Interview mit Produzent Michael Simon de Normier "Kein Wahlboykott - ein Gruß für Görlitz ohne Hass, Ausgrenzung"

Mehr als ein Dutzend prominente Autoren, Hollywoodschauspieler und Oscarpreisträger haben einen Offenen Brief geschrieben. Sie wenden sich darin direkt an die Görlitzer Wähler wegen der bevorstehenden Oberbürgermeisterwahl. Diana Wild hat für MDR SACHSEN mit dem Initiator und Filmproduzenten Michael Simon de gesprochen und gefragt, was die Film-Prominenten konkret beunruhigt.

Michael Simon de Normier ist ein produzent für aufwändige filme. 2019 im Juni schaut er sich in Görlitz um. 2020 will er in der stadt eine Beethoven-Biografie drehen.
Filmproduzent Michael Simon de Normier will 2020 eine Beethoven-Biografie in Görlitz verfilmen, fürchtet aber, dass in der Stadt ein Klima der Intoleranz und Ablehnung entstehen könnte. Deshalb hat er einen offenen Brief initiiert. Bildrechte: MDR

Was wollen Sie mit diesem Brief erreichen?

Michael Simon de Normier: Mobilisieren und appellieren. Die Menschen sollen zur Wahl gehen und ihre Entscheidung auch dort bekunden. Ich bin überzeugt davon, dass die Mehrheit der Menschen in Görlitz keinen AfD-Bürgermeister wählen wollen. Gerade die sprechen wir an, dass sie ihre Stimme dementsprechend abgeben. Ich glaube wirklich, dass die Menschen, die das lesen, umso mehr hingehen und sagen, okay, vielleicht ist der andere nicht ganz der Kandidat, den man ursprünglich unterstützt hatte. Der liebevolle Brief ist ein herzlicher Gruß an Görlitz als Teil der freien Meinungsäußerung. Ein Gruß ohne Hass, Ausgrenzung und Stigmatisierung, der den Menschen mit auf den Weg geben will, weise zu wählen, wie wir geschrieben haben. Wir machen niemandem Vorschriften. Die Wahl ist ganz klar die Souveränität der Görlitzerinnen und Görlitzer.

Worauf haben Sie beim Schreiben Wert gelegt?

Wir haben einen humanistischen Appell mit viel Betonung auf Weltoffenheit gelegt. Das ist keine parteipolitische Wahlempfehlung. Es geht uns darum zu betonen, dass wir Görlitz als eine Stadt des Friedens erlebt haben, mitten in Europa und trotzdem durch ein Schicksal der Geschichte von Kriegsschäden in der Bausubstanz verschont. Wir möchten die Menschen auf das Kapital hinweisen, das Görlitz hat: sowohl natürlich die Bausubstanz, aber auch die Herzlichkeit und Freundlichkeit, die uns dort begegnet sind. Wir hoffen inständig, dass das auch so bleiben wird. Wir machen uns darum aber offen gesagt Sorgen, wenn dort ein Bürgermeister am Drücker wäre, der Böses ahnen lässt und der Stimmung verbreitet, die nicht weltoffen und freundlich ist.

Die Unterzeichner haben alle direkt oder indirekt schon mit Görlitz zu tun gehabt. Warum liegt Ihnen die Stadt so am Herzen?

Bernhard Schlink sagte vor den Dreharbeiten zum Film "Der Vorleser": Wir müssen unbedingt Görlitz sehen! Er war ganz gerührt, dass es diese eine Stadt in Deutschland gibt, deren Bausubstanz vom Krieg verschont worden ist, neben vielleicht ein oder zwei anderen noch. Das ist ein Sehnsuchtsort. So hat es sich für mich auch angefühlt, als ich da war und so haben es auch andere erzählt, die länger in Görlitz gearbeitet haben. Wir haben eine Stadt erlebt, die man sich wünscht, die nicht nur Narben der Vergangenheit hat. Natürlich denken wir auch daran, wenn wir in unseren Heimatstädtchen wie Köln, Berlin oder Bonn zurück sind und überall vor Augen haben, was Krieg und Zerstörung bedeuten. Es ist ein großer Segen, dass Görlitz historisches Glück hatte. Wir hoffen einfach, dass sich die Stadt in dieser sehr kritischen Situation auch sehr historisch bewährt.

Kann der ein oder andere diesen Brief auch als Einmischung verstehen, als Wahlboykott?

Ich sage zum Thema Einmischung immer, dass das den Deutschen ja niemals einfallen würde (lacht). Die Deutschen kämen nie auf die Idee, irgendjemanden bei den US-Wahlen zu favorisieren, einen Brief an die Briten zu schreiben, die österreichische Politik zu kommentieren oder gar Israel zu kritisieren. Einmischung sollte man heutzutage nicht partout ablehnen, vor allem wenn es ein freundschaftlicher Gruß ist, der an Werte erinnert. Noch einmal: Wir stellen uns nicht parteipolitisch auf. Darum geht es nicht. Es ist jedem überlassen, was er denkt und was er in Zukunft in Görlitz einbringen möchte. Nur bitte nicht dieses verheerende Signal ein AfD-Bürgermeister ausgerechnet in der Europa-Stadt Görlitz.

Bildergalerie Stars und Oscarpreisträger: "Der Stoff aus dem Frieden ist, heißt Toleranz"

Sie produzieren den Stoff, der Millionen Menschen zum Nachdenken und Träumen anregt - in Romanen, Hollywoodfilmen und Serien für Streamingdienste. Jetzt rufen diese Stars Wähler in Görlitz zu Bedacht und Weisheit auf.

Bilder des Tages Colonia Dignidad Filmpremiere in Berlin Emma Watson und Daniel Brühl bei Colonia Didnidad Kino Premiere am 5.02.2016 in Berlin Colonia Didnidad Kinopremiere in Berlin
Schauspieler Daniel Brühl steht seit 1994 vor den Kameras in Deutschland, Europa und den USA. Bildrechte: IMAGO
Bilder des Tages Colonia Dignidad Filmpremiere in Berlin Emma Watson und Daniel Brühl bei Colonia Didnidad Kino Premiere am 5.02.2016 in Berlin Colonia Didnidad Kinopremiere in Berlin
Schauspieler Daniel Brühl steht seit 1994 vor den Kameras in Deutschland, Europa und den USA. Bildrechte: IMAGO
Marius Müller-Westernhagen
Auch der Sänger und Schauspieler Marius Müller-Westernhagen hat den Aufruf unterzeichnet. Bildrechte: Peter Hönnemann/Warner Music
Schauspieler Burghart Klaußner
Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler und Hörbuchsprecher Burghart Klaußner war zuletzt im Zweiteiler "Brecht" zu sehen. Er spielte aber auch in der Netflix-Serie "The Crown" mit, im Kinoerfolg "Good Bye, Lenin!" und im Film "Der Vorleser", der auch in Görlitz abgedreht wurde. Bildrechte: dpa
Tom Wlaschiha auf der MagicCon 2017 im Maritim Hotel Bonn.
Tom Wlaschiha stammt aus dem sächsischen Dohna. Nach erfolgreichen Hauptrollen in deutschen Serien und Filmen machte er international Karriere als Auftragsmörder Jaqen H'ghar in der HBO-Fernsehserie "Game of Thrones". Bildrechte: IMAGO
Jana Pallaske und Sissy Metzschke
Jana Pallaske (li.) war einen Monat lang in Görlitz zum Dreh für Quentin Tarantinos Kriegsfilm "Inglourious Basterds". Bei einer BBC-Umfrage kam der Film unter die 100 bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts. Bildrechte: MDR SPUTNIK/Sissy Metzschke
Die Schauspielerin Miriam Stein als Charlotte
Auch die österreichische Schauspielerin Miriam Stein unterzeichnete. Das Foto zeigt sie in einer der Hauptrollen als Charlotte im dreiteiligen Kriegsfilm "Unsere Mütter, unsere Väter". Bildrechte: dpa
Daniel Kehlmann in hist. Kulisse
Autor Daniel Kehlmann (ganz li.) in der Kulisse mit Schauspielern für die Verfilmung seines Werks "Die Vermessung der Welt" in Görlitz 2011. Bildrechte: dpa
Der Filmregisseur Marc Rothemund (l) und der Schauspieler Elyas M'Barek
Filmregisseur Marc Rothemund (li.) war für seine Produktion "Sophie Scholl" für einen Oscar nominiert worden. 2017 kam sein Film "Dieses bescheuerte Herz" mit Elyas M'Barek (re.) in die deutschen Kinos. Bildrechte: dpa
Die deutsche Künstlerin Brigitte Broch
Den Oscar fest im Arm hielt Szenenbildnerin und Künstlerin Brigitte Broch 2002 für ihre Arbeit am Film "Moulin Rouge". Bildrechte: dpa
Der britische Theater und Filmregisseur Stephen Daldry
Für Frieden und Besonnenheit in Görlitz unterschrieb auch der britische Theater- und Filmregisseur Stephen Daldry. Sein berühmtestes Stück "Billy Elliott" bekam 50 Filmpreise. Bildrechte: dpa
Regisseur Christian Schwochow kommt am 11.08.2015 zur Premiere des Kinofilms «Coconut Hero» im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin.
Mit auf der Unterzeichner-Liste: Der Filmregisseur und Drehbuchautor Christian Schwochow, der in Leipzig und Ostberlin aufwuchs. Bildrechte: dpa
Michael Brandner
Schauspieler Michael Brandner spielte in mehr als 150 Filmen und Serien mit. 2014 war er in George Clooneys Verfilmung "The Monuments Men" zu sehen, die ausschließlich in Ostdeutschland gedreht wurde. Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin Almut Queitsch und Produzent Michael Simon de Normier
Produzent Michael Simon de Normier sandte von der Welturaufführung des Films "Der Vorleser" 2008 im "großen New York ins kleine(re), aber nun weltberühmte Görlitz“ herzliche Grüße und dankte "für den bemerkenswerten Anteil der Stadt am Kino-Ereignis". Am 16. Juni könnte sei ein "missverständliches Signal in die Welt hinausgehen", wenn die Stadt demnächst von einem AfD-Oberbürgermeister regiert werden sollte, sagte der Mitproduzent von "Der Vorleser" der Nachrichtenagentur dpa. Bildrechte: dpa
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Was wäre Ihrer Meinung nach das Ergebnis einer solchen Wahl?

Ich kann mir nicht vorstellen, wo Herr Wippel hin möchte. Er ist ja sehr zupackend in seiner Art und wirkt als Mensch auch nicht unsympathisch. Einerseits will die AfD aus der EU austreten und möchte sich abkapseln. Auf der anderen Seite stehen wir im Zentrum Europas nicht nur im globalen Wettbewerb, sondern auch im Austausch, der fruchtbar ist. Görlitz selbst ist kein homogenes Städtchen, wo Menschen aus einer arischen Knospe hervorgegangen sind und Vielfalt nicht kennen. Sie kennen die, die ist Jahrhunderte alte Tradition. Die große Blüte einer Stadt wie Görlitz waren, sind und bleiben Handel, Handwerk und jetzt auch Beliebtheit im Tourismus.

Was treibt Sie konkret um?

Michael Berg liest Hanna Schmitz vor.
Filmcrews und Hollywood-Größen wie Kate Winslet (li.) fühlten sich bislang in Görlitz sehr willkommen. Bildrechte: MDR/Degeto/Weinstein

Ich habe ganz konkret Grund zu sagen, dass ich mir große Sorgen mache. Ich möchte nächstes Jahr zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven einen Film drehen. Neben der Liebesgeschichte wollen wir erzählen, dass Beethoven in vielerlei Hinsicht Außenseiter war. Wir visualisieren das auch mit einem Gerücht, das es von je her gibt, wonach Beethoven auffällig dunkle Haut hatte und möglicherweise afrikanische Vorfahren. Die hatten wir vor 40.000 Jahren ja alle mal. Die AfD hat dazu aufgefordert, alles in der Macht stehende zu tun, diesen Film zu verhindern. Das kommt von der AfD aus Bonn. Dort haben die 'nüscht zu kamellen', wie der Rheinländer sagt.
Wenn in Görlitz die AfD regieren würde und dort dieses Klima von Ablehnung und Zurückweisung entstünde, dann könnten wir ja für Drehteam, Crew und erst recht nicht für den Hauptdarsteller für Leib und Leben garantieren. Görlitz wäre ein Ort, an dem man sich nicht mehr willkommen fühlte. Ein Oberbürgermeister einer Stadt an der Neiße, der immer wieder zwiespältige Signale sendet und für eine Partei steht, die auf jeden Fall in ihren Reihen ganz problematische Persönlichkeiten hat, ist ein Problem für weltoffene Menschen. Schauspieler und Produzenten würden sich sicherlich nicht in einer Stadt wohlfühlen, in der Menschen ausgegrenzt werden durch Homophobie und andere überkommene Vorstellungen. Da würden die Menschen nicht gerne arbeiten. Bislang haben wir wahnsinnig gerne in Görlitz gearbeitet.

Das heißt, in Görlitz würden mit einem AfD-Oberbürgermeister weniger Filme produziert?

Ja. Es kann für Görlitz noch viel, viel schlimmer kommen, wenn man den Kontext sieht. Das muss man deutlich sagen. Wir haben auch in Brandenburg und Sachsen starke rechtspopulistische Tendenzen. Produktionen könnten auch gegen Null gehen, weil die Töpfe, mit denen diese Filme angeworben werden, aus Landesmitteln bezahlt werden. Wenn die künftig durch eine identitäre Kulturpolitik der AfD bestimmt würden, kann das auf Null runtergehen. Die sprechen ja immer davon, dass in Zukunft verstärkt Filme gedreht werden sollen, die die deutsche Identität stärken.
Ich hoffe aber, dass das Gegenteil passiert. Das man in Görlitz zur Bürgermeisterwahl ein Zeichen setzt: Wir sind die Mehrheit. Mehr als 60 Prozent der Stimmen sind bis jetzt eben nicht an den AfD-Kandidaten gegangen. Wenn das beim zweiten Wahlgang auch der Fall ist, dann ist das ein ganz großes Signal der Entlastung.

Altstadt Görlitz
Originale Bausubstanz aus mehreren Jahrhunderten, Kopfsteinpflaster, Altstadtcharme und gastfreundliche Menschen: Damit punktete Görlitz bislang als Drehort für mehr als 100 Filmproduktionen. Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 07.06.2019 | 19:00 Uhr

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