Niederschlesische Magistrale in Betrieb genommen Mit 160 Stundenkilometern durch die Oberlausitz

Die Niederschlesische Magistrale ist startklar für den künftigen Güter- und Personenverkehr. Am Montag ist die 55 Kilometer lange Strecke feierlich eingeweiht worden. Mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag geht sie in Regelbetrieb.

Ein roter Personenzug fährt am Bahnhof Niesky ein. Rechts und links sprühen Feuerfontänen.
Im Schein von Feuerfontänen rollte am Montagmittag der Sonderzug der Deutschen Bahn am Bahnhof Niesky ein. Seit 2012 wurde die Strecke Knappenrode - Horka bis zur deutsch-polnischen Grenze zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert. Bildrechte: MDR/Franz Scholze

Großer Bahnhof in Niesky: Mit einer Sonderfahrt und einem großen Bürgerfest hat die Deutsche Bahn am Montag die Niederschlesische Magistrale eingeweiht. Nach 70 Jahren ist die Bahnstrecke zwischen Knappenrode und Horka bis zur deutsch-polnischen Grenze wieder zweigleisig befahrbar. 1947 baute die russische Besatzungsmacht das zweite Gleis als Reparationsleistung ab. Ab 2012 baute die Bahn das Gleis Stück für Stück wieder auf und elektrifizierte die 55 Kilometer lange Strecke.

Die Bahnbrücke über die Neiße an der polnischen Grenze in Horka bei Niesky entlang der Niederschlesischen Magistrale 60 min
Bildrechte: Deutsche Bahn/Angelika Britz

Größtes Bauprojekt der Bahn in Sachsen

Drei Männer in dunklen Anzügen tragen ein Transparent mit der Aufschrift Seenland-Neiße-Shuttle.
"Seenland-Neiße-Shuttle" wird die Strecke Görlitz - Hoyerswerda künftig heißen. Die Niederschlesische Magistrale ist Teil der Verbindung. Bildrechte: Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft Odeg

Mit Kosten von gut 520 Millionen Euro ist die Niederschlesische Magistrale das größte Bauprojekt der Deutschen Bahn in Sachsen. 31 Eisenbahn- und drei Straßenbrücken sind in den vergangenen sechs Jahren neu entstanden. 33 Bahnübergänge wurden modernisiert sowie fünf elektronische Stellwerke und sechs Verkehrsstationen gebaut. Außerdem wurden zahlreiche Bahnsteige saniert und neu gebaut.

Wieviele Züge künftig über die Magistrale in Richtung Ost oder West rollen werden, ist offen. Fest steht nur, dass die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft Odeg 20 Mal am Tag Reisende von Hoyerswerda nach Görlitz und zurückbringen wird. Was den Güterverkehr betrifft, so rechnet die Bahn anfangs mit zehn bis 15 Zügen täglich, sagt Projektleiter Ulrich Mölke von der Deutschen Bahn. 160 Güterzüge können es sein, die mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern durch die Oberlausitz fahren.

Nicht alle haben einen Grund zum Feiern

Während Bahn und Politiker den zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke feiern, haben sich so manche Anlieger bis heute nicht mit der Magistrale angefreundet. Einer von ihnen ist Lutz Grohmann von der ehemaligen Bürgerinitiative "Zu(g)kunft" in Klitten bei Boxberg. "Wir können damit leben, weil wir müssen", sagt er am Tag der Einweihung. Unzufrieden ist der 61 Jahre alte Klittener noch immer mit dem Lärmschutz entlang der Strecke. "Wir wollten einen ordentlichen Lärmschutz, aber nicht drei Meter hohe Wände wie jetzt, die den Ort teilen", resümiert Grohmann.

Niederschlesische Magistrale
Die Niederschlesische Magistrale ist Teil einer rund zweitausend Kilometer langen Zugtrasse, die die Häfen in Hamburg, Bremerhaven und Rotterdam mit der Ukraine verbinden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bilanz, die er zieht, klingt bitter: "Heimat und Naturschutz sind beim Bau auf der Strecke geblieben." Die Bürgerinitiative hatte auf die Hilfe von Umweltverbänden und Politikern gehofft. "Politiker waren auch da und haben mit uns geredet, aber wir haben nie wieder etwas von denen gehört", erzählt der Klittener.

Wir hatten keine Verbündeten. Uns fehlte die Lobby.

Lutz Grohmann Vorsitzender Bürgerinitiative Zu(g)kunft

Auch Forstwirt Christian Lissina, der entlang der Magistrale seinen Forstbetrieb hat, ist nicht nach Feiern zumute. "Aber wir melden uns mit unserer Stimme noch einmal", kündigt er an. Die Bürgerinitiative, zu der er auch gehörte, will die sächsischen Landtagsabgeordneten bei laufendem Zugbetrieb an die Strecke einladen. Die Politiker sollen vor Ort hören und sehen, was da entstanden ist. Die Bahnlinie, so Lissina, sei auf politischen und wirtschaftlichen Druck gebaut worden. Durch die Bürgerinitiative sei während des Baus wenigstens ein Minimum an Lärmschutz entstanden, sagt Lissina:  "Aber der Ausbau der Strecke geht zu Lasten der Anlieger und der Tierwelt."

Forstwirt ist mit Naturschutz unzufrieden

Was den Forstwirt am meisten aufregt ist, wie wenig die Bahn für den Naturschutz, insbesondere die geschützten Pflanzen- und Tierarten entlang der Strecke getan hat. "Während an jeder Autobahn Wildschutzzäune stehen, darf die Bahn ein Totfahrmonitoring durchführen", empört sich Christian Lissina und erklärt, was er damit meint: "Bei laufendem Bahnbetrieb wird geguckt, wo wieviele Tiere von den Zügen erfasst und tot von den Gleisen gelesen werden."

Klage stoppte zeitweilig Ausbau der Magistrale

Ganz unzufrieden sind die beiden Aktivisten Grohmann und Lissina dennoch nicht. Ohne den Einsatz der Bürgerinitiative gäbe es heute entlang der Niederschlesischen Magistrale weniger Lärmschutz, sind sich beide sicher. Und Christian Lissina hatte im August 2014 mit einem Eilantrag vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sogar den Ausbau der Magistrale zeitweilig gestoppt. Mit seiner Klage wollte er erreichen, dass die Bahnstrecke zu großen Teilen eingehaust wird, um Menschen und Tiere vor dem Zugverkehr zu schützen. Kurz vor der Verhandlung schlossen die Deutsche Bahn und Lissina einen Vergleich, über den beide Seiten Stillschweigen vereinbarten. Sein Ziel hat er nur zum Teil erreicht.

Bedeutung der Niederschlesischen Magistrale Seit der EU-Osterweiterung wächst der Warenausstausch in Ost-West-Richtung ständig. Deshalb verpflichteten sich Deutschland und Polen zum Ausbau der grenzüberschreitenden Schieneninfrastruktur. Die sogenannte "Niederschlesische Magistrale" zwischen Falkenberg und Breslau ist auf diesem Korridor die wichtigste Achse für den Schienengüterverkehr. Das Projekt ist Bestandteil des paneuropäischen Schienenverkehrskorridors C-E-30. Es ist eine Hauptachse des internationalen kombinierten Ladungsverkehrs, z.B. mit Containern oder Lkw-Sattelaufliegern.

Quelle: MDR/ris

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.12.2018 | 17:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen
MDR SACHSENSPIEGEL | 03.12.2018 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 08:09 Uhr

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5 Kommentare

04.12.2018 18:21 Railfriend 5

@Thomas, links sind hier leider nicht gestattet. Sie finden die Aussage zur 10-fach größeren Vogelmortalität im Vergleich zur Straße mit den Suchbegriffen "Wirkungsprognose", "Eisenbahnbundesamt", "EBA". Zu Vogelopferzahlen in Stromtrassen, die mit etwa 7800 km Länge auch von der Deutschen Bahn betrieben werden, finden Sie Opferzahlen unter "Stromtasse", "Vogel". Vorab: Es sind bis zu 700 Vogelopfer je Trassenkm und Jahr.

04.12.2018 17:50 Thomas 4

@Railfriend: Können Sie mir bitte einen Verweis oder Literatur zu ihrem genannten Punkt mit den 10x erhöhten Vogelopferzahlen laut EBA an Bahntrassen im Vergleich zur Straße mitteilen.

Vielen Dank!

04.12.2018 17:46 Hallo Einzelkämpfer 3

@2, wie zu erwarten, sitzen Sie berechtigte Kritik an Bahnprojekten lieber aus. Wer nicht einmal die Sorgen der Anwohner und der Umwelt ernst nimmt, outet sich als Bahnlobbyist - ganz so, wie im MDR-Beitrag beschrieben.

04.12.2018 15:58 Einzelkämpfer 2

Nummer 1:

Das war doch zu erwarten:
Der aussichtslose Kampf gegen den elektrischen Strom geht also weiter!

04.12.2018 09:27 Railfriend 1

So erfreulich der Ausbau von Bahnstrecken im Vergleich zu Straßen grundsätzlich ist - bei derart hohen Kosten wäre zu erwarten, dass Menschen- und Tierleben besser geschützt werden. Wenn Bahnstrecken elektrifiziert werden, sollte es selbstverständlich sein, dass hier nicht mehr Menschen und Tiere umkommen als zu vor.

Doch, wie im Beitrag bereits beschrieben, sieht die Realität ganz anders aus. Laut EBA (Eisenbahnbundesamt) sind die Vogelopferzahlen auf solchen Strecken je km etwa 10 mal größer als auf der Straße und mangels wirksamem Stromschlagschutz passieren in keinem anderen Bahnsystem so viele Personenunfälle wie im elektrischen.

Für die Bahn sind Elektrifizierungen willkommene steuerfinanzierte Maßnahmen zur Profitsteigerung, jedoch mit fraglichem Nutzen für Klima und Umwelt. Dieser scheint vielmehr vorgeschoben, um die Zusage von Steuermillionen zu sichern. Hier wäre der Bund der Steuerzahler gefragt, auch hinsichtlich einer Überprüfung der CO2-Vermeidungskosten.

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