Braunkohlekraftwerk im Sonnenaufgang
Kohledämmerung in der Oberlausitz: Wie der Strukturwandel nach dem Kohleausstieg gestaltet werden soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Bildrechte: dpa

02.05.2019 | 11:00 Uhr Mehr Mut zum Risiko beim Wandel in der Lausitz

Wie kann der Strukturwandel in der Lausitz zur Chance für nachhaltiges Leben und Arbeiten werden? Darum geht es in einem Forschungsprojekt des Bundes am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Drei Jahre haben die Forscher Zeit, Antworten auf diese Frage zu finden. MDR SACHSEN sprach über erste Ideen mit Johannes Stemmler vom IASS.

Braunkohlekraftwerk im Sonnenaufgang
Kohledämmerung in der Oberlausitz: Wie der Strukturwandel nach dem Kohleausstieg gestaltet werden soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Bildrechte: dpa

Der Strukturwandel in der Lausitz soll mit großen Infrastrukturprojekten, Wirtschafts- und Wissenschaftsförderung vorangebracht werden. Was gibt es denn abseits dieser Vorhaben für Möglichkeiten, den Wandel nachhaltig zu gestalten?

Es ist sicher eine Illusion zu glauben, man könnte kurzfristig etwas in der gleichen Größe wie dem Kohleabbau und der Energieproduktion etablieren. Was im Moment noch ein bisschen fehlt, ist die konsequente Stärkung der Potenziale, die es schon in der Region gibt. Dazu gehören kleine und mittelständische Unternehmen, die heute noch zu wenig forschen. Sie müssen innovativer werden. Dazu gehört aber auch Kultur, dazu gehört die Zivilgesellschaft. Das sind die Bereiche, wo die Zukunftspotenziale liegen. Denn dort erst werden die Menschen kreativ, dort erst fühlen sich Menschen, die bis jetzt nicht in der Lausitz wohnen, motiviert, herzukommen und zu sagen: Das ist eine Region, wo ich mich aufgehoben fühle, wo ich etwas ausprobieren kann. Und diese kleinteiligere und risikobehaftete Förderung muss erst noch kommen.

Es wird von der Landesregierung immer wieder betont, dass sie die Menschen der Region beim Strukturwandel mitnehmen möchte. Was können die Lausitzer denn tun?

Die Lausitzer Bürgerinnen und Bürger sind für ihre eigene Zukunft mitverantwortlich. In den 1990er-Jahren war es einfach zu sagen: Dass haben die anderen vermasselt, die Treuhand oder die Leute aus dem Westen, die haben das hier alles kaputtgemacht. Jetzt geht es darum, einen Strukturwandel der neuen Art hinzubekommen, den man gemeinsam gestaltet.

Deshalb sind die Weichenstellungen entscheidend, die gerade auf Bundesebene im Rahmen des Strukturstärkungsgesetzes getroffen werden. Sie sollten ermöglichen, dass auch Ideen aus der Region gefördert werden können. Die großen Geldbrocken gehen in die Infrastruktur, in wissenschaftliche Institute und die 5G-Entwicklung. Aber ein Teil dieser Mittel muss verwendet werden, um lokale Konsortien aus Firmen, Kommunen und Zivilgesellschaft zu ermutigen und zu befähigen, ganz aktiv am Strukturwandel teilzuhaben.

Wie könnte das konkret aussehen?

Ein Weg ist, dass die Entscheidung, wer welche Mittel bekommt, nicht auf Bundesebene getroffen wird. Sondern dass es beispielsweise Regionalkonferenzen gibt, auf denen sich Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft darüber verständigen, was man in dieser Region machen möchte. Ein zweites Instrument könnten Bürgerräte sein, die in die Verantwortung gesetzt werden, ein Teil dieses Geldes auch mit auszugeben. Und das ist es, was wir meinen, wenn wir von einer Verantwortungsgemeinschaft für den Strukturwandel sprechen. Dann wird es nicht mehr so einfach sein, am Ende darüber zu meckern, dass es wieder nicht geklappt hat.

Sind diese Ideen auch schon in den Köpfen der Verantwortlichen in Bund und Land angekommen?

Die Verantwortlichen auf Bundes- und Landesebene stehen erheblich unter Druck, zeitnah Strukturen zu schaffen. Das fördert nicht zwangsläufig die Kreativität. Wir haben aber noch ein bisschen Zeit, im Laufe dieses Jahres und wahrscheinlich auch im nächsten Jahr die Bundesebene bis hin zur Kommunalebene zu verzahnen. Es wird an vielen Stellen ein Umdenken erforderlich sein. Denn wir sind mit den bereitgestellten Mitteln nicht mehr in der Situation, dass wir nur den Mangel verwalten. Sondern wir müssen tatsächlich Ideen finden. Und diese Ideen finden, entwickeln und ausprobieren, auch mal den Mut zum Scheitern zu haben, das ist glaube ich eine neue Entwicklung für viele Kommunen, für viele Landkreise und auch für die Länder und den Bund.

 Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR/vis

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 30.04.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen