10.12.2019 | 08:56 Uhr Was schlesische Friedhöfe verraten: Deutsche und Polen gemeinsam auf Spurensuche

Im polnischen Niederschlesien sind die meisten deutschen Friedhöfe zerstört, geplündert oder neu belegt. Doch nun stehen die einstigen deutschen Gottesacker wieder im Blickpunkt und erleben ihre Auferstehung. Deutsche und Polen suchen gemeinsam unter Gestrüpp und Efeu nach Antworten auf Fragen zu ihrer Geschichte.

Frei gelegte Grabstellen in Giersdorf
Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien

Seit die nationalkonservative Regierungspartei PiS (Partei für Recht und Gerechtigkeit) in Warschau an der Macht ist, hat sich das deutsch-polnische Verhältnis stark abgekühlt. Die PiS stellt Polen in den Mittelpunkt, fordert 45 Milliarden Reparationleistungen für die Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg. Im polnischen Fernsehen werden täglich die Grausamkeiten der Deutschen thematisiert, welche diese im Zweiten Weltkrieg verübt haben.

Die deutschkritische Politik der Regierungspartei scheint zu wirken:
In der Görlitzer Nachbarstadt Zgorzelec drehte sich eine Verkäuferin weg, wollte eine Familie aus Görlitz nicht mehr bedienen. Kinder auf einem polnischen Spielplatz, der mit dem Geld der EU gebaut wurde, wurden als Faschisten diffamiert. Um so erstaunlicher ist auch deshalb, was eine die Aktion von Margit Kempgen nicht nur im polnischen Żeliszów (Giersdorf) ausgelöst hat.

Rettung in letzter Sekunde

Das kleine Dorf besitzt ein bedeutendes Baudenkmal mit einem ovalen Innenraum. Die einstige evangelische Kirche wird Carl Gotthard Langhans zugeschrieben, der auch das Brandenburger Tor in Berlin schuf. Die ungenutzte Kirche drohte zu verfallen, bis sich vor sechs Jahren die Warschauer Stiftung "Twoje Dziedzictwo" - deutsch "Dein Kulturerbe" - erbarmte.

 Ev.Kirche von Langhans
Die ev.Kirche in Żeliszów (Giersdorf) wird dem preußischen Baumeister Langhans zugeschrieben. Er gilt als einer der wichtigsten Architekten in Deutschland. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien

Wer ist Carl Gotthard Langhans?   Das bekannteste Werk von Carl Gotthard Langhans ist das Brandenburger Tor in Berlin. Der 1732 im schlesischen Landeshut geborene Baumeister zählt zu den wichtigsten Architekten in Preußen. Er schuf die ersten Bauten des Klassizismus in Deutschland. Langhans verband antike mit barocken und klassizistischen Formen. Er schuf ovale Säle wie im Potsdamer Marmorpalais und im Schloss Bellevue in Berlin. Zudem entwarf er für den Prinzen Heinrich von Preußen das Treppenhaus und den Muschelsaal im Schloss Rheinsberg.  Auch das Schlosstheater in Charlottenburg stammt von Langhans.

Seit etwa fünf Jahren wird die Kirche schrittweise instand gesetzt. Der dazugehörige Friedhof verfiel allerdings weiter, verkam zur Müllhalde. Grabsteine verschwanden bis vor wenigen Monaten. Dann wurde die Görlitzerin Margit Kempgen auf das Dilemma im heutigen Żeliszów aufmerksam. Ihre Vorfahren stammen aus Breslau sind auf auf dem Großen Friedhof, so wie Carl Gotthard Langhans, begraben worden. 1957 wurde der Friedhof zerstört. "Friedhöfe sind Teil unserer Kultur. Mit ihrer Hilfe können die Geschichte eines Dorfes erzählen", meint die Görlitzerin. "Gerade deshalb müssen die Gottesacker mit ihren oft jahrhundertealten Epitaphien, Gräbern und Gruften erhalten werden."

Geheimnisvolles Bahrhaus für Tote

Um deutsche Friedhöfe zu retten, suchte sich Margit Kempgen Unterstützer und fand sie bei der "Gruppe zur Rettung schlesischer Kulturgüter". Bei Arbeitseinsätzen im November wurde etwa ein Drittel des evangelischen Friedhofes in Giersdorf freigelegt. Erst schauten die Einheimischen skeptisch auf dem Treiben der Deutschen. Doch dann fassten auch immer mehr Dorfbewohner an.

Männer richten Grabstein auf
Deutsche und Polen fassen gemeinsam an, um einen verfallenen Friedhof im polnischen Niederschlesien instand zu setzen. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien

Auf einmal waren die Polen interessiert an der Geschichte ihres Dorfes, wurden immer neugieriger.

So kamen bei den Aktionen zahlreiche Gräber von Kindern zum Vorschein. Sie sind wahrscheinlich im 19. Jahrhundert einer Epidemie zum Opfer gefallen. Die Suche nach der Geschichte des Dorfes findet aber nicht nur in der Erde statt. Gleichzeitig forschen die Friedhofsretter in alten Kirchenbüchern, suchen in Bibliotheken und Archiven nach Hinweisen.
Der evangelische Friedhof birgt nämlich noch einige Geheimnisse. Unbekannte Grüfte wurden entdeckt und historische Quellen erzählen von einem Bahrhaus. Dort könnten die arme Leute ihre toten Angehörigen aufbahren, wenn ihnen zu Hause der Platz dafür fehlte. Solche Gebäude gab es in Schlesien nur wenige.

Projekt "Grenzgeschichte" ins Leben gerufen

Nicht nur Deutsche und die Bewohner von Żeliszów konnte die Görlitzerin für die Rettung von Friedhöfen begeistern. Sie initiierte für den einstigen Landkreis Militsch-Trachenberg, also rings um die heutige Stadt Żmigród, das Projekt "Grenzgeschichte". Gemeinsam sollen deutsche und polnische Schüler historische Friedhöfe aufräumen. Als erstes war eine Mädchenklasse aus Syców (Groß Wartenberg) unterwegs.

Verfallen, zerstört, vermüllt und vergessen: Schlesische Friedhöfe feiern Auferstehung!

Überwuchterter Friedhof in Giersdorf
Seit der Verteitreibung der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg sind viele evangelische Friedhöfe kaum noch zu erkennen. Sie wurden zerstört, vermüllt und vergessen oder überwuchert. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Überwuchterter Friedhof in Giersdorf
Seit der Verteitreibung der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg sind viele evangelische Friedhöfe kaum noch zu erkennen. Sie wurden zerstört, vermüllt und vergessen oder überwuchert. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Ev.Kirche in Giersdorf Blick vom Friedhof
Die Kirche wird dem bedeutenden preußischen Baumeister Langhans zugeschrieben, der auch das Brandenburger Tor schuf. Das bedeutende Baudenkmal wurde von einer polnischen Stiftung aus Warschau vor dem endgültigen Verfall bewahrt. Den Friedhof dahinter retten jetzt Polen und Deutsche gemeinsam. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Ovaler Kirchenraum mit Emporen
Der ovale Kirchenraum soll eines der Markenzeichen von Langhans gewesen sein. Auf den Emporen saßen einst die Gläubigen aus dem umliegenden Gemeinden. Vor fünf Jahren begann die schrittweise Rettung des Baudenkmals. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Blick in verlassenen Friedhof in Giersdorf
Eine Görlitzerin setzt sich für die Rettung der deutschen Friedhöfe im polnischen Niederschlesien ein. Der erste Friedhof, der vor Deutschen und Polen gemeinsam vor dem Verfall bewahrt wird, ist seit November der Gottesacker in Żeliszów (Giersdorf). Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Oft sind die Gräber unter dicken Laub- und Humusschichten verborgen. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Männer richten Grabstein auf
Deutsche Gräber wurden nach dem II.Weltkrieg zerstört. Grabmale umgestürzt. Inschriften herausgemeißelt. Epitaphe und Putten verhöckert. Marmor neu verwendet, Metalle verkauft. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Eingestürzte Familiengruft in Giersdorf
Eine eingestürzte Familiengruft in Giersdorf. Gruften wurden vielfach aufgebrochen, auf der Suche nach wertvollen Grabbeigaben. Dabei waren Grabbeigaben in Schlesien nicht üblich. Oft nutzen die Anlieger Guften auf deutschen Friedhöfen als Müllgrube. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Efeu, Laub und Humus bewahrten manchen Grabstein vor der Zerstörung und haben ihn konserviert. Als polnische Mädchen in einem vergessenen Waldfriedhof einen intakten Grabstein fanden, flippten sie aus. Jetzt wollen sie im Frühjahr den Friedhof zusammen mit deutschen Schülern instand setzen. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
Frei gelegte Grabstellen in Giersdorf
Die Sanierung einiger Friedhöfe im polnischen Niederschlesien hat auf Initiative einer Görlitzerin begonnen. Auch die polnischen Bewohner intessiert aufeinmal die Dorfgeschichte, die sich mithilfe eines Gottesackers erzählen lässt. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien
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Vergessener Waldfriedhof wieder entdeckt

Nach historischen Quellen sollte sich unweit vom einstigen Protsch-Kiefernwalde ein romantischer Waldfriedhof befinden. Die Mädchen zogen los, zusammen mit ihrer Lehrerin und Margit Kempgen, um das Geheimnis um den verschollenen Gottesacker zu lüften. Obwohl vom Friedhof nichts mehr zu sehen war, Bäume an einem Hang haben seinen Standort verraten. Die Mädchen wurden vom Entdeckervirus befallen. Lackierte Fingernägel brachen beim Wühlen in der Erde. Mit nackten Händen gingen die Teenager auf Spurensuche.

Schön ist, dass die heutigen polnischen Bewohner sagen, das ist unser Dorf, das ist unsere Geschichte und dieses Interesse kann man sehr schön über die Sanierung eines Friedhofes wecken.

Obwohl die Mädchen keine Werkzeuge dabei hatten, könnten sie die Strukturen des zerstörten Waldfriedhofes sichtbar machen. Rund 150 Grabstellen könnten es gewesen sein.

Wertvoller als Gold ist das Erlebnis

Doch dann sorgte Zufallsfund für das leuchtende Mädchenaugen und viel Herzklopfen. Eine intakte Grabanlage wurde entdeckt und acht Mädchen legten ganz vorsichtig das Grab unter einer dicken Humusschicht frei. Zum Vorschein kam ein Grabstein, der vollständig erhalten war!

Das war schöner als eine Kiste mit Gold zu finden. Die Mädchen waren hin und weg! Die waren sowas von glücklich.

Der Grabstein aus dickem schwarzen Glas hatte die Jahrzehnte unbeschadet überstanden. Die Mädchen waren von der Entdeckertour so begeistert, dass sie im Frühjahr weitermachen wollen. Doch nicht nur polnische Jugendliche sollen im nächsten Jahr auf die evangelischen Gräberfelder vor dem Vergessen bewahren, auch deutsche Jugendliche aus Görlitz sollen mithelfen.

Grabstein in Giersdorf
Mancher Grabstein entkam unter Humus und Laub der Zerstörung und wurde gleichzeitig konserviert. Bildrechte: Kirchliche Stiftung Ev. Schlesien

Riesenresonanz aus ganz Niederschlesien

Die Görlitzerin hat mit der Rettungsaktion für die vergessenen Friedhöfe eine Lawine ausgelöst. "Fast täglich gehen Anfragen bei mir ein, ob man nicht den Friedhof hier oder den Friedhof da in das Vorhaben aufnehmen könnte", erzählt die taffe Rentnerin. "Dabei haben nur wenige davon gewusst. Trotzdem hat sich die Idee wie ein Lauffeuer verbreitet." Jetzt liegen schon mehr als 100 Anfragen aus Polen und Deutschland auf dem Tisch.

Die Görlitzerin freut sich über das rege Interesse, denn vielleicht kann so ein Stück Kulturgeschichte für die Nachwelt erhalten werden.

Quelle: MDR/rh/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.12.2019 | 11:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2019, 08:56 Uhr

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