Ein langgestrecktes leeres Backsteingebäude mit Graffiti an den Wänden.
In den ehemaligen Görlitzer Güterbahnhof will eine Schule einziehen. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Bildung statt Bruchbude Görlitzer Güterbahnhof wird zur Waldorfschule

Seit den 1990er Jahren steht der Güterbahnhof in Görlitz leer. Nun hat die Waldorfschule das Gelände gekauft und will bis zum Spätsommer 2020 den Schulbetrieb dorthin verlagern. Klassenräume, Mensa, Werkstätten und Turnhalle sollen entstehen. Jetzt war dafür die Grundsteinlegung.

Ein langgestrecktes leeres Backsteingebäude mit Graffiti an den Wänden.
In den ehemaligen Görlitzer Güterbahnhof will eine Schule einziehen. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Ganz schön schräg – dieses kleine "e". Sieht fast so aus, als würde es gleich herunterfallen. Aber der ganze Schriftzug der einstigen Görlitzer "Güterabfertigung" hat die guten Zeiten längst hinter sich gelassen. Trotzdem sieht Gregor Hommel jede Menge Potenzial in dem Backsteingebäude mit den zerschlagenen Fensterscheiben. "Meiner Meinung nach gibt es in einigen Jahren hier drinnen ein von Schülern betriebenes Hotel", sagt der Werkenlehrer der Görlitzer Waldorfschule "Jakob Böhme".

Ein leerer Uhrenrahmen an einem Haus.
Von der Bahnhofsuhr ist nur der leere Rahmen geblieben. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Aber das ist Zukunftsmusik. Erst einmal zieht nur die Heizung in das Gebäude, das ganz am Anfang des langgestreckten alten Güterbahnhofs liegt. Ansonsten kommt erst einmal das aufs Gelände, was eine Schule grundsätzlich ausmacht: Klassenräume, Turnhalle, Mensa und die fürs Waldorfkonzept üblichen Kreativwerkstätten. Es braucht vielleicht die Fantasie eines Waldorf-Jüngers, um sich das hierher zu denken. Die ganze Anlage wird seit den 1990er Jahren nicht mehr genutzt und verfällt. Marode Dächer, durch die der Regen tropft, kaputte Fensterscheiben, in einigen Gebäuden fallen Farbschichten und Tapetenbahnen von den Wänden. Von der Bahnhofsuhr ist nur der leere Rahmen geblieben. Überall im Gelände gibt es Wildwuchs. "Aber es sieht schon gut aus. Wir haben jede Menge Müll rausgeschafft", sagt Gregor Hommel. Er würde gern im leeren Schuppen gegenüber dem Bahnhof eine Schmiede einrichten. Aber auch das ist eher etwas für später.

Neun Millionen Euro kostet das Projekt

Jetzt ist Anfang April 2019, Sonnenschein, blauer Himmel und das von einem Metallzaun umgebene 26.000 Quadratmeter große Gelände füllt sich mit Leben. 130 Kinder und Jugendliche der Görlitzer Waldorfschule und 240 von einer befreundeten Einrichtung in Dresden steigen über eine Metalltreppe ins rund 300 Meter lange Gebäude. Die Treppe knarrt und scheppert. "Immer nur einer pro Stufe", ruft ein vorwitziger junger Mann. "Das kann dauern", antwortet ein anderer. Aber dafür ist keine Zeit. Dort, wo einst Lagerräume untergebracht waren, gähnt die Leere zwischen Holzpfeilern. Aber nicht lange. Minuten später klatschen und tanzen hier junge Menschen. Ein Schulorchester spielt, ein Chor singt. Jemand hat grüne Teppiche ausgerollt, ein Loch in den Betonboden gehauen und Balkonkästen mit Stiefmütterchen drum herum gestellt.

Streifzug durch den Görlitzer Güterbahnhof

Ein Banner wirbt am Eingang zum Güterbahnhof für die künftige Waldorfschule Görlitz.
Die Görlitzer Waldorfschule wirbt am Zaun des Güterbahnhofs für sich. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Banner wirbt am Eingang zum Güterbahnhof für die künftige Waldorfschule Görlitz.
Die Görlitzer Waldorfschule wirbt am Zaun des Güterbahnhofs für sich. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein leeres Backsteingebäude.
Dieser Teil des Güterbahnhofs wird erst einmal leer bleiben. Hier war früher die Verwaltung. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein leeres Gebäudeinneres mit offenen Türen.
Das Verwaltungsgebäude will die Schule erst einmal nicht nutzen. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein leerer, vermüllter Raum mit Kachelofen in der Ecke.
In einigen Räumen sieht es wüst aus. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Fenster in einem Zimmer, die Tapete fällt von der Wand.
Die Tapeten im Verwaltungsbau fallen von den Wänden. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein leerer Schuppen.
Dieser Schuppen wird wohl erst einmal für die Gartenbau-Werkstatt der Schule genutzt. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Backsteingebäude mit kaputten Fenstern
Das Gebäude ist marode, kann aber saniert werden. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Einige Personen stehen vor einem Backsteingebäude mit dem Schriftzug "Güterabfertigung".
In die ehemalige Güterabfertigung kommt die Heizung der Schule. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Fenster mit eingeschlagenen Scheiben.
Die Fenster sollen saniert werden, aber ihrer Form erhalten bleiben. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Schild mit der Aufschrift "Rauchen verboten".
Das Rauchen wird auf dem Schulgelände auch künftig verboten bleiben. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein schwarz-weißes Graffito an der Wand.
Das Bahnhofsgebäude ist an vielen Stellen mit Graffiti besprüht. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Eine leere Halle mit Holzbalkendecke und Holzpfeilern.
Leere Hallen wie diese locken in Großstädten Start-up-Unternehmen an, in Görlitz werden sie zu Klassenzimmern. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
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Die Grundsteinlegung steht an. Die Freie Waldorfschule hat das Güterbahnhofsgelände gekauft. "Und 2020 wollen wir hier einziehen, zum Beginn des Schuljahres soll es losgehen", sagt Schul-Geschäftsführer Lutz Ackermann. Neun Millionen Euro kostet die Sanierung des Baus und die Umgestaltung zur Schule. Sechs Millionen Euro sind Fördermittel. Drei Millionen Euro steuert die Schule bei, finanziert durch ein Darlehen.

300 Schüler sollen hier künftig lernen

Erwachsene und Kinder füllen Zement in ein Loch.
Kinder, Schul-Geschäftsführer Lutz Ackermann (l.) und der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinegge vermauern den Grundstein. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Es wird feierlich. Erst- und Zweitklässler tragen den zwölfseitigen Grundstein aus Kupferblech in die Halle. Kinder Lehrer, Geschäftsführer Lutz Ackermann und der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinegge versenken ihn und füllen das Loch mit Zement. Sonnenlicht dringt durch verstaubte Fenster. Können sie sich hier eine Schule vorstellen? Den Görlitzer Schülerinnen Anna-Lena (17), Mirja (15) und Amelie (15) fällt das nicht schwer. "Es ist doch spannend, das aus etwas so altem, was Neues werden kann", sagt Amelie. Und Mirja, die seit fünf Jahren auf die Waldorfschule geht, wünscht sich, "dass hier die warme und herzliche Atmosphäre herrscht, die ich von Zodel kennen". Dort, zehn Kilometer nördlich von Görlitz, wurde die Schule 2011 gegründet – mit 17 Schülern. Dann ist sie in ein Übergangsquartier nach Görlitz umgezogen - aus Platzgründen. Denn inzwischen lernen hier 130 Jungen und Mädchen. 300 sollen es werden, verteilt über 13 Klassenstufen. Ein Jahr länger Zeit zum Lernen als sonst in Sachsen üblich – das sei Teil des Konzeptes, sagt Lutz Ackermann. Dabei bleiben die Schüler immer im gleichen Klassenverband. Musik, Theater und Handwerk gehören ebenfalls ins Programm der Ganztagsschule.

Zeremonie beendet. Begleitet von einer Mischung aus Balkan-Beat-Pop-Drum-Musik verlassen die Schüler nach und nach das Gebäude. Ein Mann rollt die grünen Teppiche zusammen. Für den Görlitzer Kulturbürgermeister Michael Wieler ist die Schule hier im Bahnhofsviertel ein Glücksfall. Denn die Stadt versuche schon lange, die schwierige Ecke in diesem Teil von Görlitz zu entwickeln. Die Stadt selbst hat das Gelände vor dem Güterbahnhof gekauft und will dort einen Park anlegen. Für einige leerstehende Gebäude im Umfeld zeichnen sich ebenfalls Lösungen ab. So wird wohl das Senckenberg-Museum für Naturkunde in der Nähe einen Campus schaffen.

 

Quelle: MDR/nng

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio| 04.04.2019 | 16:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 14:09 Uhr

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2 Kommentare

05.04.2019 17:04 Pattel 2

Klasse ist das !
Schon ich lernte bei der DR dort machte den Gabelstaplerschein und den Kranführerlehrgang sowie Arbeitsschutzlehrgang in dem Gebäude.
Nun ensteht was neues für die Jugend also lernt bzw.nutzt das Angebot.

04.04.2019 19:23 Morchelchen 1

Die wohl beste Nachricht der Woche. Auf jeden Fall eine dem Optimismus dienende. Denn man kommt ja täglich aus dem Stirnrunzeln nicht heraus, wenn man liest oder hört, was bereits an Erschütterndem passiert ist und was noch so zum Erschweren des Daseins auf uns alle zukommen kann und wird...

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