Ein Akkordeonspieler
Bildrechte: imago/Gerhard Leber

10.04.2019 | 17:08 Uhr Musikschullehrer in der Oberlausitz kämpfen für eine bessere Bezahlung

Seit anderthalb Jahren kämpfen die Lehrer an der Kreismusikschule Dreiländereck für eine Bezahlung nach Tarif. Der Landkreis als Träger der Einrichtung verwehrt dies bisher und verweist auf seine knappe Finanzausstattung. Am Mittwoch haben sich die Parteien zu einer zweiten Verhandlungsrunde getroffen.

Ein Akkordeonspieler
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Akkordeonlehrerin Angela Schnitzler lebt für die Musik. Nach einem Hochschulstudium in Berlin arbeitete sie sich von einer Honorarkraft an mehreren Musikschulen schnell zu einer Festanstellung am Dresdner Konservatorium hoch. 2001 folgte der Wechsel an die Kreismusikschule Dreiländereck, an der auch ihr Mann unterrichtet. Neben der alltäglichen Lehrtätigkeit, bildete Angela Schnitzler hier Schüler in einer hochschulvorbreitenden Klasse aus, förderte ihre Schützlinge, von denen etliche nationale und internationale Wettbewerbe gewannen. Im vergangenen Jahr entschied sich die Löbauerin für den beruflichen Wechsel. Ein Grund sei die Bezahlung gewesen, erklärt sie. "Mein Mann und ich sind an der Musikschule jahrelang voll berufstätig gewesen. Als eines unserer Kinder mit dem Studium angefangen hat, hat es Bafög bekommen. Da fängt man an zu überlegen." Angela Schnitzler kündigte.

Lehrer im Arbeitskampf: An elf Tagen gestreikt

Seit anderthalb Jahren kämpfen inzwischen die knapp 40 Angestellten der Kreismusikschule Dreiländereck für eine angemessene Bezahlung. An elf Tagen wurden sogar gestreikt, um beim Arbeitgeber Druck zu machen. "Wir stellen keine überzogenen Forderungen", betont der Klavierlehrer Michael Syrbe. "Wir wollen, dass die Gehälter in die Nähe des Tariflohns kommen." Bisher läge man deutlich darunter.

Derzeit hat jeder Beschäftigte einen individuellen Vertrag mit der Kultur- und Weiterbildungs GmbH, die im Auftrag des Landkreises Görlitz die Musikschule betreibt. "Es gibt große Unterschiede in der Bezahlung und Schieflagen", bemängelt Michael Kopp von der Gewerkschaft Verdi, der die Lehrer im Arbeitskampf unterstützt, diese Vorgehensweise. Am Mittwoch hatte der Gewerkschafter als Verhandlungsführer der Musikschullehrer in einer zweiten Gesprächsrunde mit dem Landkreis Görlitz die Möglichkeiten eines Haustarifvertrags ausgelotet. Schwerpunkte waren die tarifgerechte Eingruppierung der Lehrer und die betriebliche Altersversorgung. Ziel ist eine Bezahlung in Höhe der Entgeltgruppe 9b des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst. "Das ist die unterste Gruppe für Beschäftigte mit Hochschulqualifikation", erläutert Kopp. Sie gelte als bundesweiter Standard in den öffentlichen Musikschulen.

Landkreis Görlitz: Kein Geld für Tariflohn

Für Peter Hesse, Geschäftsführer der Kultur- und Weiterbildungs GmbH und damit Verhandlungspartner auf der Gegenseite, ist die Rechnung einfach: Eine GmbH könne nur das Geld ausgeben, das ihr zur Verfügung stehe. Sie speise sich aus Subventionen und Elternentgelten. "Steigen diese, dann können auch Löhne steigen", erklärt Hesse. Doch der Landkreis, zu dem die GmbH gehört, tut sich mit einer höheren Bezuschussung schwer. "Die Mitarbeiter der Kultur- und Weiterbildungsgesellschaft, wozu auch die Musikschullehrer gehören, werden nicht nach Tarif vergütet, da die Finanzausstattung des Landkreises Görlitz dies nicht zulässt", heißt es dazu in einer Mitteilung aus dem Landratsamt. Bei den Eltern der Musikschüler stoßen solche Aussagen auf Unverständnis. "Es wird für so viele Dinge Geld ausgegeben, die der normale Bürger nicht nachvollziehen kann. Aber wenn es um die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen geht, muss gespart werden", kritisiert Geralf Roth, dessen Kind am Musikschulstandort in Weißwasser Klavier lernt.

Die Musikschule wirkt sowohl im kleinen privaten Rahmen als auch im größeren, zum Beispiel der Bewerbung der Stadt Zittau um den Titel der Kulturhauptstadt. Sie spiegelt das Bild des Landkreises Görlitz nach innen und nach außen.

Geralf Roth Vater eines Musikschülers und Initiator der Online-Petition

Online-Petition: Mehr als 3.000 Oberlausitzer fordern höhere Zuschüsse

Ende Januar initiierte Geralf Roth eine Online-Petition. Diese fordert einen höheren staatlichen Zuschuss für die Kreismusikschule, um die Gehälter der Lehrkräfte auf Höhe des TVöD zu bringen. Denn weil die Gehälter und Honorare meistens deutlich darunter liegen, ließen sich die durch Abwanderung oder Renteneintritt frei gewordene Stellen nur noch schwer besetzen. Das wiederum führe zu einer kulturellen Verarmung des ländlichen Raums, so Roth. Bis Anfang April haben knapp 4.200 Bürger die Petition unterstützt, von ihnen kommen gut 3.100 aus dem Landkreis Görlitz. Das Ersuchen der Bürger wurde am 9. April an Landrat Bernd Lange übergeben.

Eine Person spielt Klavier.
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Auch der Verband deutscher Musikschulen steht hinter den Pädagogen der Kreismusikschule Dreiländereck. Nur angestellte Lehrkräfte könnten das vollständige, aufeinander abgestimmte, vielfältige und qualitativ hochwertige Angebot der öffentlichen Musikschulen garantieren, sagt Markus Brückner, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen. "Der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst regelt darüber hinaus die Eingruppierung von Musikschullehrkräften, wonach ein hochschulstudierter Musikschullehrer in der Entgeltgruppe 9b einzustufen ist."

Bis das für den Landkreis Görlitz gilt, sind dicke Bretter zu bohren. Zumal in der Kreismusikschule laut Hesse derzeit rund 60 Prozent des Unterrichts mit angestellten Pädagogen abgedeckt wird. Den Rest leisten Honorarkräfte, die noch einmal wesentlich schlechter bezahlt werden. "Honorarlehrer verdienen pro Stunde 18 Euro brutto und weniger. Abzüglich notwendiger Ausgaben komme man damit in die Nähe des Mindestlohns", kritisiert Michael Kopp von Verdi. Kopp erhofft sich, dass durch erste Verbesserungen für die Angestellten später auch bei den Honorarkräften nachjustiert wird. Der zweite Verhandlungsrunde am Mittwoch bewertete er als konstruktiv. Die Gesprächsparteien hätten sich in ihren Standpunkten angenähert. Die dritte Verhandlungsrunde für einen Haustarifvertrag an der Oberlausitzer Musikschule ist für den 2. Mai angesetzt.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.04.2019 | 12:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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