25.11.2019 | 12:32 Uhr Aktion in Oderwitz: Kunst erleben in Nachbars Hof

Das Dorf als Bühne zeitgenössischer Kunst: die Oberlausitzer Gemeinde Oderwitz war am Sonnabend Spielort einer ungewöhnlichen Kunstaktion.

Keine Berührungsängste: eine Zuschauerin auf Tuchfühlung mit Naturgestalt "Unge".
Keine Berührungsängste: eine Zuschauerin auf Tuchfühlung mit Naturgestalt "Unge". Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Der Tross aus mehr als 50 Radfahrern macht auf dem Gehweg an der Hauptstraße Halt. Autos brausen vorbei. In der Bushaltestelle gegenüber sitzt reglos ein Paar. Die Oberkörper sind in ein und dieselbe Jacke gezwängt. Auch die Köpfe stecken darunter. Dann werfen die Gestalten die Beine übereinander. Die Hände, die aus den Jackenärmeln hervorlugen, befühlen den Körper, sacht streichelnd, bis sich ein Kopf aus der Jacke emporschiebt. Langsam stellt sich die Gestalt auf.

Wie eine bucklige vierbeinige Echse bewegt sich das Duo vorwärts. Die Kinder, die an der Haltestelle auf den Bus warten, kichern. Irgendwann steht das Künstlerduo mit ausgebreiteten Armen lautlos kreischend am Straßenrand. Da fährt der Linienbus ins Bild. Die Zuschauer auf der anderen Straßenseite applaudieren und lassen die Klingeln an ihren Fahrrädern schellen.

Mit der Kunst aufs Land

"Begegnung" heißt die Station und "Fremd" die Darbietung, die die Berliner Tänzer Anne Poncet und Josep Caballero Garcia an diesem ungewöhnlichen Ort zeigen. Die Aktion ist Teil eines Fahrrad-Kunst-Parcours. Der Dresdner Künstler Helge-Björn Meyer hat ihn erdacht und mit der Idee einen Wettbewerb der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gewonnen. Ziel des Programmes "180 Ideen für Sachsen" ist, Kunst und Kultur zu den Menschen in den ländlichen Regionen zu bringen.

Für Helge-Björn Meyer war schnell klar, dass er mit seinem Wettbewerbsbeitrag Kunst an private, halböffentliche Räume eines Ortes bringen möchte. "Weil es interessant ist, zu sehen, wie andere leben und einen anderen Blick auf den Ort zu bekommen. Wenn eine künstlerische Intervention im Ort läuft, wenn ich Kunst in einem anderen Raum erlebe, wenn ich mich verhalten soll, lebe ich dann vielleicht auch ganz anders in dem Ort, habe andere Blickwinkel, tausche mich ganz anders aus", sagt Meyer.

Begegnung mit einem gutmütigen Ungeheuer

Eine große Wiese im Ort bildet eine weitere Bühne. Familien mit Kindern, Jugendliche und Senioren blicken erwartungsvoll Richtung Waldrand. Von dort nähert sich ein haariges Wesen. Scheu bewegt es sich auf die Beobachter zu. Die laufen der Gestalt entgegen, umringen sie schließlich und versuchen zu ergründen, wer hinter dem Ungetüm steckt. Zwei, drei Mal fährt aus dem Wesen gleich einem Rüssel ein langer Hals heraus. Ein Kind streckt vorsichtig die Hand entgegen. Ein Hund sucht verschreckt das Weite. Und auch das Ungeheuer ist wenige Augenblicke später wieder auf und davon.

Dass die Zuschauenden selbst zu Akteuren werden, hatte sich Initiator Helge-Björn Meyer erhofft. "Das war die Grundintention, dass sich die Leute, wie auch immer verhalten. Man kann weggehen oder mit den Augen rollen, wie auch immer. Das ist eine Einladung, sich damit auseinanderzusetzen. Wo haben wir das denn heute noch, dass Leute zusammenkommen, um sich über Themen auszutauschen oder überhaupt Themen gemeinsam erleben", erklärt Meyer.

Von anfänglicher Skepsis zum Türöffner – das Dorf lässt sich begeistern

In Oderwitz traf Meyer mit seinem Vorhaben zunächst auf "freundliche Skepsis". So drückt es der Künstler aus. Im Gemeindeamt bekäme sie immer wieder mal kühne Ideen vorgeschlagen, die sich später als Luftnummer erweisen, berichtet Bürgermeisterin Adelheid Engel. Doch das Konzept, dass sie von Meyer zu lesen bekam, fanden sie wie auch ihre Mitarbeiter gut. Dass das Projekt letzlich recht kurzfristig umgesetzt werden konnte, ist dann auch ein Stück weit deren Verdienst.

"Wir hatten mit der Bürgermeisterin Frau Engel einen wunderbaren Türöffner", berichtet Helge-Björn Meyer. Die Gemeindeverwaltung habe Vereine und Privatpersonen angesprochen und diese überzeugt sich einzubringen, die Häuser und Höfe zu öffnen. Nur etwas mehr als einen Monat war Zeit den Kunstparcours auf die Beine zu stellen. "In der Regel braucht man für so ein Projekt eine viel längere Zeit, weil man Kontakte aufbauen muss. Das war jetzt hier wie ein Überfall. Aber alle haben irgendwie mitgezogen und das fand ich toll", erzählt der Künstler, der ähnliche Aktionen so auch schon in Athen und Beirut veranstaltet hat.

Bunte Malerei im Partyraum

Dieter Nowak, gehört zu denen, die ihre Hof für die Kunstaktion öffneten. Der 67-Jährige steht am Samstagnachmittag freudestrahlend vor seinem Dreiseithof und winkt die Radfahrer in den ehemaligen Kuhstall. Wo die Familie sonst Geburtstage und Karneval feiert, animiert die Leipziger Künstlerin Britta Schulze die Gäste ein "Wortbild" entstehen zu lassen. Bald pinseln Jung und Alt in bunten Farben ihre Assoziationen zum Thema "Heimat" auf lange Papierbahnen.

"Wir haben nicht gewusst, wie das abläuft. Wir waren sehr überrascht, wie viele Leute gekommen sind und was die Künstlerin da mit ihnen angestellt hat", sagt Dieter Nowak. "Das war einwandfrei." Anfangs war ihm nicht ganz wohl dabei, den Hof dafür hergegeben zu haben. "Ich hatte vorneweg direkt ein bisschen Herzklopfen", gesteht der Agrartechniker im Ruhestand. "Ich konnte mir gar nichts drunter vorstellen. So etwas hatten wir hier ja noch nicht." Als ihm das Projekt dann in einer Gemeindeversammlung vorgestellt wurde, war es ihm dann schon etwas klarer. "Da hab ich gesagt: Das geht. Das kriegen wir hin." Jetzt ist Nowak froh zum Gelingen beigetragen zu haben.

Ein Impuls für gemeinsame Aktionen im Ort

"Das ist wichtig für den Zusammenhalt in einem Ort, dass man mal was Gemeinsames macht und was unternimmt", sagt Bürgermeisterin Adelheid Engel. In den kleinen Orten auf dem Land vermisst sie das mitunter. "Jeder versucht sein Süppchen zu kochen. Deshalb denke ich, ist das heute ein guter Impuls."

Auf dem Reiterhof von Familie Herzog werden einige Oderwitzer dann auch selbst zu Künstlern. Im Kaminzimmer des Hofes stehen sie mit goldenen Masken vor den Gesichtern um einen runden Tisch - in der Mitte eine große Schale voll Getreide. Nach und nach graben die Darsteller dort Erinnerungsstücke aus und erzählen deren Geschichten. Ein Monchichi kommt zum Vorschein, ein Ring, ein Feuerzeug.

Der Fahrrad-Kunst-Parkour in Oderwitz

Von Theater, über Musik und Tanz bis zu Malerei, Literatur und Videokunst - in der Oberlausitzer Gemeinde war in 12 Stationen auf vielfältige Weise Kunst zu erleben.

Der Dresdner Künstler Helge-Björn Meyer erklärt zum Auftakt, wie es zu dem Fahrrad-Kunst-Parkour kam.
Der Dresdner Künstler Helge-Björn Meyer erklärt zum Auftakt, wie es zu dem Fahrrad-Kunst-Parkour kam. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Der Dresdner Künstler Helge-Björn Meyer erklärt zum Auftakt, wie es zu dem Fahrrad-Kunst-Parkour kam.
Der Dresdner Künstler Helge-Björn Meyer erklärt zum Auftakt, wie es zu dem Fahrrad-Kunst-Parkour kam. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Der Volkschor Oderwitz eröffnet die Kunstaktion mit einigen Heimatliedern.
Der Volkschor Oderwitz eröffnet die Kunstaktion mit einigen Heimatliedern. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Die Darbietung von Anne Poncet und Josep Caballero Garcia hat das Tanzduo extra für die Kunstaktion in Oderwitz entwickelt. Beide haben noch nie in einer Bushaltestelle getanzt.
Die Darbietung von Anne Poncet und Josep Caballero Garcia hat das Tanzduo extra für die Kunstaktion in Oderwitz entwickelt. Beide haben noch nie in einer Bushaltestelle getanzt. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
In der Oberoderwitzer Kirche zeigt Katja Keya Richter ihre Performance "Madonna". Die Berliner Choreografin bewegt sich mit verklärtem Blick zu choraler geistlicher Musik.
In der Oberoderwitzer Kirche zeigt Katja Keya Richter ihre Performance "Madonna". Die Berliner Choreografin bewegt sich mit verklärtem Blick zu choraler geistlicher Musik. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Mit dem Fahrrad wechseln die Gäste zu den Spielstätten. Das Programm ist straff. In etwas mehr als drei Stunden werden 12 Stationen angefahren.
Mit dem Fahrrad wechseln die Gäste zu den Spielstätten. Das Programm ist straff. In etwas mehr als drei Stunden werden 12 Stationen angefahren. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Gegenseitiges Interesse: Ungeheuer und Dorfbewohner kommen sich näher.
Gegenseitiges Interesse: Ungeheuer und Dorfbewohner kommen sich näher. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Selbst ein Kunstwerk entstehen lassen: mit Farbe und Pinsel werden die Zuschauer selbst zu Künstlern.
Selbst ein Kunstwerk entstehen lassen: mit Farbe und Pinsel werden die Zuschauer selbst zu Künstlern. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Kunstwerk in der Reithalle: Stephanie Keitz brachte ihre Skulptur "Black Mass I" mit nach Oderwitz. Für die Plastik hat die Berliner Künstlerin Textilien in Wachs getränkt und Schicht für Schicht übereinander geklebt. Ein passendes Ausstellungsstück für einen Ort mit Textilindustrie-Geschichte, dachte sich die Künstlerin.
Kunstwerk in der Reithalle: Stephanie Keitz brachte ihre Skulptur "Black Mass I" mit nach Oderwitz. Für die Plastik hat die Berliner Künstlerin Textilien in Wachs getränkt und Schicht für Schicht übereinander geklebt. Ein passendes Ausstellungsstück für einen Ort mit Textilindustrie-Geschichte, dachte sich die Künstlerin. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
Sie graben Erinnerungsstücke aus und erzählen deren Geschichte: Larissa Jenne hat das Objekttheater am Sonnabendvormittag mit einigen Oderwitzern bei einem Workshop erarbeitet.
Sie graben Erinnerungsstücke aus und erzählen deren Geschichte: Larissa Jenne hat das Objekttheater am Sonnabendvormittag mit einigen Oderwitzern bei einem Workshop erarbeitet. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank
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In der Oberoderwitzer Kirche zeigt Katja Keya Richter ihre Performance "Madonna". Die Berliner Choreografin bewegt sich mit verklärtem Blick zu choraler geistlicher Musik.
In der Oberoderwitzer Kirche zeigt Katja Keya Richter ihre Performance "Madonna". Die Berliner Choreografin bewegt sich mit verklärtem Blick zu choraler geistlicher Musik. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Theater um persönliche Erinnerungsstücke

Die Oderwitzer haben die Gegenstände zu einem Workshop am Vormittag mitgebracht und mit der Berliner Künstlerin Larissa Jenne dieses Objekttheater entwickelt. "Wir haben rumgesponnen, wie man erinnert und kamen auf dieses Ausgrabungsmoment, also 'eine Erinnerung ausgraben'. Das war so ein Prozess, wir haben verschiedene Ideen durchgespielt und am Ende war es das", erzählt Jenne. Ihre Aufgabe war den "Spielplatz" für das Theater vorzubereiten und das Stück zu lenken. Viel sei aber von den beteiligten Einwohnern des Ortes gekommen. "Die Gruppe war sehr lebendig. Es hat sehr viel Spaß gemacht, weil natürlich jeder seine Geschichte erzählen wollte. Es gab diese vielen 'Spielsachen' sozusagen. Die mussten entdeckt werden und das war sehr kurzweilig und lustig", erinnert sich die freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin.

Der Fahrradparcours endet im alten Kretscham in Niederoderwitz. Im Gewölbekeller, in dem die Oderwitzer Jugend Technopartys veranstaltet, kommen Künstler und Teilnehmer ins Gespräch. "Ich habe mit Kunst eigentlich gar nichts am Hut und hab mir einfach gedacht, ich guck mir das mal an, was hier gemacht wird", sagt der Oderwitzer Fred Schulze. Ein Freund hatte ihn auf die Aktion aufmerksam gemacht. Er sei froh, dass er mitgefahren ist. "Das hat sich wirklich gelohnt", resümiert der 38-Jährige.

Konzentrierte Atmosphäre

"Man musste sich drauf einlassen. Manchmal musste man den tieferen Sinn ein bisschen suchen und manchmal konnte man sagen, ist ja lustig, ist schön." Besonders gut fand Schulze Stationen, in denen die Zuschauer mittendrin waren und Teil der Performance wurden. "Dort hat man gemerkt, dass sich das Verhältnis zwischen Künstler und Beobachter auflockert", hat Schulze beobachtet. Fasziniert war er außerdem von der Konzentration auf das Geschehen. "Die Leute waren aufmerksam. Das war so eine gebannte Atmosphäre. Jeder hat gedacht: was kommt jetzt als nächstes und hat wirklich bis zum Schluss durchgehalten. Das fand ich gut."

Nun hofft Schulze dass sich die Aktion unter kunstaffinen Leuten herumspricht. Zum Teil war das am Sonnabend schon festzustellen. Gäste aus Dresden und Berlin waren für die Aktion nach Oderwitz gekommen und haben den Ort für sich entdeckt. "Ich finde es toll, dass der Ort dadurch im Gespräch bleibt", sagt Schulze.

Auch Initiator Helge Björn-Meyer spricht sich für eine Fortsetzung aus. Das Geld und die Partner dafür ranzuholen, darin sieht er kein großes Problem. "Wir haben einen Anfang gemacht", sagt er zufrieden. "Da gibt es noch so viele Orte in Oderwitz zu entdecken. Wir haben ja nur angerissen." Das große Potenzial, das der Ort bietet, will Meyer gerne nutzen.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.11.2019 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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