04.10.2019 | 10:59 Uhr Neuer Räuber im Wolfsland? Goldschakale in der Oberlausitz

In der Oberlausitz melden Jäger immer häufiger Sichtungen von Goldschakalen. Ist ein neues Raubtier im Wolfsland heimisch geworden? Oder war es am Ende doch nur der Fuchs? Denn wo sich Wölfe aufhalten, soll es eigentlich keine Schakale geben. Auf Bildern aus Fotofallen bei Niesky sind nun Tiere zu sehen, die dem Schakal verdächtig ähnlich sehen.

von Uwe Walter

Goldschakal blickt auf einem Waldweg zurück
Bildrechte: Privat

Schakale haben einen zweifelhaften Ruf: feige, schlau, hinterlistig und durchtrieben. Der Schakal gilt als Vorbote des Bösen. Im alten Ägypten wird er mit dem Totengott in Verbindung gebracht. Der Totengott hat eine menschlich Gestalt mit dem Kopf eines Schakals. Nun erobert sich das sagenumwobene Tier offenbar ein neues Revier in der Oberlausitz. Offiziell wurde der Nachweis einer neuen Säugetierart in Sachsen im August verkündet. Der Goldschakal, ein kleiner Verwandter des Wolfes, war auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in eine Fotofalle vom staatlichen Forstamt getrabt. Einige Jäger wollen den illegalen Einwanderer ebenfalls gesehen haben, im Raum Niesky, an der Neiße und im Oberland. Entsprechende Meldungen liegen vor, sagt der Vorsitzende des Jagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz, Hans Dieter Dohrmann.

Goldschakal auf einer Wiese bei Niesky
Vor wenigen Tagen tappte ein Tier in eine Wildkamera im Raum Niesky, bei dem es sich um einen Goldschakal handeln könnte. Bildrechte: Privat

Kaum Erkenntnisse über den Einwanderer

Goldschakale sind extrem scheu und leben sehr versteckt. Bis heute sind die Raubtiere kaum erforscht. Während die Wissenschaftler mittlerweile fast jeden Wolf in Deutschland am genetischen Pfotenabdruck erkennen, weiß kaum jemand etwas über den Goldschakal. "Seit 1990 soll es in der Oberlausitz immer Sichtungen gegeben haben, aber diese können kaum verwertet werden," sagt Professor Hermann Ansorge vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. "Da fehlt der wissenschaftliche Beweis." Nur mit Genmaterial oder Knochenfunden kann der erbracht werden. Der Zoologe und Wolfsexperte verweist auf einen Fall vor wenigen Tagen am südlichen Stadtrand von Görlitz. Der angebliche Goldschakal war ein etwas zu dicker Fuchs.

Professor Hermann Ansorge in seinem Arbeitszimmer im Senckenberg Museum für Naturkunde
Professor Hermann Ansorge gilt international als Experte bei der Erforschung der Wölfe. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Es ist nicht ganz einfach, einen jungen Wolf oder einen Fuchs in freier Natur, möglicherweise noch in der Dämmerung, von einem Goldschakal zu unterscheiden.

Hermann Ansorge Naturkundemuseum Görlitz

Der Goldschakal ist etwa einen Meter lang, ist damit größer als der Fuchs und kleiner als ein Wolf. Die kleinen spitzen Ohren liegen weit auseinander. Die Schnauze ist deutlich kürzer als beim Fuchs, die Beine dagegen länger. Der Fellfarbe verdankt der Goldschakal seinen Namen, aber es gibt auch graue, wildschweinfarbene Exemplare.

Drei Raubtierschädel auf einem Tisch - darunter ein Wolf
Mithilfe des Schädels bestimmen die Wissenschaftler in Görlitz, ob es sich um einen Wolf, einen Hund oder einen Goldschakal oder Fuchs handelt. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Wilde Gerüchte im Lausitzer Forst

Wie die Nebelschwaden jetzt im Herbst wabern auch wieder die tollsten Gerüchte durch die Lausitzer Wälder: Wie seinerzeit der Wolf soll der Goldschakal ausgesetzt worden sein. Dem gesamten Niederwild drohe jetzt die Ausrottung durch einen neuen Fressfeind. Das Raubtier werde als Zivilisationsfolger auch in den Dörfern nach Beute suchen!

Forscher Hermann Ansorge widerspricht. "Angst muss niemand haben, denn aufgrund ihrer exzellenten Sinne wittern sie Gefahren und damit auch den Menschen sehr früh", sagt der Wissenschaftler. "Forschungen in Ungarn haben aber auch gezeigt, dass es Schakalen leicht fällt, sich nahezu unbemerkt in der Nähe von Menschen aufzuhalten." Die anpassungsfähigen Raubtiere haben dort Futterquellen entdeckt, die sie nutzen: Biotonnen, Komposthaufen oder Gärten.

Weinverkoster auf vier Beinen

Die Schakale sind Allesfresser und enorm anpassungsfähig. Nachdem der Goldschakal Ungarn erobert hat, haben Biologen dort sein Fressverhalten untersucht und kamen zu erstaunlichen Erkenntnissen. Selbst Weintrauben nascht der Räuber gern, soll sogar bestimmte Rebsorten bevorzugt haben. "Mehr als die Hälfte waren pflanzliche Nahrung, der Rest tierische, wie Mäuse oder Amphibien," sagt der Wissenschaftler vom Naturkundemuseum.

Möglicherweise rührt der schlechte Ruf der Goldschakale auch daher, dass er alles frisst, was er findet und auch Aas nicht verschmäht.

Hermann Ansorge Naturkundemuseum Görlitz

Der Goldschakal ist aber auch ein guter Jäger. Auf seinem Speiseplan stehen kleine bis mittelgroße Tiere wie Rebhuhn, Fasan und Hase. Selbst ein Rehkitz ist vor einem Schakal nicht sicher. In der Oberlausitz wird er wahrscheinlich auch die Gelege von Wasservögeln, von Bodenbrütern plündern und Fische fressen. "Nach Waschbär, Ming und Marderhund bedroht numehr ein weiterer Fressfeind die heimische Tierwelt", meinen einige Jäger, die namentlich nicht genannt werden wollen.

Wissenswertes zum Goldschakal Sichtungen von Goldschakalen werden aus Österreich, Italien, Frankreich, Schweden und Finnland gemeldet. In Ungarn sind sie mittlerweile beheimatet. Die ungarische Population wächst weiter und hat ihren Ursprung in Kroatien und Slowenien. Auch im rumänische Donaudelta sind die Raubtiere zu Hause. Die angestammten Lebensräume sind Asien, der Balkan und der Nahe Osten.
Die Goldschakale sind etwa einen Meter lang, bringen zwischen 9 und 15 Kilogramm auf die Waage und leben mit bis zu sechs Tieren im Rudel zusammen. Die Tiere leben in einer festen Beziehung. Einmal im Jahr kommen in einer Höhle etwa sechs bis neun Welpen zur Welt, wo Jährlinge oft noch beim Rudel bleiben. Das Revier umfasst bis zu acht Quadratkilometer und wird gegen Eindringliche verteidigt. Bevorzugte Reviere besitzen unterholzreiche Wälder, viel Gestrüpp oder es sind Feuchtgebiete mit viel Schilf. Die natürlichen Feinde der Goldschakale sind Wolf, Luchs und Adler. Deshalb gab es wahrscheinlich früher in Mitteleuropa keine Schakale.

Land hat kein Konzept

Das Land Sachsen hat noch keine Strategie, wie künftig mit dem heimlichen Einwanderer umgegangen werden soll. Der Goldschakal sei eine besonders geschützte Tierart und stehe nicht im sächsischen Jagdgesetz, teilten die zuständigen Landesbehörden in Dresden auf Anfrage mit und verwiesen zugleich auf die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Nach der FFH, wie die Richtline meist genannt wird, darf der Goldschakal nicht gejagt werden.

Wir müssen sehen, wie stark die Entwicklung hier vorangeht. Auf der anderen Seite ist es so, dass sich Wölfe und Schakale nicht dasselbe Revier teilen. Wenn die wisenschaftlichen Erkenntnisse stimmen, werden die Wölfe gegen die Goldschakale vorgehen.

Hans Dieter Dohrmann Vorsitzender Jagdverband Niederschlesische Oberlausitz

"Was seine Ausbreitung für die einheimische Tierwelt, für die Landwirtschaft in der Oberlausitz bedeutet, bleibt abzuwarten", sagt Herrman Ansorge vom Görlitzer Naturkundemuseum. "Wir wissen derzeit einfach zu wenig."

Raubtierschädel zur Bestimmung Wolf, Hund, Fuchs oder Schakal
Einen Schädel von einem Goldschakal hatten die Wissenschaftler von Görlitzer Naturkundemuseum noch nicht auf dem Tisch. Der linke Schäde gehört zu einem Wolf, der in der Oberlausitz unterwegs war. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ein Wunder der Natur?

Möglicherweise sind die Goldschakale nur auf der Durchreise. Die Schakale gelten als "Fernwanderer". Die nächste nachgewiesene Population, das heißt eine Familie mit Alt- und Jungtiere, leben bei Prag. Möglicherweise sind die Tiere von dort eingewandert, auf der Suche nach einem neuen Revier. Auch der Görlitzer Wolfsexperte ist überrascht, dass sich im Wolfsland Oberlausitz Goldschakale blicken lassen. Ob es ein Wunder der Natur ist - Wolf und Goldschakal in einem Revier - wird die Zukunft zeigen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 04.10.2019 | ab 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2019, 10:59 Uhr

3 Kommentare

Mythos vor 25 Wochen

Nun allein die Überschrift verurteilt schon wieder, wie wär es statt "Räuber" mal mit der Überschrift Beutegreifer ! Der Bericht basiert in Teilen auf, HörenSagen Mutmaßungen und Gerüchten statt auf gesicherten Erkenntnissen! Es gibt noch keine DNA Nachweise! Warum wird Iherseits darüber berichtet wenn gerade letzteres fehlt? Aber gerade was die Rückkehr der Beutegreifer angeht scheint dem MDR die journalistische Sorgfaltspflicht abhanden gekommen zu sein! Statt tatsächliche und belegbare Fakten wird allzuoft mit Mutmaßungen hantiert! Und das finde ich doch sehr bedenklich!

peter1 vor 25 Wochen

Der Wolf, ein Elch und jetzt noch der Schakal!!!
Die Bedrohung in Sachsen ist nicht mehr zu stoppen. Einfach nur lachhaft das Ganze.

bauer vor 25 Wochen

Der angebliche Schakal bei Niesky sieht für mich sehr nach Mallinois (Belgischer Schäferhund) aus... :-)

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