16.02.2020 | 12:49 Uhr Land Rover mit Elektroantrieb - Tüftler aus Görlitz zeigt, wie es geht

Ein Geländewagen mit Elektromotor! Ein Görlitzer Tüftler verwandelt einen verschrotteten Land Rover in einen alltagstauglichen Geländewagen mit Elektroantrieb. Sein Problem dabei: Technologisch ist Deutschland beim Thema E-Mobilität ein Entwickungsland. Die Komponenten für den Antrieb seines Land Rovers stammen meist aus Japan oder China.

Blick unter die Motorhaube eines Elektroantriebes
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Wenn die alten Land Rover irgendwo auftauchen, dann sind die Geländewagen meist ein Blickfang. Manche Autoliebhaber bezeichnen die kantigen Kästen auch als fahrende Legende. Jens Günther kennt diese Blicke, wenn er mit seinem alten Defender unterwegs ist. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied zu den meisten Oldtimern: Am Heck steigt nicht die übliche schwarze Rauchwolke auf, wenn der Görlitzer beschleunigt. Ein Kenner wird auch das rußverschmierte Auspuffrohr am Heck vermissen. Der Geländewagen wurde auf Elektroantrieb umgerüstet! "Vielleicht sollte man besser sagen aufgebaut, denn ursprünglich war das Auto bereits ein Schrotthaufen, bestehend aus Rahmen, Achsen und Resten der Karosserie", lächelt Jens Günther.

Schnapsidee im Fieberwahn

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Jens Günther kontrolliert die Spannung an seinem Defender mit E-Antrieb. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Der Auslöser für den aufwendigen Aufbau und Umbau des Land Rovers war eine fieberhafte Erkältung vor einigen Jahren. Im "Fieberwahn" haben sich zwei Träume des Oberlausitzers verknüpft. Schon immer wollte der Görlitzer einen alten Geländewagen rekonstruieren. Sein zweites Begehren war, ein umweltfreudliches Elektroauto für den Alltag zu besitzen. Doch beide Wünsche standen scheinbar im Widerspruch. Der Land Rover schluckt mehr als elf Liter Diesel auf 100 Kilometer! So etwas kann der Görlitzer mit seinem ökologischen Gewissen nicht vereinbaren. Deshalb der Traum von eigenen E-Mobil. Die Lösung des Problems: Ein Land Rover mit Elektromotor!

"Als der Fieberwahn vorbei war, hat die Idee auch einer nüchternen Betrachtung stand gehalten", erinnert sich Günther. Bestärkt wurde der Görlitzer durch Öko-Freaks in den USA. Diese hatten bereits mehrfach schwere Kleinlaster, sogenannte Pick-up-Trucks, auf Elektroantrieb umgerüstet.

Aufgeben oder weitermachen?

Ein alter Land Rover bietet nach Ansicht des Tüftlers gute Voraussetzungen für den Umbau und Aufbau zum Elektromobil. Ein stabiler Leiterrahmen kann die Akkus und die Karosserie aus Aluminium tragen. Der Antrieb samt Getriebe ist flexibel verwendbar. Die elektrische Anlage ist simpel und auf das Notwendigste beschränkt.

Jens Günther machte sich ans Werk. Mit Elektronik, Akku- und Hochvolt-Technologien hatte der gelernte Werkzeugbauer bislang nichts zu tun. Das musste sich der Hobbyschrauber anlesen. Wie viele Stunden der Aufbau gekostet hat, weiß der Görlitzer nicht. Manchmal wollte er auch aufgeben. Das Vorhaben strapazierte die Nerven der gesamten Familie: Ist das Vorhaben zu aufwendig, zu teuer? Mehr als drei Jahre dauerte die Verwirklichung des Fiebertraums.

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In dieser Görlitzer Hobbywerkstatt wurde der Traum vom eigenen E-Mobil verwirklicht. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Deutschland ist Entwicklungsland

Die Zusteller der Paketdienste kannten bald die Adresse des Görlitzers auswendig, denn die Teile kamen aus der ganzen Welt. Die 114 Akkumulatoren lieferte China, die Elektronik wurde aus Japan eingeflogen.

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Das rote Teil ist das Herz des Elektroautos: Der Konverter aus Neuseeland! Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Das Herzstück eines Elektrofahrzeugs in Hochvolt-Technologie ist nicht etwa der Motor, sondern der Konverter. Der Umrichter stammt aus Neuseeland. Doch auch der Motor sorgte zunächst für Kopfzerbrechen. "Dieser Motor wird unter Freaks mittlerweile als Goldstaub gehandelt", erzählt der Tüftler und zeigt unter das Fahrzeug. "Diesen Asynchronmotor hatte Siemens speziell für die deutsche Automobil-Industrie entwickelt, doch mangels Interesse wieder eingestellt."

Der Hobbyschrauber hat außer dem E-Motor nur wenige Komponenten aus Deutschland in seinem Land Rover verbaut.

Deutschland ist im Bereich E-Mobilität ein Entwicklungsland, weil die Entscheider in den Chefetagen an ihren Sesseln kleben. Sie setzen aus Angst vor Veränderung zu lange auf den Verbrennungsmotor.

Jens Günther Elektroautobauer

Der E-Motor wurde an das Verteilergetriebe angeflanscht. Deshalb blieben die Eigenschaften des 41 Jahre Geländefahrzeugs erhalten. Zur Hinterachse kann bei Bedarf die Vorderachse zugeschaltet werden. Für Fahrten in schwerem Gelände ist es weiterhin möglich, Freilauf und Differential zu sperren. Jens Günther hat den 2,5 Tonnen schweren Land-Rover aber nicht mit E-Antrieb versehen, um durch Schlamm und Dreck zu wühlen. Vielmehr war ein Fahrzeug für den Familienalltag das Ziel: "Kinder zur Schule, zum Sport zu fahren und so!"

Bildergalerie Eine Fahrzeug-Legende mit Elektroantrieb!

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Die Marke steht für urige Geländefahrzeuge mit Vierzylindermotor, wahlweise als Benziner oder Diesel. Ein Görlitzer baute einen Defender zum Elektromobil auf. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Die Marke steht für urige Geländefahrzeuge mit Vierzylindermotor, wahlweise als Benziner oder Diesel. Ein Görlitzer baute einen Defender zum Elektromobil auf. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Zwei Elektrofahrzeuge auf einem Parkplatz
Zwei Elektrofahrzeuge auf einem Parkplatz, auch wenn das auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Der Geländewagen benötigt gerade mal 18 kWh pro 100 Kilometer, der Renault verbraucht etwa 17 kWh. Das entspricht derzeit einem Dieselpreis von zwei bis drei Liter pro 100 Kilometer. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Jens Günther baute aus einen schrottreifen Geländewagen ein Elektromobil für den Alltag. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Bis auf den Elektromotor kommt nichts aus Deutschland. Die 114 Akkumulatoren stammen aus China. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Das Herzstück eines Elektroautos ist der Konverter. Er wandelt den Gleichstrom in Dreiphasen-Wechselstrom für den E-Motor um und wenn dieser als Generator läuft, werden mit seiner Hilfe die Akkus aufgeladen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Cockpit eine Land Rovers mit Elektroantrieb
Auf den ersten Blick kaum zu erkennen: Es ist das Cockpit eines Land Rovers mit Elektroantrieb! Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Bedienungselementes eines Elektroautos
Das ist die "Schaltzentrale" des Elektroantriebs. Sogar die Bremswirkung des Asynchronmotors und damit die Energierückgewinnung lässt sich einstellen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Cockpit eine Land Rovers mit Elektroantrieb i.B.
Der Oldtimer hat noch drei Pedale, weil der E-Motor am Getriebe sitzt. Kuppeln ist also im Defender weiterhin möglich. Für den Allradantrieb kann weiterhin die Vorderachse zugeschaltet werden, sowie das Differenzial. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Blick unter die Motorhaube eines Elektroantriebes
Um effektiv unterwegs sein zu können, setzt der Görlitzer bei seinem Elektroantrieb auf die Hochvolt-Technologie mit 370V. Das Wissen dazu musste sich der gelernte Werkzeugbauer anlesen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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In dieser Görlitzer Hobbywerkstatt ist der Defender 110 zum Elektromobil aufgebaut worden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Solche Blattfedern schaukeln das Elektromobil nunmehr durch den Alltag. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Aufgrund der unterschiedlichen Ladesysteme hat Jens Günther unterschiedliche Kabelsätze im Heck seines Land Rovers liegen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Jens Günther am Steuer seines Oldtimers mit Elektroantrieb. Theoretisch langt ein voller Akku für 370 Kilometer. Ausprobiert hat er es noch nie, denn er ist im Alltag mehr rings um Görlitz unterwegs. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Frontansicht eines Land Rovers
Der 41 Jahre alte Defender 110 ist vollgestopft mit neuster Technik, denn er wird von einem Elektromotor angetrieben. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Russische Technik zum Wohlfühlen

Um seinen Land Rover effektiv im Alltag nutzen zu können, setzt Jens Günther auf die Hochvolt-Technologie mit 370 Volt. Damit schnurrt das Gefährt mit bis 120 Stundenkilometern über die Straßen und kommt mit einer Akkuladung geschätzte 370 Kilometer weit. Auf Radio müssen die Insassen nicht verzichten, denn das belastet die Akkus kaum. Eine elektrische Heizung des Innenraums würde allerdings die Kapazität der Akkus schnell schwinden lassen, meint der Tüftler. Stattdessen heizt bewährte Technik aus russischen Militärfahrzeugen den Wagen auf - mit Benzin! "Ich liebe es eben gemütlich", lacht der Görlitzer.

Land Rover Defender 110, ausgerüstet mit Elektroantrieb Baujahr: 1979
Karosse: Aluminium auf Stahlrohr
Gewicht: 2,5 Tonnen
Motor: Siemens Asynchron 90 kW
Hochvolt: 370 Volt
Akkumulatoren: 114 Litium 58 kWh - schnellladetauglich - 0,5 Stunden bis 80 Prozent.
Verbrauch: 18 kWH/100 km
Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
Bremsen: Tommel vorn und hinten
Allrad: Vorderräder zuschaltbar - Freilauf sperrbar
Besonderheiten:
Austausch Originalsitze - jetzt mit Kopfstützen.
Heizung erfolgt extern mit Benzin.

Leise surrend durch die Stadt

Während der Fahrt in der Stadt ist nur das leise Surren des Elektromotors zu hören. Es wird nur übertönt vom Quietschen der Blattfedern oder den üblichen Klappergeräuschen eines Defenders.

Der findige Görlitzer ist stolz auf seinen Wagen. Der Hochtechnologiewagen von Tesla S 3 verbraucht etwa elf Kilowattstunden pro 100 Kilometer, ein Renault Zeo um die 17 und sein aufgebauter Oldtimer gerade mal 18 Kilowattstunden. Das sind etwa drei Liter Diesel auf 100 Kilometer. Das Argument, SUV's seien für Elektromobile nicht geeignet, will der Tüftler mit dem ökologischen Gewissen nicht gelten lassen.

Zwei Elektrofahrzeuge auf einem Parkplatz
Unter beiden Karossen verbirgt sich ein Antrieb mit Elektromotor! Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die große Masse spielt keine so große Rolle, weil durch die Energierückgewinnung holt man ja die Energie wieder, die man beim Beschleunigen des schweren Autos benötigt.

Jens Günther Elektroautobauer

Auch wenn aufgrund der Gesamtkosten das Projekt im Familienrat manchmal heiß umstritten war, bereut hat Jens Günther seinen Aufbau nicht. "Von dem Geld, was der Defender gekostet hat, hätte ich mir ein gut ausgestattetes aktuelles Modell kaufen können. Allerdings einen Diesel und keinen Stromer!"

Das Tüfteln geht weiter

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Im Heck liegen zahlreiche Kabel für die unterschiedlichen Ladesysteme bereit. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Der Görlitzer Tüftler hat noch zwei Wünsche. So will er auf dem Dach seiner Werkstatt eine innovative Solaranlage errichten, um künftig damit seinen Land-Rover "mit Sonnenstrom tanken" zu können.

Und dann träumt er noch von einer problemlosen Reise durch ganz Europa. Bislang erfordert das eine ausführliche Planung aufgrund der Ladestationen. Zudem sind dafür noch zahlreiche unterschiedliche Ladekabel erforderlich, aufgrund der verschiedenen Systeme.

Aber der Oberlausitzer hat mit dem Aufbau seines E-Mobils bewiesen, Wünsche können sich realisieren lassen.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.01.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2020, 12:49 Uhr

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