24.03.2020 | 11:02 Uhr Europastadt Görlitz-Zgorcelec: Exil in der deutsch-polnischen Grenzregion

An der Neiße baut das Corona-Virus Barrieren zwischen Familien auf. Noch immer ist unklar, ob und wie die deutsch-polnische Grenze in der Europastadt Görlitz Zgorzelec passiert werden kann.

von Uwe Walter

Hinter einer Absperrung am Grenzübergang Zgocelec steht ein Polizeifahrzeug und mehrere Personen
Bildrechte: Danillo Dittrich

Die Situation in der Europastadt Görlitz Zgorzelec erinnert derzeit ein wenig an das geteilte Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges. Doch an der deutsch-polnischen Grenze ist kein Krieg ausgebrochen, sondern das neuartige Corona-Virus sorgt für verrammelte Grenzübergänge. Die Szenen am Grenzübergang Ludwigsdorf oder an der Görlitzer Stadtbrücke könnten aus einem Science-Fiction-Film stammen: Gestalten in weißen Schutzanzügen, deren Gesichter hinter Masken und Brillen verborgen sind, halten Passanten oder Reisenden kleine elektronische Geräte an die Stirn, um anschließend die Körpertemperatur abzulesen. Ein paar Meter weiter beobachten schwer bewaffnete Beamte das Geschehen. Verständlich, dass sich Grenzgänger dieser unangenehmen Prozedur nur ungern stellen.

Mann im Schutzanzug bei Fahrzeugkontrolle
Ein polnischer Grenzbeamter im Schutzanzug bei einer Fahrzeugkontrolle. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Exil in Görlitz

Seit die Grenzen vor einer reichlichen Woche geschlossen wurden, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, brodelt am polnischen Neißeufer die Gerüchteküche. Wer kommt wie nach Deutschland und darf Man(n) oder Frau auch wieder zurück? Dazu kommt die Angst vor einer Ansteckung, vor einem unfreiwilligen Kontakt und damit vor der Quarantäne. Das betrifft die Grenzbewohner vom polnischen und vom deutschen Neißeufer gleichermaßen. Mehr als 3.500 Polen sind mittlerweile in Görlitz gemeldet. Ihre Familen leben oft in Zgorzelec oder auch in der Umgebung, so auch die Familie Kowalsky*. Der große Sohn Janusz arbeitet bei einem deutschen Eisenbahnunternehmen, das Nesthäckchen Karolina geht noch in die Schule. Papa Tomek ist Handwerker und Mama Beata arbeitet bei einem Görlitzer Schuhhersteller. Sie haben Angst um ihre Zukunft, denn die Familie hat seit einigen Jahren von den offenen Grenzen profitiert. Nun hockt der Sohn einsam in Görlitz und kann nicht zu seiner Familie nach Zgorzelec.

Exil in Zgorzelec

Ähnlich geht es Renate Heidner in Zgorzelec. Sie hat sich hier ihren Lebenstraum erfüllt. Sie hat einen kleinen fränkischen Hof als Reiterhof saniert. Die zwei Pferde und ein Pony sind ihr Hobby.

Teich mit Fachwerkhaus
Das Idyll mit dem kleinen Teich am Haus täuscht: Unter dem Dach ist das provisorische "Home"-Studio von Renate Heidner. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ihr Arbeitsplatz ist aber das MDR-Büro in Görlitz. Dort lebt auch die jüngste Tochter mit ihrer Familie. Wenn die Journalistin aus dem polnischen Niederschlesien über die Neiße in Richtung Landeskrone schaut, glaubt sie in der Ferne das Grundstück ihrer Familie zu erblicken. Trotzdem leben Tochter, Schwiegersohn und Enkel derzeit in unerreichbarer Ferne, zu unklar ist derzeit die Lage an der Grenze.

MDR-Reporterin im Interview
Die MDR-Reporterin beim Interview im polnischen Niederschlesien. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Sorgenfalten an beiden Ufern der Neiße

Selbst die Behörden an beiden Ufern der Neiße können Betroffenen keine zufriedenstellende Auskunft geben, zumal sich die Situation immer wieder kurzfristig ändert. Deshalb kocht die Gerüchteküche. Polnische Pendler dürfen angeblich problemlos passieren, wenn sie bestimmte Papiere vorweisen. Darunter auch eine Bescheinigung des deutschen Arbeitgebers.
Doch darauf will sich die Familie Kowalski nicht verlassen. Was passiert, wenn Mama Beata am Abend nicht zurück nach Zgorzelec darf? Bringt sie von der Arbeit nicht nur den Verdienst nach Hause, sondern auch den Virus? Ihr Sohn Janusz bleibt dagegen in Görlitz. Er traut sich nicht nach Polen, weil er befürchtet nicht mehr nach Deutschland einreisen zu dürfen. Was wird dann aus seiner Arbeit, aus seinem Verdienst?

Renate Heidner sorgt sich ebenfalls um ihre Arbeit, aber auch um ihre Tiere. Es heißt angeblich aus Warschau: Deutsche Pendler dürfen problemlos nach Deutschland und zurück. An der Grenze wird aber geflüstert: Bei Rückkehr müssten sie anschließend vierzehn Tage lange in Quarantäne.

Papiere auf dem Amaturenbrett eines Fahrzeugs
Polnische Pendler haben ihre Arbeitsbescheinigung auf dem Amaturenbrett liegen, in der Hoffnung auf schnelle und unkomplizierte Abfertigung. Aber wie lange noch bleibt die Grenze für Pendler offen? Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Krankschreibung oder zu Hause arbeiten?

Aufgrund der zahlreichen Probleme hat die Familie Kowalski jetzt einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Die Familienmitglieder haben sich bereits krank schreiben lassen, obwohl bislang alle gesund sind! Kein Einzelfall bei Polen, die in Deutschland arbeiten.
"Auch andere Kollegen und Kolleginnen haben sich erst einmal krank schreiben lassen", sagt Beata Kowalski. "Damit haben wir hier an der Grenze erst einmal zwei bis drei Wochen gewonnen."

Renate Heidner versucht indessen von zu Hause aus zu recherchieren und zu arbeiten und kämpft dabei mit weiteren Problemen. Das angeblich superschnelle Internet in Zgorzelc scheint durch Datenstau verstopft zu sein. Das heißt, immer wieder auf neue Informationen zu warten. Dafür funktioniert der Buschfunk über den Gartenzaun oder die sozialen Medien.
So wird manche Frage über den Gartenzaun in angemessener Entfernung vom Nachbarn zwar schnell und unkompliziert beantwortet, aber oft entpuppt sich die Antwort etwas später als unhaltbares Gerücht.

Der Grenzübergang zwischen Görlitz und Zgorzelec ist abgeriegelt.
Der Grenzübergang zwischen Görlitz und Zgorzelec war wegen Corona bereits komplett für den Fahrzeugverkehr geschlossen worden. Derzeit dürfen ihn Pendler wieder passieren. Bildrechte: Danilo Dittrich

Anmerkung der Redaktion Der Name der Familie aus Polen ist von der Redaktion geändert worden.

Quelle: MDR

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2020, 11:05 Uhr

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