Entscheidung gefallen Lausitzdorf Mühlrose muss Braunkohle weichen

Das Lausitzer Dorf Mühlrose wird für den Tagebau Nochten abgebaggert. Der Energiekonzern Leag informierte darüber am Abend die rund 200 Einwohner. Der Umsiedlungsprozess beginne im April. Dann würden die Entschädigungsverträge unterschrieben. Die Mehrheit der Einwohner hatte das benachbarte Schleife als neuen Wohnort gewählt. Die Leag will 150 Millionen Tonnen Braunkohle aus dem Teilfeld Mühlrose fördern. Nach Angaben des Unternehmens ist das notwendig, um das Kraftwerk Boxberg bis zum geplanten Kohleausstieg 2038 versorgen zu können.

Am Ortseingang von Mühlrose (Sachsen) ist ein Banner mit der Aufschrift «50 Jahre war Kohle unser Leben, wie haben Freunde, Wälder, Straߟen hergegeben.»
Die meisten Einwohner haben ihre Umsiedlung längst akzeptiert. Bildrechte: dpa

Regierungschef und Wirtschaftsminister begrüßen Entscheidung

Ministerpräsident Michael Kretschmer meldete sich am Abend in einem Video zu Wort, das über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde. Kretschmer sagte, die Entscheidung der Leag sei eine wichtige Zukunftsentscheidung. Seit 15 Jahren warteten die Einwohner auf den Beginn der Umsiedlung. "Das ist eine Entscheidung für die Menschen in dieser Region", so Kretschmer.

Es ist eine Entscheidung für Investitionssicherheit. Das Unternehmen rechnet bis zum Jahr 2038. Das ist wichtig auch für uns. Denn wir brauchen Zeit für den Strukturwandel.

Michael Kretschmer Ministerpräsident Sachsen

Kretschmer sagte weiter, er hoffe, dass alle Seiten diese Entscheidung respektierten. Es sei eine demokratische Entscheidung, die sich die Menschen vor Ort auch gewünscht hätten.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig teilte am Abend in Dresden mit, nun herrsche Klarheit für die Einwohner. Viele Anwohner und Unternehmer hätten in den vergangenen Jahren notwendige Erhaltungsmaßnahmen an ihren Gebäuden und Investitionen in Anlagen unterlassen, da sie auf die vereinbarte Umsiedlung setzten.

Damit ist eine jahrelange Unsicherheit und Zitterpartie für die Anwohner beendet. Nun haben die Einwohner und Unternehmen von Mühlrose endlich die Sicherheit, welche sie seit Jahren eingefordert haben. Sie warteten schon lange auf die angekündigten Entschädigungszahlungen, damit sie sich eine neue Existenz aufbauen können.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Dulig dankte der Leag, die sich als "verlässlicher Partner" erwiesen habe.

Leag: Teilfeld Mühlrose wird auch bei Kohleausstieg 2038 benötigt

Luftaufnahme des Ortes Mühlrose am Rande eines Tagebaus, im Hintergrund das Kraftwerk.
Nur wenige Meter trennen Mühlrose und den Tagebau Nochten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Energieversorger Leag erklärte am Abend in einer Pressemitteilung, die Entscheidung zu einer möglichen Umsiedlung von Mühlrose sei in den vergangenen Wochen wegen des Kohleausstiegs bis 2038 mit höchster Priorität geprüft worden. "Der bergbauliche Fortschritt des Tagebaus Nochten zwingt uns hier unmittelbar zu einer Entscheidung", so Leag-Vorstandsvorsitzender Helmar Rendez. "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Kohlereserven im Teilfeld Mühlrose auch bei einem Kohleausstieg Ende 2038 für die bedarfsgerechte Versorgung des Kraftwerks Boxberg benötigt werden. Die Gewinnung dieser Vorräte liegt im Rahmen unseres Lausitzer Revierkonzeptes." Die weiteren Auswirkungen der Empfehlungen der Kommission würden derzeit noch geprüft.

Helmar Rendez
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir gehen davon aus und erwarten, dass jetzt ein verbindliches und praktisch umsetzbares Maßnahmenpaket geschnürt wird, dass sich am energiewirtschaftlich möglichen und volkswirtschaftlich vertretbaren orientiert und den Regionen eine Perspektive gibt.

Helmar Rendez Vorstandsvorsitzender Leag

Der energiepolitische Sprecher der Grünen im Sächsischen Landtag, Gerd Lippold, twitterte am Abend: "Es ist vernünftig, wenn #LEAG den Menschen, denen sie mit dem Bagger auf die Pelle rückt, Entschädigung und neue Häuser anbietet. Es ist hingegen unfassbar, wenn es ein sächsischer Ministerpräsident begrüßt, dass ein >500jähriges sächsisches Dorf vernichtet werden soll."

Quelle: MDR/dk

Bildergalerie Streifzug durch Mühlrose

Mühlrose wurde 1536 erstmals erwähnt. Es ist ein sogenanntes Heidedorf in der sorbischsprachigen Lausitz. Wegen der Erschließung des Tagebaus Nochten wurden ab 1968 bereits zwei Teilorte verlegt.

Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer
Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer
Blick in einen Tagebau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer
Das Ehepaar Martin in Mühlrose in ihrem Gasthof.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Straße in Mühlrose
Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Ein Transparent hängt hinter einer Hecke
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Das Vereinshaus Mühlrose
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Eine Straße in Mühlrose
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Eine Straße in Mühlrose
Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Einfamilienhäuser
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Eine Straße in Mühlrose
Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Luftaufnahme des Ortes Mühlrose am Rande eines Tagebaus, im Hintergrund das Kraftwerk.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Am Ortseingang von Mühlrose (Sachsen) ist ein Banner mit der Aufschrift «50 Jahre war Kohle unser Leben, wie haben Freunde, Wälder, Straߟen hergegeben.»
Bildrechte: dpa
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Ergebnisse der Kohlekommission Die Kohlekommission hatte sich nach schwierigen Beratungen auf einen Kompromiss verständigt, wonach die Kraftwerkskapazitäten ab 2022 schrittweise abgebaut werden und spätestens 2038 auslaufen. Die betroffenen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sollen jährlich zwei Milliarden Euro vom Bund bekommen: Zahlungen von 1,3 Milliarden Euro sollen in einem Maßnahmengesetz verankert, weitere 700 Millionen Euro für weitere Maßnahmen der Strukturförderung bereitgestellt werden. Das Geld soll über 20 Jahre fließen - das wären 40 Milliarden Euro.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.02.2019 | ab 21:00 Uhr in den Nachrichten

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 21:40 Uhr

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21 Kommentare

15.02.2019 17:01 Fragender Rentner 21

Gibt es den Truppenübungsplatz Nochten der Armee noch oder ist er auch schon im Tagebau verschwunden?

15.02.2019 13:29 Uwe 20

Ob die Einwohner von Mühlrose gefragt werden ob sie mit dieser Entscheidung leben können ? Mit Sicherheit nicht. Mit Sicherheit wird wie in Pödelwitz angewiesen das eine Minderheit welche das angeblich nicht kann die Mehrheit vertritt und Leute die darauf zb hinweisen das vorab eine Umfrage unter den Einwohnern stattgefunden hat auf dessen Grundlage dann eine Überbaggerung angegangen wurde werden als Nazis verfolgt.

15.02.2019 13:05 sächsin 19

Mir kommt die Galle hoch, wenn ich hier lese, wie sich jedermann "empört". Wir wurden zu DDR- Zeiten zwangsumgesiedelt und wenn jetzt so ein paar Mini- Nester wegkommen, gibts noch eine fette Entschädigung obendrauf und alle können sich auch noch raussuchen, wohin sie wollen. Nach dem Tagebau haben wir jetzt übrigens eine tolle Seenlandschaft vor der Tür, also mal schauen, was draus wird.

15.02.2019 12:58 Jakob T. 18

Was sind ein Dorf mit 500 jähriger Historie und der Schutz von Umwelt und Klima gegen einen Profit der Kohleindustrie?

Ich stimme Herrn Lippold vollkommen zu. Schon alleine die im Artikel beschrieben Zielsetzung der Leag, das Kraftwerk bis 2038 zu betreiben, zeigt, wes Geistes Kind die Entscheider sind: Anstatt jetzt Gelder, Forschung und Energie in erneuerbare Alternativen zu stecken, werden die staatlichen Grenzen voll und ganz ausgereizt. Ein Armutszeugnis.

15.02.2019 10:51 mattotaupa 17

@#14: "Die Einwohner wurden wahrscheinlich mit hohen Fördermitteln vom Wegzug überzeugt." sind wohl doch nicht so heimatverbunden in sachsen? bei der wahl am rechten rand einen auf patridiotisch machen aber die heimat für ein bissl geld in ein großes loch verwandeln lassen ... so sind se in sachsen. @#1: "Umweltfreundliche ZERO Emisionen Atom Kraft" unsinn, kühlwasser fehlt in der region und sie können auch nicht die nächsten 100.000 jahre den müll in ihrem vorgarten bewachen. atomenergie ist wie drogen nehmen, kurzfristig toll aber mit bösen langzeitfolgen. @#2: "die Betroffenen garnicht erst gefragt" doch! die wollen weg (und das geld) und haben kein problem mit dem loch in der landschaft.

15.02.2019 10:40 reiner202 16

Es hat sich in Deutschland nichts geändert.Nach zwei Kriegen,eine Diktatur,und jetzt in einer sogenannten Demokratie wieder Vertreibung .

15.02.2019 10:34 Saxe 15

Wie tief und verabscheuend gegenüber den Einwohnern des Dorfes sind diese Worte des Landes Fürsten?

15.02.2019 09:16 pkeszler 14

"Es ist hingegen unfassbar, wenn es ein sächsischer Ministerpräsident begrüßt, dass ein >500jähriges sächsisches Dorf vernichtet werden soll.""
Das ist eigentlich unfassbar, wenn ein Ministerpräsident gegen ein Dorf wegen der Braunkohle ist. Wurden auf diese Weise nicht schon genügend Dörfer abgebaggert. Das ist ja, wie zu DDR-Zeiten und sollte eigentlich der Vergangenheit angehören. Die Einwohner wurden wahrscheinlich mit hohen Fördermitteln vom Wegzug überzeugt.
Und die Bilder zeigen ein sehr schönen und sauberes Dorf, das man nicht überall findet.

15.02.2019 09:11 insider 13

Mhhhh..... für Braunkohle. Allen Ernstes. Und das im 21. Jahrhundert. Aber morgen diskutieren wir dann wieder über erneuerbare Energien und Dämmung an den Häusern, Naturschutz, Diesel und veraltete Ölheizungen.
@2: Sie haben 100% Recht. Hier könnte der mdr durchaus mal mehr Kannte zeigen.

15.02.2019 09:10 Peter 12

Nachdem Vattenfall/LEAG den Ort über 15 Jahre durch Dreck,Staub und Lärm " Sturmreif geschossen" hat kann man die betroffenen Menschen sogar verstehen.
Skandalös ist das ein Ministerpräsident bejubelt das in seinem Land ein 500 Jahre altes Dorf für immer von der Landkarte verschwindet. Damit zeigt er mehr als deutlich in welchem Auftrag die Landesregierung agiert.

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