31.05.2020 | 19:42 Uhr Görliwood-Doppelstockbus sorgt für kontroverse Diskussionen

In Görlitz sorgt ein neues Angebot für kontroverse Diskussionen, sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen. Seit Pfingstsonntag ist es möglich, die Filmstadt "Görliwood" in einem roten Doppelstockbus zu entdecken. Einige meinen, der Doppelstock sei unpasssend und zu groß für Görlitz. Andere halten den "Entdeckerbus" für eine Bereicherung und für einen Blickfang.

roter Doppelstockbus auf Obermarkt
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Görlitz ist eine Filmstadt und schon in der DDR diente die Stadt als Kulisse für zahlreiche Kino- und Fernsehproduktionen. Die Defa drehte in den Gassen "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", der sowjetische Kultregisseur Sergej Gerassimow produzierte einen Fim über die Jugend von Zar Peter den Großen. Mal diente Görlitz als Kulisse für das mittelalterliche Wien, mehrfach verkörperte Görlitz London und Paris. Die Stadt an der Neiße war sogar Venedig und New York! Nach der politischen Wende kam der Durchbruch, als sogenannte Localscouts die Stadt für Hollywood entdeckten. "Der Vorleser" mit der Oscar-Preisträgerin Kate Winslet wurde zu großen Teilen in der Görlitzer Gründerzeit gedreht.

Aus Görlitz wurde Görliwood

Postkarte mit Schriftzug "Görlitz" an der Landeskrone
Aus dieser Schnapsidee entstand die Marke "Görliwood". Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Vor etwa acht Jahren wurde die Idee von "Görliwood" als Schnapsidee geboren, als Teile der 114 Millionen Euro teuren Hollywood-Komödie "In 80 Tagen um die Welt" in Görlitz gedreht wurden. Action-Star Jackie Chan radelte damals mit den Fahrrad vom Hotel zu den Dreharbeiten. Sein Partner war Steeve Coogan. Der damalige Stadthallenchef Matthias Schneider druckte anschließend eine Postkarte, die an das weltbekannte Foto von Hollywood angelehnt war. Aber erst viele Jahre später griff die Stadt die Idee auf und ließ sich 2013 die Marke "Görliwood" schützen.

Zwei Oberlausitzer Unternehmer hatten schließlich eine Idee: Filmbegeisterte sollten mit einem ungewöhnlichen Bus den Drehort Görlitz entdecken und gewissermaßen auf den Spuren der großen Stars wandeln. Ein knallroter Doppelstockbus, Baujahr 1984, ist seit Pfingstsonntag der "Görliwood Entdecker". Man wollte den Touristen noch einmal was ganz anderes bieten, erzählt einer der beiden MDR SACHSEN.

Auf den Spuren der Stars

Der betagte Sechszylinder kann bis zu 60 Gäste transportieren. Auf der einstündigen Tour durch die Stadt werden 13 Drehorte angefahren. Dabei gibt es nicht nur Informationen zur Stadt und zu den Baudenkmälern, sondern auch manchen Schwank zu den Dreharbeiten. Sogar die Synchronsprecher der Stars selbst übernehmen diese Aufgabe. So ist am Jugendstilkaufhaus, welches monatelang als Kulisse für "The Grand Budapest Hotel" diente, die deutsche Synchronstimme von Wes Anderson zu hören. "Tolle Idee", meinen einige Touristen, aber auch Görlitzer.

roter Doppelstockbus Görliwood
Ab sofort ist es möglich, im Cabrio-Bus die Filmstadt Görlitz zu erkunden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Tour war sehr unterhaltsam. Wir haben viel erfahren. Eine gute Idee, erweitert das Angebot. Warum nicht, wenn es angenommen wird. Der Bus ist ein Blickfang, macht sofort auf Görliwood aufmerksam. Der verschafft uns im wahrsten Sinne des Wortes einen guten Überblick über die Stadt.

Görliwood-Liebhaber

Stadtrundfahrten überdenken

Andere Touristen und auch Görlitzer schauen etwas kritischer auf den knallroten Doppelstockbus. Der sei viel zu groß und passe nicht nach Görlitz, ist vielfach zu hören. "Berlin, München oder London okay, aber hier?" Andere weisen auf die engen Straßen in der Altstadt hin, wo der Bus möglicherweise nicht nur den Verkehr, sondern auch Sichtachsen behindern würde. Auch der ökologische Aspekt des Oldtimers wird angesprochen.

So ein Bus mit Verbrennungsmotor ist doch nicht mehr zeitgemäß. Görlitz sollte sich an ähnlichen Städten orientieren. Im polnischen Thorn und auch in Breslau rollen nur noch kleine Elektrobusse durch die Innenstadt.

Görlitzer Einwohner

Das polnische Thorn (Toruń) hat eine ähnliche Struktur der Altstadt, wie Görlitz, hat aber diese komplett für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Selbst die Entsorgungsfahrzeuge dürfen sich tagsüber nur noch mit mithilfe eines Elektromotors in der Innenstadt bewegen. Viele Stadtführer in Görlitz würden so eine Idee begrüßen, auch wenn es nicht nur für den Doppelstockbus das Aus bedeuten würde.

Blick in die Görlitzer Altstadt
In die Görlitzer Altstadt passe kein Doppelstockbus, sagen Kritiker des "Görliwood Entdeckers". Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Auch Stadtführer diskutieren den knallroten "Entdeckerbus" kontrovers. Doch kaum jemand wagt es, seine Kritik ins Mikrofon zu sagen oder sich zitieren zu lassen. Einige von ihnen haben Angst vor rechtlichen Auseinandersetzungen.

Görliwood steht für Qualität

Um die Marke "Görliwood" gab es im Vorfeld mit der Stadt ein juristisches Tauziehen. Der Unternehmer war nach eigenen Angaben vor vier Jahren von Niesky nach Görlitz gezogen und wollte hier mit dem Entdeckerbus, "was auf die Beine stellen". Das Tochterunternehmen der Stadt, die Europastadt GmbH, hat nun mit ihm einen Lizenzvertrag abgeschlossen. "Es geht darum, die Marke Görliwood zu schützen," sagt Geschäftsführerin Andrea Frederike Behr.

Die Marke haben wir uns als Stadt im Jahr 2013 bereits schützen lassen. Das heißt, wir sind dafür verantwortlich, dass hinter dieser Marke eine gewisse Qualität und der entsprechende Standard eingehalten wird.

Andrea Frederike Behr Europastadt Görlitz Zgorzelec

Bildergalerie Auf Film-Entdeckertour in Görliwood

roter Doppelstockbus Görliwood
Dieser Doppelstockbus sorgt derzeit in Görlitz für Diskussionen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
roter Doppelstockbus Görliwood
Dieser Doppelstockbus sorgt derzeit in Görlitz für Diskussionen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Doppelstockbus neben Oldtimer-Bus Garant
Zwei Oldtimer auf Stadtrundfahrt.Kritiker meinen, der Doppelstockbus ist zu groß für Görlitz. Hier sind zwei Oldtimer auf Stadtrundfahrt zu sehen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Menschen beim Einsteigen in den Oldtimer-Bus
Der neue Doppelstockbus ergänze die bisherigen Angebote, meinen die Befürworter des Doppelstockbusses. Dieser Oldtimer kutschiert schon seit Jahren Touristen durch Görlitz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Blick in die Augustastraße
Durch die Augustastraße rollt der "Görliwood Entdecker". Hier wurde der Film "Werk ohne Autor" gedreht. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
ehemalige Fleischerei in der Gründerzeit
Auch diese Fleischerei war einst Kulisse. Oscarpreisträgerin "Emma Thompsen" stand hier für "Jeder stirbt für sich allein" vor der Kamera. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Scheinwerfer im Kaufhaus
Der Doppelstockbus rollt an einigen Drehorten vorbei. Im Jugendstilkaufhaus entstand der Streifen "The Grand Budapest Hotel". Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Kurz vor der Aufnahme auf dem Görlitzer Untermarkt
Nicht alle Drehorte sind mit dem Bus erreichbar. Hier "In 80 Tagen um die Welt" in der Altstadt. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Eine Gasse in der Altstadt
Eine der beliebtesten Gassen bei den Filmemachern. "Goethe", "Die Bücherdiebin", "Die Vermessung der Welt", "Inglourious Bastards" entstanden beispielsweise hier. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
 Filmdreh mit einem Fahrzeug
Auf dem Görlitzer Obermarkt entstand diese Szene. Direkt daneben wartet seit Pfingstsonntag der Doppelstockbus auf Fahrgäste. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Eine Bildmontage zeigt die Stadt Görlitz und den Schriftzug Görliwood an einem Berghang dahinter
Görlitz will sich weiter als Filmstadt vermarkten und hofft sogar auf eine Filmakademie. Bildrechte: Die Partner
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Während einige noch über das "Für und Wider" eines Doppelstockbusses in Görlitz diskutieren, geben sich andere Görlitzer gelassen. "Mal sehen ob das Angebot angenommen wird und wie lange die durchhalten." Doch verschrotten müsse den Oldtimer keiner. "Vielmehr könnte doch die Stadt den Bus buchen. Der Bus könnte dann als Blickfang durch bundesdeutsche Großstädte rollen, dabei für "Görliwood" werben."

Eine Bildmontage zeigt die Stadt Görlitz und den Schriftzug Görliwood an einem Berghang dahinter 2 min
Bildrechte: Die Partner

Görlitz liebäugelt mit Doppelstockbussen - und das schon ab Pfingsten. Touristen sollen damit durch die Stadt kutschiert werden, beispielsweise zu Drehorten von Görliwood. Renate Heidner erläutert das Konzept.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mi 27.05.2020 15:20Uhr 02:09 min

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Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 28.05.2020 | 19:00 Uhr

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