dokumente im Wohnzimmer. Sein Archiv umfasst 29 Aktenordner. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Es ist gut, wenn wir solche Hobbyhistoriker wie Hartmut Müller haben, die solche regionale Themen wissenschaftlich aufarbeiten. Uns fehlen dazu die Kapazitäten und Möglichkeiten und auch die sächsischen Hochschulen und Universitäten scheinen bislang nur wenig Interesse daran zu haben.

Peter Knüvener Direktor Städtische Museen Zittau

Hartmut Müller suchte deutschlandweit in Archiven und Bibliotheken nach Hinweisen zur "Wunderwaffe" aus Zittau und wurde unter anderem in den Dessauer Archiven zu den Junkers-Werken fündig. Die gründeten 1944 ein Tochterunternehmen in Zittau, die Zitt-Werke AG. Auslöser waren die häufigen Angriffe von alliierten Bomberverbänden auf Industriezentren oder Städte im Dritten Reich. Die Rüstungsindustrie suchte deshalb nach unauffälligen und sicheren Produktionsstandorten.

Das Haupttor der Junkers-Werke in Dessau-Roßlau
Ein Blick heute auf die Junkers-Werke in Dessau-Roßlau. Die Produktion von Düsentriebwerken wurde 1944 von hier nach Zittau verlegt. Dafür wurde extra die Zitt-Werke AG gegründet. Bildrechte: dpa

Von Dessau nach Großporitsch

Die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG in Dessau entschieden sich für das Zittauer Dreiländereck Sachsen, Schlesien und Böhmen, um hier die ersten serienreifen Triebwerke zu bauen. "Bei Zittau, im einstigen Kleinschönau [heute Sieniawka, Anm. d. Red.] im Ortsteil Großporitsch wurde ab März 1944 eine halbfertige Kaserne zum Herzstück des Triebwerksbau", erzählt Hartmut Müller. Das Gelände bot dafür beste Voraussetzungen, wie alte Dokumente beweisen. Auf dem benachbarten Berg war ein Feldflugplatz. Es gab einen Gleisanschluss und das Kasernengelände konnte als ehemaliges Kriegsgefangenenlager aus dem Ersten Weltkrieg gut bewacht werden.

Abgeschirmt und streng geheim

Das Gelände sei von der SS übernommen worden, berichtet Hartmut Müller. Das 17. Totenkopf-Wachbatallion habe den geheimen Produktionsstandort der Zitt-Werke abgeschirmt, zumal auch ein Außenlager des Konzentrationslagers "Groß Rosen" eingerichtet worden sei. Etwa 300 Frauen seien darin inhaftiert gewesen. Sie mussten für Sauberkeit auf dem Gelände sorgen und für saubere Wäsche. Auch Zwangsarbeiter wurden in den Zitt-Werken beschäftigt. Ihre genaue Zahl und ihre Herkunft sei bislang noch ungeklärt, erklärt Müller.

Etwa 1.800 Beschäftigte der Junkers-Werke, darunter auch Ingenieure, waren zusammen mit der Produktion aus Dessau nach Zittau verlegt worden. Die Dessauer hatten kaum Kontakt zu den Einheimischen aus Zittau und waren zudem zum Schweigen verpflichtet worden.

Lageplan der Zitt-Werke in Zittau
Der streng geheime Lageplan der Zitt-Werke in Porajów bei Zittau, wo einst Teile des "Sturmvogels" produziert worden sind. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Pfeifen und Heulen im Neißetal

"Die Oberlausitzer hatten natürlich mitbekommen, dass da etwas Ungewöhnliches vor sich ging", meint der Zittauer Hobbyhistoriker. "Aber was, das wusste keiner!" Der Mythos von der "Wunderwaffe" aus Zittau war geboren, zumal die Nationalsozialisten viele Teile außerhalb des Zitt-Werkes produzieren ließen. Dafür nahmen sie 18 Textilbetriebe in Zittau, Leutersdorf und in Ebersbach sowie in Herrnhut in Beschlag.

Die vermeintliche "Wunderwaffe" war aber keine "Wunderwaffe", sondern das erste serienreife Düsentriebwerk von Junkers, das Jumo 004A-0. Der Zusammenbau und der Test der Triebwerke erfolgte auf dem abgeschirmten Gelände der Zitt-Werke in Großporitsch an der Neiße, dem heutigen Porajów.

Das Heulen, Pfeifen und Jaulen hat man bis Zittau gehört. Das muss so ähnlich wie Sirenen geklungen haben. Ein lautes Spektakel Tag und Nacht, rund um die Uhr.

Hartmut Müller Hobbyhistoriker

Düsentriebwerk von Junkers: Jumo 004A-0
Das erste serienreife Düsentriebwerk der Welt, das Jumo 004A-0, wurde in Großporitsch bei Zittau produziert. Eingesetzt wurde es im Düsenjäger Me 262. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Schnellstes Jagdflugzeug der Welt

"Weil Junkers nicht das entsprechende Flugzeug im Programm hatte, wurde die Messerschmitt Me 262 mit den Düsentriebwerken aus Zittau ausgerüstet", erzählt Hartmut Müller, während er die Dokumente und Kopien durchblättert. Zittau lieferte zu und die Endmontage der Flugzeuge erfolgte unweit vom Bayrischen Wald bei Obertraubling. Die Reichsautobahn diente als Rollfeld für den ersten serienreifen Düsenjäger der Welt.

Der "Sturmvogel" oder auch die "Schwalbe", wie der Jäger damals genannt wurde, war mit knapp 870 Stundenkilometern bis zu 200 Stundenkilometern schneller als alle anderen Flugzeuge der damaligen Zeit. Die Me 262 soll bei Kampfeinsätzen sogar die Schallmauer durchbrochen haben, bewiesen ist das allerdings nicht.

Messerschmitt Me-262
Die Me 262 war im Zweiten Weltkrieg das schnellste Jagdflugzeug der Welt. Bildrechte: dpa

Kurzes Intermezzo in Zittau

Nur ein reichliches halbes Jahr wurden in Zittau Düsentriebwerke gebaut, denn von Osten kam die Rote Armee immer näher. Bis zum Januar 1945 galt Zittau als sicher, denn starke Panzerverbände der Wehrmacht, darunter auch Elitetruppen, sicherten die Bahnverbindungen von Görlitz nach Oberschlesien und Böhmen. Besonders heftige Kämpfe gab es um das knapp 50 Kilometer entfernte Lauban (Lubań). Anfang März musste die Rote Armee die schlesische Kleinstadt sogar wieder räumen, erklärt Müller.

Daraufhin hat die Rote Armee verzichtet, einen neuen Angriff Richtung Zittau zu fahren und ist dann, wie bekannt, nördlich von Görlitz Richtung Dresden und Berlin weiter gezogen. Der Zittauer Zipfel blieb weiterhin vom Krieg verschont.

Hartmut Müller Hobbyhistoriker

Trotzdem sei der Produktionsstandort Zittau nicht mehr sicher genug gewesen und deshalb wurde nach den Kämpfen um Lauban die Produktion der Düsentriebwerke erneut verlagert. Am 10. März 1945, berichtet Müller, rollten die letzten beiden Sonderzüge mit 500 Beschäftigten der Zitt-Werke aus dem Kasernengelände in Richtung Halberstadt. Zuvor seien auch die Werkhallen in den Textilbetrieben der Umgebung ausgeräumt und viele Maschinen abtransportiert worden.

Das Ende der Zitt-Werke als Todeslager

Namensliste der SS - erarbeitet in Zittau
In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges wurden die Konzentrationslager Auschwitz und Groß Rosen von den Zitt-Werken aus verwaltet. Hier eine Versetzungsliste von SS-Männern, als Auschwitz aufgelöst wurde. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Das Stammwerk der Zitt-Werke in Großporitsch sei weiterhin Sperrgebiet geblieben. Es wurde von der SS bis zum Ende des Krieges als KZ-Außenkommando betrieben. "Was aber kaum bekannt ist", sagt der Zittauer Hobbyhistoriker Hartmut Müller. "Von Zittau aus wurden die Konzentrationslager Auschwitz und Groß Rosen verwaltet und abgewickelt." Der 77-Jährige blättert durch einen weiteren Ordner. Er enthalte unter anderem Listen der SS-Männer, die in den Todeslagern stationiert waren, aber auch Dokumente zu den verbliebenen Inhaftierten des geheimen KZ-Lagers im Neißetal. 70 Hälftlinge starben demnach Anfang Mai, also nur wenige Tage vor dem Kriegsende. Als Todesursache wurden Lungenentzündung oder Herzmuskelschwäche in die Papiere eingetragen. Die Häftlinge aus Großporitsch fanden ihre letzte Ruhe zusammen mit weiteren Zwangsarbeitern aus der Region auf dem Zittauer Frauenfriedhof.

Geschichte soll weiter erforscht werden

Teile der einstigen Zitt-Werke im heute polnischen Porajów, dem ehemaligen Großporitsch, sind bewohnt. Andere Gebäude präsentieren sich in marodem Zustand oder sind ganz verschwunden.

Nichts erinnert mehr an die Menschen, die hier für eine angebliche "Wunderwaffe" von Hitler starben. Nur durch die Recherchen des Zittauer Heimatforschers sind jetzt auch polnische Historiker auf das geheime Konzentrationslager "Großporitsch" an der Neiße aufmerksam geworden. Jetzt wollen sich auch die polnischen Wissenschaftler mit dessen Geschichte befassen.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.05.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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