Kosmetika mit Aktivkohle vom polnischen Hersteller SADZA Soap.
Bildrechte: SADZA Soap

02.05.2019 | 10:55 Uhr Strukturwandel in der Lausitz braucht mehr als Wirtschaftsförderung

Der Soziologe Raj Kollmorgen ist Professor für "Management des sozialen Wandels" an der Hochschule Zittau/Görlitz. Er forscht unter anderem zum gesellschaftlichen Wandel, Regionalentwicklung und Innovation. Mit MDR SACHSEN hat er über den Strukturwandel in der Lausitz gesprochen.

Kosmetika mit Aktivkohle vom polnischen Hersteller SADZA Soap.
Bildrechte: SADZA Soap

Für den Strukturwandel in der Lausitz will man unter anderem das Straßen- und Schienennetz in der Lausitz ausbauen oder ein Testfeld für den Mobilfunkstandard 5G einrichten. Aber was braucht es denn noch außer der Förderung von Infrastruktur und Wirtschaft, damit der Strukturwandel gelingen kann?

Neben der Förderung von Wissenschaft und Forschung, die ja bereits Teil des Maßnahmenpaketes ist, brauchen wir auch eine Förderung von sozialen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten bis in den Bereich von Kunst und Kultur hinein.

Viele werden sagen: Ohne Job und ohne Geld ist ein gutes Leben nicht so einfach. Wie soll das also funktionieren?

Gutes Leben heißt, dass die Qualität unserer Lebensführung nicht nur vom Bruttoinlandsprodukt, von neuer Großindustrie wie der Batterieproduktion oder dem flächendeckenden Angebot von 5G abhängt. Es sollte uns auch um das ökologische Überleben, um soziale Gemeinschaften und Lebenssinn gehen. Das ein wichtiger Punkt.

Und der zweite wichtige Punkt ist, was immer gemacht wird – ob man jetzt klassisch industriell ansetzt oder sozial-ökologisch innovativer denkt - es braucht immer das Mitnehmen und Aktivieren der Leute, die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger vor Ort.

Soziologe Prof. Raj Kollmorgen
Soziologe Raj Kollmorgen ist Professor für "Management des sozialen Wandels" an der Hochschule Zittau/Görlitz. Bildrechte: Pressefoto Hochschule Görlitz/Zittau

Das hat sich die Staatsregierung ja auch auf die Fahnen geschrieben. Es gibt zum Beispiel die Zukunftswerkstatt Lausitz, da soll ein gemeinsames Leitbild für die Region entwickelt werden.

Ja, das ist richtig. Es sind auch ein paar wichtige Projekte gestartet worden. Aber ob das ausreicht und ob wir schon einen hinreichend offenen Diskussionsprozess begonnen haben, der genau diese Frage stellt: Wo wollen wir eigentlich hin? Und ist das, was wir wollen, auch richtig? Für wen ist das richtig? Über welche Zeiträume reden wir? Das ist noch nicht ausgemacht.

Mir ist klar, dass die Mehrheit der Erwerbstätigen sagt, dass sie die angekündigten industriellen Verluste in gewisser Weise 1:1 ersetzt haben möchten. Andere sehen das anders. Ich glaube, dass wir diesen kritischen und durchaus auch konfrontativen Diskurs weiter brauchen.

In jedem Fall sollten wir die Herausforderungen nicht auf reine wirtschaftliche Aspekte und Ansiedlungspolitik verengen. Für den Strukturwandel, gerade für die innovativen Aktivitäten, sollte man auch über Innovationskultur sprechen. Also ein offenes Klima, Innovationswerkstätten oder einen Innovationscampus – da gibt es durchaus schon in paar Ideen in und für die Region. Gegenwärtig habe ich aber das Gefühl, dass wir in den meisten Fällen noch zu sehr in klassischen industriegesellschaftlichen Pfaden denken.

Wie kann solch ein offenes Klima aussehen?

Erfolgreiche Innovationen können nicht einfach von oben verordnet werden. Sie lassen sich durch Politiker nicht unmittelbar erzeugen, ja nicht einmal planen oder prognostizieren. Innovationen bleiben, solange sie sich noch nicht breit durchgesetzt haben, eine Wette auf die Zukunft, für die es immer Alternativen gibt. Das gilt auch für die in der Lausitz immer wieder aufgerufenen Felder der Batterieproduktion, der E-Mobilität oder der 5G Kommunikationsnetze.

Der Staat kann innovative Infrastrukturen schaffen, also die rechtlichen, finanziellen oder auch wissenschaftlichen Rahmenbedingungen. Wichtig ist aber auch die Förderung einer "Saatbeetkultur" in den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Kultur usw. , angepasst an den ländlichen Raum. Wir können in der Lausitz weder mit Dresden, Berlin oder gar London konkurrieren, das ist klar. Aber wir können einen Lausitzer innovativen Humus schaffen, aus dem heraus eigenständig von unten wachsend innovativen Ideen nicht nur entwickelt, sondern dann auch umgesetzt werden.

Wie könnte das aussehen? Wie entsteht ein Nährboden, auf dem Innovationen und Ideen gut wachsen?

Ich plädiere angesichts der komplexen Herausforderungen für eine Doppelstrategie. Einerseits brauchen wir die direkte Förderung von innovativen und unternehmerischen Projekten, auch in Form klassischer Ansiedlungs- und Forschungspolitik. Andererseits ist eine Innovationspolitik mit langem Atem erforderlich. Sie sollte übe den Tellerrand des wirtschaftlichen Wachstums hinausblicken und die von mir angesprochenen Infrastrukturen mit entwickeln. So könnte man größere Fonds und offenen Förderbedingungen auch für Wissenschaft, Kultur, Kunst und Zivilgesellschaft bereitstellen - auch wenn deren Projekte nicht unmittelbar etwas abwerfen, sondern sich ihre Wirkungen vielleicht erst 20 oder 30 Jahren zeigen.

Also ein eher unbürokratisches Mittel, damit neue Ideen verwirklicht werden können?

Ja, und hier muss der Staat damit leben, dass man Gelder auch verpulvert. Innovationsförderung heißt auch immer das Fördern von Scheitern. Wer das ausschließen will, muss auf Innovationsförderung verzichten. Außerdem würde ich mir eine Fondslösung vorstellen, an der Regional-, Wirtschafts- und Sozialräte beteiligt werden. Das heißt, dass die Vergabe der Förderung nicht nur in den Händen von Verwaltungsakteuren und Wirtschaftspolitikern liegt. Auch die regional Verantwortlichen aus der Zivilgesellschaft und dem kulturellen Bereich sollten mitentscheiden können, weil sie einen anderen Blick auf lokale und regionale Entwicklungsprobleme haben als jemand in Dresden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR/vis

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 30.04.2019 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

AKTUELLES AUS SACHSEN

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen