19.10.2019 | 08:53 Uhr "Lausitzbotin": Wie drei Jugendliche aus Zittau in der DDR Klartext redeten

Thomas Hönel, Jahrgang 1967, hat sich als junger Mann nicht still mit den Problemen und Widersprüchlickeiten in der DDR abfinden wollen. Mit zwei Freunden druckte er in Zittau illegal das Heft "Lausitzbotin", in dem sie unter anderem brisante Umweltdaten veröffentlichten. Am Sonnabend erinnert eine Festveranstaltung in der Zittauer Johanniskirche an ihn und andere örtliche Aktivisten der Friedlichen Revolution. MDR SACHSEN sprach mit Thomas Hönel über sein Wirken als Oppositioneller in der DDR.

Thomas Hönel von der DDR-Umweltgruppe in Zittau
Thomas Hönel engagierte sich in der Jugendopposition in der DDR. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Herr Hönel, Sie waren als Jugendlicher von 1986 bis 1990 in der Zittauer Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung aktiv. Wie kam es dazu?

Ich fand den Kontakt über Zittaus Junge Gemeinde. Dort konnten so junge Rebellen wie wir frei sprechen, diskutieren und auch mal unausgegorene Ideen ausplaudern. Im Herbst 1986/Frühjahr 1987 bekam ich Kontakt zur bereits existierenden Umweltgruppe der Zittauer Kirchgemeinde. Wir haben beispielsweise im Zittauer Vorgebirge am Scheibeberg etliche hundert Bäume gepflanzt. Das war eine der ersten Aktionen.

Was hatte Sie angetrieben?

Mein DDR-Erleben. Wir waren ja 17 Millionen Menschen und jeder hatte so seine DDR. Meine DDR war ein Gängelstaat. Ein Staat, der sehr fest und einengend war und mit dem etwas nicht stimmte.

Zum Beispiel?

In der DDR wurden aggressiv die Ressourcen ausgebeutet. Die Betroffenheit der Menschen durch die Industrie war eine tägliche Herausforderung. Zum Beispiel war das Krankheitsbild des Pseudokrupps sehr ausgeprägt. Schadstoffe wurden in Gewässer eingeleitet. Es gab sauren Regen und Waldsterben. Das zog sich über das Zittauer Gebirge bis ins Isargebirge hinein. Das gleiche Problem spielte sich noch einmal in dem industriellen Becken um Most ab, wovon wiederum das Erzgebirge betroffen war.

Im Herbst 1988 entstand die erste Ausgabe der "Lausitzbotin" ...

Umschlagseiten der Lausitzbotin, die von oppositionellen Zittauer Jugendlichen in der DDR gedruckt wurde
Bildrechte: Robert Havemann Gesellschaft/ PS 064

Ja. Wir wollten gleich den großen Wurf landen, angeregt durch andere Publikationen wie die "Umweltblätter", die wir aus Berlin kannten. Diese Menschen, die das machten, haben uns inspiriert. Das waren Vorbilder. Wir waren ein Dreiergespann: Thomas Pilz, dessen Vater Pfarrer war, war in der Kirche sehr gut vernetzt, Eckhard Junghans war ein ausgeprägter Individualist und ich kam aus der Arbeiterklasse.

Was stand in der ersten Ausgabe?

Die erste Ausgabe war schon ein ziemlich illegales Ding. Darin standen Daten zur Umweltbelastung in der Region Südliche Oberlausitz, Zittau und Zittauer Gebirge. Es ging um die Verschmutzung durch die Braunkohlenkraftwerke Boxberg, Jänschwalde, Hirschfelde und auch das, was aus polnischer Ecke von Turow kam.

Die Lausitzbotin war wie ein Blog, der kritisch berichtet. Unser Ziel war, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, abseits von dem, was offiziell berichtet wird. Bei der ersten Ausgabe haben wir dann einfach drunter geschrieben: nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch. Das war ein Trick, dadurch kam die Stasi nicht direkt zu uns, sondern musste den Weg über die Kirche gehen. Die Kirche wusste aber von nichts und von dort bekamen wir natürlich den großen Anschiss. Für die nächsten Ausgaben hatten wir dann aber das Okay der Kirche.

Das Blatt "Lausitzbotin" von der DDR-Jugendopposition in Zittau.
Die Druckmaschine und Ausgaben der Lausitzbotin kann man heute in der Umweltbibliothek Großhennersdorf sehen. Bildrechte: Umweltbibliothek Großhennersdorf

Und wie waren die Reaktionen auf die "Lausitzbotin" sonst?

Sehr gemischt. Meine Eltern reagierten mit Sorge, andere Leute mit Anerkennung, die nächsten mit Kritik. Aber wir haben die Power gespürt. Die Lausitzbotin wurde DDR-weit verteilt. Unsere Blätter haben die Berliner gelesen, die Leipziger, sie haben sich in Sachsen rumgesprochen. Im Untergrund läuft so etwas. Es hatte immer irgendjemand im Kofferraum einen Karton mit irgendwelchen spannenden Dingen, die man lesen konnte. Wir haben dann schon überlegt, was wir als nächstes machen. Es kamen noch zwei Ausgaben und zwischendrin haben wir Reprints und Copys gemacht, von interessanten Materialien, die uns zugespielt wurden.

Wie hatten Sie die erste Ausgabe vervielfältigt und wie kamen Sie an das damals knappe Papier?

Es ging nicht so ohne Weiteres wie heute. Jedes Druckerzeugnis und jede Druckmaschine brauchte in der DDR eine Registriernummer. Wir sind über Kanäle an eine unregistrierte Druckmaschine rangekommen. Wenn du ein Ziel hast, eine Vision, dann kommst du auch an Sachen ran. Und dann haben auch alle Leute um uns herum Papier besorgt.

Gab es Stress mit der Stasi?

Ja. Es gab Vorladungen der „Kollegen" auf der Bautzner Straße nach Dresden. Wir sollten dann die eine Ausgabe der Lausitzbotin komplett wieder einsammeln. Das haben wir so halbherzig versucht. Es war ein bisschen wie Kindergarten. Aber die Stasi hatte zu der Zeit so viel mit anderem zu tun. Und sie konnte mit uns vollkommen frei arbeitende Jugendlichen nicht umgehen. Sie haben immer nach unserem Anführer gefragt, von dem wir die Anordnungen bekommen. Wir haben gesagt, da gibt’s keinen, wir machen das selber. Wieso sollte man mit 20 Jahren nicht in der Lage sein, so was zu machen? Na klar.

Sie haben auch andere Aktionen in Zittau gemacht?

Thomas Hönel von der DDR-Umweltgruppe in Zittau
Ein Foto von Thomas Hönel, das nach der Wende in der Stasizentrale in Leipzig gefunden wurde. Bildrechte: Thomas Hönel

Spannend wurde es um die Ereignisse im Juni 1989 auf dem Tian'anmen-Platz in Peking. Aus Berlin kamen ziemlich genaue Informationen, was in Peking passiert ist. Diesen Bericht haben wir vervielfältigt und daraus eine Aktion mit Friedensgebet in der Johanniskirche gemacht.

Da hab ich vor der Kirche gesessen und die Trommel geschlagen. Auf die Aktion bin ich einfach stolz. Da waren wir rasend schnell.

Am 19. Oktober 1989 versammelten sich mehr als 10.000 Oberlausitzer in drei Zittauer Kirchen. Missstände wurden offen angesprochen und das Neue Forum etablierte sich. Wie denken Sie an den Abend in Zittau zurück?

Ich hatte dort die Tatsachenberichte der Inhaftierten von Berlin vorgelesen, die Anfang Oktober während der Feierlichkeiten zu 40 Jahre DDR demonstriert hatten. Die Kirche war voll. Wir waren ausgebucht, wie man heute sagen würde. So eine rammelvolle Kirche zu sehen und dieser Spirit, der dahinter stand – es war ja noch vor dem 9. November - das waren sehr bewegende Stunden.

Nachdem sich die Bürgerbewegung "Neues Forum" etablierte, fiel bald die Mauer…

Wir hatten am 9. November auch in Zittau eine große Demo. Und danach standen wir Aktivisten vor der Johanniskirche und meine damalige Freundin kam angelaufen und meinte: 'Habt ihr es schon alle gehört?' Und wir alle: 'Nee!' 'Der Schabowski hat gerade die Reisefreiheit verkündet. Und die sind jetzt alle schon an der Mauer.' Und da guckten wir uns an und haben und gesagt: 'Okay, das war's jetzt.'

Erkennen Sie Parallelen zwischen Ihrer Umweltgruppe damals und der heutigen "Fridays for Future"-Bewegung?

Na klar, ich erkenne das wieder. Und ich erkenne auch, dass ich jetzt (lacht) zu den anderen gehöre, die zu Hause sitzen. Ich finde "Fridays for Future" toll. Und ich schäme mich für viele Erwachsene in dem Land, die den jungen Menschen absprechen, sich zu äußern und etwas sagen zu können. Sicherlich ist nicht alles immer richtig oder wird richtig formuliert. Aber es braucht Schmerz. Es muss jemand sagen, ihr seid zum Kotzen und was ihr macht ist, voll die Scheiße, sonst passiert gar nichts.

Festveranstaltung "30 Jahre Friedliche Revolution in der Oberlausitz", 19. Oktober, 17 Uhr, Kirche St. Johannis in Zittau mit Ausstellung, Festvortrag und Konzert, Eintritt ist frei

"Lausitzbotin" Es handelt sich um ein sogenanntes Samisdat - eine nicht systemkonforme Publikation im Selbstverlag. Die erste Ausgabe wurde im Herbst 1988 inhaltlich von Thomas Pilz (23), Thomas Hönel (21) und Eckhart Junghans (23) erstellt. Das 22-seitige Heft wurde in Dezembernächten in Mittelherwigsdorf im Wohnzimmer von Thomas Pilz gedruckt. Eine zweite Ausgabe erschien im Juli 1989. Bei einer weiteren Ausgabe zur Gründung des Neuen Forums untersagte die Kirche wegen der zugespitzten Lage im Land das Erscheinen.
Der Name "Lausitzbotin" nimmt Bezug auf eine von den Nazis verbotene Zeitung - den "Lausitzboten".

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.10.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 08:53 Uhr

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