Tote Schafe nach Wolfsriss in Förstgen
Dutzende Tierkadaver wurden nach dem aktuellen Wolfsriss vom 9. Oktober 2018 in Förstgen bei Niesky geborgen. Bildrechte: Danilo Dittrich

Kampf um Schadensregulierung Nach Wolfsriss: Noch kein Geld für Förderverein in Förstgen

Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt will am Freitag mit Brandenburg und Niedersachsen in den Bundesrat einen Antrag zum Wolf einbringen. Beflügelt wurde der neuerliche Vorstoß der Sachsen von einem großen Wolfsübergriff am 9. Oktober im Landkreis Görlitz. Die Bilanz: 55 Tiere sind tot, 20 teilweise schwer verletzt, 16 werden noch vermisst und 62 überlebten den Angriff unverletzt. Im Dezember 2017 fielen schon einmal Wölfe über diese Mutterschafherde her. Seither kämpft die Naturschutzstation um die Regulierung der getöteten und vermissten Schafe. MDR SACHSEN sprach darüber mit Geschäftsführerin Annett Hertweck.

Tote Schafe nach Wolfsriss in Förstgen
Dutzende Tierkadaver wurden nach dem aktuellen Wolfsriss vom 9. Oktober 2018 in Förstgen bei Niesky geborgen. Bildrechte: Danilo Dittrich

Am dritten Advent vorigen Jahres fielen Wölfe über die Mutterschafherde der Naturschutzstation in Förstgen her. Was ist damals passiert?

Da ist der Wolf in die Schafherde eingedrungen und hat neun Schafe gerissen. 29 sind verloren gegangen, das heißt, sie sind durch den Übergriff verschwunden.

Was hat sich seitdem getan?

Hinsichtlich des Schadensausgleiches ist bisher noch nichts passiert. Es gab zwar einen regen Schriftverkehr wegen der Bearbeitung des Schadens, aber wir haben noch kein Geld bekommen. Immer wieder müssen wir Unterlagen nachreichen und Nachweise erbringen. Von dem Schaden wurden uns übrigens nur die neun toten Schafe anerkannt, die weggelaufenen Schafe aber nicht.

In der sächsischen Wolfsstatistik 2017 hieß es bis Freitag vergangener Woche, dass die vermissten 29 Tiere wieder aufgefunden wurden. Jetzt ist der Eintrag gelöscht. Wo sind denn nun die vermissten Tiere?

Das wissen wir nicht. Wir haben nach dem Riss tagelang die Schafe gesucht, auch bei den Förstern und Jägern in der Umgebung nachgefragt, ob jemand etwas gesehen hat. Aber wir haben sie nicht gefunden.

Porträtbild einer Frau mit langen blonden Haaren und in hellgrünem T-Shirt.
Annett Hertweck, Geschäftsführerin der Naturschutzstation "Östliche Oberlausitz". Bildrechte: Rica Sturm

Die Regulierung zieht sich nun schon Monate hin. Die Naturschutzstation wird von einem gemeinnützigen Förderverein betrieben. Wie verkraftet der Verein so einen wirtschaftlichen Schaden?

Aus unserer Sicht kann es nicht sein, dass der Schadensausgleich so lange dauert. Deswegen sind wir auch so sauer. Und deswegen haben wir beim Übergriff vor einer Woche auch die Medien informiert. Ansonsten können wir nur die Landesdirektion als zuständige Behörde darum bitten, dass sie unseren Schaden bearbeitet. Was soll ich machen, wenn die 29 vermissten Schafe als Schaden nicht anerkannt werden? Ich hab ja noch nicht einmal einen Bescheid, um dagegen Widerspruch einzulegen. Aber ich hoffe, dass uns durch den Vorfall vom vergangenen Dienstag die weggelaufenen Schafe doch noch bezahlt werden.

Antwort der Landesdirektion Sachsen auf MDR-Nachfrage MDR SACHSEN fragte in der Landesdirektion nach, warum der Schaden, der beim Wolfsübergriff im Dezember 2017 entstanden ist, noch nicht reguliert ist. Die Behörde schrieb: "Die Bearbeitung des Schadensfalles vom 17. Dezember 2017 ist noch nicht abgeschlossen. Es liegen noch nicht alle erforderlichen Unterlagen vor. Weitergehende Informationen möchten wir aufgrund des noch laufenden Verfahrens nicht geben."

Die Verluste für die Naturschutzstation waren durch die vergangenen beiden Wolfsübergriffe sehr hoch. Was könnte der Verein noch tun, um solche Rissschäden künftig zu minimieren?

Wir haben auch schon nachgedacht, welche Standards wir noch erhöhen können. Die Mindeststandards halten wir ja ein, wir haben auch höhere Netze als die geforderten 90 Zentimeter. Wir koppeln täglich um, sind täglich bei der Herde und prüfen den Strom. Wir mähen vor, bevor die Netze aufgebaut werden und achten auf den Bodenabschluss. Wir bringen zusätzliche Stäbe ein, damit die Netze nicht durchhängen und befestigen zusätzlich Flatterband. Dort, wo es möglich ist, haben wir auch Nachtpferche. Aber wenn wir im Wolfsgebiet agieren und mit dem Wolf arbeiten müssen, dann ist der Arbeitsaufwand höher als anderswo. Und der muss uns honoriert werden. Hütehunde könnten helfen. Aber bisher haben wir darauf verzichtet, weil wir zu viele Herden haben. Die Anschaffungskosten für den Hund werden zwar vom Freistaat übernommen, aber nicht die Unterhaltungskosten. Und die können wir als Förderverein finanziell alleine nicht stemmen.

Nach den Wolfsübergriffen der vergangenen Monate in der Oberlausitz könnte ihrer Meinung nach ein Wolfsabschuss das Problem lösen?

Ich bin nicht der Fachmann dafür, aber ich denke nein. Als Naturschutzstation sind wir Vermittler zwischen Wolfsbefürwortern und -gegnern. Die Natur muss in ihrer Vielfalt erhalten werden. Wenn es auffällige Wölfe gibt, die springen, dann wäre ein Eingriff vielleicht eine Möglichkeit. Das müssen aber die Experten von Fall zu Fall entscheiden. Man kann das nicht schwarz-weiß sehen. Man muss immer Kompromisse eingehen und abwägen, was vernünftig ist.

Eckpunkte der Bundesratsinitiative zum Umgang mit dem Wolf Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen fordern klare Abschussregeln und ein Konzept für den Umgang mit den anwachsenden Wolfsbeständen in Deutschland. Einen entsprechenden Antrag wollen die Länder am
Freitag in den Bundesrat einbringen. Ein nationales Konzept soll Standards bei Herdenschutz, Schadensausgleich und beim Umgang mit auffälligen Wölfen setzen. Es sei für die Menschen und speziell für Tierhalter nicht nachvollziehbar, dass in jedem Bundesland andere Regelungen angewendet oder Gesetze unterschiedlich ausgelegt werden, argumentieren sie.

Die drei Länder fordern zudem eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes, um Spielräume des europäischen Rechts auch in Deutschland nutzen zu können. Der Antrag zielt außerdem auf eine bessere Unterstützung von Nutztierhaltern ab.

Das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung zählt aktuell in Sachsen 14 Wolfsrudel und fünf Paare, die meisten davon in der Oberlausitz.

Quelle: MDR/ris/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.10.2018 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2018, 17:40 Uhr

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4 Kommentare

20.10.2018 02:05 Thoddy 4

Der Fehler liegt nicht darin, dass Beutegreifer Fleisch fressen, sondern dass es viel zu lange dauert, bis betroffene Nutztierhalter entschädigt werden. Wenn man dann über Eingaben genau dieser verantwortlichen Politiker liest, den Wolf zum Abschuss freizugeben, kann man sich nur fragen, was die Politik zur Unterstützung der Nutztierhalter macht. Offensichtlich fehlt es an Naturverständnis, denn sonst würde man Wege finden, Nutztierhaltern in Wolfsgebieten mehr finanzielle Unterstützung zu gewähren. Dieses Aussitzen von Schadensausgleichzahlungen schürt nur die Wut gegen den Wolf. Ausgerechnet die Parteien, die jetzt gegen den Wolf zum Halali blasen und soviel Verständnis für Nutztierhalter heucheln, haben aktuell z.B. die Erhöhung der Weideprämie für Schäfereien abgelehnt. Ja was denn nun? Man kann nicht den Artenschutz aufweichen, nur weil man meint, dadurch Geld zu sparen und die Nutztierhalter wieder im Regen stehen lassen.
Ohne Herdenschutz gibt es keinen Artenschutz.

18.10.2018 20:04 J. Wolf 3

Ich bin fassungslos! So etwas wird von diesen Vereinen bedenkenlos von jedem Schäfer im Wolfsgebiet verlangt, solche Kosten und die Mehrarbeit zu stemmen. Von Schäfern, die unter dem Mindestlohn wirtschaften müssen! Und hier wird von einem gut subventionieren Verein gejammtert? Ich würde mal sagen: Willkommen in der Realität mit dem Wolf u. fragt doch mal beim NABU nach, ob von seinen Wolfseinkünften was abgibt.

18.10.2018 19:53 Frieder Beyer 2

Wenn die Leiterin dieses Projekts HSH als Hütehunde bezeichnet, hat sie definitiv noch zu wenig gegoogelt.
Aber prima an der Story ist, daß die ganze Verlogenheit der angeblich möglichen Koexistenz von Weidetieren und Wölfen offenbar wird. Auch wenn sich die Dame verbal jämmerlich um die ehrliche Darstellung der Fakten drückt.
Wieviel Vollzeitstellen muss denn der Steuerzahler für die Betreuung der ehemals 500 Mutterschafe finanzieren?
Das nur finanzielle Gründe verhindert haben, daß HSH eingesetzt werden, halte ich in diesem Zusammenhang für mehr als unwahrscheinlich!

18.10.2018 18:03 Uwe 1

Gerade die gehören doch zu denen die unbedingt Wölfe schützen wollen. Denen steht daher kein einzelner Cent zu.

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