Ein auffälliges Fachwerk aus Kreuzstreben und ein seltener Kammmusterputz zieren das uralte Umgebindehaus an der Oberspree.
Ein auffälliges Fachwerk aus Kreuzstreben und ein seltener Kammmusterputz zieren das uralte Umgebindehaus an der Oberspree. Bildrechte: Martin Kliemank

25.05.2019 | 11:00 Uhr Ältestes Umgebindehaus der Oberlausitz öffnet für Besucher

Zur Wende stand das Haus vor dem Abriss. Ein echter Schatz drohte zu verschwinden. Auch die zwei folgenden Eigentümer vermochten den Verfall des Hugenottenhauses in Ebersbach nicht aufzuhalten. Doch ein neuer Besitzer setzt seit zwei Jahren alles daran, das Haus in Originalbauweise zu erhalten. Die Außensanierung ist abgeschlossen. Der Innenausbau läuft. Zum Tag des offenen Umgebindehauses am Sonntag können sich Gäste das Schmuckstück zeigen lassen.

von Martin Kliemank

Ein auffälliges Fachwerk aus Kreuzstreben und ein seltener Kammmusterputz zieren das uralte Umgebindehaus an der Oberspree.
Ein auffälliges Fachwerk aus Kreuzstreben und ein seltener Kammmusterputz zieren das uralte Umgebindehaus an der Oberspree. Bildrechte: Martin Kliemank

Eine Steinsäge kreischt auf. Zwei Bauarbeiter schneiden daran rote Klinker zurecht, um damit eine Fläche am jahrhundertealten Hugenottenhaus zu pflastern. Wo einst der Erntewagen ins Haus geschoben wurde, stopfen zwei Lehmbauer Hanf zwischen die Blockbohlen. Guido Arnold sägt in der Stube derweil ein paar Leisten zu. Diese Baustelle bringt den Tischler zum Schwärmen: "Das ist eine Begeisterung, die man dafür empfindet, weil das einfach noch steht. Ich denke, dass die Häuser heutzutage mit Sicherheit nicht so lange stehen werden. Das ist die Sache, die mich so begeistert, dass Dinge lange halten können und damit auch eine viel höhere Wertigkeit haben."

Diese Begeisterung teilt auch Hauseigentümer André Schmitt aus Königsbrück. Der Vorbesitzer hatte ihn auf das Umgebindehaus aufmerksam gemacht. Der musste es aus finanziellen Gründen verkaufen. In Schmitt sah er einen geeigneten Nachfolger, dem er zutraute das Haus zu erhalten. Denn André Schmitt hatte vor Jahren in Dresden schon einmal ein bedeutendes Haus vor dem Abriss gerettet. Doch ob er ein über 400 Jahre altes Umgebindehaus instandzusetzen vermag, darüber hat Schmitt lange nachgedacht. 2016 kaufte er das Hugenottenhaus doch und begann es zu sichern.

Restaurierung nach althergebrachten Methoden

"Vielleicht habe ich das Gen, die alten Steine retten zu müssen", sagt André Schmitt und fügt hinzu: "Ich muss ehrlich sagen, die Handwerker, das sind die eigentlichen Künstler und die Menschen, die das erschaffen. Ich habe das Glück, dass ich mich getraut habe, den Rahmen zu bieten." Dieses Glück hat ihn große Opfer gekostet: "Wenn ich nicht hier bin, schreibe ich Anträge und Dokumentationen und bearbeite Prüfungen", erzählt Schmitt. "Alles andere bleibt auf der Strecke."

In blauer Latzhose steht er auf seiner Baustelle und blickt nachdenklich auf die vergangenen zweieinhalb Jahre. Den Aufwand zur Rettung des Umgebindehauses mit Familie und Beruf zu vereinbaren, sei oft "kritisch" gewesen. "Das Aufwendigste ist, dass das Haus renoviert wird, wie es vor 400 Jahren erbaut wurde", erklärt André Schmitt. "Es besitzt nichts, was nicht kompostierbar ist. Würde es zusammenfallen, hätten wir vielleicht ein paar Kabel. Aber ansonsten haben wir nur ökologische Baustoffe. Das ist zwar relativ teuer. Aber es ist eine schöne Herausforderung zu zeigen, dass man ein Haus auch ohne Kunststoffe errichten kann."

Details wie Erhaltungszustand machen das Haus zu einem Schatz

Auch weil dieses Haus an der Spree so einzigartig ist, wollte André Schmitt zu dessen Erhalt beitragen. Über Stube, Kammern und Scheune thront ein großes Reetdach. Diese Art Weichdach ist in der Oberlausitz sonst kaum noch zu finden. Darauf sitzt ein mit Holzschindeln bedeckter Rauchhut, wie er einst viele Schornsteine in der Region zierte. Das Fachwerk besteht aus auffälligen Kreuzstreben. Der Lehmputz dazwischen ist mit einem dekorativen Kammmuster versehen. "Man findet das ganz selten noch an anderen Objekten. Gerade in den Schleppdachbereichen, wo sich das über Jahrhunderte erhalten hat", erklärt Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus. "Hier ist es eben vom Lehmbauer exakt nachgebildet worden und zeigt die Schönheit, wie es im 17. Jahrhundert mal ausgesehen hat."

Das Hugenottenhaus sei eine Besonderheit sagt der Experte für Denkmalpflege. In der Oberlausitz sei es das einzige, komplett erhaltene Umgebindehaus, das vor dem Dreißigjährigen Krieg erbaut wurde. Von anderen Häusern dieser Zeit seien nur Rudimente übrig. Deshalb sei das Interesse am Haus groß. Matthes hat bereits Busladungen von Gästen über die Baustelle geführt. Auch Wissenschaftler aus Japan waren schon da, um die Bauweise zu studieren.

Bildergalerie Das Hugenottenhaus in Ebersbach

Seit zweieinhalb Jahren wird das älteste Umgebindehaus der Oberlausitz nun schon restauriert. Die Außensanierung ist beinahe abgeschlossen. Damit zeigt sich das Haus in neuer Schönheit.

Die Südseite des Umgebindehauses mit der Blockstube im Erdgeschoss. Im Giebel sind zwei Eulenöffnungen zu erkennen. Dadurch konnten die Raubvögel früher auf den Dachboden gelangen und dort nach Mäusen jagen.
Die Südseite des Umgebindehauses mit der Blockstube im Erdgeschoss. Im Giebel sind zwei Eulenöffnungen zu erkennen. Dadurch konnten die Raubvögel früher auf den Dachboden gelangen und dort nach Mäusen jagen. Bildrechte: Martin Kliemank
Die Südseite des Umgebindehauses mit der Blockstube im Erdgeschoss. Im Giebel sind zwei Eulenöffnungen zu erkennen. Dadurch konnten die Raubvögel früher auf den Dachboden gelangen und dort nach Mäusen jagen.
Die Südseite des Umgebindehauses mit der Blockstube im Erdgeschoss. Im Giebel sind zwei Eulenöffnungen zu erkennen. Dadurch konnten die Raubvögel früher auf den Dachboden gelangen und dort nach Mäusen jagen. Bildrechte: Martin Kliemank
Details wie die Blitzschlange unter dem Dachfirsten machen das Umgebindehaus so sehenswert. Der Stab sollte nach dem Aberglauben früherer Bewohner das Haus vor Blitzeinschlägen schützen.
Details wie die Blitzschlange unter dem Dachfirsten machen das Umgebindehaus so sehenswert. Der Stab sollte nach dem Aberglauben früherer Bewohner das Haus vor Blitzeinschlägen schützen. Bildrechte: Martin Kliemank
Tischler Guido Arnold wohnt selbst in einem Umgebindehaus mit Reetdach. Er ist stolz darauf, nun an der Rettung des ältesten Umgebindehauses der Oberlausitz mitwirken zu dürfen.
Tischler Guido Arnold wohnt selbst in einem Umgebindehaus mit Reetdach. Er ist stolz darauf, nun an der Rettung des ältesten Umgebindehauses der Oberlausitz mitwirken zu dürfen. Bildrechte: Martin Kliemank
Auch Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus ist froh, dass er zur Rettung des Hugenottenhauses beitragen konnte. Der Fachmann für Denkmalpflege beriet den Hauseigentümer bei der denkmalgerechten Sanierung und half bei der Suche nach geeigneten Handwerkern.
Auch Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus ist froh, dass er zur Rettung des Hugenottenhauses beitragen konnte. Der Fachmann für Denkmalpflege beriet den Hauseigentümer bei der denkmalgerechten Sanierung und half bei der Suche nach geeigneten Handwerkern. Bildrechte: Martin Kliemank
Entdeckung aus der Blockstube: hinter einem der Schiebeläden fand sich ein Liebesgeständnis von 1840 in altdeutscher Schrift.
Entdeckung aus der Blockstube: Hinter einem der Schiebeläden fand sich ein Liebesgeständnis von 1840 in altdeutscher Schrift. Bildrechte: Martin Kliemank
Die niedrige Eingangstür ist aufwändig restauriert worden. Wertvoll ist daran vor allem das schmiedeeiserne Schloss. Eine Weberfamilie habe zu ihrer Zeit oft ein ganzes Jahr lang darauf sparen müssen, erzählt André Schmitt.
Die niedrige Eingangstür ist aufwändig restauriert worden. Wertvoll ist daran vor allem das schmiedeeiserne Schloss. Eine Weberfamilie habe zu ihrer Zeit oft ein ganzes Jahr lang darauf sparen müssen, erzählt André Schmitt. Bildrechte: Martin Kliemank
Die Lehmbauer Markus Matthes und Nils Schneider dichten die Fugen zwischen den Blockbohlen in der Scheunendurchfahrt ab.
Die Lehmbauer Markus Matthes und Nils Schneider dichten die Fugen zwischen den Blockbohlen in der Scheunendurchfahrt ab. Bildrechte: Martin Kliemank
Dazu stopfen die beiden Hanf in die Balkenzwischenräume bevor sie diese mit Lehm verschmieren.
Dazu stopfen die beiden Hanf in die Balkenzwischenräume, bevor sie diese mit Lehm verschmieren. Bildrechte: Martin Kliemank
Im Obergeschoss laufen noch Dämm- und Verputzarbeiten. Eine frühere Bewohnerin hat André Schmitt erzählt, dass hinter der Wandverkleidung, die hier noch fehlt, einst die Mäuse von links nach rechts gerannt seien. "Da musste man froh sein, wenn einem das Viehzeug nicht ins Bett sprang", schildert der Hauseigentümer.
Im Obergeschoss laufen noch Dämm- und Verputzarbeiten. Eine frühere Bewohnerin hat André Schmitt erzählt, dass hinter der Wandverkleidung, die hier noch fehlt, einst die Mäuse von links nach rechts gerannt seien. "Da musste man froh sein, wenn einem das Viehzeug nicht ins Bett sprang", schildert der Hauseigentümer. Bildrechte: Martin Kliemank
Der kunstvoll wiederhergestellte Kammusterputz im DetailDer kunstvoll wiederhergestellte Kammusterputz im Detail. Daneben hat ein Specht das restaurierte Fachwerk angehämmert. Ein natürlicher Schutzanstrich trieb die Würmer aus dem Holz. Für den Vogel ein gefundenes Fressen.
Der kunstvoll wiederhergestellte Kammmusterputz im Detail. Daneben hat ein Specht das restaurierte Fachwerk angehämmert. Ein natürlicher Schutzanstrich trieb die Würmer aus dem Holz. Für den Vogel ein gefundenes Fressen. Bildrechte: Martin Kliemank
Ein runder Rauchhut krönte einst die Spitzen vieler Schornsteine in der Oberlausitz. Heute ist er nur noch selten auf den Dächern zu finden.
Ein runder Rauchhut krönte einst die Spitzen vieler Schornsteine in der Oberlausitz. Heute ist er nur noch selten auf den Dächern zu finden. Bildrechte: Martin Kliemank
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Die Geschichte des Hauses begeistert

"Das sind einfach ganz tolle Momente, wenn man sieht, dass die Geschichte die Menschen begeistert und ein Stück Verbundenheit bringt zu den Umgebindehäusern und damit auch weitere erhalten werden", sagt Hauseigentümer André Schmitt. Deshalb will er das Gebäude für Besucher offen halten.

Das sehen auch seine Nachbarn gern. Die waren erst skeptisch, berichtet André Schmitt. Schließlich hatten sie 40 Jahre nur eine Ruine vor der Haustür. Jetzt sind sie froh, dass das Haus gerettet ist. Zum Tag des offenen Umgebindehauses am Sonntag wollen sie ein Straßenfest veranstalten, Kaffee, Kuchen und Fassbier ausschenken. André Schmitt wird durch sein Haus führen. "Es gibt mir sehr viel, weil ich denke, es bleibt der Nachwelt erhalten. Das Haus wurde gebaut, als Ebersbach noch unter böhmischer Herrschaft war. Und ich würde mir wünschen, dass es weitere 400 Jahre steht."

Der Name des Hauses

Das uralte Haus am Ortseingang von Ebersbach wird seit jeher als "Hugenottenhaus" bezeichnet. Dass es tatsächlich von Hugenotten erbaut wurde, ist jedoch nicht belegt. Aus Unterlagen im Einwandererarchiv geht aber hervor, dass Ende des 16. Jahrhunderts Menschen aus dem heutigen Belgien, also Flamen, Wallonen und Friesen aus Holland der Weberei wegen und weil sie wegen ihres protestantischen Glaubens verfolgt wurden, in die Lausitz einwanderten. Nicht nur diese Tatsache spricht dafür, dass das Haus tatsächlich von Hugenotten errichtet worden sein könnte. Auch die Bauweise ist ein Hinweis darauf. Das charakteristische Fachwerk aus Kreuzstreben lässt sich auch in Frankreich wiederfinden, der Heimat der Hugenotten.

Zur Geschichte des Hugenottenhauses

Jahr Vorgang
um 1603 Errichtung einer "Gartennahrung" am heutigen Standort (kleine bäuerliche Wirtschaft mit wenig Feldbesitz)
um 1800 Ein Hochwasser der Spree könnte dazu beigetragen haben, dass die Langständer an der Blockstube abgesägt und eine neue Umgebindekonstruktion mit typischen Bögen untergestellt wurde.
bis 1982 wurde das Haus als Wohnhaus genutzt. Nach einem Wohnungsbrand stand es leer und verfiel.
1989 Im Rahmen einer Grundstücksbereinigung sollte das Haus beseitigt werden.
1992 erfolgten dringend nötige Sicherungs- und Sanierungsarbeiten. Es folgten zwei Eigentümerwechsel ohne wesentliche Baumaßnahmen.
2016 Beginn von Notsicherungsarbeiten an Dach und Fassade unter dem jetzigen Eigentümer
2017 Sanierung des Fachwerks, Sanierung des Dachtragwerks und Aufbringen einer Reeteindeckung, Reparatur des Rauchschlots und Erneuerung des Klinkerschornsteins
2018 Lehmbauarbeiten nach historischem Befund, Restaurierung der Fenster und Türen, Ertüchtigung der Hausgründung, Torreparatur
2019 Verkleidung der Blockstube, Aufbau eines historischen Kachelofens

Der Tag des offenen Umgebindehauses

Mehr als 100 Umgebindehäuser im Dreiländereck werden am 26. Mai für Besucher geöffnet. Der Tag des offenen Umgebindehauses bietet an vielen Orten die einmalige Chance, in Häuser hineinzuschauen, die ansonsten nicht geöffnet sind. Auch ein Blick über die Grenze nach Polen und Tschechien lohne sich, sagt Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus. Nach aktuellen Zählungen existieren noch rund 20.000 Häuser mit der charakteristischen Mischung aus Fachwerk und Blockbauweise - rund 7.000 in der Oberlausitz.

AKTUELLES AUS SACHSEN

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.05.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2019, 11:00 Uhr

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