11.07.2020 | 16:00 Uhr Europa Chor Akademie wieder gestartet: Internationale Stimmen in Görlitz

Das Corona-Virus hat auch die Europa Chor Akademie verstummen lassen. Doch nun sind die Sängerinnen und Sänger wieder in der Görlitzer Altstadt zu hören. Nach der Zwangspause kommen die Musiker aus der ganzen Welt wieder an die Neiße, um hier die Tradition der Chormusik zu erhalten und zu entwickeln.

Kleines Chorkonzert in der Görlitzer Altstadt
Bildrechte: EuropaChorAkademie Görlitz

In Görlitz treffen sich seit einigen Tagen wieder junge Sängerinnen und Sänger sowie Dirigenten, um sich in der Europa Chor Akademie aus- oder weiterzubilden. Nachdem das Corona-Virus das gemeinsame Musizieren unmöglich gemacht hat und in der Görlitzer Altstadt Stimmen und Instrumente verstummten, singt und klingt es wieder. Das erste Seminar nach der Corona-Zwangspause präsentiert jeden Abend die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit unter den Lauben auf dem Görlitzer Untermarkt. Passanten bleiben stehen. Die Gäste in den umliegenden Biergärten genießen das kleine Chorkonzert.

Vor einem Restaurant an einem Stehtisch lächelt versonnen der Chef der Europa Chor Akademie Joshard Daus: "Schön, nicht wahr?" Die Sängerinnen und Sänger unter den Lauben sind aus Litauen, aus Polen, aus Großbritannien und sogar aus den USA an die Neiße gekommen. "Wir haben wegen Corona alle nicht arbeiten können und unsere jungen Leute in Polen, in Litauen und in Russland haben nur darauf gewartet, dass es endlich wieder los geht", sagt Daus. Die Freude wieder arbeiten zu können, merkt man den jungen Musikern an. Mittendrin die Sopranistin Karoline Wlochowitz: "Wir alle hatten Entzugserscheinungen."

Als Musiker kann man nicht still sitzen, man muss Musik machen, man will Musik machen und das ist ein ganz besonderer Eindruck. Das ist für uns eine unglaubliche Chance, das, was wir gerade gelernt haben, direkt vor dem Publikum ausprobieren zu können.

Karoline Wlochowitz Seminarteilnehmerin

Bislang hatte die Europa Chor Akademie in Görlitz eher im Verborgenen gearbeitet, obwohl sich die Akademie nicht zu verstecken braucht. International renommierte Musiker kommen als Dozenten an die Neiße, wie derzeit der langjährige Pianist der weltberühmten Berliner Philharmoniker Jonathan Alder. Der britischer Pianist hat Professuren am Salzburger Mozarteum und an der Berliner Hochschule der Künste inne und schätzt in Görlitz die hohe Qualität der Ausbildung.

Die musikalische Arbeit findet auf dem höchstmögliche Niveau statt und das hält jedem internationalem Vergleich stand. Deshalb ist diese Arbeit unverzichtbar. Die Leute kommen aus Polen, wir haben einen Mann aus Litauen, aus Spanien, Frankreich, von überall und die Musik ist ein wunderbares Mittel zur Verständigung, gerade in diesen Zeiten.

Jonathan Alder Pianist aus Cambridge

EuropaChorAkademie in der Görlitzer Neuen Synagoge
Die Europa Chor Akademie bei einem Auftritt in der Görlitzer Neuen Synagoge. Bildrechte: EuropaChorAkademie Görlitz

Der Mann aus Litauen ist Mantras Jauniscis. Er ist Dirigent im Litauischen Nationaltheater für Oper und Ballett in Vilnius. Als Student ist der Musiker auf die Europa Chor Akademie in Deutschland aufmerksam geworden. Noch heute holt sich der junge Musiker in den Meisterkursen Anregungen für seine Arbeit: "Diese Möglichkeit für junge Dirigenten, mit renommierten Kollegen und Klangkörpern zusammen zu arbeiten, gibt es sonst kaum."

In einer Woche lernt man hier in Görlitz mehr als zu Hause beim Studium in vier Jahren.

Mantras Jauniscis Dirigent am Staatstheater Litauen

Weiterbildungszentrum der EuropaChorAkademie
Das Domizil der Europa Chor Akademie ist das ehemalige Weiterbilungszentrum der Stiftung Deutsche Denkmalpflege in der Görlitzer Altstadt. Bildrechte: EuropaChorAkademie Görlitz

Neustart in Görlitz

In Bremen war 1997 die Europa Chor Akademie gegründet worden, mit dem Ziel, junge Sängerinnen und Sänger aus Asien, Amerika und Europa zu Konzertprojekten zu vereinen. Weiterhin soll die Tradition der Chormusik gepflegt und entwickelt werden.

Obwohl die Bildungseinrichtung für die Arbeit mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, zogen sich die öffentlichen Geldgeber zurück. Nach ihrer Zahlungsunfähig wechselte die Europa Chor Akademie vor drei Jahren nach Görlitz und hat seitdem ihr Domizil im einstigen Weiterbildungszentrum der Deutschen Denkmalpflege inmitten der Altstadt. "Hier haben wir eine Zukunft und sind als Institution auch nicht durch Corona in Gefahr", sagt Daus. "Der Bund, das Land und die Stadt Görlitz stehen hinter uns."

EuropaChorAkademie auf der Altstadtbrücke mit Görlitz im Hintergrund
Teilnehmer der Europa Chor Akademie auf der Altstadtbrücke. Auch die Stadt Görlitz unterstützt die Akademie seit drei Jahren. Bildrechte: EuropaChorAkademie Görlitz

Die Europa Chor Akademie veranstaltet nicht nur Seminare, sondern auch Konzertreisen mit namhaften Klangkörpern und Dirigenten, beispielsweise mit Sir Simon Rattle. Sogar in der Carnegie Hall in New York war die Akademie schon zu Gast. Gemeinsam musizierte die Chor Akademie mit dem London Philharmonic Orchestra. Auch bekannte und berühmte Künstler wie Plácido Domingo arbeiteten mit dem Nachwuchs zusammen. Diese Arbeit soll nun nach der Corona-Zwangspause fortgesetzt werden.

Auch Sir Jeffrey Tate und die Symphoniker Hamburg haben nach Angaben der Chor Akademie eine langfristige Zusammenarbeit mit den Görlitzern vereinbart. Tates Nachfolger Sylvain Cambreling wolle diese Arbeit als neuer Chefdirigent der Symphoniker weiterführen. Unter anderem seien in der Zukunft Auftritte in der neuen Elbphilharmonie geplant, sagt Daus.
 

Ein Chor ist ja noch nicht erlaubt im Konzertsaal, aber wir planen mit 16 bis 20 Sängern Werke von Bach und von Brahms in variierter Bearbeitungsform aufzuführen und das natürlich auch in Görlitz aber auch in anderen Orten in der Welt.

Joshard Daus Chefdirigent der Europa Chor Akademie

Es wird also weiterhin neben den großen Auftritten auf den Bühnen der Welt auch die kleinen Chorkonzerte in der Görlitzer Altstadt geben.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.07.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport

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